Kathrin Schröder erzählt im Gespräch, was ein Drug Scout auf Partys macht

»Wir warnen vor grünen Mitsubishis«

Auf Techno-Partys trifft man in Leipzig häufig die Drug Scouts. Sie gehören zu einem gut etablierten Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, »akzeptierende, tabufreie und an der Realität orientierte Informa­tion und Aufklärung über Drogen und deren Konsum« zu betreiben. Weshalb Be­ratung von Drogenkonsumenten lebenswichtig sein kann und eigentlich auch Drug Checking dringend notwendig wäre, hat ein Vorfall vor zwei Jahren gezeigt.

Von Ivo Bozic
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Was geht denn partytechnisch so ab in Leipzig?

Es gibt eine recht rege Partykultur. Es gibt etablierte Clubs, aber auch sehr viele, sehr aktive Party-Crews, die an wechselnden Orten Partys veranstalten. Die mieten sich teilweise irgendwo ein, machen aber auch illegale Partys. Gerade im Sommer finden auch viele Partys draußen statt.

Sprichst du jetzt über Techno-Partys oder auch über andere?

Elektronische Musik im weitesten Sinne. Manche konzentrieren sich auch auf Dub, aber das meiste ist schon Techno, Drum’n’Bass, House, es gibt auch eine kleine Goa-Szene.

Und wer frequentiert diese Partys, kann man die Leute bestimmten Subkulturen zuordnen?

Es gibt ein paar Crews, die ziehen vor allem alternative oder linksorientierte Leute. Aber ansonsten ist das ziemlich bunt gemischt. Junge Leute mit den verschiedensten Hintergründen. Vom Alter her sind die meisten so zwischen 16 und 25. Aber es ist auch zu beobachten, dass viele Ältere dabei sind, 30 bis 35 Jahre alte Menschen, die früher auf Techno-Partys gegangen sind und das halt immer noch machen.

Welche Drogen sind derzeit auf diesen Partys besonders beliebt?

Auf allen Partys wird Alkohol konsumiert und Nikotin, das ist ja klar. Und in der elektronischen Szene außerdem vor allem Amphetamine, also Speed und hier im Osten auch gerne Crystal, also Methamphetamin. Und wenn’s zu haben ist, auch Ecstasy, aber da war gerade hier in Leipzig in letzter Zeit schwer ranzukommen. Und wie in anderen Städten auch sind hier gerade GHB und GBL als Partydrogen in Mode.

Gekifft wird aber auch noch?

Klar, auch, aber viele Leute benutzen das weniger auf Partys, sondern zuhause zum Runterkommen.

Und bei weniger elektronischen Partys?

Naja, ich denke mal, bei einem Metal-Konzert wird sicherlich eher Alkohol getrunken und bei Reggae-Partys spielt Kiffen noch eine größere Rolle. Aber gerade auf Techno-Partys wird viel gemischt. Es gibt aber natürlich auch dort Leute, die gar nichts nehmen oder nur Alkohol trinken.

Und ist der Drogenkonsum exzessiver geworden?

Unterschiedlich. Wir sind auf vielen Partys, wo die Leute tatsächlich viel konsumieren, dies aber auch recht verantwortungsbewusst machen. Es gibt in der Szene doch schon ein recht großes Wissen über sicheren Konsum. Viele wissen etwa, dass man GHB nicht mit Alkohol mischen sollte, weil das nach hinten losgehen kann. Bei den jüngeren Partygängerinnen und Partygängern beobachtet man aber auch schon mal, dass die nicht so gut Bescheid wissen und dass dann ziemlich exzessiv konsumiert wird.

Was machen die Drug Scouts konkret? Bei dem Wort »Scouts« könnte man denken, dass ihr nach Drogen fahndet.

Der typische blöde Spruch an Infoständen ist, ob man bei uns Drogen kaufen kann. »Scouts« soll ein Hinweis darauf sein, dass wir Wissen und Informationen anbieten wollen, auf deren Grundlage Leute dann frei und bewusst entscheiden können, ob sie diese oder jene Droge konsumieren wollen oder nicht, und wenn ja wie. Wir geben den Leuten Safer-Use-Regeln an die Hand, also Hinweise, was man möglichst beachten sollte, wenn man eine Droge konsumiert – und mit Drogen meine ich immer legale genauso wie illega­lisierte Substanzen.

Wie macht ihr das auf so einer Party, wo die Leute ja in erster Linie zum Feiern hingehen?

