Mythos Freiheit
Die Berliner Humboldt-Universität (HU) beherbergt derzeit eine Ausstellung zur studentischen Geschichte der Stadt, die noch bis Oktober zu sehen ist. An ihr lässt sich erkennen, dass das vielleicht erfolgreichste Kapitel studentischer Organisation und Opposition in den 200 Jahren seit der ersten Universitätsgründung Berlins die Zeit von 1946 bis 1948 gewesen ist. In dieser Zeit des Kampfes gegen den Zugriff der sozialistischen Machthaber auf die Uni wurde nämlich die Gründung einer Gegen-Universität auf den Weg gebracht: Im Herbst 1948 nahm die Freie Universität in West-Berlin ihren Betrieb auf. Ihre Vorgeschichte ist – gerade angesichts ihres aus Imagezwecken ständig aufgewärmten Mythos – auch heute noch so interessant, wie ihr künftiges Schicksal lehrreich sein dürfte.
Streit um die Berliner Nachkriegsuniversität
Entgegen der Abmachung der Alliierten, die damalige Friedrich-Wilhelm-Universität solle vom Berliner Magistrat (dem heutigen Senat) verwaltet werden, unterstellte die sowjetische Militärregierung sie sofort nach Kriegsende ihrer eigenen Bildungsbehörde. Die Hauptgebäude der 1946 zunächst in »Wilhelm-von-Humboldt-Universität« umbenannten Hochschule lagen nämlich im sowjetisch verwalteten Teil der Stadt. In der gesamten Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) – also nicht nur in Berlin – sollte von Beginn an eine Art Kulturrevolution initiiert werden. Um eine neue Intelligenz heranzubilden, wurden strenge Regeln zur Entnazifizierung erlassen und die Uni in eine weisungsgebundene Dienststelle der sowjetischen Verwaltung verwandelt. Dabei war die östliche Besatzungsmacht sehr wohl auch in einem weiten Sinne demokratisch orientiert: Nicht nur wurde der Anteil an Frauen und an Studenten aus proletarischen oder bäuerlichen Familien stark erhöht. Auch die studentische Mitbestimmung wurde früh institutionalisiert.
Im Januar 1946 begann der Lehrbetrieb an sieben Fakultäten. Die Kriterien für die Studienzulassung waren explizit politisch, was angesichts der historischen Situation und der legitimatorischen Bedeutung des Antifaschismus nicht verwunderlich ist. Doch schon vom zweiten Semester an provozierte die Praxis der Auswahlkommission auch starke öffentliche Kritik – zu deutlich war der ideologische Charakter des Auswahlverfahrens. Dieser Streitpunkt brachte die studentische Vertretung in einen permanenten Konflikt mit der Zentralverwaltung für Volksbildung (ZV). Auch die Instrumentalisierung der Universität für SED-Propaganda sorgte für studentischen Protest. Doch obwohl die Behörde sofort mit Einschüchterungsversuchen antwortete und der studentischen Selbstverwaltung Kritik prinzipiell verbot, verlor die SED bei Lehrenden und Studierenden immer mehr an Rückhalt, wie sich auch an den Ergebnissen der inneruniversitären Wahlen ablesen ließ. Im März 1947 wurden daher drastische Maßnahmen ergriffen. In Berlin wurde die »Studentische Arbeitsgemeinschaft« (StAG), 1945 von den Machthabern für die Betreuung der Studenten initiiert, aufgelöst. Für die gesamte SBZ galt nun, dass Opposition gegen die Uni-Politik mit Exmatrikulation bestraft werden konnte. Etliche Studierende – in Berlin vor allem universitätspolitisch aktive CDU-Mitglieder – wurden (meist wegen erfundener Spionagedelikte) nicht-öffentlich zu langen Haftstrafen verurteilt.
Es hatte nicht dieser Eskalation bedurft, um einigen führenden Vertretern der StAG klarzumachen, dass eine unabhängige Zeitung für die studentische Opposition nötig war. Schon im Dezember 1946 hatten sie eine entsprechende Lizenz bei den West-Alliierten beantragt, die ihnen auch problemlos gewährt wurde, da sie als politisch verlässlich galten. Die erste Ausgabe von Colloquium erschien Anfang Mai 1947. Die Zeitung hatte von Beginn an einen pluralistischen Anspruch und war unter den Studenten schnell beliebt. Die immer drastischeren politischen Eingriffe erzeugten große Frustrationen bei den Studierenden, selbst unter SED-Mitgliedern. Auch viele Professoren hatten keine Lust mehr auf das intellektuelle Klima an der HU und räumten ihre Posten. Seit Januar 1948 schrieb Otto Hess, einer der Lizenznehmer für Colloquium, dort die Artikelserie »Wie lange noch? Kampf um die Universität«. Es war unter anderen ein Artikel aus dieser Reihe, der dazu führte, dass die ZV im April 1948 den beiden Lizenznehmern von Colloquium sowie einem weiteren Autor die Studienberechtigungen entzog, weil sie gegen die Universitätsleitung und die ZV polemisiert hätten.
