Die Folgen der Dreyfus-Affäre

Lasst uns über die Dreyfus-Affäre reden!

Im Zweifel gegen den Angeklagten: Die Folgen der Dreyfus-Affäre und ihre Bedeutung für den demokratischen Prozess in Europa.

Vor 150 Jahren wurde Alfred Dreyfus, französischer Jude und später Hauptmann der Artillerie in Mühlhausen im Elsass geboren. Der Name des 1894 aufgrund falscher Anschuldigungen verurteilten ­jüdischen Offiziers steht bis heute als Synonym für die Willkürjustiz autoritärer Staaten und Diskriminierung. Die Dreyfus-Affäre führte aber auch zum endgültigen Sieg der Demokratie über die Reaktion. Die Rehabilitierung Dreyfus’ war Beispiel für den erfolgreichen Kampf einer von demokratischen und humanitär-sozialistischen Idealen geprägten Gruppe von Intellektuellen. Die Folgen der Affäre wurden zu einem Markstein im kollektiven Gedächtnis Europas und schärften das gesellschaftliche sowie po­litische Bewusstsein.
Etwas mehr als 100 Jahre nach Beginn der jüdischen Emanzipation wurden die Ereignisse im Umfeld der Dreyfus-Affäre zu einem Wendepunkt und Neubeginn in der Geschichte der Juden in Europa. Nie zuvor hatte ein Ereignis in dieser Intensität auf das politische Klima Frankreichs und Europas gewirkt, war eine Affäre aus dem Bereich Militär und Diplomatie über Jahre hinweg von der Öffentlichkeit und der Presse des gesamten europäischen Kontinents mit einer derartigen Aufmerksamkeit beobachtet und kommentiert worden.
»Spätere Juden werden lichtere Tage sehen, die jetzigen sind einfach übel dran.« So umriss Theodor Herzl die Situation der französischen Juden in seinem 1895 erschienenen Buch »Das Palais Bourbon«. Herzls Jahre in Paris scheinen ursächlich gewesen zu sein für seine Hinwendung zur zionistisch-politischen Aktion. Doch waren seine Erfahrungen und Beobachtungen, nicht zuletzt als Berichterstatter über die Dreyfus-Affäre, tatsächlich der Grund dafür, dass aus dem assimilierten Wiener Juden und Caféhaus-Literaten der Begründer der zionistischen Bewegung wurde?
Herzl, der sich von 1891 bis 1894 als Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse in Paris aufhielt, wurde dort offensichtlich schon vor der Dreyfus-Affäre mit einer besonders aggressiven Form des Antisemitismus konfrontiert. Bald nach Beginn seiner Korrespondententätigkeit mehrten sich Meldungen und Beiträge, die sich mit der so genannten Judenfrage befassten. Ausführlich berichtete Herzl im Sommer 1892 über das Duell zwischen dem Dragonerrittmeister Cremieu-Foa und dem antisemitischen Schriftsteller Edouard Drumont sowie dem tragischen Duelltod des jüdischen Hauptmanns und Professors an der École Polytechnique, Armand Mayer. In diesen Zeitraum fiel Herzls erste öffentliche Stellungnahme zur »Judenfrage«. Mit »Französische Antisemiten« war die Korrespondenz vom 31. August 1892 für die Neue Freie Presse überschrieben, deutlich war zu erkennen, dass ihn das Thema Antisemitismus zu beschäftigen begann. Eine besondere Rolle spielte dabei Herzls Einschätzung von Eduard Drumonts antisemitischem Werk »La France Juive«, einem der größten buchhändlerischen Erfolge des 19. Jahrhunderts.
Drumonts zweibändiges Werk präsentierte ein geschlossenes System des Antisemitismus, das den Juden als ein der französischen Volksgemeinschaft wesensfremdes Element ausgrenzte. Die­se radikale Form der Ausgrenzung sowie die antisemitischen Ausbrüche bei Dreyfus’ öffentlicher Degradierung im Januar 1895 hätten auf ihn wie ein Schock gewirkt, berichtete Herzl später. Es seien ihm damals die Augen dafür geöffnet worden, dass sich eine staatsbürgerliche Emanzipation nicht verwirklichen lasse und die Assimilation ein zum Scheitern verurteilter Irrweg sei. Zwingend notwendig sei deshalb eine radikale Lösung der »Judenfrage«, als Konsequenz daraus die Notwendigkeit der Gründung eines jüdischen Staats. Seine Gedanken und Thesen veröffentlichte Theodor Herzl 1896 in seiner Schrift »Der Judenstaat« und legte damit den Grundstein für die zionistische Bewegung.
