Abdruck aus »Mein wunderbarer Wedding. Geschichten aus dem Prekariat«

Serengeti darf nicht sterben

Geschichten aus dem Prekariat.

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Bei meinem Libanesen

Lange Zeit war es mir eine liebe Tradition, wenn ich nachts um zwei oder drei Uhr von einer Lesebühne nach Hause kam, zuvor beim libanesischen Imbiss im Nachbarhaus vorbeizuschauen und dort einen Shoarma-Teller mit Schafskäse und Hommus zum Mitnehmen zu bestellen, um den schönen Abend dann zuhause beim Ansehen einer »Tatort«-Aufzeichnung ausklingen zu lassen. Die Tradition war mir sogar so lieb, dass die Menschen sich darauf einzustellen begannen. Der diensthabende Libanese erwartete mich, fragte, offenbar erfreut über die Konstanz, die ich in sein Arbeitsleben brachte, »wie immer?«, und ich musste nur nicken, konnte mich setzen und bekam noch eine Tasse Tee für die Wartezeit. Ich schätze manchmal eine gewisse Beständigkeit.
Im Sommer 2006 aber wurde das gemütliche wöchentliche Ritual empfindlich gestört. Als ich den Imbiss betrat, stand eine kleine Traube Männer vor dem Bildschirm, auf dem ein zauselig-bärtiger Turbanträger zu sehen war. Die Männer im Lokal waren spürbar erregt, konzentriert lauschten sie und wirkten dabei, als wollten sie jeden Moment aufspringen und zu einem Hundertmeterlauf starten. Das Lächeln des Shoarma-Wirtes wirkte fahriger als sonst, etwas unwillig löste er sich aus der Runde. Da erst wurde es mir schlagartig klar: Wir haben ja Krieg. Vielmehr: Die haben ja Krieg. Libanon-Krieg. Für Libanesen vermutlich eine erheblich aufregendere Angelegenheit als für einen Gewohnheitstagesschaugucker wie mich. Ich fragte wenig intelligent, was denn los sei. Scheich Nasrallah spreche gerade, erläuterte mein Hauslibanese, er halte eine wichtige Ansprache angesichts des Überfalls Israels auf sein Land. Ich fühlte mich merkwürdig betroffen. Plötzlich kam es mir ausgesprochen absurd vor, dass ich ein so profanes Anliegen wie ein nächtliches Mahl vom Fleischspieß vortrug, während hier offenkundig Menschen mehr oder weniger direkt mit einem Krieg zu tun hatten, überhaupt erwischte mich die Tatsache, dass eine dieser globalen Nachrichten plötzlich in mein kleines, gemütliches Berliner Leben eingedrungen war, ganz unangenehm. Ich wollte nicht ignorant wirken, also fragte ich, ob er denn persönlich betroffen sei. Plötzlich drehten sich mehrere der Männer vom Fernseher zu mir um. Seine Eltern seien am Wochenende ausgebombt worden, sagte einer, ein anderer berichtete, zwei seiner Cousins seien seit Freitag vermisst, ein Dritter hatte seit Tagen keinen Kontakt mehr in sein Heimatdorf, niemand könnte ihm etwas sagen, er wisse nicht, wie es seiner Familie gehe. Ratlos blickte ich die Männer an und sagte: »Oh.« Dann begannen sie über die verdammten Zionisten zu schimpfen, die ihr Land überfallen hätten. Vielleicht hatte ich doch ein Bier zu viel genommen, jedenfalls fühlte ich plötzlich einen unbändigen Drang in mir, den Vermittler zwischen den Parteien zu geben, für Sekunden wurde ich zum Joschka Fischer der Seestraße, peinlich und lächerlich und drehspießig zugleich, und gab diesen, nun ja, emotional gerade etwas ungeordneten Menschen zu bedenken, dass doch aber beide Parteien ihr Päckchen Schuld zu tragen hätten, dass man es sich so einfach ja nun auch nicht machen könne, dass ja schließlich alle ein Recht auf Unversehrtheit hätten und die ständige Selbstmordattentäterei ja nun auch nicht gerade von großem Friedenswillen zeuge usw. Und obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben, obwohl ich so pastoral wie Johannes Rau zu seinen besten Zeiten gesprochen hatte, schien ich mit meinem Anliegen nicht durchzudringen. »Israel ist allein schuld! Die Juden sind schuld! Verdammte Zionisten!« wurde mir knapp erläutert, dann drehten sich alle wieder zum Scheich. Ich zahlte meinen Shoarma und ging.