Für einen großen Teil der Studierenden brachte dies das Fass zum Überlaufen, denn die drei Betroffenen waren als langjährige Aktivisten und Journalisten wohlbekannt und beliebt. So wurde eine Protestveranstaltung im zerbombten Hotel Esplanade einberufen, an der 2 000 Personen teilnahmen – eine vergleichsweise hohe Zahl, denn die HU hatte zu diesem Zeitpunkt nur ca. 6 000 Studierende. Hier wurden erstmals Forderungen nach einer neuen Universität im Westteil der Stadt vehement und unter Massenjubel vertreten. Die auch von westdeutscher Presse besuchte Veranstaltung, bei der Fernsehkameras zugegen waren, geriet zum Fanal. Die Stadtverordnetenversammlung nahm das Ansinnen positiv auf, ebenso die West-Berliner Presse, die ihre langjährige Kampagne gegen die sowjetische Politik verschärfte. Auch in der amerikanischen Besatzungsbehörde unterstützten Einzelne den Wunsch nach einer neuen Uni und einer engen Zusammenarbeit mit den Protestierenden. Führende oppositionelle Studenten hatten sich zwar schon seit Sommer 1946 regelmäßig privat mit verschiedenen amerikanischen Vertretern getroffen, doch waren ihre politischen Forderungen nicht auf viel Gegenliebe gestoßen, zumindest nicht auf offizielle.
Trotz (oder wegen) der allgemeinen politischen Entwicklung in jener Zeit – im März 1948 hatte die Sowjetunion den Alliierten Kontrollrat verlassen und die Abschnürung Berlins eingeleitet, im Juni verließ sie die Alliierte Kommandantur für Berlin – war die Position der amerikanischen Verantwortlichen zur Universitätspolitik immer noch unklar. Ihnen wurde von einer Initiative von Professoren und Politikern – wie dem Stadtrat und späteren Oberbürgermeister der Westsektoren Ernst Reuter – auf die Sprünge geholfen. Aus dieser Initiative erwuchs ein »Ausschuss für eine freie Universität«, der am 23. Juli 1948 ein Manifest an die Berliner Bevölkerung richtete. Die Proklamation hatte so großen Erfolg, dass sich der auf solch einen Moment wartende amerikanische Militärgouverneur Lucius Clay in der Lage sah, sie zu unterstützen. Am 20. August berichtete der Vorbereitungsausschuss, 3 000 Studierende und 250 Lehrende hätten ihren Wunsch nach Eintritt in die FU unterschrieben. Ende Oktober teilte der spätere Rektor Edwin Redslob mit, dass nun auch die französischen und britischen Behörden sowie sogar westdeutsche Universitäten, denen die Gründung einer Gegen-Uni zur HU eigentlich ein zu politischer Akt war, der die wissenschaftliche Reputation beschädige, dennoch helfen würden. Am 15. November eröffnete die philosophische Fakultät den Lehrbetrieb. Die FU wurde als Körperschaft des öffentlichen Rechts genehmigt, was ihr eine bemerkenswerte Unabhängigkeit vom Staat verlieh. Sowohl an der Zulassungsordnung als auch an der FU-Satzung arbeiteten federführend Studierende mit. »Es war das erste Mal, dass die studentische Beteiligung an der akademischen Selbstverwaltung in die Satzung einer deutschen Hochschule aufgenommen wurde« (Lönnendonker, S. 340). Die mit 2 140 Studierenden startende FU war in ihrem Beginn also tatsächlich eine Reform-Uni – und ihre Gründung gelang erstaunlich schnell.
