Thomas Harlan, den Sohn des Nazi-Regisseurs

Sauvater, du Land, du Un, du Tier

Er recherchiert über die Verbrechen der Nationalsozialisten, zündet aus Protest Kinos an, bereist unter falschem Namen Israel und fliegt mit seinem Reisebegleiter Klaus Kinski in hohem Bogen wieder hinaus: Thomas Harlan, der Sohn des Lieblingsregisseurs von Goebbels. Sämtliche Romane und sein umstrittener Film »Wundkanal« sind jetzt erschienen.

Im Jahr 1940 ist der elfjährige Thomas Harlan begeisterter HJ-Führer. Joseph Goebbels, ein Freund des Hauses, behandelt ihn wie seinen eigenen Sohn. Im Alter von acht Jahren nehmen ihn seine Eltern zu einem Besuch bei Adolf Hitler mit. 60 Jahre später sagt der 1929 als Sohn des Regisseurs Veit Harlan und der Schauspielerin Hilde Körber geborene Thomas Harlan: »Ich bin der Sohn meiner Eltern. Das ist eine Katastrophe. Die hat mich bestimmt.«
Der Sohn des von Hitler geliebten Regisseurs Veit Harlan zu sein, wird für ihn zum lebenslangen Trauma, immer wieder versucht er, dieser Familie zu entkommen. Doch die Flucht ist, wie Harlan sich eingesteht, immer auch der Versuch, die Liebe zu seinem Vater nicht zuzulassen. An dessen Totenbett auf Capri versöhnt er sich endgültig mit ihm. Bereits einige Jahre zuvor, 1954, versuchten beide eine Annäherung. Harlan arbeitete zusammen mit dem Vaters an einem Filmprojekt, über dem sich beide allerdings zerstritten. Der Film erzählt die Geschichte des Antifaschisten und Spions Richard Sorge und wird, Ironie der Geschichte, 1955 wegen »kommunistischer Tendenzen« verboten. Fünf Jahre zuvor war Veit Harlan noch wegen der Verbrechen gegen die Menschheit angeklagt, jetzt wirft man ihm vor, einen linken Film gemacht zu haben.
Zu den vielen Widersprüchen in Thomas Harlans Biografie gehört auch, dass er noch kurz vor dem gemeinsamen Filmprojekt mit dem Vater zusammen mit Klaus Kinski jene Kinos angezündet hatte, in denen Filme Veits Harlans gezeigt wurden. »Der Widerspruch ist zu groß zwischen Suche nach Frieden einerseits und Brandstiftung andererseits«, sagt er später.
Nach dem Ende des Krieges flüchtet der damals 16jährige aus Deutschland. Vor den Deutschen, die ihm für die Filme des Vater danken, flieht er nach Frankreich. Er lässt nicht nur Deutschland hinter sich, sondern auch die verhasste Sprache. »Ich erinnerte mich auf Französisch nicht einmal mehr an meine Mutter, geschweige denn an meinen Vater, an nichts eigentlich, so beruhigend war die Sache.« Er studiert an der Sorbonne Philosophie und Mathematik, wohnte eine Weile mit Gilles Deleuze zusammen, hält sich mit Arbeiten für das Radio über Wasser und arbeitet an ersten literarischen Versuchen. In Frankreich hält er sich auch auf, als sein Vater 1950 von einem Richter freigesprochen wird, der als NS-Staatsanwalt an zahlreichen Todesurteilen beteiligt war. Auch außerhalb Deutschlands entkommt er der Familiengeschichte nicht. Aus Protest zündet er Kinos an und wirft seinem Vater vor, dass dieser seine Karriere als Regisseur nach Kriegsende bruchlos fortsetzt. Seine beiden Schwestern distanzieren sich vom Vater, indem sie den Familiennamen ablegen.