Und dachte auf dem Rest-Heimweg, dass man angesichts dieses beidseitigen Desasters doch noch einmal überlegen sollte, ob man nicht ausgerechnet dem Präsidenten des Iran, Mahmoud Ahmadinejad, Unrecht getan hatte, als der einige Zeit zuvor einen unkonventionellen Vorschlag zur Lösung der chronischen Nahost-Krise unterbreitet hatte. Deutschland und Österreich könnten doch bitte einen Teil ihres Territoriums bereitstellen, wo man Israel neu errichten könne, so hatte er gefordert, da diese ja letztlich hauptverantwortlich für die Gründung dieses Staates seien.
Die Aufregung in der deutschen Politik war groß, erheblich größer jedenfalls als kurz zuvor, als Ahmadinejad lediglich die generelle Auslöschung Israels verlangt hatte. Dabei gäbe es doch wirklich interessante Möglichkeiten. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind ja quasi schon weitgehend geräumt. Das wäre sogar ein echter Flächengewinn für die Israelis, wenn man sie dort einziehen lassen würde. Nun mag man einwenden, dass man es nun wirklich niemand zumuten könne, sich in dieser Ödnis niederlassen zu müssen. Die Israelis aber haben schließlich schon erfolgreich in der Negev-Wüste und am Toten Meer gesiedelt; da sollten sie mit der Uckermark und der Müritz auch noch fertig werden. Hübsch wäre auch der Nebeneffekt, dass die marodierenden Nazibanden dort mal eine wirkliche Herausforderung hätten, träfen sie auf schwer bewaffnete jüdische Siedler, die ihnen in mancher Beziehung doch etwas, sagen wir: Lebenserfahrung voraus haben. Und die ganzen sich links empfindenden Geopolitiker, die Möllemann-Epigonen, Antifa-Aktivisten und deutsch-arabischen Freundschaftsbändchenträger könnten mal ihre These beweisen, dass sie keinesfalls antisemitisch seien, sondern nur ein bisschen die Politik des Staates Israels kritisieren dürfen wollen. Da die üblichen Kritikpunkte ja dann quasi umgehend entfielen, könnten sie also spontan und unverzüglich friedlich mit den Juden zusammenleben und ihnen beim Neuaufbau ein bisschen unter die Arme greifen – im Haushalt zum Beispiel, genug Palästinenserlappen zum Staubwischen müssten in den Altbeständen ja noch vorrätig sein.
Falls sich dann ganz überraschend herausstellen sollte, dass die Abneigung doch gar nicht nur auf der ehemaligen Siedlungspolitik der israelischen Regierung beruhte – dann könnte Herr Ahmadinejad uns aber auch mal einen Gefallen tun. Der Iran ist groß. Verdammt groß. Grob überschlagen etwa 80 Mal größer als Israel. Wenn wir also die ca. sieben Millionen Is­raelis bei uns aufnehmen würden, dann könnte der Iran doch im Gegenzug die geschätzten zehn bis 20 Prozent Antisemiten der deutschen Bevölkerung kriegen. Die würden sich schon ganz gut verstehen, denke ich, spätestens beim abendlichen gemeinsamen Schimpfen auf Amerika. Auch in Sachen Rechtsauffassung käme man wohl leicht überein: Kopf-ab-Mentalität und öffentliche Hinrichtungen sind im Iran schon hinreichend installiert, das käme unseren dann ehemaligen Landsleuten ja schon mal sehr entgegen. Einziges Problem: Im Gegensatz zu Herrn Ahmadinejad benötigen unsere Leute dauerhafte Alkoholgaben, um die Prozesse in ihren Köpfen, die mit Denken zu bezeichnen sehr unpräzise formuliert wäre, am Laufen zu halten. Da werden die Mullahs schnell mal böse. Aber nun gut, das kann uns dann ja wirklich auch egal sein. So oder so: Das Problem würde sich letztlich zur vollständigen Zufriedenheit lösen.
So grübelte ich noch eine Weile vor mich hin. Der Shoarma-Teller jedenfalls schmeckte gut wie immer, und der Täter im »Tatort« konnte erfolgreich überführt werden.

Mich wundert es ja kein bisschen, dass dieser ganze Kapitalismus allmählich zusammenbricht

Wir haben eine neue Hausverwaltung, und die hat eine neue Hausmeisterserviceagentur beauftragt. Hausmeisterserviceagentur – allein das Wort schon! Früher hatten wir einen Hausmeister. Der hatte einen Namen, Akshat, einen Besen und eine Frau, die immer das Treppenhaus putzen musste. Das war übersichtlich und gut. Wenn man ein Problem hatte, sagte man es Akshat, dann kramte der aus dem Kellner irgendwelche Zangen hervor, und bald darauf war das Problem gelöst.