Die politischen Akteure
Um diesen Gründungsprozess zu verstehen, sind die Akteure und die auf dem Spiel stehenden Interessen zu vergegenwärtigen. Seit es die FU gibt, wurde der Prozess ihrer Gründung auf zwei entgegengesetzte Weisen interpretiert: Während im sozialistischen Herrschaftsbereich von einer politischen Kampf-Universität im Dienst des kapitalistischen Imperialismus gesprochen wurde, stand in den kapitalistischen Gefilden (nicht zuletzt im FU-Präsidialamt) eher die Berufung auf die akademische Freiheitsliebe im Vordergrund, die nach einem beharrlichen Kampf gegen Unwissenschaftlichkeit und Unterdrückung zu einer ungegängelten Universität geführt habe. Beide Interpretationen haben einen richtigen Kern, sind in ihrer Einseitigkeit aber falsch.
Akteure des Gründungsprozesses waren Protagonisten der Studierendenschaft, der amerikanischen Besatzungsbehörden und der Berliner SPD. Ein ebenfalls einflussreicher Förderer, der hier aber keiner detaillierten Würdigung bedarf, war die antisozialistische Presse West-Berlins. Allen voran die auch heute noch der FU eng verbundene Tageszeitung Tagesspiegel schlug in puncto HU sehr kämpferische Töne an, kritisierte die stillhaltenden HU-Professoren und druckte auch Artikel von Mitgliedern der studentischen Opposition. Eine wichtige Rolle in der universitätspolitischen Auseinandersetzung spielte notwendigerweise die SPD, denn sie war in Berlin inner- wie außerhalb der Uni die Partei mit den besten Wahlergebnissen. Sie war im Kampf gegen die HU-Indoktrination in doppelter Hinsicht wichtig: Einerseits stellte sie viele der oppositionellen Studenten, andererseits arbeiteten auch andere SPD-Leute frühzeitig im Dienste der Idee einer neuen Universität: »Im Herbst 1947 unterstützte die Berliner SPD Pläne ihrer Studentengruppe an der Berliner Uni, die Technische Universität in Berlin-Charlottenburg in eine Volluniversität umzuwandeln. Im Januar überreichte sie den Briten ein Exposé zu diesem Thema, stieß jedoch damit auf wenig Gegenliebe« (Lönnendonker, S. 288). Dieses Exposé enthielt sogar schon eine Vorstellung, die später viele andere deutsche Akteure erstaunte, die die FU-Gründung vorbereiteten: nämlich dass die neue Universität öffentlich-rechtlich sein und sich sowohl von den NS-Universitäten, von den politischen Universitäten der Sowjetmacht wie auch von der althergebrachten Ordinarienuniversität unterscheiden solle. Die britische Militärregierung vertrat zwar die Ansicht, der politische Konflikt an der HU könne sich bald wieder legen. Als er aber im Gegenteil eskalierte und eine neue Uni als Gebot der Stunde erschien, dürfte das SPD-Papier eine Basis für weitere Schritte gewesen sein.
Eine zentrale Figur sowohl innerhalb der Berliner SPD als auch beim FU-Gründungsprozess war der spätere Oberbürgermeister Ernst Reuter, der im Gegensatz vor allem zur SPD-Bundesführung früh auf Anschluss an die West-Alliierten bedacht war. Das heißt nicht unbedingt, dass die SPD und Reuter die Gründung einer neuen Universität rein instrumentell betrachteten. Doch gegen harte politische Interessen lässt sich letztlich gar nichts durchsetzen, weshalb das frühzeitige Bestreben nach Anschluss West-Berlins an die Westzonen (noch vor der doppelten Währungsreform und der Berlin-Blockade) zur FU-Geschichte unmittelbar dazugehört. Es liegt sogar die Vermutung nahe, dass der schnelle Gründungsprozess der FU im Zusammenhang mit gezielten propagandistischen Interventionen stand. Bei der Protestveranstaltung im Esplanade sprach nämlich außer den drei exmatrikulierten Studierenden auch der Vorsitzende der Berliner CDU, Kurt Landsberg, ebenfalls Professor. Er stellte für eine neue Universität Mittel in Aussicht, die der Stadt überhaupt nicht zur Verfügung standen, betrieb also reine Propaganda – die aber auf die versammelten Studenten durchaus Wirkung zeigte. Natürlich lässt sich kaum bestreiten, dass SPD und CDU früher oder später einer von sozialistischer Beeinflussung freien Uni ohnehin zugestimmt hätten, wichtig ist aber die Analyse des konkreten historischen Prozesses, der in einer bestimmten Konstellation um 1948 im Verlauf weniger Monate zur konkreten FU geführt hat. Schließlich wäre es auch denkbar gewesen, dass die Exmatrikulation dreier Studierender gar kein Aufsehen erregt hätte – umso mehr, als ja in den Jahren davor etliche Studierende in und außerhalb Berlins wegen ihrer hochschulpolitischen Tätigkeit zu langen Haftstrafen verurteilt worden waren.
