Nobuyoshi Araki »Silent Wishes« in den Hamburger Deichtorhallen

Stillleben Frau

Die Deichtorhallen Hamburg zeigen Aufnahmen des durch seine Bondage-Bilder berühmt gewordenen japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki.

In den Hamburger Deichtorhallen werden derzeit unter dem Titel »Silent Wishes« Bilder des japanischen Fotografen Nobu­yoshi Araki gezeigt. Dem 1940 in Tokio geborenen Araki gelang zu Beginn der neunziger Jahre mit einer Serie von Aufnahmen halbnackter gefesselter Frauen der internationale Durchbruch. In der Ausstellung sind neben den beiden Serien »My Wife Yoko« und »Winter Journey«, in deren Mittelpunkt Leben und Sterben seiner Ehefrau stehen, auch Bilder zum Thema Bondage zu sehen. Seine Fotografien waren zu Beginn der neunziger Jahre häufig Gegenstand heftiger Kontroversen.
Vor allem in Europa und den USA hagelte es Vorwürfe, Araki produziere keine Kunst, sondern pornografisches Material, und degradiere die abgelichteten Frauen zu bloßen Wunschbildern seiner männlichen heterosexistischen Vorstellung. Die feministische Kritik an seinen Arbeiten ist inzwischen verstummt. In einem Interview, das er vor zwei Jahren der Welt gab, antwortete er auf die Frage, ob »es Unterschiede in den Kulturen« im Umgang mit seiner Kunst gebe, mit einer Anekdote: »Einmal kam Susan Sontag auf mich zu, verärgert, weil meine Arbeit Frauen erniedrigen würde. Ich konnte nichts erwidern. Sie war schon weg, bevor ich reden konnte.« Tatsächlich hält Nobuyoshi Araki die feministische Kritik an seinen Fotografien für ein großes Missverständnis, dessen Ursache er in kulturellen Differenzen sieht. Ähnlich wie Helmut Newton, der von sich behauptet hatte, Feminist zu sein, besteht Araki darauf, die Frauen zu verehren. Während in Newtons Bildern Frauen jedoch immerhin eine sexuelle Machtposition zugestanden wird, sind die Frauen in Arakis Bildern stets die Opfer. Sie wirken entrückt und scheinen zu einem Stilleben erstarrt zu sein. Den pornografisch konnotierten Begriff »Bondage« sucht Araki zu vermeiden. Ein absurder Versuch der Entsexualisierung und Vergeistigung seiner Fotos: Statt von »Bondage« zieht er es vor, von »Kinbaku«, einer traditionellen japanischen Knotenkunst, zu sprechen. Araki erläutert sein Interesse an der Fotografie von der Decke baumelnder oder mit Hundeleinen angebundener Frauen folgendermaßen: Die Praxis des »Kinbaku« sei, so sagt er in einem Interview mit der Welt, »eine traditionelle Kunstform in Japan, die Elemente aus der Kunst der Verpackung mit der des Blumensteckens vereint«. Er könne »den Körper einer Frau fesseln, aber nicht ihren Geist. Das Fesseln wird zur Umarmung.« In der Angst, die hier zum Fetischismus wird, liegt der Wunsch nach der Stillstellung der weiblichen Körper begründet – womöglich Arakis »Silent Wish«?
Warum sollten nicht auch paranoide Momente innerhalb einer alten Kultur über eine lange Tradition verfügen? Indem Araki hier diesen traditionalistisch-esoterisch verbrämten Zusammenhang geltend macht, setzt er auf die kulturrelativistische Karte: Das Fotografierte verschwindet so in einer der Vernunft gänzlich unzugänglichen Sphäre und wird jeder Kritik unzugänglich. Selbst wenn sie ihn hätte antworten lassen, so wird suggeriert, wäre Susan Sontag als Vertreterin der westlichen Welt das Wahre, Gute und Schöne der fernöstlichen Schleifen- und Taubinderei notwendigerweise verschlossen geblieben.
Das bereits in der Bondage-Fotografie zum Ausdruck kommende ambivalente Verhältnis des Fotografen zum »Objekt« sowie sein Wunsch nach der Stillstellung des weiblichen Körpers finden sich auch in den frühen, in der Hamburger Ausstellung gezeigten Arbeiten Arakis. Die zwischen 1968 und 1976 entstandene Serie »My Wife Yoko« zeigt seine 1990 an Krebs verstorbene Frau Yoko Aoki. Die Reihe umfasst sehr unterschiedliche Genres und Sujets. Neben Reise-, Porträtfotografien und Schnappschüssen gibt es Aktfografien. Man sieht Yoko im Studio in traditioneller japanischer Kleidung, beim Einkaufen auf der Straße, im Zug und in der U-Bahn, am Tisch im Restaurant, zu Hause beim Stricken, beim Zeitunglesen oder mit einer Kochschürze bekleidet in der Küche. Meistens aber liegt sie halb oder ganz ausgezogen auf dem Bett. Auffällig ist das Verhältnis zwischen Model und Fotograf. Yoko wirkt zumeist vollkommen unbeteiligt. Man gewinnt den Eindruck, als habe sie mit der Situation, in der sie abgelichtet wird, überhaupt nichts zu tun. Dabei wirken die Bilder nicht einmal aufwendig arrangiert. Es ist, als würde Araki gar nicht seine Frau porträtieren oder ihre Geschichte erzählen wollen, sondern die seines eigenen Blickes. Es gibt kaum Spuren einer Interaktion zwischen Fotograf und Model, wie man sie zum Beispiel in den verspielten Bildern der Fotografin Ellen von Unwerth oder in den aggressiven Inszenierungen von Terry Richardson findet.
Die letzte Fotografie seiner Frau findet sich in der Serie »Winter Journey«. In dieser Reihe zeigt er sie während ihrer letzten Lebensmonate, im Krankenhaus und schließlich im Sarg liegend. Diese letzte Aufnahme irritiert: Für Araki bedeutet die Fesselung, das Leben stillzustellen, es anzuhalten. In diesem Sinne wäre dieses letzte Bild ein perfektes.

Nobuyoshi Araki: Silent Wishes. Deichtorhallen Hamburg. Bis 29. August

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