Ex-Hausbesetzer und Baugruppen in Berlin-Friedrichshain

Solche und solche Baugruppen

Eine sehr subjektive Geschichte von Ostberliner Hausbesetzern, einer Baugruppe und einem Gartenzaun.

Von Ivo Bozic
Anzeige

»Squat the World« ist an die Rollläden gesprayt, schwarze und pinke Kleckse, die offenbar von Farbbeuteln herrühren, schmücken die moderne Fassade. Ich muss über diese Aufforderung zum Hausbesetzen lachen. Hier war schließlich einmal fast alles besetzt, hier in der Kreutzigerstraße im Berliner Bezirk Friedrichshain. Und ich war einer jener Besetzer, die vor genau 20 Jahren in die acht leerstehenden Häuser eingezogen sind. Das war noch die DDR damals, kurz nach der Maueröffnung. Da parkten hier noch Trabis in der Straße. Eine zugeschnittene Fensterscheibe kostete uns drüben beim Glaser sechs DDR-Mark – wir haben 1:6 getauscht –, also eine D-Mark, sprich 50 Cent pro Scheibe. Heute kostet eine Scheibe beim selben Glaser übrigens 36 Euro, eine Verteuerung um 7 100 Prozent.

Wir mussten damals viele, viele Fenster instandsetzen, so ziemlich alle. Und auch Ofenklappen, Elektrik, Wasserinstallationen. Dazu aufwändige Falltüren und Fenstergitter einbauen, die uns gegen die damals üblichen Nazi-Angriffe schützen sollten. Wir waren im wörtlichsten Sinne eine Art Baugruppe. Dort, wo jetzt diese neue rotbraune Edel-Fassade zwischen den anderen buntbemalten Altbauten hervorsticht, war früher eine Baulücke. Was sage ich, Baulücke?! Das war der Durchgang, das grüne Entrée zu unserem Supergarten, der sich über die Länge von sechs Grundstücken hinter den Häusern erstreckte, dahinter der Friedhof, dahinter die später berühmte Mainzer Straße. Das war der Blick aus meinem Zimmer. In diese Baulücke haben wir auch die Bretterbude hineingezimmert, das »Karibuni«, eine wunderbare Garten-Bar im Friedrichshainer Kiez. Im damaligen Friedrichshainer Kiez. Lange bevor die hippen Easyjetsetter, Skater-Snobs und katalanischen Erasmus-Studenten das Viertel entdeckten, uns entdeckten. Und noch länger bevor dann die Immobilien-Schnäppchenjäger, die Abzocker und Aufwerter kamen – und bevor die Erasmus-Studenten Kinder gebaren und die Skater ihre teuren Skaterklamotten-Shops eröffneten.
Auch die Baugruppe »K20«, die 2007 damit begann, ein Wohnhaus auf das Grundstück Kreutzigerstraße 20 bauen zu lassen, genau zwischen die ehemals besetzten Häuser, hatte Mitstreiter damit geworben, dass die Gegend ganz besonders angesagt sei. Aber auch andere Kriterien wurden ins Spiel gebracht. »Wohnen ›von der Stange‹? Das wollen wir nicht«, hatte die 2006 gegründete Baugruppe erklärt. »Statt wichtige Entscheidungen über den eigenen Wohnraum anderen zu überlassen, möchten wir als künftige Haus- und Wohnungsnutzer lieber selbst festlegen, was und wie gebaut wird.« Man wolle vor allem den »Wohnraum selbst bestimmen, in einer Hausgemeinschaft wohnen, Gemeinschaftsflächen gemeinsam gestalten und nutzen«. Und das alles ganz »ökologisch« und »kinderfreundlich«. Im Grunde also alles, was wir auch wollten – nur eben legal und teuer.

