Zum antisemitischen Gehalt von Ungeziefer-Metaphern

Ungeziefer muss vernichtet werden

Parasiten, Insekten, Krabbelgetier. Kleinlebewesen spielen in der politischen Symbolik eine große Rolle. Zum antisemitischen Gehalt von Ungeziefer-Metaphern.

Die Ameisen wuseln über den Boden. Die pelzige Spinne flitzt die Wand entlang. Der Kopf juckt von den umherlaufenden Läusen. Über dem Kuchen kreisen die Mücken und auf dem Steak sitzen Wespen, eine ist ins Bier gefallen. Das Bein ist knallrot und juckt vom Zeckenbiss. Die Silberfischchen verstecken sich unter den Handtüchern. Die tote Maus liegt im Keller, gleich hinter den Fahrrädern. Und die Fliegen schwirren auf dem Dachboden neben den gelagerten Winterklamotten, in denen die Motten sitzen. Unter der Brücke tummeln sich die Ratten im Schlamm. Die Assoziationen, Gefühle und Affekte, die diese Bilder auslösen, sind vielfältig. In den meisten Fällen werden sie aber wohl Ekel und Abscheu auslösen, vielleicht wird Angst geweckt, ein Gefühl von Unannehmlichkeit entsteht, die Lästigkeit der Tiere tritt ins Bewusstsein, und mit ihr das Wissen darum, dass einige von ihnen Krankheiten übertragen können, zum Teil folgenschwere.

Alle Assoziationen haben dabei einen realen Kern und verweisen auf individuelle Wirklichkeiten, auf den Kern von Subjektivität. Zugleich sind sie aber auch phantastisch in jenem Moment, in dem sie nicht mehr mit realer Erfahrung und wirklichem Erleben zu tun haben, in dem sich bewusstes Wissen mit unbewusstem Affekt verbindet. Wohl eine jede kann erklären, worin die reale Gefahr einer Wespe besteht, und diese einschätzen; die hysterischen Reaktionen, die umherfliegende Wespen auslösen, erklärt das freilich noch nicht. Und auch die Ängste, die noch so kleine Spinnen auslösen, stehen in keinem Verhältnis zu etwaigen realen Gefahren.
Offenkundig sind im Symbolgehalt von Insekten, Spinnentieren und anderem Ungeziefer Elemente aufgehoben, die jenseits subjektiver Erfahrung und rational kontrollierbarer Wirklichkeit liegen. Elemente, die auf eine unbewusste und eine überindividuelle Dimension der Symbolisierung verweisen.