Im Umfeld der amerikanischen Besatzungsbehörden wurden schon vor den Exmatrikulationen und der Protestveranstaltung im Hotel Esplanade Pläne zu einer neuen Universität gemacht. Erste Überlegungen zu einer pädagogischen Fakultät sowie zu einer Forschungshochschule nach amerikanischem Vorbild, die die weitgehend intakten und berühmten Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin-Dahlem als Grundlage haben sollte, gab es bereits 1946. Die jahrelange Vorarbeit zu dieser Forschungshochschule – die im Frühjahr 1948 kurz vor der Vollendung stand und übrigens auch von der sowjetischen ZV akzeptiert wurde – war der Grund für die Zurückhaltung, als im Herbst 1947 die amerikanischen und britischen Militärbehörden von Vertretern des öffentlichen Lebens gefragt wurden, was sie von der Gründung einer neuen Universität im Westteil der Stadt hielten. Immerhin hatte die amerikanische Militärregierung mit versuchten Hochschulgründungen in München und Bremen bereits zuvor schlechte Erfahrungen gemacht. Doch hinter den Kulissen gab es durchaus bald erste Initiativen in diese Richtung. Eine Zeitungsreportage vom September 1947 über das angeblich schlechte Niveau der HU veranlasste John Sala, Chef der amerikanischen Hochschulbehörde Berlins, zu Plänen für eine Neugründung. Die dafür nötigen Professoren sollten aus Westdeutschland, von der projektierten Forschungshochschule sowie aus Kooperationen mit der TU kommen. Im Januar 1948 teilte Sala in einer internen Sitzung mit, er sei von einem Vorgesetzten aufgefordert worden, sich nach geeigneten Gebäuden für eine neue Uni umzusehen. Im März legte er eine umfassende Planung vor, während der Stab der amerikanischen Bildungsbehörde an einer Universitätsverfassung arbeitete. Eine weitere konkretisierende Skizze von John Sala stammt vom 13. April 1948 – noch drei Tage vor der folgenreichen Exmatrikulation der drei studentischen Aktivisten.
Als die studentischen Forderungen nach akademischer Freiheit immer lauter wurden, lagen Pläne also schon sowohl bei britischen (bezüglich der im britischen Sektor liegenden TU) als auch bei amerikanischen Stellen vor. Allerdings gab es innerhalb der amerikanischen Behörden immer auch kritische Stimmen, und zwar vor allem, was den Zeitpunkt der Gründung betraf. Ende Mai 1948 noch wurde angemerkt, bis auf die Initiative zur Trennung von der HU sei das ganze Projekt eines der US-Militärregierung, was für die Zukunft hohe Kosten bedeute. Geld für eine solche Gründung sei aber nirgendwo vorgesehen, weshalb sie einen »politischen Akt der Militärregierung« darstelle. Das nötige Startkapital für die FU besorgte dann der amerikanische Militärgouverneur Lucius Clay, indem er 20 Millionen Reichsmark beiseite schaffte, die als Behördengeld der Währungsreform zum Opfer gefallen wären, so aber über einen deutschen Treuhänder immerhin zu zwei Millionen DM wurden. Das Geld stammte aus den deutschlandweiten Gewinnen von Presseerzeugnissen, die unter amerikanischer Lizenz erschienen. Diese Quelle wurde im folgenden Jahr ein weiteres Mal angezapft, während von amerikanischen Stellen selbst nur 28 000 DM für Bücherkäufe kamen. Die bis zum Herbst 1948 spürbaren Widerstände innerhalb der US-Behörden gegen eine Uni-Neugründung wurden vor allem von einem amerikanischen Journalisten konterkariert, der sich, nachdem er sich bei der erwähnten Großkundgebung für die studentischen Forderungen begeistert hatte, bei der US-Behörde gemeldet hatte, um die Idee einer neuen Uni voranzutreiben, und nicht nur umgehend eine die diesbezüglichen Möglichkeiten prüfende Kommission leiten durfte, sondern in jenen Monaten wohl auch den entscheidenden Einfluss auf General Clay ausübte.
