Erinnerung an Conny Wessmann in Göttingen

Eine Narbe im Asphalt

Vor 20 Jahren starb Conny Wessmann in Göttingen bei einem Polizeieinsatz. Der Tod der Antifaschistin war ein prägendes Ereignis für die linke Szene und die Stadt. Eine Demonstration soll an sie erinnern.

»Ich würde sagen, wenn wir genug Leute sind, sollten wir die platt machen.« Der Einsatzleiter der Polizei und die Kollegen vom Zivilen Streifenkommando in Göttingen waren sich einig, wie aus dem aufgezeichneten Funkverkehr von damals hervorgeht. Kurz darauf flüchtete die 24jährige Studentin und Antifaschistin Conny Wessmann vor den anstürmenden Polizeibeamten auf die viel befahrene Weender Straße. Sie wurde von einem Auto erfasst und starb noch am Unfallort. »17. 11. 89 Conny von den Bullen ermordet« – dieser Spruch prangte ab diesem Tag an vielen Häuserwänden und ist noch bis heute zu finden. Kommende Woche jährt sich der Todestag von Conny zum 20. Mal.

Ende der achtziger Jahre waren neonazistische Gruppen in und um Göttingen zu einem Problem geworden, nicht nur, aber vor allem für Linke. Auseinandersetzungen mit Nazis gehörten zum Alltag. Lea*, eine Antifaschistin, erinnert sich: »Egal wo du am Wochenende hingegangen bist, irgendwann kam immer der Anruf, dass irgendwo Nazis sind, und dann bist du da hin.« Bei Partys lagen Knüppel und Lederjacken griffbereit am Eingang. Mehrfach wurde auch das seit 1982 bestehende Jugendzentrum Innenstadt (Juzi) angegriffen. Einmal warfen die Nazis mit Molotow-Cocktails, ein anderes Mal fuhren sie mit einem Reisebus unter den Augen der Polizei vor.
Ausgangspunkt vieler Naziangriffe in dieser Zeit war das nahe gelegene Mackenrode. Dort hatte der Landesvorsitzende der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), Karl Polacek, eine Art Jugendheim für einsame Skinheads und zukünftige Nazi-Schläger einge­richtet. Es wurden Treffen abgehalten, neue Kader herangezogen und Propagandaveranstaltungen an Schulen sowie Überfälle in der Region organisiert. Zu Polaceks bekanntesten Zöglingen gehört der nach wie vor äußerst aktive Kameradschaftsführer und NPD-Vorstand Thorsten Heise.
Wegen der ständigen Bedrohung entwickelten sich in Göttingen nicht nur umfangreiche Diskussionen über neofaschistische Bewegungen. Auch ein antifaschistischer Selbstschutz wurde organisiert. Über Telefonketten kamen innerhalb von kurzer Zeit Hunderte Leute zusammen, und das wohlgemerkt im Zeitalter vor der Verbreitung der Mobiltelefone.