1952 lernt er bei den Theaterfestspielen in Venedig Klaus Kinski kennen, der damals in Berlin am Hebbeltheater spielt. Gemeinsam entwickeln sie den Plan, einen Film über den noch jungen Staat Israel zu drehen. »Unsere ganze Sehnsucht gilt Israel«, erklärt Klaus Kinski 1953 im Interview mit dem Hamburger Echo. Die israelische Verfassung verbietet zu diesem Zeitpunkt jedoch allen Deutschen nichtjüdischer Herkunft die Einreise. Harlan, getrieben von der Idee, seine selbstdefinierte Form von Wiedergutmachung zu leisten, akzeptiert diese Beschränkung nicht und besorgt kurzerhand türkische Pässe, die Kinski und Harlan mittels eines Empfehlungsschreibens der Baronin Rothschild bekommen. 1953 reisen sie mit dem Schiff nach Haifa und bereisen als erste nichtjüdische Deutsche Israel. Sie haben nicht nur beste Empfehlungen im Gepäck, sondern haben auch Hebräisch und Jiddisch gelernt. Sie schaffen es, sogar bei David Ben Gurion vorgelassen zu werden. Mehrere Monate reisen Kinski und Harlan unerkannt durch Israel und interviewen Widerstandskämpfer und Überlebende, bis ihre Tarnung schließlich auffliegt und sie das Land fluchtartig verlassen müssen. Das Projekt ist damit erledigt.
Das Material, das Harlan in Israel gesammelt hat, bildet jedoch die Basis für seine weiteren Arbeiten. Die Materialien über den jüdischen Widerstand während des Nationalsozialismus und seine Recherchen in Warschau fließen in seine Theaterarbeiten ein. Es enstehen zwei Theaterstücke über den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943. »Bluma« und »Ich selbst und kein Engel« gehören zu den ersten deutschsprachigen Theaterstücken, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. »Ich selbst und kein Engel« wird vom neu gegründeten Jungen Ensemble an einem Westberliner Theater inszeniert. In dem Stück kommen die Täter nur am Rande vor, es beschäftigt sich vielmehr mit dem Konflikt zwischen dem Judenrat und den kommunistischen und zionistischen jüdischen Kampforganisationen im Vorfeld des Aufstands.
Das Stück erscheint bei Henschel, dem größten Theater-Verlag der DDR, der im Klappentext schreibt: »›Wo steht der Feind heute‹ ist die Hauptfrage des Autors und vor allem jener, die sich heute in einer Welt spätbürgerlicher Scheindemokratie Klarheit in Gedanken und Taten bewahren wollen.« Um diese Frage nach dem Feind mit absoluter Klarheit zu beantworten und die Intention seines Stücks deutlich zu machen, betritt Harlan bei der 50. Aufführung die Bühne und sagt, wie er sich später im Interview erinnert: »Vergesst bitte nicht, diese ganzen Verbrecher, die das getan haben, die sitzen heute in der Bundesrepublik, die haben die und die Plätze und Positionen in eurer Gesellschaft.« Gemeint sind unter anderem Franz Alfred Six und Heinz Jost, die Harlan, wie er in einem öffentlichen Aufruf fordert, wegen ihrer NS-Verbrechen vor Gericht gestellt wissen will. Harlan wird mit Verleumdungsklagen überzogen, die Nazigruppe »Jungbluth« verübt einen Stinkbombenanschlag auf das Theater.
Heinz Jost war vor 1945 verantwortlich für Massenerschießungen im Baltikum. Trotz einer lebenslangen Haftstrafe kam er bereits 1951 wieder auf freien Fuß. Franz Alfred Six wurde in Nürnberg für seine Rolle in den Einsatzgruppen in der Sowjetunion zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt und 1952 wieder aus der Haft entlassen. Six und seine Rolle im NS-Regime sowie im Netzwerk der Altnazis nach 1945 werden später auch in den Romanen »Die Wohlgesinnten« von Jonathan Littell (2006) und »Das Janus-Projekt« (2006) von Philip Kerr thematisiert.
Six engagiert den einflussreichen Rechtsanwalt Ernst Achenbach, FDP-Politiker, Freund von Hans Filbinger und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, der Harlan mit einer Anzeige wegen übler Nachrede droht. Achenbach war nicht nur verantwortlich für die Judendeportationen aus Frankreich, sondern setzte sich nach 1945 auch erfolgreich für die Amnestie verurteilter NS-Täter ein.