Politische Passivität
Ein ausgeprägtes Interesse an politischer Tätigkeit war Lönnendonker zufolge unter den Studierenden in ganz Deutschland nach dem Krieg noch kaum vorhanden. Eher habe es eine allgemeine Form von Bildungshunger gegeben. So wurden, wie der damalige Student Georg Kotowski später berichtete, an der Berliner Universität die weltanschaulichen Kurse zuerst gut angenommen, auch der Marxismus, und erst angesichts seiner Instrumentalisierung im Sinne politischer Indoktrination immer weniger besucht. Die Masse der Studierenden wies solche politischen Vereinnahmungen zurück, was sich auch darin widerspiegelt, dass bei den Wahlen zum Studentenrat, die es ab 1947 gab, stets eine deutliche Mehrheit Parteiungebundene wählte, obwohl die SPD nicht nur in der Stadtpolitik die mit Abstand stärkste Partei war, sondern auch von Beginn an relativ prominente, politisch aktive Studenten stellte. Die wenigen politisch interessierten, bei der Gründung der FU aktiven Studenten kamen meist aus Gefangenenlagern und waren zwischen 25 und 35 Jahre alt (vgl. Lönnendonker, S. 179). Das trifft auch auf die drei exmatrikulierten Journalisten zu, die alle in verschiedener Weise Nazi-Opfer waren und von denen zwei schon mindestens 30 Jahre alt waren. Zudem waren sie Parteimitglieder (SPD bzw. CDU) und verdienten mit Journalismus – unter anderem zu hochschulpolitischen Themen – ihr Geld. Sie waren zu der hier behandelten Zeit mehr mit Politik als mit dem Studium beschäftigt, wodurch sie im studentischen Milieu eine besondere Position inne hatten. Zu den politischen und biografischen Hintergründen anderer führender Köpfe der studentischen Opposition finden sich in den umfangreichen Werken zum Thema kaum Informationen. Doch zeigen schon die Fälle der drei Erwähnten, dass Einzelne, die nicht repräsentativ für die Studierendenschaft waren, entscheidende Rollen in der Vorgeschichte der FU spielten. Ohne sie hätte der studentische Protest nicht die für eine Uni-Gründung nötige Kraft entwickelt, denn in der Masse herrschte eine vage Ablehnung politischer Vereinnahmung vor, die eine grundlegende Politisierung verhinderte.
Interessant ist, wie sich der studentische Diskurs um eine neue Universität entwickelte. Im April 1948 tobte der Streit um die drei Exmatrikulationen, und es wurde vielfach, wie in den Jahren zuvor, die Unterstellung der HU unter den Berliner Magistrat gefordert. Lönnendonker hält es für erstaunlich, »dass bisher – auch im Colloquium – keine öffentliche Forderung nach einer neuen ›Freien Universität‹ im Westen der Stadt seitens der Studenten erhoben wurde« (S. 234). Nur Einzelne, die nicht zum Studium zugelassen worden waren, hätten das in den Berichten ihrer Ablehnung an die amerikanischen Behörden vorgeschlagen. Das ist so nicht ganz korrekt, denn die Forderung, die HU der sowjetischen Behörde zu entreißen, war schon oft mit dem Zusatz verknüpft gewesen, falls das nicht möglich sei, werde eine neue Uni benötigt. Lönnendonker selbst erwähnt einen Fall von November 1947, als die SPD-Hochschulgruppe in Hinblick auf diese Alternative gegen die Ablehnung von sechs Studienbewerbern von der SPD protestierte. Otto Hess, einer der später geschassten Journalisten und SPD-Mitglied, distanzierte sich damals sofort öffentlich davon und bat die SPD, die Meldung zurückzunehmen. Im Dezember schrieb er einen von Kosmopolitismus getragenen Colloquium-Artikel, der von einer »Internationalen Universität« in Berlin im Dienste des »Weltbürgertums« handelt. Daher ist der Hinweis triftig, dass die Forderung nach einer neuen Universität nicht die Voraussetzung der Esplanade-Kundgebung war, sondern deren Konsequenz – umso mehr, als nach der Schilderung Bernd Rabehls, dessen Darstellung bei aller politischen Fragwürdigkeit historisch sehr informativ ist, das unsichere Auftreten der drei exmatrikulierten Redner eher davon zeugte, dass sie sich erstmalig öffentlich auf dieses konkrete Ansinnen beriefen (Rabehl, S. 100f.). Ihre gemeinsam verfasste, im Tagesspiegel abgedruckte Erklärung zu ihrem Rausschmiss – eine Generalabrechnung mit der »totalitären Strategie und Taktik« der Ost-Berliner Macht – beschränkt sich ebenfalls noch auf die Forderung nach Unterstellung der HU unter den Magistrat.
