Wenzel Storch im Gespräch über militante Priester, Progrock und Karl May

»Eucharastie ist Verkehr mit einer Leiche«

Wenzel Storch, das ist der Mann, der seit Jahren bizarre Buntfilmwelten zusammenbastelt. Im Gespräch nimmt er uns mit in sein altes Jugendzimmer und zeigt uns »Frechdachs«-Bücher, Versandhaus-Kataloge und Karl-May-Bände

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Eine streng katholische Erziehung möchte man eigentlich seinem schlimmsten Feind nicht wünschen. In einigen Fällen führt sie jedoch zu einem reichhaltigen Schatz absurdester Phantasien. Das war beispielsweise bei Luis Buñuel so, und auch dem 1961 geborenen Wenzel Storch ist es gut bekommen, dass er große Teile seiner Jugend der Mutter Gottes widmen musste. Mit psychedelischen Ausstattungsfilmen wie »Sommer der Liebe« oder zuletzt »Der Glanz dieser Tage« setzte er in Sachen Verschrobenheit neue Maßstäbe und stieß damit entweder auf leidenschaftliche Gegenliebe oder völlige Ablehnung. Jetzt erfährt das Universum Storch noch eine erhebliche Erweiterung – in seinem Buch »Der Bulldozer Gottes« zeigt uns Storch vor allem die obskure Welt seines Jugendzimmers. Hier gibt es militante Priester, Progrock und Karl May zu bewundern.

Ihre Texte entführen in eine Vergangenheit, die vielen Lesern fremd sein dürfte. Sind Sie sich der eigenen Exotik eigentlich bewusst?

Exotik? Das klingt ja so, als wäre man Großwildjäger oder Weltraumflieger und hätte jetzt seine tollsten Abenteuer niedergeschrieben. Für mich sind die Dinge, die in meinen Texten vorkommen, ja eher normal – alles, was mich eben so umgibt und mir so durch den Kopf schießt. Dass da viel Vergangenes aus alten Messdienertagen mitspielt, ist dabei zwangsläufig. Wenn man jahrelang im Rock des Herrn am Altar rumstehen musste, und das auch noch, als man Gott schon lange heimlich scheiße fand, dann spuken einem Rosenkränze, Klingelbeutel und Weihrauchfässer noch Jahre später im Kopf herum. Vielleicht liegt es auch daran, dass bei uns zu Hause das Faustrecht regierte. Allerdings nur das »kleine Faustrecht«, das Faustrecht der Liebe, und vielleicht ist durch das Einbläuen per Kopfnuss und Rohrstock manches für immer hängen geblieben.
Der Kirchenspuk war für mich eigentlich so gut wie gegessen, dachte ich jedenfalls, bis er im Rahmen der Textproduktion wieder zurückkehrte. Im »Bulldozer Gottes« sind nun all jene Texte versammelt, die in den letzten Jahren für Konkret entstanden sind und dort z.T. zu wütenden Leserprotesten geführt haben. Außerdem enthält das Buch rund 500 Bilder, und dazu allerlei Beklopptes und Bescheuertes aus den letzten 25 Jahren – was noch so zu Hause in meinen Schubladen rumlag. Musicalsongs wie »Lob der Abtreibung«, trübsinnige Kafka-­Comics oder auch erotische Buntpapiercollagen, darunter mein Lieblingsbild: »In Bed With Petra Pau«.

In Ihrem Humor spielt Sex eine große Rolle – einerseits diese verklemmte Sorte, die Sie gerne zitieren, aber auch Tabubrechendes. Hängt das mit Ihrer streng katholischen Erziehung zusammen?