So auch am Abend des 17. November. In der Innenstadt war es zu Auseinandersetzungen zwischen Nazi-Skinheads und Autonomen gekommen, woraufhin sich mehrere Gruppen von Antifas auf den Weg dorthin machten, unter ihnen auch Conny, die zu der Zeit in einer bekannten linken Hausgemeinschaft wohnte. Als sie dort eintrafen, wurden die Nazis jedoch bereits von der Polizei aus der Stadt gebracht. Die Gruppe um Conny lief noch ein wenig in den Seitenstraßen umher, bis der Zugriff der Polizisten mit dem tödlichen Ende erfolgte. Für die beteiligten Beamten hatte der Einsatz keine Konsequenzen, nur sehr zögerlich wurden Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen, die aber kurz darauf eingestellt wurden.
Für die linke Szene und auch für die Stadt waren die Folgen umso größer. »Es war ein Schock, eine Lähmung. Sowas gab es ja schon vorher, aber bisher war das niemandem aus unserer Nähe passiert«, sagt Lea. »Es war ein Knall, der bis ins bürgerliche Lager reichte«, berichtet auch Matthias*, der damals dabei war.
Trotz der anhaltenden Hetze aus dem konservativen Spektrum gegen die Linke und das Juzi als »Hort der Gewalt« gingen eine Woche später 15 000 Menschen auf die Straße. Ein Bündnis mit dem Namen »BürgerInnen gegen Rechtsextremismus und Gewalt« gründete sich. Es regte sich Widerstand gegen die offizielle Berichterstattung, in der meist von »rivalisierenden Jugendgangs« die Rede war, und gegen die Polizei, die das Problem der rechten Gewalt ignorierte oder gar den Eindruck erweckte, als käme ihnen die Gewalt der Nazis gar nicht ungelegen. Veröffentlichte Funksprüche hatten wenige Jahre zuvor belegt, wie Göttinger Zivilpolizisten nachts Jagd auf bekannte Linke machten und was sie von ihnen hielten. »Für den würde es sich lohnen, Dachau wieder aufzumachen«, hieß es da. Oder: »So wie’s aussieht, bettelt der noch um Schläge.« So bezeichnete selbst das Bürgerbündnis den Tod als »tragische Konsequenz« der Polizeiarbeit und forderte die Polizei auf, sich bei der Demonstra­tion für Conny »vollständig zurückzuhalten«.
Noch bis zu Connys drittem Todestag fanden regelmäßig – anfangs sogar wöchentlich – Mahnwachen an der Unfallstelle statt, die von einem großen Bündnis getragen wurden. Seit 1990 erinnert dort eine Metallskulptur an die Getötete, noch heute zeugt eine »Narbe« im Asphalt vom Feuer bei den Mahnwachen.
Nach ein paar Jahren kam es jedoch zu Diskussionen. »Streitpunkt war besonders das Verhältnis von persönlicher Trauer und der politischen Dimension des Ganzen«, erzählt Lea. In einem Flugblatt von 1997 wurde der politische Umgang mit der Toten, insbesondere wie ihn die Autonome Antifa M pflegte, heftig kritisiert. Conny diene »nur noch als Objekt zur Mobilisierung« und werde »unter Missachtung ihrer Individualität in den Dienst einer Bewegung gestellt, deren Teil sie zwar sicher auch war – aber eben nicht nur«. Die Antifa M hatte bereits zum fünften Jahrestag eine eigene Demonstration organisiert und war mit Bildern von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Conny aufmarschiert. Das war gegen die szeneinterne Absprache, auf Bilder zu verzichten, um kein Märtyrertum heraufzubeschwören. Im folgenden Jahr gab es kein Bündnis mehr und nur noch einzelne getrennte Veranstaltungen.
Über den richtigen Umgang mit dem Tod von Linken, die zugleich auch Freunde waren, wird in Göttingen derzeit erneut diskutiert. Denn am kommenden Samstag wird es unter dem Motto »Kein Vergeben, kein Vergessen« nach vielen Jahren Pause anlässlich des 20. Jahrestags von Connys gewaltsamem Tod wieder eine Demonstration geben, zu der in der ganzen Republik und von fast allen linken Gruppen Göttingens aufgerufen wird. Das Organisationsbündnis verzichtet auf eine Anmeldung der Demonstration, da »wir ganz besonders an diesem Tag die Polizei sicher nicht um Erlaubnis fragen werden, um auf die Straße zu gehen«, wie Matthias betont, der im Vorbereitungskreis sitzt.

Unangemeldete Demonstrationen waren vor 20 Jahren in Göttingen die Normalität. Damals gab es aber auch eine große Zahl linksliberaler Bürger von den Kirchen bis zu den Grünen, die sich – oft mit Unbehagen – bei solchen Anlässen hinter die mehreren tausend schwarz gekleideten und behelmten Autonomen einreihte. Eine solche Zusammenarbeit ist, von Nazi-Aufmärschen einmal abgesehen, kaum noch vorhanden, könnte jedoch nun, zum 20. Todestag von Conny, eine kleine Reaktivierung erfahren.
Der Stadtrat ver­abschiedete am Frei­tag voriger Woche auf Antrag der Fraktion der Göttinger »Linken« eine Resolution, in der allen gedankt wird, »die sich aktiv gegen Neonazismus und Faschismus stellen«. Polizei und Demonstranten werden darin gebeten, »zu einem friedlichen Verlauf beizutragen«. Auch der Landesverband der Grünen Jugend fordert von der Polizei, den »legitimen Protest« trotz einer ausgebliebenen Anmeldung zuzulassen und »sämtliche Provokationen« zu unterlassen. Aus Polizeikreisen hieß es bisher nur, man hoffe auf eine friedliche Demonstration. Der Anlass mache schließlich alle Seiten »betroffen«, sagte Polizeidirektor Thomas Rath.

* Name von der Redaktion geändert