Über das Förderprogramm »Weltwärts« der Bundesregierung

Essen, was auf den Tisch kommt

Mit dem Förderprogramm »Weltwärts« schickt die Bundesregierung junge Menschen als Entwicklungshelfer nach Afrika, Lateinamerika und Asien. Wichtigstes Ziel des Projekts scheint aber die moralische Erziehung der Nation zu sein.

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»Freiwillige«, die es kaum erwarten können, ihren »Dienst« abzuleisten, stellt man sich anders vor. Dass es sich dabei mehrheitlich um neugrüne Ökopazifisten mit Birkenstocksandalen und legerer Kleidung handelt, ist jedenfalls eher überraschend. Trotzdem scheint niemand im überwiegend jugendlichen Publikum, das sich im Berliner Tempodrom zur Vorstellung der »Weltwärts«-Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) versammelt hat, etwas gegen die militärische Diktion zu haben, mit der Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und Jürgen Wilhelm, Geschäftsführer des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED), die Tätigkeit beschreiben, für die sie werben wollen. Es geht um den vor knapp zwei Jahren ins Leben gerufenen »entwicklungspolitischen Freiwilligendienst«, mit dem das BMZ seither circa 4200 jungen Menschen zwischen 20 und 28 Jahren einen bis zu zweijährigen Aufenthalt in einem Entwicklungs- oder Schwellenland finanziert hat. Künftig soll das Angebot möglicherweise noch vergrößert werden.

Ziel des Projekts, das von Mentorien und Seminaren begleitet wird, ist der Erwerb »interkultureller Kompetenz« sowie praktischer Erfahrung bei der Mitarbeit in lokalen Entwicklungshilfeprogrammen. Obgleich die offizielle Sprachregelung betont, dass die »Freiwilligen« nicht die Aufgaben professioneller Entwicklungshelfer übernehmen können, ist ausdrücklich erwünscht, dass sie sich nach ihrem Auslandsaufenthalt weiter in der Entwicklungshilfe engagieren. Mithilfe beim Sponsoring, regelmäßige Projektberichte und die Bereitschaft zu nachbereitender »Rückkehrarbeit« gehören zu den Voraussetzungen der Aufenthaltsfinanzierung.
Eine prima Sache, findet Christian Wienberg, Vorstandsmitglied der Freiwilligenvereinigung »grenzenlos e.V.«, der wie die vorigen Donnerstag auf dem Podium versammelten »Weltwärts«-Rückkehrer aus Indien, Brasilien und Südafrika betont, sie alle verständen sich nicht nur als »Helfende«, sondern auch als »Lernende«. Die jungen Leute, die in einem Auswahlverfahren unter anderem Kenntnisse einer im Gastland geläufigen Sprache unter Beweis stellen müssen, arbeiten vor Ort überwiegend in medizinischen Hilfsprogrammen, in der ökologischen Landwirtschaft, der Armutsbekämpfung oder der Kinder- und Jugendbetreuung. Sie werden dabei mit drastischer Not und sozialem Elend konfrontiert, sei es als Sozialhelfer in Slums oder bei der Betreuung von Opfern häuslicher Gewalt. Trotzdem sind dem Selbstverständnis von »Weltwärts« gemäß die praktischen Fähigkeiten, die sie möglicherweise als Vertreter eines europäischen Landes bei ihrer Arbeit mitbringen, weniger wichtig als die Kompetenzen, die sie bei derlei »Grenzerfahrungen« erwerben.