Weil Harlan letzlich die Beweise für seine Darstellungen über die NS-Verbrecher fehlen, geht er nach Polen, wo er während der Recherchen zu »Ich selbst und kein Engel« viele Freunde gewonnen hat, unter anderem Krystyna Zwylska, die wiederum den Ministerpräsidenten Józef Cyrasnkiewicz kennt. Harlan bekommt ungehinderten Zugang zu allen polnischen Archiven und findet, wie er sagt, »in zwei Wochen so viel, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Und so blieb ich statt zwei Wochen gleich ein paar Jahre.« Von 1959 bis 1963. Am Ende hat er 30 Mitarbeiter, die mit ihm gemeinsam an dem großen Projekt arbeiten, Beweise gegen deutsche NS-Verbrecher an deutsche und polnische Staatsanwaltschaften zu übermitteln. Über 2 000 Ermittlungen gegen deutsche Kriegsverbrecher sind in Polen aufgrund von Harlans Recherchen eingeleitet worden.
Irgendwann meldet sich der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer bei Harlan, es entsteht eine langjährige Freundschaft. Fortan gibt Harlan seine Erkenntnisse auch an die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg weiter; lange Zeit ist er die einzige osteuropäische Quelle für die Arbeit in Ludwigsburg. Seine Arbeit bringt Harlan eine Strafanzeige wegen Landesverrates ein, gestellt vom Staatssekretär im Kanzleramt, Hans Globke, Mitautor des Kommentars zu den Nürnberger Gesetzen von 1935; das Ermittlungsverfahren dauert zehn Jahre, führt zu keiner Anklage, jedoch dazu, dass Harlans deutscher Reisepass nicht verlängert wird und er sich während dieser Zeit nicht in Deutschland aufhalten kann.
Harlan und sein Team recherchieren über Detekteien aktuelle Wohnorte, Finanzen und Erbschaften von über 6 000 ehemaligen Naziverbrechern, deren Biografien zu einem großen Buchprojekt mit dem Titel »Das Vierte Reich« zusammengefasst werden sollen. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt des polnischen Parteiverlages und des kommunistischen italienischen Verlegers und Millionärs Giangiacomo Feltrinelli, der 1972 in Mailand bei dem Versuch stirbt, einen Hochspannungsmast in die Luft zu sprengen.
Dieses Buchprojekt, das zentrale, nie vollendete Lebenswerk Harlans, sollte in 30 Kapiteln die Machtstrukturen der nationalsozialistischen Herrschaft bis in die letzten Glieder darstellen, alle bisher unsichtbaren Verantwortlichen benennen und vor allem deren Rolle in der BRD aufzeigen sollen – es sollte die Biografien von rund 17 000 Tätern dokumentieren.
Als sich die politischen Machtverhältnisse in Polen Anfang der sechziger Jahre ändern, geht Harlan in die Schweiz, wo er sein Großprojekt »Das Vierte Reich« schließlich aufgibt. Der Grund ist ein Arbeitsbesuch des ersten Leiters der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, Erwin Schüle. Zwei Tage nach dem Treffen fällt Harlan ein Dokument in die Hände, aus dem hervorgeht, dass Schüle 1949 in Leningrad wegen Massenmordes zum Tode verurteilt, aber 1950 bereits wieder entlassen worden war. Harlan stellt Strafanzeige gegen Schüle und entscheidet schließlich 1969, seine Arbeit in der bisherigen Form aufzugeben: »Du fandest dich als Fachmann wieder unter Verfolgern, die selbst hätten verfolgt werden müssen, mit denen du gemeinsame Sache machen solltest.«
Schüle wird nach den Vorwürfen als Generalstaatsanwalt nach Stuttgart versetzt, wo er später zum Ankläger der in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder wird. Diese Begebenheit wird Harlan in seinem Film »Wundkanal«, den er in den achtziger Jahren realisiert, aufgreifen.
Erst einmal beginnt für Harlan eine Phase der direkten politischen Aktionen. In Italien schließt er sich der Gruppe Lotta Continua an, er geht nach Amerika, von wo aus er über Stiftungen Geld für den Widerstand in Chile organisiert. 1975 geht er nach Portugal und dreht dort den Film »Torre Bela« über die Nelkenrevolution.