Doch diese Zeiten sind vorbei. Die Hausverwaltung hat rationalisiert, auf dem Aushang im Flur stand tatsächlich etwas von »Effizienzsteigerung« und »Kostensenkung«, der Hausmeister ist outgesourced, und wir haben jetzt also eine Hausmeisterserviceagentur. Und dieser Hausmeisterservice funktioniert so: Bei einer »Havarie« soll man eine »Havarie-Notrufnummer« anrufen. Als es neulich sehr kalt war, hat Robert Rescue aus dem zweiten Stock das an einem Samstag mal gemacht, weil er plötzlich kein Wasser mehr hatte. Vermutlich waren die Leitungen zugefroren. Darüber habe man keine Informationen, sagte der Havarienotdienst. Deswegen rufe er ja an, sagte Robert Rescue. Ja, aber darüber habe man leider keine Informationen, sagte der Havarienotdienst, legte auf und nahm danach nicht mehr ab. Darauf duschte Rescue bei uns unten, bis die Leitungen zwei Tage später wieder aufgetaut waren.
Wenn man ein Nicht-Havarie-Problem hat, muss man jetzt der Hausverwaltung einen schriftlichen Bericht schicken, weil die Hausmeisterserviceagentur keine konkrete Person ist und immer nur mit ständig wechselnden Abordnungen diverser Bodenwischfachkräfte aus dem halb abgehängten Prekariat vertreten ist, die sich bei jedem anderen Problem für nicht zuständig erklären. Wenn man einen schriftlichen Bericht eingereicht hat, informiert die Hausverwaltung dann die Hausmeisterserviceagentur. Dann passiert lange Zeit nichts. Dann verständigt man erneut die Hausverwaltung. Dann kommt irgendwann ein Mitarbeiter der Hausmeisterserviceagentur vorbei und will das Problem sehen.
Bei meinem Erstkontakt war das Problem ein defektes Haustürschloss. Okay, wir hätten es einfach auf eigene Faust lösen können, wie sonst immer, mit dem netten Schlüsseltürken von gegenüber, der so kleine Probleme schnell, billig und zuverlässig erledigt. Der nette Schlüsseltürke hatte aber Urlaub, und irgendwie fanden wir auch, dass das Sache der Hausverwaltung war, also stand bald der Hausmeisterserviceagenturmitarbeiter vor meiner Tür und erkundigte sich nach dem Problem, das ich zuvor schon schriftlich der Hausverwaltung dargelegt hatte. Das Problem bestand darin, dass man, wenn man die Tür von innen zuschloss, sie anschließend nur mit Mühe und Glück wieder aufgeschlossen bekam. Von außen dagegen war alles in Ordnung. Der Hausmeisterserviceagenturmitarbeiter schaute mich fassungslos an. Wo denn da das Problem sei, fragte er. Ich setzte an, es ihm erneut zu erklären, aber er unterbrach mich: »Dann schließen Sie halt einfach von innen nicht ab.« Das ist ja nun wirklich meine eigene Entscheidung und ging ihn gar nichts an, aber man will ja auch nicht immer als so elitär rüberkommen, wie ich in Wirklichkeit selbstverständlich bin, deshalb also erläuterte ich, dass wir einen kleinen Sohn haben, der inzwischen alt genug ist, selbständig aus seinem Bettchen auszusteigen und Türen zu öffnen, und wenn der mal nachts wach wird, dann wollen wir einfach nicht, dass er womöglich versehentlich die Wohnungstür öffnet und in die Nacht entschwindet, während wir tief und fest schlafen. Der Hausmeisterserviceagenturmitarbeiter schaute mich misstrauisch an. Er dachte nach. Hätte mich nicht gewundert, wenn er sich mit dem Finger von allen Seiten die Nase gerieben hätte, um dann laut »Ich hab’s!« zu rufen. Aber schließlich präsentierte er genau die Ich-hab’s!-Mimik und verkündete stolz: »Naja, dann schraubense doch einfach’n Riegel an die Tür, janz oben, wo der Kleene nich’ ran kann.« Zugegeben, ein bestechender Plan. Ich persönlich fand aber dennoch die Variante einfacher, die Hausverwaltung schickte einfach jemanden, der ein neues, vollständig funktionstüchtiges Schloss einbaut. Er wirkte leicht verärgert, als ich ihm das mitteilte, denn ganz offensichtlich war das für ihn mit Arbeit verbunden. Nämlich mit folgender: Unter »Naja, wennset unbedingt so wolln«-Gegrummel zückte er jetzt eine Digitalkamera, positionierte sich konzentriert vor unserer Tür und drückte dann ab. »Was machen Sie denn da?« fragte ich verblüfft, und nicht zu Unrecht antwortete er unwirsch: »Das sehnse doch wohl, ich knipps hier ma’ dit Schloss, wa.«
»Aber wozu?«
»Damit ich das an den Problembericht hängen kann.«
»Aber wozu? An dem Schloss sieht man doch gar nichts. Es sieht aus wie ein ganz normales Schloss. Es schließt nur nicht wie ein ganz normales Schloss.«
»An den Problembericht gehört ein Foto.«
Der Hausmeisterserviceagenturmitarbeiter behauptete, er werde bald schon einen Bericht anfertigen, sein Foto anhängen und das alles an die Hausverwaltung senden, die dann wiederum sicherlich einen Schlosser beauftragen würde, der sich anschließend bei mir melden wird. Dann ging er zurück in seine Hausmeisterserviceagentur.