Wir haben normalerweise einen Infostand, teilweise gestalten wir auch einen ganzen Chill-Out-Bereich, so richtig gemütlich. Wir versuchen, ein Teil der Party zu sein. Wir haben einen Tisch, da gibt es umsonst Obst und Wasser für die Leute und auch Safer-Use-Material wie Kondome, Zieh-Röhrchen, Aktivkohle-Filter, und da liegen dann auch unsere Flyer. Die legen wir aber auch immer noch an anderen Orten der Party aus, damit man sich die mitnehmen kann, ohne mit uns zu reden.

Seit wann gibt es die Leipziger Drug Scouts?

Seit 14 Jahren.

Gibt es vergleichbare Projekte in Ostdeutschland?

Mir fallen nur welche in Berlin ein, und dann noch in Potsdam ein Chill-Out-Projekt. Ansonsten sieht es im Osten eher schlecht mit echter akzeptierender Drogenarbeit im Partysetting aus.

Und in Leipzig? Welches Standing hat dort innerhalb der Drogenarbeit der akzeptierende Ansatz, also ein Ansatz, der von seinen Klienten nicht die Absage an jeglichen Drogenkonsum voraussetzt?

Wir selbst haben ein sehr gutes Standing in der Stadt, sind ziemlich anerkannt. Wir werden auch seit zwölf Jahren schon vom Jugendamt der Stadt co-finanziert.

An welche Projekte städtisches Geld fließt, hängt – zumindest in Berlin – immer auch davon ab, welche Parteien gerade regieren. Ist das in Leipzig auch so?

Es gibt uns ja wie gesagt schon recht lange, wir haben daher schon einige Regierungswechsel mitgemacht und haben glücklicherweise bisher immer wieder unseren Platz gefunden. Wir fühlen uns relativ sicher.

Habt ihr früher auch wie Eve & Rave in Berlin Drug Checking gemacht, also eine echte Qualitätskontrolle von Drogen, oder würdet ihr das gerne machen?

Haben wir leider nie gemacht, würden es aber sehr gerne tun. Da fehlt dann eben bisher doch der politische Wille, so ein Programm mal durchzusetzen, das Projekt in Berlin wurde ja auch zerschlagen und illegalisiert. Aber wir fänden es sehr wichtig.

Ich habe gesehen, auf eurer Homepage bekommt man Informationen über bestimmte Produkte, die von Drug-Checking-Projekten in anderen Ländern gewonnen wurden.

Ja, wir arbeiten sehr eng mit Saferparty, einem Schweizer Projekt in Zürich, zusammen und veröffentlichen immer deren aktuelle Pillenwarnungen. Teilweise bekommen wir auch Hinweise von Usern, die zum Beispiel auffällige Erfahrungen mit der einen oder anderen Substanz gemacht haben.

Vor welchen Ecstasy-Pillen ist zurzeit besonders zu warnen?
Aktuelle Infos findet man stets auf unter »Pillenwarnungen«. In letzter Zeit tauchten beispielsweise grüne »Mitsubishis« auf, die einen Cocktail aus m-CCP, Methamphetamin und Domperidon – einem Anti-Brechmittel – enthielten. Vor allem aber lässt sich sagen, dass in allen Pillen, die in der letzten Zeit getestet werden, kaum MDMA drin ist, also jener Stoff, den man eigentlich in einer Ecstasy-Pille erwartet. Stattdessen war auch hier in Leipzig vor allem 2-CB und m-CPP drin, was eine andere Wirkung hat, mit der die User nicht rechnen, gerade 2-CB wirkt leicht halluzinogen, das beunruhigt die Leute dann natürlich.

Vor etwa zwei Jahren gab es in Leipzig Probleme durch mit Blei verunreinigtes Cannabis.

Ja, da gab es eine sehr große Verunsicherung unter den Usern. Man hört ja öfter, dass Gras mit Zucker, Chemikalien wie Brix oder auch Sand gestreckt wird, was ja allein schon schädlich ist. Das mit dem Blei war aber eine ganz andere Dimension, weil das höchst gesundheitsschädlich ist und sogar tödlich sein kann.

Wie habt ihr darauf reagiert?

