Berlin Beatet Bestes, Folge 11

Von Besetzern für Besetzer

Berlin Beatet Bestes. Folge 11. Schlaflose Nächte: Instandbesetzung (1981).

Diese Single hab’ ich in meiner Kreuzberger Nachbarschaft gefunden, in einem Second-Hand-Plattenladen, der sich von Jahr zu Jahr schleppt und ­einfach nicht sterben will. Der grauhaarige Besitzer saß an diesem dunklen, verregneten Novembertag mal wieder mit seinen Saufkumpanen zusammen, und alle krakeelten durchei­nander. Sie schienen mich kaum zu bemerken. Bald kam ein offenbar sehnsüchtig erwarteter weiterer Saufkumpan mit einer Tüte Bier herein. Der Biernachschub ließ den Lärmpegel in die Höhe schießen. Jetzt stritten sie sich darüber, in welcher Schöneberger Straße David Bowie gewohnt hatte. Der Besitzer bestand auf »Hauptstraße«.
Obwohl mir meine seltsame Sammelobsession in diesem Moment geradezu absurd erschien, wollte ich nicht einfach unverrichteter Dinge wieder gehen. Dies war schließlich ein Plattenladen, und ich wollte Platten kaufen. Trotz des Geschreis der Betrunkenen machte ich mich also daran, die Single-Kisten zu durchsuchen. Ich musste nicht lange kramen. Diese Split-Single der beiden Bands Schlaflose Nächte und 5 aus 36 ist eine private Pressung von 1981, oder, wie es auf der Rückseite heißt: »Gemacht von Besetzern für Besetzer. Der Überschuss (2,50) geht direkt an den Ermittlungsausschuss für die inhaftierten Instandbesetzer.«
Der Comic-Zeichner Detlef Surrey hat das Cover gezeichnet, zugegeben ganz im Stil von Gerhard Seyfried. Genau wie dieser hat Surrey Anfang der achtziger Jahre viele Comics gezeichnet, die im Hausbesetzermilieu spielten. Die Platte hat also keinen allzu weiten Weg hinter sich gebracht, bevor sie zu mir fand. Detlev Surrey arbeitet auch heute noch in Kreuzberg.
Wäre dies eine Punk-Platte, wäre sie längst ein Klassiker. Da die Musik aber nur gewöhnliche Rockmusik ist, wird sie wahrscheinlich für immer obskur bleiben. Der Text ist allerdings ein ziemlich gutes Zeitdokument der Besetzerszene Anfang der achtziger Jahre:

Frau Schulze aus der Wrangelstraße /  Rümpft auf einmal ihre Nase / Wat woll’n die nur im kaputten Haus? / Reparier’n? Da wird doch nüscht draus!

Lange Haare, kurze Haare, ausgeflippt / Mit Lederjacken, bunten Hosen, ganz verrückt / So geh’n wir in die Häuuser rein und wollen da auch bleiben / Wir lassen uns den Spaß am Leben nicht austreiben

Das Gespenst ist schon in ganz Berlin / Da, ich seh’s durch die Ämter zieh’n / In den Gängen lang und weit / Macht sich die Furcht vor Gespenstern breit / Später dann beim Pausenessen / Ham sie es schon fast vergessen / Denn Häuser selber reparier’n / Geht in kein Bürokratenhirn / Doch dann kommt der große Schrecken / Der Nachtisch bleibt im Halse stecken / Das Gespenst hat uns verhext / Schon wieder ist ein Haus besetzt

Ganz ehrlich, mir gefällt dieser heute so naiv anmutende Klecks-Theater-Rock, vielleicht gerade, weil er so völlig unironisch ist. Dieser Besuch in Kreuzbergs traurigstem Plattenladen hat sich jedenfalls gelohnt, und ein Euro war sicher nicht zu viel für diese heitere Platte.

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