Naja, wenn man streng katholisch aufwächst, hat man’s ja immer mit Sexbesessenen zu tun – je nach dem, wie ernst die Eltern es mit dem Glauben meinen. Diese Sache mit dem Leib Christi, den man sich auf die ausgestreckte Zunge legen lässt – irgendwann wurde das ja liberalisiert, und man durfte plötzlich die Hände zu Hilfe nehmen –, diese so genannte Heilige Eucharistie, das ist ja nicht nur der Höhepunkt der Göttlichen Liturgie oder, wie das so schön heißt, der »Feier der Heilsgeheimnisse«, sondern auch gespielter Oralsex. Sex mit einem Unsichtbaren, Verkehr mit einer Leiche. Und für Nicht-Christen natürlich völlig uninteressant. Das fand ich schon als Kind irritierend und auch verlogen: Während man mit Pottschnitt vorm Altar kniet, hängt über dem Opfertisch ein Toter mit langen Haaren. Ein Toter, den man auf dem Höhepunkt der Feier aufessen soll.
Ich lese gerade »Das schöne Leben«, einen Roman von Christiane Rösinger, darin beschreibt sie sehr hübsch die Zustände nach Einführung der Handkommunion. Wie die Jugend mit aufgehaltener Hand nach vorne strömt und die alten Frauen, als wär’ nichts gewesen, weiter mit »großen gefleckten Zungen« zum Altar schlurfen.
Apropos Sex und Glauben: Im Moment bereite ich gerade ein großes Porträt des Würzburger Prälaten Berthold Lutz vor. Lutz war der Oswalt Kolle der katholischen Sexuallehre, ein Mann, der zahllose Aufklärungsbücher mit verträumten Titeln wie »Die leuchtende Straße« und »Das heimliche Königreich« verfasst hat. Immer schön nach Geschlechtern getrennt, mal eins für Mädchen, dann wieder zwei für Jungs. Das sind Klassiker der Sexualmystik, in denen Messdiener in verwunschenen Wäldern von Kaplänen gefesselt werden und es auch sonst munter zugeht, Abenteuer voller Stengel und Knospen, die der Amtskirche heute peinlich sind und aus den Pfarrbüchereien schon lange verbannt sind. Bizarre Schmöker voll unbewusster Ferkeleien, die in den fünfziger und sechziger Jahren Riesenauflagen erzielten.
Ein Spätwerk trägt den wunderbaren Titel »Peter legt die Latte höher«, und auf dem Schutzumschlag springt uns ein junger Mann mit dem Hinterteil ins Gesicht – eine Körperregion, die in katholischen Büchern gerne »der Allerwerteste« genannt wird, da halten’s die Katholiken mit den Pfadfindern. Immerhin hat der junge Mann eine Turnhose an, und unter dem Bild heißt es augenzwinkernd: »Ein Buch für Jungen vom Größerwerden«. Lutz, der ungeheuer fleißig war, hat als Schriftleiter auch viele Jahre die von ihm begründete Knabenzeitschrift Unser Guckloch betreut und war nebenbei ein intimer Kenner der Erektion, die er einmal, ich glaube, in »Frechdachs lernt Anstand«, das ist eine Art Kinder-Knigge, als »unangenehmes Gefühl« beschreibt. Mein Lieblingssatz des jüngst verstorbenen Prälaten lautet übrigens: »In der Brust der Mutter hat Gott die Muttermilch heranwachsen lassen, die so fein zusammengesetzt ist, dass sie von kei­ner anderen Speise ersetzt werden kann.« Schöner kann man’s kaum sagen, deswegen kann ich den Satz auch auswendig.

Wie wichtig empfinden Sie überhaupt die ­restriktiven Zustände Ihrer Jugend für Ihre Arbeit? Worauf ich hinaus will: ob Ihre Phantasie dadurch bedingt ist bzw. ob Sie sogar unter einer Art positivem Zwang stehen, sich mit diesen Themen zu befassen?

Solange man im Käfig sitzt, will man natürlich raus. Aber im Nachhinein bin ich doch eher dankbar, schon allein für den ganzen bekloppten katholischen Input. Wie hätte ich sonst jemals Meisterwerke wie »SOS – Wir landen im Kloster« oder das »Sakramente-Quartett« der Steyler Missionare kennen gelernt? Ansonsten halte ich es aber mit einem Spruch, den mir mein Vater, als ich mit 18 von zu Hause wegging, zum Abschied mit auf den Weg gegeben hat: »Zimmere dein Leben selbst, aber lass dir von Gott die Maße angeben.«

Sie haben es geschafft, dass ich neugierig auf Karl May geworden bin. Ihre Texte über ihn lassen einige Hingabe erkennen. Was würden Sie als treffenden Einstieg in den May-Kosmos empfehlen?