Nun in aller (gesamtdeutschen) Öffentlichkeit eine neue Uni zu fordern, war demgegenüber ein weitreichender Schritt. Zwar war es in studentischen Kreisen kein Geheimnis, dass die britische Militärverwaltung mit einer Gruppe von SPD-Funktionären Gespräche über eine Erweiterung der Technischen Universität in Charlottenburg zu einer »Volluniversität« führte, und notfalls hätte die studentische Opposition sich auch für diese Variante entschieden, obwohl die TU noch zerstört war und keinen Neuanfang versprach (Tent, S. 105 und 115). Doch da die vielen Gespräche mit amerikanischen Funktionären im Lauf der Jahre einen besseren Eindruck gemacht hatten, wählten die Protestierenden diese Option – angeblich, ohne sicher zu wissen, dass amerikanische Stellen bereits Pläne für eine neue Universität hatten und auf eine solche Initiative sogar warteten. Ohne diese Voraussetzung wäre es der studentischen Opposition womöglich wie vielen der Studierenden ergangen, die für Jahre in Strafanstalten der SBZ verschwanden.
Universitäre und gesellschaftliche Freiheit
Trotz der politisch-strategischen Motivationen der FU-Gründung und der Involviertheit verschiedener Akteure war die neue Universität zu ihrem Beginn durch eine studentische Bewegung geprägt, deren Intentionen über die Ziele, die politische Machthaber, Parteien und Geldgeber bei derartigen Gründungen stets verfolgen, hinausgingen. Dadurch unterschied sich die FU durchaus von anderen Neugründungen der Besatzungsmächte, wie beispielsweise in Mainz, Saarbrücken und Bremen. Interessant ist es nun, zu untersuchen, in welchen Punkten die neue Uni sich prinzipiell gar nicht so sehr von anderen Unis, insbesondere nicht von der so verschmähten HU, unterschied; inwieweit sie – bewusst oder unbewusst – ebenfalls Ausdruck der politischen Machtkonstellation war; und inwieweit sich das überhaupt vermeiden lässt.
Die immer rigider werdenden politischen Kriterien in den HU-Zulassungsverfahren wurden in Presse und Studierendenschaft bald stark kritisiert. Hierbei ist es interessant zu wissen, dass, dem damaligen Studenten Kotowski zufolge, nach dem Krieg in ganz Deutschland die politische Einstellung ein Kriterium für eine Studienzulassung war. Die FU war möglicherweise die erste Universität, die mit solchen Ausschlusskriterien zumindest nominell Schluss machte. Dennoch gehörte es nach Angaben des Historikers James F. Tent »zu den ungeschriebenen Regeln der geteilten Stadt, dass SED-Anhänger nicht in Dahlem (also an der FU; R.H.) studierten« (S. 162). Außerdem wurden nun nicht mehr, wie noch an der HU, ehemalige Wehrmachtoffiziere von einem bestimmten Dienstgrad an vom Studium ausgeschlossen, vielmehr wurden schon im ersten Semester (später dann ohnehin) einige Professoren berufen, die NSDAP-Mitglieder gewesen waren. Generell herrschte die Einstellung vor, der im sowjetischen Herrschaftsbereich vom Studium ausgeschlossenen Klientel in jedem Fall den Vorzug zu geben. Dieser Praxis zum Trotz lässt sich die Universitätspolitik der FU jedoch nicht auf ihre ideologische Eingebundenheit in den kapitalistischen Westen reduzieren. Vielmehr war die FU-Gründung nicht von allen an ihr Beteiligten als strategischer Akt im Konflikt der Gesellschaftssysteme gedacht gewesen. Ohnehin waren die politischen Grenzziehungen seinerzeit noch weniger klar, als heute oft angenommen wird – sprach sich doch selbst die SPD damals für »Sozialismus« aus, und Angehörige der TU-Studierendenvertretung, die der HU-Opposition beigestanden hatte, suchten noch im März 1949 zwei Mal den Austausch mit einem SED-Professor bzw. -Hochschulredakteur. Der AStA der FU kritisierte dies jeweils scharf, wodurch er sich zumindest im zweiten Fall isolierte.