Zwei Wochen später war der Schlüsseltürke längst aus seinem Urlaub zurück, und mehrfach fühlte ich mich versucht, ihm einfach die 20 Euro in die Hand zu drücken und somit das Problem endlich zu lösen, aber in mir keimte eine ins Perverse lappende Lust, das verdammte Schloss von der verdammten Hausverwaltung repariert zu bekommen. Die Hausverwaltung hat ausgesprochen abwegige Sprechzeiten von zusammengerechnet sechs Stunden in der Woche, die sie nach einem irren System lustig über die Wochentage verteilt hat und während denen sie im Regelfall auch nicht zu erreichen ist, mit dem Unterschied, dass während der Sprechzeiten anders als sonst immerhin die nervige Bandansage, die auf die Sprechzeiten verweist, nicht anspringt. Ich habe mir einen kleinen Stundenplan angefertigt, der über meinem Monitor hängt, so kann ich immer, wenn eine der raren Gelegenheiten anbricht, sofort versuchen, die Hausverwaltung zu erreichen. Bei jedem etwa fünften Anlauf klappt das auch. Weniger gut organisierte Nachbarn, mit denen ich darüber spreche, sind neidisch. Ihre Quoten sind schlechter.
Der Hausverwaltungsmitarbeiter sagte, dass er den Hausmeisterserviceagenturmitarbeiter mal fragen werde, wo der Bericht bleibe. Beim nächsten Mal sagte der Hausverwaltungsmitarbeiter, er habe den Bericht jetzt erhalten und werde bald schon einen Schlosser beauftragen, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Beim nächsten Mal sagte der Hausverwaltungsmitarbeiter, er werde beim Schlosser mal nachfragen, damit dieser sich auch wirklich mit mir in Verbindung setze. Beim nächsten Mal sagte der Hausverwaltungsmitarbeiter, der Schlosser habe gesagt, er habe mich nicht erreicht, als er versucht habe, mich zu erreichen, aber er werde ihn beauftragen, es bald mal wieder zu versuchen.
Sechs Wochen nach Meldung des Falls war es dann so weit. Der Schlosser rief an. Wir vereinbarten einen Termin. Der Schlosser kam. Er begrüßte mich überschwänglich. Es war der Schlüsseltürke. Er lachte, baute ein neues Schloss ein, reparierte gleich noch den tropfenden Wasserhahn im Bad für umsonst mit und sagte, beim nächsten Mal solle ich ihn doch einfach wieder direkt verständigen, er mache mir einen Sonderpreis, und dann ginge es bestimmt auch viel schneller. Ich nickte ergeben.