Unbedingt »Old Surehand«. Am besten fangen Sie gleich mit Band 3 an, da wird dem bösen Old Wabble, einem Westmann, der aussieht wie der Bluesgitarrist Johnny Winter, pünktlich zum Showdown der Genitalapparat zerquetscht. Zu diesem Zweck wird eine Fichte in der Mitte gespalten, und was dann in quälender Zeitlupe vor sich geht, sollten Sie am besten selber lesen. Das große Thema des Buches ist »Bekehrung durch Eierzerquetschen«, und der Delinquent findet im Laufe der Prozedur, die von Old Shatterhand tapfer mit Gebeten begleitet wird, heim ins Reich. Old Wabble ist übrigens nicht der einzige Bösewicht, dem im Laufe des Romans der Unterleib zermatscht wird.
Empfehlen würde ich auch »Die Liebe des Ulanen«, ein zweitausendseitiges Groschenromanmonster, in dem Rittmeister, Kräutersammler, Seiltänzerinnen und Kunstmaler in unterirdischen Geheimgängen herumtappen, ständig übereinander stolpern und sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Zurzeit lese ich »Das Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde«. Karl May, der das Ding unter Decknamen geschrieben hat, nennt’s einen »Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft«. Ein Werk, in dem auf 2 500 Seiten, wie einer nachgezählt haben will, angeblich 2 300 Menschen zu Tode kommen. Im Moment bin ich noch ganz vorne, wo ein verrücktgemach­ter Graf dadurch geheilt wird, dass ihm, mit Kapsikum vermischt, der Schaum eines zu Tode gekitzelten Advokaten eingeträufelt wird. Aber ehrlich gesagt: Statt Karl May würd’ ich Ihnen lieber Wilhelm Raabe empfehlen, »Die Heimkehr vom Mondgebirge«, oder irgendwas von Ludwig Tieck. Oder »Hundstage« von Walter Kempowski: auch ein schönes Buch.

Das neue Jahrtausend brachte ja immer bescheuertere Blüten in Sachen Nostalgievermarktung, es gibt mittlerweile schon Nostalgie über die Neunziger! Fast immer ist dieses Schwelgen in der eigenen Vergangenheit peinlich oder reaktionär. Bei Ihnen stellt sich das Gefühl aber nicht ein. Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass man Sie in diese Schublade einordnet.

Mit Verklärung hab’ ich auch nichts am Hut. Beim Schreiben ist ohnehin viel Zufall im Spiel, Vergangenes oder Versunkenes taucht dann eben hier und da aus der Versenkung auf. Man fängt an und – schwupps – plötzlich biegt der Text um eine Ecke, von der man vorher nichts wusste. Ich finde, mit Texten ist es ein bisschen wie mit guten Drogen. Vom Rauschgift erwartet ja auch jeder, dass öfter mal was Neues passiert, irgendwas, mit dem nicht zu rechnen war. Und so gerät eben allerlei in die Texte hinein. Das können bunte »Petzi«-Bilder, Zitate von Wilhelm Raabe oder Peter Hacks oder auch irgendwelche Karl-May- und Kater-Mikesch-Assoziationen sein. Je nach dem, was mich gerade so umtreibt oder was mir zufällig durch den Kopf schwirrt. Wobei ein Text natürlich nicht das leisten kann, was Drogen vermögen, ganz klar.

Besonders spektakulär sind ja die absonder­lichen Querverweise, die Sie vor allem durch den Einsatz obskuren Bildmaterials herstellen. Haben Sie eigentlich ein Ordnungssystem für diese ganzen Sachen?

Ich hab’ vor 25 Jahren damit angefangen, Bilder aus Zeitschriften auszuschneiden, alles, was mich halt so anspricht. Da ist über die Jahre einiges zusammengekommen, und irgendwann hab ich den ganzen Quatsch mal nach Themen sortiert. Bilder von Muttis, Möbeln, Priestern, Blumen usw. Das stammt aus allen möglichen Quellen: Versandhauskatalogen, Pfarrbriefen, Sexheften, Supermarktprospekten – was man halt so in die Finger kriegt. Früher bin ich auch immer gern auf dem Sperrmüll oder in Müllcontainern rumgekrochen – das gewöhnt man sich leicht an, wenn man Ausstattungsfilme dreht und das Geld hinten und vorne nicht reicht –, da findet man allerlei. Das sind mitunter wahre Schatzkammern.