Andererseits waren gerade die Studierenden, die in der Gründungsphase eine wichtige Rolle gespielt hatten, grundsätzlich wenig politisiert. Dies erklärt viele der Kompromisse, die sie oft sehr schnell eingegangen sind, etwa hinsichtlich eines Veto-Rechts von Studierenden bei Berufungen. Gemessen an dem idealistischen Gerede von Demokratie und Freiheit, das die FU-Gründung begleitet hatte, war die folgende tatsächliche Entwicklung der Universität bald desillusionierend. Sowohl hinsichtlich ihrer personellen Zusammensetzung als auch ihrer internen Organisationsform wurde die FU von »den insgesamt restaurativen Tendenzen der fünfziger Jahre« erfasst (so der damalige FU-Präsident Lämmert, zit. n. Lönnendonker/Fichter, S. VII). Bereits von 1950 an verringerte sich deutlich der Einfluss der studentischen Vertretungen in den universitären Gremien. Die weitere fatale politische Entwicklung der FU ist hier nicht das Thema, doch wird jetzt schon sichtbar, dass das reformerische Projekt recht schnell aufgegeben wurde – wenn es denn überhaupt je wirklich in Gang gekommen ist. Für Lönnendonker war die FU kein Neubeginn, da es keinerlei inhaltliche Diskussionen über deren politische Ausrichtung gegeben habe. Tatsächlich wurde die FU nicht nur von vielen Funktionären in Parteien und im Besatzungsapparat, sondern auch von zahlreichen Mitgliedern der Professorenschaft als politische Kampf-Institution angesehen.
Diese politische Indienstnahme machten sich die Studierenden jedoch vorerst nicht wirklich klar. Sie begnügten sich mit kurzfristigen, eher pragmatischen universitätspolitischen Interventionen, sofern sie überhaupt politisch aktiv waren. Eine Bemerkung James F. Tents hinsichtlich der schnell in die Kritik geratenen weltanschaulichen HU-Vorlesungen zielt auf genau diesen Sachverhalt: »Man muss fairerweise sagen, dass die Einführung eines Studium Generale nach dem Krieg in allen Zonen des besetzten Deutschlands beabsichtigt war. In fast allen Fällen, wo solche Programme eingerichtet wurden, provozierten sie den Unwillen der Studenten. Jahre später stießen ähnliche Bemühungen an der FU, durch Pflichtkurse das politische und soziale Bewusstsein der Studenten zu schärfen, auf breite negative Resonanz« (S. 72). Doch auch von den vormals Aktiven kamen bald keine Initiativen mehr, die studentische Gründergeneration verschwand in Parteipolitik oder anderen Karrierefeldern. Schon am 19. Februar 1949 beschrieb der FU-Student Walter Rosinski in einem Tagesspiegel-Artikel das Problem. Es sei eine »Tatsache, dass der Berliner Freiheitskampf nicht den Widerhall bei uns Studenten gefunden hat, den man hätte erwarten sollen. (…) Die meisten Studenten machen einen großen Bogen um die ›Politik‹. Das Schreckgespenst der ›politisierten Wissenschaften‹ geistert umher, und die meisten Studenten vergessen die Lehre der jüngsten Vergangenheit: Gerade eine ›unpolitische Wissenschaft‹ kann den Einbruch der Parteipolitik nicht verhindern. (…) Zwar ist die Freie Universität zu einem beträchtlichen Teil eine Schöpfung der Berliner Studenten, aber nicht das Werk aller Berliner Studenten. Dazu gehört nämlich mehr als Fragebogen verteilen, Bänke tragen und Bücher schleppen. (…) Die Kluft, die Jahrhunderte lang in Deutschland Kultur und Politik trennte, muss geschlossen werden« (zit. n. Lönnendonker/Fichter, S. 60).