Rattenhimmelfahrt

Ein Freund hat seine beiden Töchter vorbeigebracht, und jetzt sitze ich mit denen und meinen eigenen beiden Söhnen im Hinterhofgarten. Die Unterschichtseltern nebenan haben ihre Chance eiskalt erkannt und ihre zahllosen Unterschichtskinder zu mir rübergeschickt. Es sind wahrscheinlich so um die sieben. Ich habe etwas den Überblick verloren. Die laufen aber ohnehin alle unentwegt so fix durch die Gegend, dass ich gar keine Chance habe, sie durchzuzählen. Außerdem komme ich gar nicht dazu, weil ich ununterbrochen Milch- und Brötchenlieferungen nach draußen zu bringen habe. »Mandy!«, brüllt es aus der Wohnung der Unterschicht, und die Älteste der Brut quetscht sich fix durchs Gebüsch nach nebenan. Ein paar Minuten später kommt sie mit einem Zettel wieder zurück. Einem Zettel mit einer Nachricht. An mich. Praktisch eine analoge E-Mail. Ich bin verblüfft. Ich öffne die Nachricht. Da steht: »Hallo! Wir haben Besuch und brauchen Milch für den Kaffee. Könnt ihr uns was verkaufen?« Sie ist clever, die Unterschicht. Das Risiko, persönlich zu fragen, wollte sie wohl nicht eingehen, in der Sorge, ich könnte ihr ein paar der Kinder anhängen. Die wissen, wie’s geht. Ich fülle Mandy etwas Milch in eine Flasche, schreibe unter den Zettel noch »ist schon gut, ist geschenkt«, dann schicke ich die Flaschenpost auf die Reise.
Gleichzeitig dröhnt lautes Geschrei aus der anderen Ecke des Hofes. »Papa! Komm schnell!« ruft mein Sohn, und auch die anderen Kinder sind ganz aufgeregt. »Eine Maus! Papa, wir haben eine Maus gefunden!« Ich betrachte das Geschehen aus der Nähe. In der Bodenbetonplatte klafft eine Spalte, die an einer Stelle ein bisschen breiter ist. »Da drin!« rufen die Kinder aufgeregt, »da drin ist sie!« Und tatsächlich: Wenn man etwas unter den Beton guckt, sieht man ein kleines Schnäuzchen und ein dunkles Knopfauge. Aber von wegen Maus. Das ist eine junge Ratte. Und zwar, das ist mir sofort klar, eine junge Ratte, die auch nicht mehr alt werden wird. Keine Ratte der Welt würde einfach so sitzen bleiben, wenn eine Horde Kinder um sie herumhüpft. Dieses Exemplar hier hat also ganz offenbar Bekanntschaft mit den Hinterlassenschaften der Firma Rent-to-kill gemacht. Wie passend, dass heute Christi Himmelfahrt ist, da muss sie den letzten Weg wenigstens nicht allein antreten.
»Wie süß! Eine Maus!« rufen die Kinder. »Äh ja«, sage ich, »süß. Eine Maus.« »Können wir mit der spielen?« Oh je, jetzt sind hier aber gesteigerte pädagogische Fähigkeiten gefragt. Einerseits will ich nicht, dass die Kinder Angst vor Tieren bekommen. Es gibt schon genug Volldeppen und Hysteriker auf der Welt, die beim Anblick jeder Ratte, Maus, Spinne oder Schlange in entsetztes Quieken ausbrechen. Und das ist nichts Natürliches, wie irgendwelche Vulgärpsychologen gern mal verbreiten, das ist alles anerzogen. Kinder finden Tiere super, und zwar alle, und so soll es bitteschön auch bleiben. Also: nichts unternehmen, was Panik auslösen könnte. Andererseits können Ratten durchaus ordentlich zubeißen, und wer weiß schon, wie eine Ratte reagiert, die ganz offensichtlich zum Sterben noch einmal an die frische Luft gekrochen ist, die ein letztes Mal das handtuchgroße Stückchen Himmel zwischen den Wohnblocksteilwänden erspähen will, bevor sie ihren letzten Quieker spricht. Ganz abgesehen von all den Flöhen, Läusen und sonstigen Kerbtieren, für die es ganz offenkundig höchste Zeit wird, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen. Ich versuche also, den Kindern zu vermitteln, dass sie die Maus – ich belasse es mal lieber beim zoologisch inkorrekten Terminus, wer weiß, wie sie reagieren, wenn ich sage, dass es eine Ratte ist – zwar angucken dürfen, aber aus einer gewissen Entfernung, damit sie sich nicht erschreckt. Und natürlich fragt gleich eines der Kinder: »Kann die beißen?« »Ja«, sage ich wahrheitsgemäß, »das macht die aber nur, wenn ihr sie ärgert. Also lasst sie einfach schön in Ruhe und guckt sie aus sicherer Entfernung an.