Eine Studie über die Darstellung von Homosexualität in der Bravo

Schwule zum Arzt

Homosexualität wurde ab Mitte der sechziger Jahre zum Thema in der Bravo: als krankhafte Abweichung. Erst in den Achtzigern wurde Schwulsein akzeptiert und Jimmy Somerville zu einer wichtigen Galionsfigur der Bewegung. Eine Studie zum Umgang
des Blattes mit dem Thema Homosexualität hat rund tausend Beiträge aus fünfzig Jahren untersucht.

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Als es noch kein Internet gab und es auch noch nicht so leicht war, als Jugendlicher an Pornohefte zu kommen, war Bravo so ziemlich das Freizügigste, was man sich in diesem Land erträumen konnte. Mit Nacktfotos, Verhütungsratgebern und der offenen Thematisierung von Onanie und Petting hat Bravo mindestens drei Generationen aufgeklärt und damit Aufgaben übernommen, die in Schulen und Elternhäusern Tabu waren oder dort zumindest nur mit Widerwillen angegangen wurden. Entsprechend hoch war auch die Verantwortung derjenigen, die unter Namen wie Dr. Lindstroem und Dr. Sommer Ratschläge gaben. Was sie sagten, hatte Gewicht, sollte ganze Lebensläufe prägen. Doch halfen die Berater wirklich dabei, an einer Gesellschaft mit unverkrampfter Einstellung zur Sexualität zu arbeiten? War Bravo so etwas wie die Vorhut oder zumindest Teenager-Variante der sexuellen Revolution?
Erwin In het Panhuis hat in einer umfangreichen Studie untersucht, wie Bravo mit dem Thema Homosexualität seit ihrer Gründung 1956 umgegangen ist, und ist zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen: Bravo ist nie liberaler als der Rest der Gesellschaft, sondern bestenfalls deren Spiegelbild gewesen.
In den fünfziger Jahren waren Fernseh- und Kinostars das Hautthema von Bravo, das Durchschnittsalter der Leser lag entsprechend hoch bei 20 bis 25 Jahren. Erst in den Jahren darauf sollte sich Bravo zu einer dezidiert auf Teenager zugeschnittenen Zeitschrift entwickeln, 1963 erschien die erste Aufklärungsreihe unter dem Titel »Knigge für Verliebte«, ein Dr. Christoph Vollmer beantwortete Leserbriefe und schrieb selbst größere Reportagen. Hinter dem Pseudonym verbarg sich die Erfolgsschriftstellerin Marie Louise Fischer. Für Dr. Vollmer gab es keine Homosexualität, das Phänomen existierte schlichtweg nicht, Gefühle dieser Art waren nur Übergangsstadium auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Und wenn es doch mal intim wurde? Ein 16jähriger schreibt, dass er den Annäherungsversuchen des Sitznachbars in der Schule ausgesetzt sei. Dr. Vollmer rät hierzu: »Geh zu Deinem Klassenlehrer und bitte ihn mit Nachdruck, auf einen anderen Platz gesetzt zu werden. Fragt er nach Gründen, dann sagst Du, dass Du darüber nicht sprechen möchtest. Du wirst sehen, dass Dein Lehrer Dich verstehen und Deinen Wunsch erfüllen wird.« – Denunzieren, der beliebte deutsche Sport, wird hier schamlos als Problemlösung empfohlen. Und dies zu einer Zeit, als gleichgeschlechtliche Annäherungen noch einschneidende Konsequenzen bis hin zum Schulverweis zur Folge hatten.