Ich wohne schon lange nicht mehr in der Kreutzigerstraße, aber Kipper lebt hier immer noch. Kipper hat damals auch das »Karibuni« erfunden. Er ist heute 47. Er war einer der ersten, die hier im April 1990 in die leerstehenden Häuser eingezogen sind. Zusammen mit anderen Freundinnen und Freunden aus der Alternativ-/Punk-Szene in Weimar. Schon Mitte der achtziger Jahre waren sie nach mehreren Haftstrafen wegen staatsfeindlicher Sprayereien und Flugblättern mit Aufrufen zum Wahlboykott aus der DDR-Staatsbürgerschaft »entlassen« und in die BRD abgeschoben worden. Nach dem Mauerfall zogen sie wieder zurück in den Osten und besetzten die Häuser in der Kreutzigerstraße 18 und 19. Es war eine Möglichkeit, endlich als Gruppe zusammenzuziehen. »Alleine wohnen kam für mich nicht in Frage nach zwei mal sechs Monaten Einzelhaft im Stasi-Gefängnis«, sagt Kipper.
Und auch seine Zukunft sieht er im Hausprojekt. Abgesehen von einem Haus, das polizeilich geräumt wurde, sind die anderen sieben ehemals besetzten Häuser in der Straße auf die eine oder andere Weise legalisiert worden. Zum Teil durch Rahmenmietverträge, aus denen dann gewöhnliche Einzelmietverträge wurden. Der Hausverein aus der Nr. 22 schloss einen langfristigen Pachtvertrag ab, und die Bewohner sanierten ihr Haus mithilfe des Förderprogramms »Bauliche Selbsthilfe« selber. Drei andere Hausgemeinschaften, die der Nr. 23 und der Nr. 18/19, kauften ihre Häuser mittels einer zuvor selbst gegründeten Genossenschaft, der SOG, und wurden Eigentümer, Genossenschaftler. Auch sie bauten ihre Häuser mittels des Selbsthilfeprogramms aus. Und so lebt man im Haus, wo Kipper wohnt, immer noch als Hausprojekt mit einer Gemeinschaftsküche – und entscheidet gemeinsam, wer wo wohnt und was am Haus oder im Garten gemacht wird.
So wie die K20-Baugruppe nebenan hat man selbst bestimmt, was wie gebaut wird. Nur haben die einzelnen Bewohner dafür kein Eigenkapital aufbringen müssen, und man hat auch nicht wie die Architekten der K20 den »Deutschen Bauherrenpreis« bekommen. Dabei sind die Gemeinschaftsküche im Dachgeschoss mit der wahnsinnig beeindruckenden, riesigen Terrasse, das Kino im Erdgeschoss, die Wandgemälde, das Pflaster-Mosaik im Hof usw. wirklich schön und alles andere als billiger Do-it-yourself-Kram. Und natürlich hat man ebenfalls ökologisch und kinderfreundlich gebaut. Und ist auch selbst kinderfreundlich geworden. »In der 18/19 sind jetzt 13 Kids und zwei oder drei weitere sind unterwegs«, sagt Kipper, und mir scheint’s, als wenn das ein ganz klein wenig genervt klingt. Der kleine Kim*, der Eins war, als wir dort einzogen, und dem immer so niedlich der Rotz aus der Nase lief, ist inzwischen 21 und aus dem Haus rausgeflogen, weil er geklaut hat. In den ehemals besetzten Häusern sind bis heute zahlreiche gemeinnützige Initiativen untergebracht, der Mieterverein, ein Kiezradio, Dritte-Welt- und Stadtteilprojekte.

Kipper und ich sitzen im Garten. Doch der führt heute nicht mehr durchgängig an der ganzen Häuserrückseite entlang. Das Grundstück der K20 ist durch einen Gartenzaun abgetrennt. Da waren früher unsere selbstgebaute Halfpipe und der Teich. Ob die Leute von der Baugruppe denn nicht versucht hätten, mit ihren Nachbarn ins Gespräch zu kommen, frage ich Kipper. Doch, erzählt er. Bevor sie anfingen zu bauen, da seien sie mal vorbeigekommen und hätten gesagt, dass sie »die Neuen« seien und gehört hätten, dass es bald ein Straßenfest gebe, sie würden dafür ihr Grundstück zur Verfügung stellen. Da habe man sie nur ausgelacht. »Die fühlen sich seitdem ausgegrenzt, sehen sich als Opfer.«
Während der Bauarbeiten hat es aber kaum Sabotageakte gegen die Baustelle geben, obwohl dies angesichts der Lage kein Problem gewesen wäre. »Als die das Grundstück erworben haben, konnten wir uns nicht richtig wehren, weil wir selber mit Baumaßnahmen in unserem Haus beschäftigt waren.« Man hatte zwar bei der öffentlichen Versteigerung ein wenig protestiert, mit einem Transparent, und sich eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch eingehandelt, aber das war’s denn auch schon, sagt Kipper. Später hat während der Bauarbeiten mal ein Bagger gebrannt. Ob das ein Sabotageakt war, ist unklar.
Jedenfalls herrscht totale Funkstille zwischen den Ex-Besetzern und den Bewohnern der K20. »Solange die die Schäden nicht bezahlen, die bei ihren Bauarbeiten entstanden sind, wird das auch so bleiben«, sagt Kipper. Als die Baugrube ausgehoben wurde, gab es Risse in den Wänden der Nachbarhäuser, nun wartet man darauf, dass die Baugruppe endlich dafür aufkommt. Vielleicht könne man danach ja mal aufeinander zugehen. Schließlich, sagt Kipper, sei das ja weniger ein Politikum, als es auf den ersten Blick vielleicht aussehe. »Irgendwie ist es auch einfach ein Nachbarschaftsstreit.« Da hat er wohl recht, es ist aber einer, bei dem ich genau weiß, auf wessen Seite ich bin. Ich denke sehr gerne an die Sommernächte im »Karibuni« zurück.

*Name geändert