« Nun hat sich ein großer Kreis aus Kindern gebildet, die konzentriert in das Loch gucken. Mühsam schleppt die Ratte sich nach vorne und streckt schließlich ihren Kopf aus dem Loch. Die Kinder johlen auf vor Glück. »Die Maus guckt! Sie will spielen!« »Nein, die will nicht spielen«, versuche ich, die Situation unter Kontrolle zu halten, »die will nur auch mal sehen, was hier los ist.« Die Ratte zittert am ganzen Körper. Lange wird sie’s nicht mehr machen. Müde setzt sie Pfötchen vor Pfötchen, gebannt schauen die Kinder zu, ich fühle mich ein bisschen wie Professor Grzimek, »Ein Platz für wilde Tiere«. Und allerdings, den haben wir hier: »Guten Abend, liebe Zuschauer, ich habe Ihnen heute mal eine Ratte mitgebracht.« Grzimek hätte ja gerade seinen 100. Geburtstag gehabt, deswegen ist seiner überall noch einmal gedacht worden, seiner und seines Films »Serengeti darf nicht sterben.« Ich beschließe, die Ratte auf den Namen »Serengeti« zu taufen. Denn in der Tat: Serengeti darf nicht sterben, jedenfalls nicht, solange ein knappes Dutzend Kinder ganz außer sich vor Entzücken ist ob des niedlichen Tierchens. Was tun? Die Ersten der Kleinen verlieren schon das Interesse und rasen wieder los, auf dem Bobbycar, dem Laufrad oder nur so, einige beobachten weiter gebannt das Tier. Das schleppt sich einen weiteren Schritt nach draußen, jetzt bekommt es ­einen Zitteranfall. »Och, wie niedlich!« ruft die ältere Tochter des Freundes, sie ist ganz bezaubert. »Ich will auch so eine Maus!« »Ja, sprich heute Abend mit deinem Papa drüber«, sage ich, »aber die hier, äh, die kannst du nicht haben. Die wohnt hier.« Die Ratte schleppt sich einen halben Schritt nach vorne, direkt auf die Kleine zu. »Sie will zu mir!« ruft das Mädchen begeistert. »Die ist ganz müde!« bemerkt Wilko nicht ganz unpassend. Die Ratte kriegt die Augen kaum noch auf, sie zittert am ganzen Körper, sie torkelt ein bisschen. Plötzlich donnert eines der Kinder von hinten heran und prescht mit dem Bobbycar nur um Zentimeter an der Ratte vorbei. Wilko und das Mädchen quieken auf, sogar die Ratte schreckt etwas hoch und macht die Augen auf. Uff, noch mal gut gegangen. Das hätte mir noch gefehlt, dass der Prekariatsbengel hier eine Art chainsaw massacre angerichtet hätte, mit Blut und Gedärm und allem. Ich wittere meine Chance. »Oh, oh, jetzt hat sie sich erschreckt«, sage ich, »guckt mal, sie zittert ja!« »Armes Mäuschen«, ruft das Mädchen, »wir tun dir doch nichts!« Da bin ich mir allerdings nicht so sicher, mit Mühe gelingt es mir, eine weitere Attacke der Nachbarsgöre abzuwehren, ganz klar: Das war volle Absicht, die Kröte will die Ratte übermangeln. Das wäre zwar unterm Strich wahrscheinlich das Beste, was wir jetzt tun könnten, pädagogisch aber scheint mir das doch fragwürdig. Kurzerhand konfisziere ich das Bobbycar. Aber der Erfolg ist zweifelhaft. Jetzt springt der Kleine wild durch den Garten, und wie zufällig hüpft er immer wieder zur Ratte, in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit wiederum praktisch nur um Millimeter daneben. Ganz klar, er will das Tier zertreten. Im nächsten Moment kommt er mit einem Hubschrauber an, den er wie eine Keule schwingt. Wieder stürmt er auf den wehrlosen Nager zu. Nun ist wohl endgültig eine Klärung der Situation nötig. Aber noch ehe ich mir den kleinen Mäusezermatscher zur Brust nehmen kann, quietschen die Mädchen auf: »Sie hat geniest!« Ich gucke kurz: oh. Ein feiner Faden Blut rinnt aus ihrer Schnauze. Das Zittern hat auch aufgehört. Keine Frage, die Ratte ist im Rattenhimmel. »Psst … die kleine Maus schläft!« sage ich zu den Kindern, »jetzt müssen wir ganz leise sein und sie in Ruhe lassen!« Zum Glück funktioniert der Trick. Leise schleichen wir uns davon. »Schlaf gut, liebe Maus«, flüstert das Mädchen noch. Ja, schlaf gut, kleine Ratte, denke ich. Da werden wir jetzt mal lieber im Sandkasten weiterspielen.