1967 steuerte der FU-Professor und Gründungsstudent Klaus Heinrich zu dieser Debatte eine bekannt gewordene Reflexion unter dem Titel »Erinnerungen an das Problem einer freien Universität« bei. Heinrich behauptet darin rückblickend, dass man sich bereits im Zuge der Gründungsinitiative das zu Erreichende nie klar genug gemacht habe. Die gewünschte Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden sei eine leicht zu missbrauchende Illusion geworden: »Es war eine Illusion, inhaltlos realisieren zu wollen, was uns vorgeschwebt hat, als wir unsere Universität die Freie nannten«. Um die Berliner Systemkonfrontation nicht anzuheizen, sei die FU bald »sachlich« geworden. Aber diese Sachlichkeit »war entstanden auf dem Boden einer Indifferenz, die sich durch nichts erschüttern lassen will, und übertrug deren Standpunkt auf Forschung und Lehre. (…) In der Atmosphäre dieser Sachlichkeit ersticken unsere Universitäten.« Heinrich diagnostiziert hier eine allgemeine Tendenz: Die »richtungslose Sachlichkeit« konterkariere die Geschichte der »europäischen Wissenschaft«, deren »unser Leben verändernde Erfolge« eine »Selbstbefreiung des Menschen« bewirkt hätten. Diese immer noch aktuelle Reflexion zeigt, dass »Freiheit« ein zu unspezifischer und somit immer schon instrumentalisierbarer Kampfbegriff ist. Es reicht nicht aus, eine Universität, nur weil sie von bestimmten unerwünschten Praktiken oder Ideologien frei sein soll, »Freie Universität« zu nennen. Evident wird dies daran, dass bald auch Studierende an die FU kamen, die sich aufgrund ihrer Ablehnung des an der HU herrschenden Gedankenguts als Demokraten fühlten, von ihren Kommilitonen jedoch selbst als Feinde der Demokratie oder gar als »Faschisten« eingeschätzt wurden. Spätestens heute wird klar, dass der Rekurs auf eine begrifflich unbestimmte Freiheit – die als solche, rein abstrakte Freiheit wohl zu den fundamentalen Mythen der sogenannten europäischen Moderne gerechnet werden kann – zu einem politischen System gehört, das zwar gewisse formelle Freiheiten garantiert, in dem aber eben jene pluralistischen Beschwörungen verdecken, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt weiterhin hauptsächlich von Marktmechanismen und von sozialem Zwang gewährleistet wird. In einem solchen Zwangszusammenhang erschöpft sich die garantierte »Freiheit« tendenziell im Streben nach freier Verfügungsgewalt über andere Menschen. Wer, gerade im konkreten Kampf um die Befreiung einer bestimmten Institution, ohne tiefere Reflexion nur »Freiheit« als Leitwert vorgibt, tappt in die Falle eines Systems, das gerade durch die Verbreitung dieses Schlagworts Ausbeutung und politische Herrschaft legitimiert.
Spätestens heute finden sich die Universitäten in Zwangsmechanismen wieder, an die in den Jahren der Gründungsphase, in denen idealistisch die Freiheit der Universität beschworen wurde, kaum gedacht worden war: die restlose Instrumentalisierung der universitären Wissenschaften, ihre Subsumption unter den Primat kapitalistischer Verwertbarkeit. Die FU ist mittlerweile ein gutes Beispiel dafür, wie der blinde Vollzug dieser Tendenz mit der weiteren Beschwörung des Freiheits-Mythos einherzugehen vermag. Dabei kann bezweifelt werden, dass die politischen Führungsfiguren der damaligen (und seither auch von vielen späteren FU-Präsidien als Vorkämpfer für die Freiheit vereinnahmten) studentischen Opposition die heutige FU gutheißen würden, ging es zumindest einigen von ihnen doch gerade um eine Universität, die gegen die herrschende politische und soziale Ordnung errichtet werden sollte. Das war aber noch nicht einmal zu den Zeiten der berühmt-berüchtigten Idealisten Humboldt oder Schleiermacher möglich. Heute, mehr als 40 Jahre nachdem Klaus Heinrich das Ergebnis der Bemühungen um eine freie Universität, nämlich die mächtig gewachsene FU Mitte der 1960er, sogar als »totale Institution« bezeichnete, wissen wir, dass diese Diagnose auch die Tendenz der politischen Ordnung selbst widerspiegelt; dass der Staat und seine zivilgesellschaftlichen Handlanger eine erklärte Gegeninstitution nicht zulassen können. Die Vorgeschichte und Entwicklung der FU enthält viel Anschauungsmaterial für die Tatsache, dass gesellschaftliche Freiheiten und ihre Bedeutung für den Begriff der Universität nicht sinnvoll bestimmt werden können, solange in diesen Begriffen keine Idee einer Organisation von Gesellschaft mitgedacht wird, in der eine emphatisch freie Universität ihren sinnvollen Platz finden könnte.
Quellen:
Heinrich, Klaus: Erinnerungen an das Problem einer freien Universität, in: »Das Argument« 43 (1967), S. 92–102
Lönnendonker, Siegward: Freie Universität Berlin. Gründung einer politischen Universität, Berlin 1988
Siegward Lönnendonker/Tilman Fichter: FU-Dokumentation Hochschule im Umbruch. Teil 1: Gegengründung wozu? (1945–1949), Neuausgabe, Presse- und Informationsstelle der FU Berlin 1978
Rabehl, Bernd: Der Kampf um eine »Freie Universität« im westlichen Berlin, in: Am Ende der Utopie, Berlin 1988, S. 11–108
Tent, James F.: Freie Universität Berlin 1948–1988. Eine deutsche Hochschule im Zeitgeschehen, Berlin 1988