Im Jahr 1966 veröffentlichte Dr. Vollmer aka Marie Louise Fischer schließlich eine Reportage, in der Homosexualität nicht mehr geleugnet wurde. Ein Zugeständnis, sollte man denken, doch im Text heißt es: »Homosexuelle sind (…) im tiefsten Inneren unglücklich und unzufrieden.« Da hilft nur eines: »Bei 99 Prozent aller Homosexuellen kann bis zum 24. Lebensjahr eine völlige Heilung bewirkt werden.« Homosexualität gilt auch in Bravo noch 1966 als Krankheit, dem Thema Transsexualität – es kommt in der Zeitspanne zwischen 1956 und 1969 in Bravo nur einmal vor – wird sogar mit völliger Ratlosigkeit begegnet. 1966 erklärt der 16jährige Lutz in einem Leserbrief, dass es sich in allen Punkten, von der Stimme über die Figur bis zu den Gefühlen, für ein Mädchen hält, und fragt: »Könnte es sein, dass ich ein Hermaphrodit bin?« Die Antwort lautet ziemlich rigide: »Du solltest dich (…) nicht in die Idee verrennen, ein Mädchen werden zu wollen – viel besser wäre es, du würdest doch noch ein richtiger Mann.« Dieses »Richtig« ist das Leitmotiv in der Sexualaufklärung von Bravo bis in die späten sechziger Jahre hinein: Es geht darum, heterosexuellen Paaren den Weg zu ihrem (Ehe-)Glück zu ebnen. Alles andere gilt als krank – wenn auch heilbar – oder ist nur eine vorübergehende Lebensphase. Enttäuscht erklärte der schwule Autor Thommi Herwerth, der in den Sechzigern mit Bravo aufgewachsen ist: »Was mir Bravo damals vorsetzte, hat vermutlich nicht unwesentlich dazu beigetragen, mir mein Coming-out so schwer wie möglich zu machen. Schade, dass es damals keine weniger dümmliche Zeitschrift für junge Leute gab.«
Im Oktober 1969 kommt es schließlich zu einer Wende. Dr. Martin Goldstein übernimmt unter dem Pseudonym Dr. Sommer die Aufklärungsseiten der Bravo. Der Psychotherapeut war der Redaktion durch sein Buch »Anders als bei Schmetterlingen« aufgefallen, das seinerzeit als besonders liberal galt, zum Thema Homosexualität allerdings höchst fragwürdige Aussagen enthält. Zum einen heißt es dort: »Wer jemanden trifft, der homosexuell erscheint, muss weder erschrecken noch entrüstet sein.« Doch mehr als distanzierte Toleranz sei wiederum gefährlich: »Man muss allerdings davor warnen, einfach aus Neugier da mal mitmachen zu wollen. Wer hier betroffen ist, der soll sich unbedingt zu einer Ehe- und Jugendberatungs-Stelle durchfragen und sich dort beraten lassen.« In dem Jahr, in dem der Stonewall-Aufstand in den USA für ein ganz neues homosexuelles Selbstverständnis sorgte, und ein Jahr bevor Rosa von Praunheims Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers … « bundesweite Diskussionen auslösen sollte, startete Deutschlands größtes Jugendmagazin mit einem neuen Aufklärer, für den Homosexualität immer noch ein Fall war, den man »eventuell behandeln lassen« sollte. Keine rosigen Zeiten für jene, die sich bei Bravo Unterstützung beim Coming-out erhofften.
Doch nicht nur die Bravo-Redaktion, auch die Leser waren längst noch nicht so weit, eigenes homosexuelles Begehren offen zum Ausdruck zu bringen. Viele Leserbriefe zu diesem Thema waren verschlüsselt. Ein Leser berichtet, dass sein Vater nach der Trennung von der Mutter schwul geworden sei und seitdem einen Mann mit nach Hause bringt: »Man hört sie die ganze Nacht stöhnen.« Dieser Mann hat auch einen Sohn, im gleichen Alter wie der Leserbriefschreiber. »Für den war es nichts Besonderes, dass unsere Väter schwul waren. Mir war es peinlich, ihm nicht. Und dann hat er sich ausgezogen und mit seinem Geschlechtsteil gespielt.« Dr. Sommer erklärt, dass man solche Briefe erst einmal »übersetzen« musste, da das ganze Drumherum nur dazu diente, das eigene Begehren zu kaschieren. Die Antwort der Redaktion liest sich dann allerdings weniger phantasievoll als der Leserbrief selbst: »Das einzige, was Dir also fehlt, ist mehr Kontakt mit Gleichaltrigen und auch mit Mädchen.« Denn auch wenn der Umgang mit Homosexualität in der Bravo im Laufe der Jahrzehnte unverkrampfter wird, bleibt bis in die späten siebziger Jahre hinein ehernes Gesetz: Homosexuelle Handlungen unter Jugendlichen sind meist Ersatzhandlungen, weil das andere Geschlecht nicht zur Hand oder man dem anderen Geschlecht gegenüber noch zu schüchtern ist.
Zumindest offener Homophobie wird unter Dr. Sommer eine deutliche Abfuhr erteilt. Unter der Überschrift »Gehören Homosexuelle ins Bergwerk?« erzählt der 15jährige Harald 1974 in einem weiteren »verschlüsselten« Brief, sein Vater wünsche sich Schwule ins Bergwerk und wolle, dass man sie »durch Operation« heilt. Naiv besorgt fragt Harald: »Aber würde das nicht eine Unmenge Geld kosten? Die Leute können doch nichts dafür.« Und erhofft sich wahrscheinlich eine unterstützende Antwort auf die eigenen, im Brief nur angedeuteten Neigungen. »Dein Vater vertritt die alte hölzerne Regel: Auf Lust verzichten und viel arbeiten, damit ist alles am ehesten geregelt. (…) Homosexuelle sind weder krank, noch pervers, noch können sie durch Operation geheilt werden. Man sieht auf sie herab, nur weil sie eine kleine Minderheit sind (…).«
Obwohl sich Bravo nicht gerade in den Dienst der Gay Liberation stellte, wurden 1972 zwei Hefte wegen Beiträgen über gleichgeschlechtliche Handlungen indiziert. Anstoß erregte der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften zufolge »die Schilderung der gegenseitigen Onanie (…). Sie hat ausgesprochenen Aufforderungscharakter.« Aber auch ein anderer Artikel über gleichgeschlechtliche Sexualität unter Mädchen wurde als »sozial-ethisch begriffsverwirrend« indiziert. Für die Bundesprüfstelle wurden in den beiden Artikeln »lesbische und onanistische Praktiken Minderjähriger (…) in allen Einzelheiten mit Aufforderungs- und Rechtfertigungscharakter« vorgeführt. Im Klartext: Wer das liest, möchte automatisch onanieren oder lesbisch werden. Als besonders »auffordernd« wurde dabei die Überschrift gedeutet: »Auch Erwachsene befriedigen sich zwischendurch mal selbst.« Denn die sind schließlich aller Jugendlicher Vorbild. Bravo musste aufpassen – mehr als zwei Indizierungen im Jahr hätten eine Vorausindizierung aller kommenden Hefte zur Folge gehabt. Und dies bei 800 000 verkauften Exemplaren pro Ausgabe. Weitere Indizierungen sollte es in der Geschichte der Bravo allerdings nicht mehr geben.
