Brandanschlag auf Synagoge in Worms

Beredtes Schweigen

Der Brandanschlag auf eine Synagoge in Worms hat nur spärliche Reaktionen ausgelöst.

Es ist schon bemerkenswert: Da wird auf eine Synagoge in einer deutschen Stadt ein Anschlag verübt, aber das Echo darauf bleibt überwiegend regional begrenzt. Unbekannte Täter hatten in der Nacht zum 17. Mai an acht Stellen des historischen jüdischen Gotteshauses in Worms Feuer gelegt und einen Brandsatz in das Gebäude zu werfen versucht. Nur die dilettantische Ausführung des Angriffs und eine aufmerksame Anwohnerin, die sofort die Feuerwehr rief, verhinderten, dass die in der Pogromnacht vom November 1938 völlig zerstörte und nach dem Krieg wieder aufgebaute Synagoge erneut ausbrannte. Doch jenseits der rheinland-pfälzischen Landesgrenzen fühlte sich kaum jemand bemüßigt, Stellung zu beziehen. Und diejenigen, die sich äußerten, kamen über das obligatorische Betroffenheitsvokabular zumeist nicht hinaus.
Ein Grund dafür könnte im Inhalt des Bekennerschreibens liegen, das die Polizei in achtfacher Ausfertigung am Tatort fand. In ungelenkem Deutsch hieß es darin: »Sobald ihr nicht den Palästinensern Ruhe gibt, geben wir euch keine Ruhe.« Wer mit »ihr« gemeint ist, ist dabei unschwer zu erraten. In der wahnhaften Logik von Antisemiten jeglicher Provenienz sind alle Juden, unabhängig von ihrem Wohnort, ihrer Staatsangehörigkeit und ihrer politischen Haltung, für die Politik des Staates Israel verantwortlich. Weniger eindeutig zu beantworten ist dagegen die Frage, wer sich hinter dem »wir« verbirgt. Als Täter dürften sowohl Neonazis als auch Islamisten in Betracht kommen.
Doch während die Ablehnung des neonazistischen Antisemitismus hierzulande inzwischen gesellschaftlicher Common Sense ist, tut man sich schwer damit, die Existenz eines islamisch motivierten Judenhasses auch nur zur Kenntnis zu nehmen. In der Politik und den Medien wird er zumeist als zwar fehlgeleitete, aber irgendwie verständliche Reaktion auf die israelische Politik bezeichnet. Selbst die von muslimischen Vereinigungen organisierten, unzweifelhaft antisemitischen und teilweise gewalttätigen Massenaufmärsche in zahlreichen deutschen Städten während der israelischen Militärschläge im Gaza-Streifen im vergangenen Jahr firmierten in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung fast ausnahmslos als »israelkritische« Antikriegsproteste.
Da ist es nur folgerichtig, zu einem möglichen islamischen Hintergrund des Anschlags auf die Wormser Synagoge entweder beredt zu schweigen oder ihn präventiv zu verharmlosen, wie es Christine Buchholz vom Vorstand der Partei »Die Linke« tat. »Es ist unverantwortlich, den politischen Konflikt im Nahen Osten zu einem religiösen Konflikt zu machen«, sagte sie. Buchholz vermied es also, den Brandanschlag als antisemitisch zu qualifizieren – was jede Attacke auf eine jüdische Einrichtung per se ist, unabhängig von Glaubensfragen –, und legte durch den Vorwurf der Verantwortungslosigkeit zudem nahe, dass israelische Institutionen durchaus legitime Angriffsziele sein könnten. Sie war übrigens eine der Abgeordneten der »Linken«, die dem israelischen Präsidenten Shimon Peres demon­strativ den Applaus für seine Rede vor dem Bundestag zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag verweigerten. Die Täter von Worms hätten nicht nur genauso gehandelt – sie haben die »Israelkritik« mit Gewalt auf die Spitze getrieben.

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