Der kritische Sportjournalist Lester Rodney ist gestorben. Ein Nachruf

Red Rod

Der Amerikaner Lester Rodney hat den kritischen Sportjournalismus begründet. Im Alter von 98 Jahren ist er gestorben.

Vielleicht sagt es etwas über die politische Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika aus, dass die führenden Zeitungen des Landes respektvolle Nachrufe auf einen Mann verfassen, dessen wichtigste Lebensleistung es war, den Sportteil einer kommunistischen Tageszeitung zu gestalten. Lester »Rod« Rodney war von 1936 bis 1958 Sportredakteur des Daily Worker. Die New York Times schreibt über ihn, er habe »mit Stolz auf seine lange Kampagne gegen Rassismus im Sport zurückschauen« können. Und der San Francisco Chronicle bescheinigt dem Journalisten, »kein Problem damit gehabt zu haben, Sport und Sozialkritik zu verbinden«.
Lester Rodney wurde 1911 als Enkel jüdischer Einwanderer aus Europa geboren. Sein Vater, ein überzeugter Republikaner, besaß in Brooklyn eine Seidenfabrik, die nach dem Schwarzen Freitag 1929 Bankrott ging. Mitte der dreißiger Jahre fiel Rodney ein Exemplar des Daily Worker in die Hände, der Tageszeitung der KP der USA. Er befand die wöchentliche Sportkolumne für viel zu klein, und was er da las, hatte mit seinem Verständnis von Sport gar nichts zu tun. »Der Zweck von Baseball ist nichts anderes, als die Arbeiter von ihren miserablen Lebensumständen abzulenken«, war einmal dort zu lesen, oder: »Drogen zu verkaufen und über Boxen zu reden, ist ein und dasselbe.«
Rodney war damals kein KP-Mitglied, aber radikaler Linker, und er schrieb einen Brief an die Redaktion. »Ich schlug ihnen vor, dass sie zwar über das schreiben sollten, was mit dem Sport alles falsch läuft, aber dass sie doch bitte zur Kenntnis nehmen sollten, dass Sport zu den Dingen gehört, die für amerikanische Arbeiter bedeutend sind – und zwar aus guten Gründen.«
Seine Kritik überzeugte, und er wurde der erste Sportredakteur des Daily Worker, der fortan mit einer Sportseite pro Tag erschien. In die Partei trat Rodney auch bald ein, denn das wurde von jedem Redakteur erwartet.
Dass sich Rodney mit seinem Anliegen eines politischen, täglichen Sportteils so glatt durchsetzen konnte, lag, worauf Larry Tye im Boston Globe hinweist, nicht nur an seinen guten Argumenten, sondern auch an einer anderen Entwicklung: Stalin hatte auf dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale verkündet, die kommunistischen Parteien sollten einen je nationalen Weg zum Sozialismus finden und dabei auf die lokalen Besonderheiten achten. »In Amerika bedeutete das Baseball«, schreibt Tye.
Den Vorwurf, ein Agitator zu sein, hat sich Rodney nie eingehandelt. »Ich habe mich auch nie als ›kommunistischen Sportjournalisten‹ verstanden«, erklärte er seinem Biografen Irwin Silber (»Press Box Red: The Story of Lester Rodney, the Communist Who Helped Break the Color Line in American Sports«, Philadelphia, 2003). »Ich war halt ein Sportjournalist, der für eine kommunistische Zeitung schrieb.« Die New York Times findet es noch heute bemerkenswert, dass Rodney jemand war, der gleichzeitig die Mitgliedsbücher der Kommunistischen Partei und der »Baseball Writers Association of America« besaß.
Innerhalb der Redaktion war Rodney umstrittener als außerhalb. »Es gab einen Kollegen, der sagte: ›Das ist doch lächerlich. Wir haben hier eine sozialistische Zeitung, die gerade mal genug Geld hat, auf acht Seiten zu erscheinen, und wir widmen ein Achtel des Papiers irgendwelchen Spielen?‹« erinnerte sich Rodney in einem Interview, das er dem Journalisten Dave Zirin gab. Der Chefredakteur ließ eine Leserbefragung durchführen: Die meisten wollten eine Sportberichterstattung. Und zwar so eine, wie sie Rodney betrieb. »Rodney war der erste Journalist, der dem Gedanken Ausdruck verliehen hat, dass Sport nicht nur eine Arena der Reaktion, sondern auch der Schönheit und des Widerstands ist«, schreibt Zirin. »Rodneys Sportteil wurde durch die Verflechtung von Sport und Kampf lebendig.«