Nachbarschaftsgespräche

Das kurze Schwätzchen mit den Nachbarn, das ist ja auch gar nicht mehr so einfach heutzutage. Da saß ich ganz gemütlich in einem meiner Weddinger Lieblingscafés und nippte an meinem Bier, als sich jemand zu mir an den Tresen setzte und ein Weizen bestellte. Wir saßen da, einfach nur nebeneinander auf unseren Barhockern. Ich hatte ihn hier schon ein paar mal gesehen, aber wir waren nie groß ins Gespräch gekommen. Ich kann sehr gut stumm am Tresen sitzen und an meinem Glas nippen, das kann ich wahrhaftig. Gäbe es eine Berliner Meisterschaft im Stumm-am-Tresen-sitzen-und-an-seinem-Glas-nippen, könnte ich mir gute Chancen ausrechnen, schließlich komme ich aus Westfalen, da ist das praktisch genetisch fixiert, da sitzt man gern stumm am Tresen und nippt an seinem Glas. Aber nach einer halben Stunde machte mein schweigender Tresennachbar mich doch allmählich nervös, zumal er sehr angespannt wirkte. Ich dachte, so ein bisschen Konversation zum Bier, das hat doch was, es muss ja nichts Großes sein, also wandte ich mich ihm zu und sagte: »Ganz schön kalt heute, wa?« Damit wäre mein Kommunikationsbedürfnis für die nächste Stunde an sich schon befriedigt gewesen, ich hatte noch auf ein »Ja, ganz schön kalt draußen heute, da sagste was Wahres« oder etwas in der Richtung gehofft, und nach diesem anregenden Plausch hätte dann jeder von uns entspannt den Worten nachsinnen, schweigen und an seinem Bier nippen können. Aber es kam anders. Eine einzige kleine Frage – »Ganz schön kalt heute, wa?« –, aber offenbar der Haarriss, der eine vulkanische Magmablase zur Eruption brachte. Zunächst dachte ich noch, mein Tresennachbar erlaube sich einen schwachen Scherz, als er antwortete: »Ja, und da erzählen die was von Erderwärmung«, aber ich kam gar nicht zum müden Lachen, da prasselten die Wortsalven wie aus einem Maschinengewehr abgefeuert auf mich ein: dass das ja alles gar nicht stimmen könnte mit dem Treibhauseffekt und dem CO2, dass das eine groß angelegte Verschwörung sei, er habe das selbst nachgerechnet, das mit dem CO2, das mache nur nullkommanochwas Prozent der Atmosphäre aus, was der Mensch dazu beisteuere, das könne jeder mit dem Taschenrechner selbst nachrechnen, es gebe da sehr aufschlussreiche Seiten im Internet, alles wissenschaftlich bestätigt und von diversen Nobelpreisträgern berechnet, aber die Medien, die schweigen das einfach tot, die beließen Deutschland als Tal der Ahnungslosen, die wollen, dass wir an diesen Unsinn mit der Erderwärmung glauben, und die Regierung und die grünen Ökologisten und die Klimaforscher, die wollen das auch, die würden da richtig dran verdienen, das wäre ein ganz, ganz großes Ding, Klimakanzlerin, na klar, die vertritt doch nur die Interessen der Großin­dustrie und der Ökofaschisten, die ist doch längst gekauft von denen – und so weiter und so fort, er war gar nicht mehr zu stoppen. Die Sache wurde mir jetzt doch lästig, ich bereute mein sinnloses Geplapper bereits bitterlich. Warum konnte ich nicht einfach die Klappe halten und mein Bier trinken? Aber jetzt half es auch nichts mehr.