Wir haben sofort eine Broschüre mit FAQs zu dem Thema entworfen, die fast jeden Tag ergänzt und aktualisiert wurde. Damals gab es auch eine ganz gute Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt. Da konnte man als User hingehen und sein Blut auf Blei testen lassen, anfangs nicht ­anonym, später auch anonym. Aber die Situation war wirklich krass, und wir haben uns ziemlich hilflos gefühlt, weil wir nur sehr notdürftige Tipps geben konnten, wie man Verunreinigungen eventuell per Augenschein erkennen könnte, oder durch Drüberreiben eines Blatt Papiers. Aber die wirklich notwendigen Untersuchungen der Substanzen konnten wir nicht bieten, und sonst auch niemand.

Gibt es das Problem heute noch?

Wir haben, außer vereinzelten Verdachtsäußerungen von Usern, nichts Eindeutiges mehr gehört. Wir sagen den Usern, die uns fragen, aber immer, dass wir es nicht ausschließen können. Man hört manchmal aus anderen Städten, dass es einen Fall gegeben hat, bei dem ein Konsument oder eine Konsumentin mit Bleivergiftung ins Krankenhaus gekommen ist, aber in Leipzig hat es das offenbar nicht mehr gegeben.

Was seid ihr selbst für Leute? Kommt ihr aus der Partyszene, aus der Sozialarbeit, der Drogenpolitik, oder seid ihr selber Drogenkonsumenten?

Von allem etwas. Das Projekt ist aus der Partyszene heraus entstanden, durch Menschen, die teilweise auch selbst konsumierten und gemerkt haben, es gibt viel zu wenige Informationen über Drogen. Zu den Drug Scouts gehören ja Leute, die direkt hier im Projekt arbeiten, und dann gibt es noch über 30 Freiwillige. Und vor allem die kommen aus allen möglichen Szenen und sind zum Teil auch noch sehr aktiv in der Partyszene unterwegs.

Welche Probleme mit Drogen haben die Leute, die sich an euch wenden?

Es haben nicht alle Probleme, manche wollen auch nur Informationen, etwa zu Wirkungen oder zu Wechselwirkungen. Aber gerade auf Partys kommt es vor, dass User kommen, die tatsächlich gerade etwas zu viel haben und jemanden zum Labern brauchen oder unsicher sind. Bei den Beratungsgesprächen, die wir im Laden führen, geht es meistens darum, dass Leute ihren Konsum verändern wollen. Manche wollen weniger nehmen oder ganz abstinent werden, und wir versuchen, sie bei ihren Vorhaben zu unterstützen.

Wer ist »Doktor Frühling«?

Wir haben auf der Homepage unser »Doktor-Frühling-Team«, da kann man Fragen hinmailen, die beantworten wir schriftlich, alle Anfragen werden von uns – natürlich anonym – veröffentlicht, und dann gibt es noch das Drogentelefon.

Wer ruft da so an? Sind das auch Notfälle?

Gerade am Telefon sind es viele Pädagoginnen und Pädagogen oder auch Eltern. Nur etwa 25 Prozent sind User, die anrufen. Häufige Themen, mit denen sich User an uns wenden, sind rechtliche Angelegenheiten und Nachweiszeiten. Zum Beispiel ist jemand erwischt worden oder hat ein Vorstellungsgespräch und muss einen Drogentest machen, dann will er oder sie wissen, bis wann man den letzten Konsum nachweisen kann.

Kommt ihr auch in Kontakt mit unangenehmen Leuten wie Hools oder Nazis? Die nehmen ja auch Drogen. Und auf Partys gehen die auch.

Mit denen haben wir weniger zu tun. Gerade bei kleinen Party-Crews kommt das Publikum ja auch eher aus dem alternativen Milieu. Außerhalb von Leipzig ist es schon das eine oder an­dere Mal vorgekommen, dass es Sprüche gab oder dass wir nach unserem politischen Hintergrund befragt wurden, und da hörten wir dann auch schon mal Dinge wie: »Ich war früher mal Nazi und habe dann aber angefangen, Drogen zu nehmen, jetzt bin ich keiner mehr.«

Vielleicht trefft ihr solche Leute ja nicht, weil ihr nur auf bestimmten Partys anwesend seid?

Klar, wir gehen jetzt nicht auf Nazi-Konzerte mit unserem Infostand. Aber wir sind auch in großen Clubs, und auch da begegnen uns solche Leute selten bzw. outen die sich nicht, die politische Gesinnung kann man einem Menschen ja nicht immer ansehen.

Also du meinst, man kann auch in Ostdeutschland, zumindest in und um Leipzig, getrost ausgehen?

In Leipzig auf jeden Fall, insbesondere im Sommer lohnt sich ein Besuch der kleinen Open-Air-Partys, Atmosphäre nett bis kuschelig und gute Musik.