Wer einmal die Armut gerochen hat, der stellt nämlich den »eurozentrischen Blick« infrage: Erst in Brasilien sei er sich bewusst geworden, dass wir in Deutschland in einer »verwöhnten Gesellschaft« lebten, sagt Maximilian Frömling, der ein »trinationales Fotoprojekt« betreut hat, in dem sich deutsche, brasilianische und südafrikanische Kinder in ihrem Alltag darstellen konnten. In Brasilien und Südafrika, so Frömling, werde »gegessen, was auf den Tisch kommt«, und das müsse vorher Cent für Cent »verdient« werden – eine völlig neue Erkenntnis für Sprösslinge des dekadenten Westens.
Ihr Aufenthalt in Indien habe sie gelehrt, »unsere Wohlstandsgesellschaft« mit anderen Augen zu sehen, sekundiert Marie Lessing, die gerade daran arbeitet, sich in der Entwicklungshilfe zu professionalisieren. Mit »200 Euro« könne man dort »eine ganze Existenz aufbauen«, während hierzulande täglich bedenkenlos mit Milliarden jongliert werde. Antje Richter, Rückkehrerin aus Südafrika, schwärmt für die »anderen Werte«, die in dieser von »Luxusgütern« weitgehend unverdorbenen Kultur gälten: Dort lebten die Menschen »von einem Tag in den nächsten« und wüssten zwischen Notwendigem und Überflüssigem zu unterscheiden. Die fast schon lüsterne Nachfrage der »Tagesschau«-Sprecherin Marjan Parvand, die den Abend moderiert, ob sie denn womöglich erst durch »Weltwärts« so richtig »Demut« und »Bescheidenheit« gelernt hätten, will zwar keiner der Beteiligten unumschränkt bejahen, trotzdem wird aber deutlich: Die »Entwicklungshilfe«, für die hier trainiert werden soll, betrifft eher das eigene Land als die exotische Fremde. Heidemarie Wieczorek-Zeul geht sogar so weit, zu behaupten, die »Weltwärts«-Freiwilligen leisteten einen wichtigen Beitrag zur deutschen »Sicherheitspolitik«.
Bei so viel schalem Selbstlob bleiben die Probleme des Projekts außen vor. Zwar betonen alle Beteiligten, es werde darauf geachtet, dass »Weltwärts« den Arbeitsmärkten in den Entwicklungsländern keine Konkurrenz mache und keine »Freiwilligen« in Länder mit erhöhtem Sicherheitsrisiko schicke. Ob Jugendliche, die in den spezialisierten Tätigkeitsbereichen, in denen sie dort arbeiten, noch gar nicht ausgebildet sind, für die kooperierenden Hilfsorganisationen nicht häufig eher eine Belastung darstellen, wird aber nicht gefragt. Auch die Finanzierung ist nicht ganz so einfach, wie die Selbstwerbung des BMZ es darstellt. Zwar werden Reisekosten, Unterkunft, Verpflegung und Versicherung vollständig von den jeweiligen Entsendeorganisationen übernommen, die zu diesem Zweck von »Weltwärts« finanziell unterstützt werden. Darüber hinaus bleibt den Jugendlichen aber lediglich ein »Taschengeld« von 100 Euro im Monat. Außerdem werden die Kosten der ehrenamtlichen Entsendeorganisationen nicht zu 100 Prozent vom BMZ gedeckt, so dass alle »Freiwilligen« angehalten sind, schon im Vorhinein Spendengelder zu sammeln und ihr eigenes Sponsoring zu betreiben. Genau diese Ermunterung zur Selbständigkeit soll ja auch das Großartige an »Weltwärts« sein: Glücklicherweise betreibe das Projekt keine obrigkeitliche Entwicklungshilfe, betont die Bundesministerin, sondern fördere die Zusammenarbeit mit privaten Hilfsorganisationen.

Wie im Wohlfahrtssektor wird auch hier die Privatisierung von Staatlichkeit mittlerweile ganz offen als Fortschritt hin zu mehr »Eigeninitiative« gefeiert. Dass sich gerade für eigenständige Menschen dabei Interessenkonflikte zwischen den eigenen Ansprüchen und den ideologischen Zielen des »Freiwilligendienstes« ergeben könnten, gilt von vornherein als ausgeschlossen. Vielleicht wird solchen Gefahren auch durch das Auswahlverfahren vorgebeugt, bei dem erklärtermaßen nicht nur die Eignung, sondern auch die Gesinnung der Bewerber abgefragt wird. Unter anderem müssen diese, wie es im »Weltwärts«-Programm heißt, »bereit sein«, ihre »Ansprüche, insbesondere beim Lebensstandard, für die Zeit mit ›Weltwärts‹ deutlich herabzusetzen«. Wie groß der Nutzen ihrer Arbeit auch sein mag – bei der Einstimmung der Bürger auf eine Zeit der Askese und Elendsverwaltung, die spätestens nach der Bundestagswahl ansteht, dürften die »Freiwilligen« unersetzliche Dienste leisten.