»Just Kids«, die Autobiografie von Patti Smith

Sie hasste die Suppe

Von wegen »Just Kids«. Patti Smith erzählt in der Autobiografie ihrer Jugend von der Freundschaft zu Robert Mapplethorpe
und davon, wen sie sonst noch alles im New York der Sechziger traf.

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Ich war noch ein Fohlen auf wackligen Beinen, aber er würdigte meine unbeholfenen Gehversuche in Richtung Songschreiben und ermutigte mich.« Er, das ist der Dylan-Intimus Bob Neuwirth, und das Fohlen, das hier erzählt, sollte ein halbes Jahrzehnt später tatsächlich die Welt, vielleicht nicht gerade die Welt des Songschreibens, aber doch die Welt der Songperformance verändern: Patti Smith. Auf bestimmte Alterskohorten im Kulturbetrieb ist Verlass. Wenn Patti Smith, die – bitte ankreuzen! – »Punk-Rock-Ikone«, die »Dichterin«, die »Rock-Poetin«, die »Ikone der Frauenbewegung«, die »Ausnahmekünstlerin«, die »drahtige Diseuse«, die »Rock-Schamanin« mit ihren gerademal dreieinhalb anhörbaren Alben eine Autobiografie ihrer frühen Zeit in New York veröffentlicht, ist das schon ein Feuilleton-Ereignis ersten Ranges. Da geraten geschätzt 60jährige Rock-Kritiker schon mal außer Rand und Band und werfen mit Superlativen um sich: »ein wunderbar lyrisch geschriebenes Buch« (Spiegel), »eine ergreifende Ode an die Subkultur« (FR), »das authentische Porträt einer revolutionären Ära« (ttt), »eine Poetin von ungeheurer Wucht« (FAZ), »außerordentlich anrührend« (NZZ), »ein faszinierendes, berührendes Erinnerungsbuch« (Nürnberger Nachrichten), »berührend« (Tagesspiegel), »hinreißend unsentimental« (Oberösterreichische Nachrichten). Na ja. War ja auch echt geil, dieser Rockpalast-Auftritt damals anno Stein, stoned, und dann: »I am an american artist, I have no guilt!«
Wenn man das Buch dann doch noch liest, relativiert sich dessen Gewicht etwas. Im Sommer 1967 geht die »Landmaus« (Smith über Smith) nach New York, wild entschlossen, eine Künstlerin (oder, noch romantischer: die Geliebte eines Künstlers) zu werden, was auch immer darunter konkret zu verstehen ist. Vielleicht so etwas: »Ich heftete Bilder von Rimbaud, Bob Dylan, Lotte Lenya, Piaf, Genet und John Lennon über ein provisorisches Pult.« Zufällig begegnet die junge Patti dem jungen Robert, der mit Nachnamen Mapplethorpe heißt und auch Künstler werden will. Die beiden werden ein Paar: »Wir hatten nicht viel Geld, aber wir waren glücklich.« Wie hat man sich das Boheme-Leben in New York vorzustellen? Man kann die Miete nicht zahlen. Man isst nicht so viel. Man fährt ins Umland, besucht Antiqua­riate, findet tolle Erstausgaben, deren Verkauf dann die nächste Miete deckt. Man redet über Kunst, Musik und Literatur und sucht nach ­einem eigenen Ausdruck. Es ist erstaunlich, ja penetrant, wie Patti Smith ihre Autobiografie mit Geschichte und Gegenwart verschränkt: »Mein Kind wurde am Jahrestag der Bombardierung von Guernica geboren.« – »Es war Freitag, der 21. Juli, und der Schmerz einer ganzen Generation überrollte mich völlig unerwartet. John Coltrane, der uns ›A Love Supreme‹ geschenkt hatte, war tot.« – »Die Vorpremiere von ›Femme Fatale‹ fand am 4. Mai statt, dem Tag, an dem die Studentinnen und Studenten in Ohio erschossen wurden. (…) Nun lag das Leichentuch der Kent State University über der ganzen Vorstellung, es wurde kein guter Abend.« – »Ich saß auf dem Fußboden, als Kris Kristofferson ihr ›Me and Bobby McGee‹ vorsang und Janis im Refrain mit einfiel.« – »Als wir den Boulevard Montparnasse entlangschlenderten, sah ich plötzlich eine Schlagzeile, die mich in tiefe Trauer stürzte: ›Jimi Hendrix est mort. 27 ans.