Zwischen beiden besteht ein Zusammenhang, da im Symbolischen unbewusste Dimensionen existieren, die sozial vermittelt und damit nicht individuell, sondern lediglich individualisiert sind. Die Wahrscheinlichkeit, mit der der Anblick einer Kakerlake im Schlafzimmer bei Menschen Ekel oder Jubel auslösen wird, hat eben nicht nur eine rationale, sondern auch eine emotionale Dimension, in die Elemente einer kollektiven Symbolisierung eingeschrieben sind.
Ein kollektives Symbol steht im Spannungsfeld zwischen individuellem und universellem Symbol und umfasst im Unterschied zu jenen bestimmte kulturell-historische Kontexte, die innerhalb eines Sinnkollektivs überindividuelle Bedeutung erlangen. Dass in fernöstlichen Gesellschaften reihenweise Kriech- und Krabbeltiere gegessen werden, deren bloßer Anblick den durchschnittlichen Mitteleuropäer bereits in Ekel versetzt, verweist auf kulturell differente kollektive Symbolisierungen. Die Besetzung von Ungeziefer mit Affekten, die nicht mit seinen realen Eigenschaften korrespondieren, liegt primär an jener kollektiven Dimension der Symbolisierung, die sich ins individuelle Unbewusste einprägt. Auf diese Weise werden die kollektiven Symbolisierungen zu sozialen Deutungsmustern, die innerhalb eines kulturellen Kontextes weitgehend geteilt werden.
Da das Ungeziefer dabei allerdings letztlich doch als kontrollierbar und bekämpfbar erscheint, bietet es sich zugleich als Projektionsfläche für gesellschaftlich generierte Affekte an, die von der Angst vor Kontrollverlust und Ohnmacht dominiert sind. Im Fall der konkreten Ungezieferbekämpfung können diese Affekte recht harmlos ausagiert werden, im Fall ihrer politischen Metaphorisierung eröffnet sich jedoch ein radikales Vernichtungspotential: Die erschlagene Spinne verschafft dem Menschen ein Gefühl wiedererlangter Kontrolle und Sicherheit. Werden Menschen als Spinnen dargestellt, droht man ihnen mit demselben Los.
Die politische Symbolisierung von Ungeziefer wird dabei – sofern sie, wie in Deutschland, historisch generiert und damit sozial langfristig stabilisiert ist – zum prägenden und polarisierenden Element der nationalen Kultur, das mit zunehmender Dauer auch zunehmend erfahrungs- und damit aufklärungsresistenter wird. Dass in die Darstellung von Menschen als Ungeziefer das drohende Potential der Vernichtung eingelagert ist, ist dabei eine Melange aus den exzessiven antisemitischen Ungeziefer-Darstellungen des Nationalsozialismus, die die reale Ermordung vorbereiteten, und der Drohung, die jeder politischen Ungeziefer-Metaphorik objektiv inhärent ist, ungeachtet der subjektiven Intention.
Als kollektive Symbolisierung ist die historische Dimension dabei von der strukturellen nicht zu trennen. Dass Juden als Ungeziefer dargestellt und als solches phantasiert werden, entbehrt rational zwar jeder Grundlage, da die Zuschreibungen aber historisch, insbesondere in der NS-Agitation, so dominant geworden sind, inkorporiert jede politische Metapher, die mit dem Ungeziefer-Vergleich arbeitet, auch objektiv ihre antisemitische Geschichte.
Der scheinbar aufklärerische Hinweis, dass die Kenntlichmachung von Ungeziefer-Metaphoriken als antisemitisch damit der antisemitischen Rhetorik auf den Leim gehe, ist insofern auch falsch: Das Symbol funktioniert als kollektives Symbol ja überhaupt nur, wenn es unabhängig von der individuellen Intention als kommunikative Chiffre fungieren kann, also kollektiv geteilt wird.
Aus dieser kollektiven Dimension der Ungeziefer-Metaphorik ist der Antisemitismus nicht herausredigierbar – und das gilt für alle Fälle, in denen sie verwendet wird, von den explizit antisemitischen Ungeziefer-Metaphern in arabischen Medien bis hin zur Heuschrecken-Metaphorik der Antiglobalisierungsbewegung. Denn der kollektive Symbolgehalt überlagert jede Form individueller Abweichung.

Dass die Ungeziefer-Metaphorik tatsächlich wirkt, hat damit zu tun, dass sie zugleich individuelle und kollektive Erfahrungen integrieren kann: die individuelle – mit der Zecke, die wirklich Blut saugt, oder der Spinne, die tatsächlich unkontrolliert umherläuft – und die kollektive – mit der strukturell generierten Angst vor Status- und Kontrollverlust, jenem Symptom kapitalistischer Krisen, das der Antisemitismus so klar und eindeutig zu lösen vorgibt. Die Gründe, aus denen Juden mit Ungeziefer assoziiert und als solches dargestellt werden, haben dabei ebenfalls mit der nicht-subjektiven Dimension der Symbolisierung zu tun: Dem Ungeziefer werden im Prozess der kollektiven Symbolisierung Eigenschaften zugeschrieben, und da diese in den antisemitischen Phantasien mit denen, die den Juden zugeschrieben werden, oft identisch sind, folgen sie einer Analogiekette.
Auf diese Weise ist die Ungeziefer-Metaphorik auch eindeutig und unmissverständlich – und das im doppelten Sinn: Sie ist innerhalb eines symbolischen Sinnkollektivs eindeutig in ihrer Aussage und ihrer Drohung, zugleich zaubert sie aber auch Eindeutigkeit in eine widersprüchliche und ambivalente, nicht verstandene Welt. Sie sorgt für Klärung und verspricht das Verschwinden von Angst, Verunsicherung, Kontrollverlust und Ohnmacht. Als Surrogat für Aufklärung fordert sie dafür die Vernichtung.

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