Schon kurz darauf kehrt er allerdings zu seinem Hauptthema zurück, der »Rückkehr der Funktionärsmassen des Dritten Reiches an die Macht«, und beginnt mit der Arbeit an seinem bekanntesten Film »Wundkanal«, der bei der Uraufführung bei den Filmfestspielen von Venedig 1984 ebenso einen Skandal auslöst wie im Jahr darauf bei der Berlinale. Das Bundesinnenministerium droht, den Etat für die Filmfestspiele zu kürzen, die Produktionsfirma von »Wundkanal« versucht, die Fördermittel von Harlan auf dem Klageweg zurückzubekomnen. Harlan muss wegen des drohenden Ruins die Filmrechte verkaufen; der Film verschwindet daraufhin im Archiv des neuen Rechteinhabers. Auslöser des Skandals ist vor allem die Person Alfred Filberts, der die Hauptrolle in »Wundkanal« spielt: Der Naziverbrecher Filbert wurde unter dem Vorwand, dass man einen Film über sein Lebenswerk drehen wolle, und gegen eine Gage von 50 000 Mark zur Mitwirkung überredet. Vor allem war Filbert ein glühender Verehrer von Veit Harlan und dessen Film »Immensee«.
1962 war Filbert wegen 6 800fachen gemeinschaftlich begangenen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden und wegen eines Augenleidens 1977 wieder frei gekommen. »Der war gesünder als wir alle«, kommentiert Harlan seine Freilassung. Seinen Hauptdarsteller verwickelt Harlan in eine schwer zu durchschauende Fiktionalisierung und bringt ihn immer wieder dazu, sich selbst zu spielen. Die fiktionale Rahmenhandlung schildert die Entführung eines alten Mannes, der von seinen Kidnappern verhört wird. Dabei werden ihm permanent die Widersprüche in seinen Aussagen vorgehalten. Sukzessive wird so die Biografie eines Massenmörders frei gelegt. Leider belässt Harlan es nicht bei der Aufklärung der NS-Verbrechen, sondern versucht, eine Kontinuitätslinie von Auschwitz nach Stammheim zu konstruieren. Die Selbsttötung der Gefangenen kommentiert Harlan so: »Baader, Ensslin und Raspe brachten sich um, um zu beweisen, dass sie umgebracht werden sollten.«
Harlans Filmteam besteht aus Angehörigen von Ermordeten. Schnell gerät das Projekt zum sozialen Experiment, das die Kinder von Tätern und Opfern mit einem der Täter konfrontiert. Die Angehörigen ringen um Fassung, wenn sie miterleben, dass Filbert von seinem eigenen Schicksal zu Tränen gerührt ist. Der Film veranschaulicht eindrucksvoll den autoritären Charakter des Altnazis: Filbert verhört sich selbst in einem Spiegel-Gefängnis, in dem der Gefangene ständig mit seinem Spiegelbild konfrontiert ist. Harlan kommentiert diese Szene so: »In dem Moment, wo er von sich selbst befragt wird, siehst du, dass allein die Macht, jemanden befragen zu können, so befriedigend ist, dass er sogar dann mitmacht, wenn es gegen ihn geht.«
Die Dreharbeiten zu »Wundkanal« werden von dem Filmemacher Robert Kramer begleitet. Aus dem Material entsteht die Dokumentation »Notre Nazi«. Der Film dokumentiert nicht nur die wachsenden Aggressionen am Set, gezeigt wird auch, dass es für die Beteiligten immer komplizierter wird, sich dem Charme des alten Mannes zu entziehen und zwischen Filmebene und Realität zu trennen – ein von Harlan durchaus beabsichtigter Effekt. »Ich gehorchte Herrn Harlan, wie ich vorher Heydrich gehorcht habe«, erklärt Filbert
Ende der Neunziger kehrt Harlan wegen einer Lungenerkrankung nach Deutschland zurück, seit 2001 lebt er in einem Lungensanatorium bei Berchtesgarden, ohne Hoffnung, es noch einmal verlassen zu können. Dort entsteht auch sein eigentliches Hauptwerk, der Roman »Heldenfriedhof«, der auf den Recherchearbeiten zu »Das Vierte Reich« beruht und angetriegen wird von einem Hass auf die deutsche Nachkriegsgeschichte: »Du Land, du Deutsch, du, gehe, du, du, doch du, gehe, doch hin, knie, hin, du Tag, du Sau, du einhelliges, Schwein du, ihr alle ihr, du, ihr alle ihr, zweideutigen, ihr, du Hundeland, Sauvater, du Land, du Un, du Tier.«

Wundkanal. DVD. Edition Filmmuseum, 29,95 Euro. Sämtliche Romane von Thomas Harlan (»Rosa«, »Heldenfriedhof«, »Die Stadt Y«) sind im im Januar 2010 im Belleville-Verlag neu aufgelegt worden.

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