‹ Ich verstand, was diese Worte bedeuteten.« – »Am Freitag, dem 13. Juli, veranstaltete ich auf dem Dach des Lofts, das der Undergroundfilmer Jack Smith in der Greene Street, Ecke Canal bewohnte, eine Lesung zu Ehren von Jim Morrison. Ich hatte sie auf eigene Faust organisiert, und alle waren gekommen, um mit mir gemeinsam Jim Mor­risons zu gedenken.« Nach und nach tauchen alle Promis auf, die man ohnehin mit der Szene der späten sechziger und frühen siebziger Jahre verbindet: Andy Warhol, Jim Morrison, Jimi Hendrix, The Rolling Stones, Sam Shepard, Todd Rundgren, Tom Verlaine, Lenny Kaye, Allen Ginsberg, Gregory Corso, Richard Hell, Harry Smith, Jimi Hendrix, William S. Burroughs und und und. Für Patti Smith ist es ein langer Weg der Auseinandersetzung mit sich selbst, der gern einmal im Abseits der Provinzialität mündet: »Ich empfand für Warhol nicht dasselbe wie Robert. Seine Arbeit war Abbild einer Kultur, mit der ich nichts zu tun haben wollte. Ich hasste die Suppe und hatte für die Dose nicht viel übrig. Mir war ein Künstler lieber, der seine Zeit umgestaltete, nicht bloß widerspiegelte.«
Aber so toll ist das zunächst nicht, was Patti Smith selbst auf die Beine stellt. Sie reist nach Paris, sucht nach Spuren der Piaf oder Baudelaires, guckt ›One Plus One‹ von Godard, der ihre Liebe zu den Stones aufleben lässt, erfährt dann aus der Zeitung vom Tod von Brian Jones, kolportiert eine Szene aus dem Hyde Park-Konzert, das sie nicht besucht hat – und beginnt dann, einen Gedichtzyklus auf Brian Jones zu verfassen. Na, super! Und sonst?
»Mein Schreibstil entwickelte sich weg von der formalen Strenge französischer Prosadichtung, hin zum kühnen Wagemut von Blaise Cendrars, Majakowski und Gregory Corso.« Und so geht das Buch dahin: Namedropping und Begegnungen mit interessanten Menschen, die aber allesamt seltsam konturlos bleiben. Mal bekommt sie einen Buchtipp, mal einen Job, mal einen Rat, mal ist sie einfach nur Ohrenzeugin. Bei Lou Reed hat sie lange nicht auf die Texte geachtet. Aha. Rimbaud ist toll. Okay. Immer wieder diese Selbstzweifel: Ist das vielleicht alles nichtig?
Irgendwann will Patti nicht mehr nur Künst­lerin werden, sondern Chronistin ihrer Zeit – so wie, äh, Neil Young. Und es dem Rock’n’Roll heimzahlen – aus Dankbarkeit, because her life was saved by Rock’n’Roll. Wenn nur das kleine Wörtchen »wie« nicht wär: wie Rimbaud, wie Dylan, wie Warhol, wie Jack Kerouac, wie Breton, Man Ray und Djuna Barnes, wie Brian Jones, wie der Wanderprediger in »Die Nacht des Jägers«. Und zwischendrin immer wieder Kurzbeschreibungen ihres zur jeweiligen Situation passenden Stylings: »Ich wählte meine Garderobe aus wie eine Statistin, die sich für einen französischen Nouvelle-Vague-Film zurechtmacht. Ich hatte ein paar Outfits, ein gestreiftes Fischerhemd, kombiniert mit einem roten Halstuch, wie Yves Montand in ›Lohn der Angst‹, dann einen Saint-Germain-Beat-Look mit grüner Caprihose und roten Ballettslippern oder meine Version von Audrey Hepburn in ›Ein süßer Fratz‹ mit ihrem langen schwarzen Pullover, schwarzen Caprihosen, weißen Socken und schwarzen Ballerinas.« Oder: »Ich wollte, dass er mich fotografierte wie beim Plattencover für ›Bring It All Back Home‹, auf dem Bob Dylan sich mit seinen Lieblingssachen umgeben hat. Ich arrangierte also meine Würfel, mein ›Sinners‹-Nummernschild, eine Platte von Kurt Weill und meine ›Blonde On Blonde‹ und zog einen schwarzen Slip à la Anna Magnani an.« Und so weiter und so weiter. Das Leben als Referenzhölle. Oje.

Patti Smith: Just Kids. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 304 Seiten, 19,90 Euro