Wie begann die Geschichte? Am 22. Dezember 1894 wurde Al­fred Dreyfus, Hauptmann der Artillerie schuldig gesprochen, »1894 in Paris einer fremden Macht oder ihren Agenten eine gewisse Anzahl von geheimen und vertraulichen Dokumenten, die die nationale Verteidigung betreffen, übergeben zu haben«. Das Oberste Kriegsgericht in Paris verurteilte ihn einstimmig zu Degradierung und Verbannung an einen befestigten Platz. Dreyfus wurde am 5. Januar 1895 in einer äußerst demütigenden Prozedur im Hof der École Militaire öffentlich degradiert und am 21. Februar auf die Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana deportiert. Diese Ereignisse waren das Finale einer Hetzjagd auf einen Unschuldigen, der zum Opfer eines Judenhasses wurde, der vor allem die konservativen Gesellschaftsschichten und das Offizierskorps durchdrungen hatte.
Die Kompromisslosigkeit des Verurteilten ließ erste Zweifel über dessen Schuld aufkommen. So wurde bald klar, dass die Führung der Armee, das Oberste Kriegsgericht und sogar Mitglieder der Regierung wissentlich einen Unschuldigen geopfert hatten, um den wahren Schuldigen, den Major Ferdinand Walsin-Esterhazy, zu decken. Dieser offensichtliche Justizskandal sollte die politische Landschaft Frankreichs über viele Jahre hinweg in zwei Lager spalten und die französische Republik in eine allgemeine Krise stürzen, die bis ins 20. Jahrhundert andauerte.
1889 wurde der elsässische Fabrikantensohn und Jude Alfred Dreyfus zum Hauptmann der französischen Armee befördert. Im selben Jahr feierte die französische Nation den 100. Jahrestag der Revolution. Die französischen Juden, die voller Stolz auf ihre Rolle als Vorreiter der jüdischen Emanzipation in Europa verwiesen, beteiligten sich mit großer Begeisterung an den Jahrhundertfeiern. In keinem anderen europäischen Land waren Emanzipation und Integra­tion so vollständig verwirklicht wie in Frankreich. Die französischen Juden waren Patrioten aus Überzeugung und hatten Zugang zu den besten Schulen und Universitäten des Landes, zu Laufbahnen als Staatsbeamte und Karrieren in der Armee.
Im Jahre 1791 hatten die Juden Frankreichs als Ergebnis der Beschlüsse der französischen Nationalversammlung das Recht erhalten, in das Heer aufgenommen zu werden. So beteiligten sich bereits zahlreiche französische Juden an den Revolutionskriegen und den napoleonischen Kriegen. Einer der berühmtesten jüdischen Offiziere der Grande Armée war Henri Rottembourg, der Generalinspekteur der Infanterie wurde. Léopold Sée war Absolvent der Militärakademie in St. Cyr, wurde 1880 Generalleutnant und Divisionskommandeur. Er war stets aktives Mitglied der jüdischen Gemeinschaft und gehörte dem »Consistoire Central des Israélites« an, einer dem heutigen Zentralrat der Juden in Deutschland entsprechenden Institution. Auch im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kämpften viele jüdische Soldaten. Unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab es in der französischen Armee acht jüdische Generäle, 68 Majore und 150 weitere Offiziere. 50 000 französische Juden, mehr als 20 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Frankreichs, kämpften zwischen 1914 und 1918 in der französischen Armee, zwölf von ihnen im Generalsrang.
Auch für den jungen Dreyfus war der Eintritt in die Armee und die Wahl der Offizierslaufbahn eine Demonstration seines Patriotismus. Doch die Armee war im Wesentlichen ein Erbe der vorherigen Regime. Das Offizierkorps wurde vom Adel dominiert, die leitenden militärischen Stellen wurden von Männern besetzt, die entweder monarchistisch oder nationalistisch gesinnt waren und die republikanische Regierung innerlich ablehnten.
Ein weiterer entschiedener Feind der Repu­blik war die katholische Kirche. Vor allem der hohe französische Klerus sympathisierte mit den Monarchisten und Nationalisten und versuchte jede Art von Fortschritt in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zu verhindern. Diese Kräfte bedienten sich im Kampf gegen die Republik des Antisemitismus, der seit 1880 eine immer stärkere politische Rolle zu spielen begann. Es handelte sich dabei um eine Mischung aus dem Judenhass der konservativen Kreise und des Klerus, dem judenfeindlichen Antikapitalismus von Linken und der unteren Schichten sowie einer auf pseudo-biologischer Basis stehender Rassentheorie.
Auch im französischen Offizierskorps verbreitete sich antisemitisches Gedankengut. Die Offiziere des Heeres, im Zweiten Kaiserreich die gesellschaftliche Elite repräsentierend, fühlten sich, vor allem wenn sie ohne Vermögen waren, durch die neue Werteordnung in der Gesellschaft zurückgesetzt. Die Karrieren einiger brillanter jüdischer Offiziere verstärkten den von antisemitischen Zeitungen wie La Libre Parole geschürten Hass. Jüdische Offiziere wurden regelmäßig das Ziel antisemitischer Angriffe.
