Der Arbeitskreis Jawne in Köln kämpft ums Überleben

Keine Allianz fürs Leben

In Köln kämpft der Arbeitskreis Jawne ums finanzielle Überleben. Noch nutzt er mietfrei ein Ladenlokal in einer Immobilie der Allianz, doch das soll sich ändern.
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In einem Koffer liegt ein riesiger Teddybär, in dem anderen befinden sich Granaten und Gewehre. Tamar Dreyfuss steht vor zwei Kinderzeichnungen. Sie hat den Drittklässlern erzählt, wie das damals war, als sie mit ihrer Mutter aus Nazi-Deutschland fliehen musste. Die Schüler sollten zeichnen, was sie mitnehmen würden, wenn sie plötzlich fliehen müssten. Einer malte ein Stofftier, ein anderer Waffen. Die Zeichnungen sind in einem Kinderbuch zu sehen, einer Projektarbeit des Kölner Arbeitskreises Jawne – ausgezeichnet vom Bundesfamilienministerium. Der Preis wurde den Kindern am 9. November überreicht.
Vielleicht war dies die letzte Veranstaltung in der kleinen Gedenkstätte des Arbeitskreises, der die Räumung droht. Seit 2003 durfte die Jawne ein Ladenlokal am Erich-Klibansky-Platz kostenlos nutzen. Der Arbeitskreis trägt den Namen des ehemaligen jüdischen Gymnasiums in Köln und hat hier den Löwenbrunnen aufgestellt, der an 1 100 deportierte jüdische Kinder erinnert. Der Platz ist nach dem Schulleiter benannt, der vielen seiner Schüler die Flucht über England ermöglichte.

Heute steht an diesem Ort ein Haus mit vielen Galerien, es gehört der Allianz Real Estate Germany, einem Tochterunternehmen der Allianz. Sie erlaubte der Jawne den Einzug, weil das Ladenlokal direkt am Brunnen, auf dem ehemaligen Schulhof der Jawne, damals leer stand.
Ab Januar will das Unternehmen nun 1 400 Euro Miete im Monat – zu viel für den ehrenamtlich arbeitenden Verein. Dessen Grundeinnahmen sind gering: 1 500 Euro gibt es von der evangelischen Kirche für den christlich-jüdischen Dialog, wohlgemerkt pro Jahr. Dazu kommen private Kleinspenden. In einer ersten Stellungnahme schrieb die Allianz Real Estate, sie habe mittlerweile genug gesponsert, sie müsse mit den Immobilien Geld verdienen, und überhaupt engagiere sich der Mutterkonzern ausreichend für jüdische Organisationen. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, dass die Unterstützung für die Jawne nie für immer gedacht gewesen sei: »Das Sponsoring war stets nur ein Interimsgeschäft.« Auf Druck der Konzernleitung und von Kölner Mit­arbeitern der Allianz hat sich der Ton inzwischen entschärft. »Wir wollen mit der Jawne zu einem Mietvertrag kommen, damit die drinbleiben können«, sagte der Sprecher. Im Oktober wurde tatsächlich ein Kompromissangebot vorgelegt: Die Allianz möchte nun die Hälfte der zunächst veranschlagten Miete verlangen.
Aus Sicht von Adrian Stellmacher ist das immer noch zu viel. Er engagiert sich mit 14 weiteren Ehrenamtlichen in der Jawne. »Wir würden gerne die Allianz als Hauptsponsor erhalten«, sagt Stellmacher. Nur mit einem festen Raum sei die Arbeit des Vereins gesichert. Zum Stand der Verhandlungen mit der Allianz äußert er sich zurückhaltend: »Wir hoffen auf ein neues Angebot.«

Auf die besondere Verantwortung der Allianz wies das Kölner Bündnis »Kein Vergessen« hin, das am Abend des 9. November mit einer Demonstration an die Reichsprogromnacht von 1938 erinnert hat. Rund 100 Menschen zogen von der Jawne zum Gebäude des Allianz-Konzerns. Vor dem 1933 eingeweihten Bau erinnerte das Bündnis daran, dass die Allianz während des Nationalsozialismus nicht nur die Konzentrationslager Dachau und Auschwitz versicherte. Der Konzern weigerte sich auch, den jüdischen Opfern des 9. November die Policen auszuzahlen. Seine Geschichte ließ das Unternehmen in den neunziger Jahren »aufarbeiten«, die ausführliche Dokumentation steht auf seiner Website.
Der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) besuchte am 9. November ebenfalls die Jawne, die vor 71 Jahren von der Gestapo verwüstet worden war und daraufhin schließen musste. »Ich möchte ein Signal setzen, dass der Verein weiterhin gute Arbeit leisten kann«, sagte Roters. Die Stadt verhandelt derzeit über den Haushalt für das kommende Jahr. Die Frage, ob die Kommune finanziell einspringen werde, falls die Allianz ihr Sponsoring einstellt, beantwortete Roters nicht. Stattdessen kündigte er an, dass man zunächst mit dem Versicherungskonzern Gespräche führen wolle.
Die Stadt zum Sponsor des Gedenkortes zu machen, wäre für das Bündnis »Kein Vergessen« keine akzeptable Lösung. »Es darf nicht sein, dass die Allianz daran verdient, dass der Verbrechen gedacht wird, von denen sie profitiert hat«, sagte eine Sprecherin. Ende November treffen sich Vertreter des Unternehmens und der Jawne. Die Allianz will dabei einen Kompromiss vorlegen, der »ein gutes Stück weitergeht als der vorherige«, hieß es aus Konzernkreisen. Dass die Jawne bleiben kann, hofft auch Tamar Dreyfuss. Hier möch­te sie das Kinderbuch vorstellen. Die Zeitzeugin hat deswegen einen Brief an die Allianz ­geschrieben – eine Antwort ist bisher ausgeblieben.