Als er weiterschimpfte, die würden uns doch alle verarschen, alle, alle würden die uns ver­arschen, und danach Luft holen musste, schaltete sich plötzlich ein Gast vom Tisch nebenan ein: »Ja, ja, man wird ja überall verarscht«, nahm er den Gesprächsfaden elegant auf, diese verbrecherischen Telefongesellschaften nämlich, die würden einen ja wirklich nach Strich und Faden verarschen, da würden die Medien auch nie drüber berichten, obwohl da sicher eine ganz große Sache dahinterstecke. Mein Tresennachbar guckte ihn verblüfft an, aber jetzt geriet der Mann am Tisch in Rage: Man müsse sich das ja nur mal überlegen, dass die alle paar Jahre sämtliche Straßen aufreißen und Kabel neu verlegen, und überall stellen sie jetzt so Dinger in unsere Wohnungen, mit kleinen Antennen dran, aus denen angeblich das Internet kommt, aber weiß der Himmel, was das für Strahlen sind, da ist ganz sicher irgendwas faul. Und jetzt wolle der Senat die ganze Stadt mit diesem Netz bestrahlen! Das stänke doch zum Himmel! Und sobald man die Telefongesellschaften anruft und was von denen will, lassen die einen ja gar nicht zu sich durch, man bleibt bei irgendwelchen Maschinen und Bandansagen hängen und soll irgendwas über die Tastatur des Telefons eingeben, dabei, also, er sei ja schließlich noch mit Wählscheiben groß geworden, mit Wählscheiben!, er wisse gar nicht, ob wir uns daran noch erinnern könnten, also damals, da war nichts mit: »Bei Fragen zu Ihrer Telefonrechnung, drücken Sie die Eins«, da gab es nur Wählscheiben, und wenn man ein Problem hatte, dann ist ein netter Herr von der Post gekommen und hat gemacht, dass alles wieder gut wird, aber heute heißt es dann nur, nachdem man sich durch mehrere Interviews mit irgendwelchen Maschinen gequält und mit Tastendrücken geantwortet hat und man schließlich an irgendeinen Mitarbeiter gerät, dass man da gar nichts sagen könne, weil man erstens das Passwort nicht wisse und zweitens wahrscheinlich sowieso bei einer völlig anderen Telefonfirma sei, und drittens müssten unbedingt die Geräte ausgetauscht werden, aber da müsse jemand kommen, auf keinen Fall könne man einem das vermutlich defekte Gerät in den nächsten Telefonladen bringen und umtauschen. Das sei wahrscheinlich wegen diesen Strahlen, die da aus der Antenne kommen, die wissen nämlich, was los ist, die wollen das auf keinen Fall bei sich in der Bude haben, wir werden da doch nach Strich und Faden verarscht, und in zwei Jahren reißen sie wieder alle Straßen auf und legen neue angebliche Kabel rein, aber vermutlich wollen die einfach nur die Weltherrschaft übernehmen.
Mein Tresennachbar guckte den Mann am Tisch entgeistert an und meinte, er sei ja wohl voll der Spinner, er sei auch nur so ein gutgläubiger Trottel, der sich von den Mächtigen jeden Scheiß erzählen ließe, Telefonfirmen an die Weltherrschaft, das sei ja lächerlich, das sei ja geradezu eine Verschwörungstheorie, dabei sei doch völlig offensichtlich, dass die nur von ihrem Vorhaben ablenken wollen, mit der angeblichen Erderwärmung die Macht an sich zu reißen, das sei doch das Problem, er solle aufhören mit diesem paranoiden Telefon-Quatsch, während die in den Hinterzimmern all dieser Klimakonferenzen doch längst die Unterjochung der freien Welt beschlossen hätten.
Gut, dachte ich, vielleicht ist es langsam an der Zeit zu gehen. Ich war noch mit meinem Kumpel Backen verabredet, der wohnt gleich um die Ecke. Ich ging vorher noch kurz zum Kiosk, Backen hatte mich darum gebeten, ihm ein Päckchen Zigaretten mitzubringen. Eine Packung »Cabinet« sollte es sein, und ich bin mir auch ganz sicher, dass ich danach verlangt hatte, aber der Kioskbesitzer fing gleich an zu schimpfen: Was ich denn jetzt mit »ein Minarett, bitte« gemeint habe, ob ich etwa auch schon so ein durch und durch islamisierter Kopftuchdeutscher sei, so ein Volldhimmi. Die ganzen Moslems hier, die wollten doch die Herrschaft übernehmen, das habe der Thilo Sarrazin schon ganz richtig erkannt, die würden sich doch alle vermehren wie die Karnickel und dann den ganzen Staat übernehmen und die Sharia einführen, und unsere Eliten, die würden einfach tatenlos zusehen, ach was, die würden das ja sogar richtig fördern, die steckten wahrscheinlich alle mit denen unter einer Decke, wahrscheinlich, weil sie dann mehr Macht haben, wenn hier mal ein islamischer Staat errichtet ist, dann würden die alle übertreten und könnten endlich machen, wie sie wollen, das sei doch klar abzusehen, und außerdem …
Fluchtartig verließ ich den Laden. Bei Backen um die Ecke steht noch ein Zigarettenautomat, und dann schnell zu ihm nach oben. Und hoffentlich niemanden mehr treffen, mit dem ich reden muss. Diese Nachbarschaftsgespräche, die sind heutzutage ja wirklich auch gar nicht mehr so einfach.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags aus: Heiko Werning: Mein wunderbarer Wedding. Geschichten aus dem Prekariat. Edition Tiamat, Berlin 2010. 192 Seiten, 14 Euro. Das Buch ist soeben erschienen.