Berlin Beatet Bestes

Freddy Quinn bei den Arabern

Folge 41. Im Trödelladen.

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Den Hauptteil all meiner Singles kaufe ich in Trödelläden. Mein sportlicher Ehrgeiz geht immer dahin, eine Platte, die auf Ebay für 20 Euro angeboten und vielleicht auch verkauft wird, für 50 Cent zu finden. Das klappt auch meistens, nur dass ich eben nie weiß, welche Platte ich wann und wo finde. Es ist eine Geduldssache.
Natürlich bin ich mit dieser Einstellung nicht allein. Typen wie ich kommen ständig in die Trödelläden. Anders als ein Bäcker kann ein Trödelhändler oft nicht abschätzen, was seine Ware wert ist. Der Sammler kennt sich fast immer besser aus. In diesem unguten Spannungsverhältnis stehen sich Sammler und Trödelhändler also gegenüber.
Die Besitzerin des kleinen Trödelladens in meiner Straße guckt mich jedesmal mit einer Mischung aus angespannter Vorsicht und Resignation an, wenn ich ihr Geschäft betrete. Sie weiß, gleich wird sie betrogen. Ich kann zwar nichts dafür, dass sie die seltenen Platten immer in die 50-Cent-Kiste packt und die Platten der Beatles und von Elvis immer in die Kiste mit den teureren Platten, aber ich habe mich noch nie beschwert. Und ich habe auch noch nie gehandelt. Das wäre unverschämt. Die tollsten Platten habe ich in diesem Laden schon gefunden, direkt vor meiner Haustür.
Ganz anders sieht es eine Straße weiter aus. Dort wird flaniert, und ein Café reiht sich an das andere. Drei arabische Trödelläden wenden sich vor allem an die touristische Laufkundschaft. Gehandelt wird dort immer. Das liegt mir eigentlich, denn ich gehe in jeden Handel immer mit der Haltung, dass ich eigentlich keine einzige Platte mehr brauche.
Die Platten stehen da draußen in staubigen Pappkartons auf dem Boden und trotzen dem Wetter. Im Sommer habe ich dort ganze Vinylberge in der Sonne verglühen und bei Regen die Hüllen aufweichen und zusammenkleben sehen. Manche konnte ich kurz vorher noch retten. Allerdings blicken mich die Betreiber dieser Läden mit ganz anderen Augen an als die Trödelhändlerin in meiner Straße. Für sie bin ich der Idiot, der sich für Müll interessiert. Für diese Dummheit muss ich bestraft werden. Ich ziehe also wahllos eine Single aus dem Stapel und frage, so als wüsste ich das nicht: »Was kostet die?« Trotzdem trifft mich die Wucht der Antwort jedesmal wieder wie eine Faust: »Zehn Euro!« Da beginnt dann das zähe Verhandeln. Ich nehme zum Beispiel ein besonders ramponiertes Exemplar und weise freundlich auf dessen schlechten Zustand hin und merke an, dass andere Trödelläden billiger seien, frage nach einem Mengenrabatt, und so weiter. Meist kann ich dann den Preis auf zwei bis drei Euro pro Stück runter handeln.
Manchmal wird es aber richtig skurril. Ich halte eine komplett wertlose Platte von Freddy Quinn hoch. Ich frage: »Was kostet die?« Der junge Aushilfströdelverkäufer antwortet: »Zehn Euro.« »Das ist doch zu teuer.« » Das ist eine Schallplatte. Eine Rarität.« Ach ja. Ich wende mich um, um zu gehen, da winkt er mich zu sich. Er greift in eine Kiste und zieht wahllos fünf Singles heraus: » Hier, die fünf kriegst du für 30 Euro, aber sag’s nicht meinem Chef. Das gilt aber nur jetzt sofort!«