Man hat den Eindruck, dass Sie ungern was wegschmeißen. Wie sieht es eigentlich bei ­Ihnen zuhause aus?

Sie erwarten jetzt vermutlich so einen Messie-Haushalt, voll mit Nippes und Krimskrams. Ein Archiv mit endlosen Wandelgängen, so was wie die Birthler-Behörde, mit tausend Regalen. Aber da stehen nur drei Schränke rum, da liegen ein paar Mappen drin, und darin sind vielleicht ein paar hundert Bilder. Bilder sind ja schön flach, die nehmen keinen Platz weg. Könnten auch ein paar tausend sein, keine Ahnung. Wenn mir der Verlag einen Praktikanten schicken würde, könnte ich die Bilder mal durchzählen lassen. Und dann vielleicht alles fein säuberlich auflisten, in ’ner Excel-Tabelle.

Welche Rolle spielt eigentlich Ihre Heimatstadt Hildesheim? Viele Künstler drängt es ja bei steigender Popularität in größere Städte.

Diese Stadt war immer eine Fundgrube für Laien­darsteller. Die Leute, die hier rumlaufen, passen irgendwie gut in selbstgebastelte Kulissen – für mich also optimal! Außerdem gibt’s hier ganz schöne Landschaften, die sich auf der Leinwand recht passabel machen. Wenn man von auswärts kommt, wirkt die Stadt natürlich potthässlich, Hildesheim sieht ja aus wie frühmorgens im Suff zusammengehauen. Dazu diese schwermütige Stimmung, die durch die Straßen weht. Aber wie gesagt: Die Gegend ist voll mit guten Laiendarstellern.

Und noch eine Zusatzfrage: Was ich zu Ihren Filmen schon immer wissen wollte – wie haben Sie eigentlich sowohl Hans Paetsch als auch Friedrich Schoenfelder ans Mikro bekommen? Und wie fanden die ihre Sprechertexte?

Einfach angerufen und hingefahren. Hans ­Paetsch ist ja der Märchenonkel meiner Kindheit, sozusagen der »Godfather Of Fairy Tales«, und die Begrüßung war dann auch wie im Märchen. Nachdem er uns – den »Sommer der Liebe«-Cutter Iko Schütte und mich – mit den Worten »Da seid ihr ja, meine Freunde« empfangen hatte, haben wir ihm auf Video ein paar Szenen der Arbeitskopie vorgeführt, sozusagen zur Einstimmung. Das war zu Hause in seinem Wohnzimmer. »Sommer der Liebe« ist ja eine Art Hippieverarschungsfilm, mit weichgekochten Tramperinnen im Kochtopf und Sextherapie im Hühnerstall.
Jedenfalls: Wir haben Hans Paetsch die Schluss­szene vorgeführt, in der der Hauptdarsteller in einem riesigen Römertopf beerdigt wird. Weil der Römertopf zu klein ist, sägen ihm zwei Langhaarige die Füße ab, und bei der Gelegenheit spritzt zwei Minuten lang, in dicken Fontänen, Blut über die Leinwand. Hans ­Paetsch saß im Fernsehsessel und hat sich totgelacht, während seine Frau sich im Hintergrund auf dem Sofa die Augen zuhielt und immerzu rief: »Ogottogott, Hans!« Als es dann ans Aufnehmen der Erzählertexte ging, unterm Dach in Paetschs Arbeitszimmer, hat Herr Paetsch, der damals noch topfit, aber bereits über 80 war, sich sichtlich beömmelt. Vor allem über Sätze wie: »Der Sextherapeut ist ein Schüler des großen Werner Höfer.« Leuchtende Augen gab’s auch bei dem Spruch: »Angelockt vom Duft der köstlichen Vaginalzäpfchen, findet sich ein Schwarm liebeshungriger Bienen ein.«
Friedrich Schoenfelder wiederum fand unser Synchronstudio ausgesprochen furchtbar, wovon er auf der »Reise ins Glück«-Doppel-DVD ausführlich berichtet – es war augenscheinlich das schmuddeligste Aufnahmestudio seiner Laufbahn, und er war froh, als er da wieder raus war.