Die logische Konsequenz war, dass man nach Bekanntwerden des Verrats relativ schnell den »einzig möglichen Verdächtigen« fand. Der Hauptmann Alfred Dreyfus war Artillerist – die gefundenen Spionageunterlagen betrafen militärische Geheimnisse aus dem Bereich der Artillerietruppe –, er hatte verschiedene Abteilungen des Generalstabes durchlaufen, und er war Jude. Überdies kam er aus dem Elsass, war also fast ein Deutscher und damit ohnehin ein potenzieller Landesverräter.
Die Ursachen für die Dreyfus-Affäre lassen sich auch mit dem Trauma der Niederlage ­begründen, mit dem die französische Nation in den Jahren nach dem Krieg von 1870/71 zu kämpfen hatte. Nur vor diesem Hintergrund konnte diese Affäre, obgleich anfangs ein recht unbedeutendes Ereignis, zur Spaltung Frankreichs führen. 1898 veröffentlichte Le ­Figaro eine Karikatur, betitelt mit »Un Diner en Famille«. Mahnt das Familienoberhaupt auf dem ersten Bild noch: »Vor allem, lasst uns nicht über die Dreyfus-Affäre reden!«, ist der Frieden auf dem zweiten Bild bereits zerstört, Familie und Gäste liegen sich in den Haaren und jemand brüllt: »Sie haben davon geredet!« Obwohl sich – auch unter dem Eindruck einer beispielhaften Verteidigungsaktion (Émile Zola, »J’accuse«) – Dreyfus’ Unschuld beweisen ließ, dauerte es zwölf Jahre bis zu seiner Rehabilitierung. Das damit verbundene Gerichtsverfahren hatte immense außenpolitische Wirkungen und belastete das Verhältnis Frankreichs zu Deutschland in erheblichem Maße.
Eine wesentliche Rolle bei Dreyfus’ Rehabilitierung spielten die so genannten Dreyfusards, eine Gruppe von Intellektuellen, »les Intellectuels«, wie sie von ihren Gegnern abschätzig genannt wurden. Zu diesem Kreis gehörten neben Émile Zola auch Jean Jaurès, Anatole France, Georges Clemenceau und Charles Péguy, Politiker und Schriftsteller, die demokratische und humanitär-sozialistische Ideen vertraten und mit ihrem Engagement das politische Klima in Europa entscheidend prägen sollten. Diese Männer sahen sich als »Gewissen der französischen Republik«. Ihren Einsatz für die Sache Dreyfus’ betrachteten sie als Kampf gegen die Feinde der Republik und Abwehr der Angriffe auf ihre demokratischen Prinzipien. Darin liegt die eigentliche Bedeutung der Affäre Dreyfus für Frankreich: Sie führte zum endgültigen Sieg der Republikaner über die Monarchisten und zur uneingeschränkten Anerkennung der Menschenrechte, die den Grundrechten des Einzelnen Vorrang gegenüber einem autoritären Staatsapparat geben.
Daran erinnerte der französische Präsident Jacques Chirac 1998 anlässlich des 100. Jahrestages von »J’accuse« in einem Offenen Brief an die Familien von Dreyfus und Zola: »Entrüstet über die Ungerechtigkeit, die Hauptmann Dreyfus getroffen hatte, dessen einziges Verbrechen darin bestand, ein Jude zu sein, löste Émile Zola mit seinem berühmten ›Ich klage an!‹ einen Aufschrei aus (…) Heute, da sich der Tag jährt, an dem sich Émile Zola an den Präsidenten der Republik gewandt hat, möch­te ich den Familien von Dreyfus und Zola sagen, wie dankbar Frankreich dafür ist, dass ihre Vorfahren mit bewundernswertem Mut den Wert der Freiheit, Würde und Gerechtigkeit erkannten (…) Vergessen Sie niemals ihre erhabenen Lehren von Liebe und Einheit, die durch die Jahre hindurch zu uns sprechen.«
Die Ereignisse um die Verurteilung und Rehabilitierung Dreyfus’ weisen gleichzeitig auf die Bedeutung der gesellschaftlichen Rolle von Künstlern und Intellektuellen hin, die Notwendigkeit der Einmischung der Medien in der heutigen Welt bei gleichzeitiger kritischer Zurückweisung jeglicher Form von Intoleranz. Die Affäre Dreyfus stand gleichzeitig nicht nur symbolhaft für die Zeitenwende zur Moderne, die Folgen dieser Krise klingen bis heute nach und stellen einen Markstein im kollektiven Gedächtnis dar, der in ganz Europa das gesellschaftliche sowie politische Bewusstsein schärfte. Damit spielte die Dreyfus-Affäre eine wesentliche Rolle für die Entstehung der modernen Demokratie in Europa.

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