Was das konkret heißt, steht in den Nachrufen: »Er kämpfte in den dreißiger und vierziger Jahren für das Ende der Segregation in der Major League Baseball (MLB)«, schreibt die Chicago Tribune. Damals mussten die afroamerikanischen Spieler in den »Negroe Leagues« antreten, separaten Profiligen für die schwarze Bevölkerung. Der San Francisco Chronicle notiert: »Mr. Rodney klagte die Baseball-Offiziellen Jahr für Jahr dessen an, was er ›das Verbrechen der Großen Ligen‹ nannte.« Und in der New York Times heißt es: »Seine Kolumnen zeigten, wie die Stars der Negroe Leagues – zum Beispiel Satchel Paige und Josh Gibson – ausgebeutet wurden. Und er zitierte die Major-League-Spieler und -Manager, die die Talente der schwarzen Spieler lobten und so sein Argument stützten, dass hier ein riesiger Talentepool schlummerte.« Als mit Jackie Robinson 1947 erstmals ein schwarzer Spieler in der MLB auflief, nämlich bei den Brooklyn Dodgers, Rodneys Lieblingsclub, war das auch Rodneys Verdienst. »Der heftigste Druck«, schreibt Robinson-Biograf Arnold Rampersad über die Bemühungen, in der amerikanischsten aller Sportarten die Teilhabe von schwarzen Spielern durchzusetzen, »kam von der kommunistischen Presse.«
Rodney nannte einmal ein Beispiel, wie solcher Druck entfaltet werden konnte, wenn man nur über genügend Fachwissen, ein feines Gespür und ein soziologisches Verständnis des Sports verfügte: »Im Jahr 1937, wir waren gerade in den Kabinen des Yankee-Stadions, da fragte jemand den jungen Joe Di Maggio: ›Joe, wer ist der beste Pitcher, den du je zu Gesicht bekommen hast?‹ Ohne Zögern antwortete Joe: ›Satchel Paige‹. Er sagte nicht: ›Satchel Paige, der in den Großen Ligen spielen sollte‹, er sagte nur: ›Satchel Paige‹. So war das eine große Schlagzeile auf der Sportseite des Daily Worker am nächsten Tag, in der größten Schrifttype, die ich hatte: ›Paige ist der beste Pitcher überhaupt – DiMaggio‹. Keine andere Zeitung berichtete darüber. Wenn ein anderer Reporter das aufgeschrieben hätte, wäre der Redakteur gekommen und hätte gesagt: ›Come on, koch’ die Sache doch nicht so hoch.‹«
Dave Zirin, dem Rodney diese Geschichte erzählte, fasst dessen Bedeutung für den kritischen Sportjournalismus so zusammen: »Mit Lester Rodney hat alles angefangen.« Und: »Mit dieser politischen Art der Sportbetrachtung war Rodney seiner Zeit um Lichtjahre voraus.«
Die KP und auch den Daily Worker verließ Rodney 1958. In der Redaktion war ein Streit darüber ausgebrochen, wie der Einmarsch der Staaten des Warschauer Pakts 1956 in de Volksrepublik Ungarn zu bewerten sei. Rodney und viele Kollegen verließen die Zeitung, die KP stellte das Blatt auch im Jahr 1958 ein. Es folgte die Wochenzeitung The Worker, ohne Sportteil und natürlich auch ohne Bedeutung.
Lester Rodney zog mit seiner Familie nach Kalifornien und arbeitete weiter als Journalist, aber nicht mehr im Sport. Der Ex-Kommunist wurde Redakteur für religiöse Themen beim Press-Telegram in Long Beach in Kalifornien. Einmal wollte ihn jemand denunzieren. »Der Chefredakteur warf den Typen aus seinem Büro. Er wusste ja, wo ich gearbeitet hatte, und es störte ihn nicht, weil ich einen guten Job machte und er Diskriminierungen hasste.« Privat trieb Rodney weiter Sport: Bis 1998 war er einer der weltbesten Tennisspieler in der Altersklasse der Über-80-Jährigen.
Dem linken Magazin Mother Jones gilt Rodney als der »größte Sportjournalist, der je gelebt hat«, und Dave Zirin schreibt in seinem Nachruf für The Nation: »Lester zeigte, dass die Schönheit des Sports und der Kampf für soziale Gerechtigkeit kein Widerspruch sind, sondern mit einer verruchten Grazie schön zusammen tanzen können.« Dass nicht nur in linken Blättern, sondern auch in den führenden Zeitungen der USA so viele respektvolle Nachrufe auf ihn erscheinen, sagt etwas über die politische Kultur des Landes aus, vielleicht aber auch etwas über den Geehrten. Lester »Rod« Rodney starb Ende Dezember 2009 im Alter von 98 Jahren im kalifornischen Walnut Creek.

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