Ab den Achtzigern tritt eine gewisse Normalisierung im Umgang mit dem Thema ein, Homosexualität wird nicht mehr als Lebensphase bezeichnet, sondern als »gefestigte sexuelle Orientierung« anerkannt. Ein Artikel wie »Ich bin schwul – na und?« von 1982 geht sensibel auf Probleme homosexueller Heranwachsender ein: »Mir stinkt nur, dass ich auf ›Schwulendiscos‹ angewiesen bin, wenn ich jemanden kennenlernen will. Jeder Junge kann einfach ein Mädchen an einer Bushaltestelle oder im Museum ansprechen – da ist nichts dabei. Würde ich das bei dem verkehrten Typen machen, wär ich gleich ›ne schwule Sau‹ und müsste mit Schlägen rechnen.« Der Artikel endet ermutigend: »Ich kann jedem Jungen, der sich mehr zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, nur raten: Mach dich selbständig! Such dir einen guten Job in einer Großstadt, und beginn dein eigenes Leben zu leben.« Sogar heikle, oft tabuisierte Themen wie Jugendkult unter Schwulen und die Angst vorm Älterwerden werden in diesem Artikel benannt, ohne dass Homosexualität in eine bloß lustfixierte Ecke gedrängt wird. Von wenigen Modifizierungen abgesehen, hätte der Artikel auch in einem Schwulenmagazin stehen können.
Hat Bravo aus alten Fehlern gelernt? In seinem letzten Großkapitel widmet sich Erwin In het Panhuis den Jahren 1984 bis 2006, einer Zeit, in der immerhin 200 Leserbriefe zum Thema homosexuelle Orientierung beantwortet wurden. Doch die Leserbriefe sind nicht unbedingt reifer geworden. »Wird man vom Onanieren schwul?« fragt ein Jan 1986 und meint damit nicht einmal die gegenseitige Onanie unter Jungs, sondern Selbstbefriedigung mit sich selbst, dem »eigenen Geschlecht«. Die Redaktion dagegen prescht geradezu nach vorne, thematisiert ab Mitte der Neunziger erstmals Dildos als stimulierende Mittel beim lesbischen Sex und geht auf Analverkehr als schwule Praxis ein. Unter der Rubrik »Liebe 94« werden je ein schwules und ein lesbisches Paar im Interview vorgestellt, begleitet von freizügigen Fotos, die in Bravo noch zehn Jahre zuvor unvorstellbar – bzw. lediglich Heterosexuellen zugestanden – gewesen wären. Die Rede ist nun auch nicht mehr von einem schwulen oder lesbischen, sondern jeweils von einem »ungewöhnlichen Paar«. 2002 startete Bravo sogar eine eigene schwul-lesbische Seite, die »Regenbogenseite« mit Coming-out-Hilfen, Buch- und Webtipps. Sie wurde allerdings wegen mangelnder Leserresonanz nach einem Jahr wieder eingestellt.
Über schwul-lesbisches Begehren wird in Bravo seit etwa 15 Jahren ganz selbstverständlich berichtet – und zwar seit der Zeit, als Bravo längst ihre Leitfunktion in Sachen Jugendaufklärung verloren hat. Zu jener Zeit allerdings, als Bravo im deutschsprachigen Raum die wichtigste und zum Teil sogar einzige Anlaufstelle für sexuelle Fragen war, hat die Redaktion auf ganzer Linie versagt. Bis in die achtziger Jahre hinein wurde zum Thema Homosexualität herumgedruckst und eine fatale Doppelmoral gepredigt: Schwule sind zwar nicht krank, sollten aber dennoch einen Arzt oder Familienberater aufsuchen. Oder aber: Schwule sollte man nicht belachen, sondern tolerieren … wenngleich es sie eigentlich gar nicht gibt, denn gleichgeschlechtliche Zuneigung ist nur eine vorübergehende Phase. Ähnlich ignorant ging Bravo auch, wie Erwin In het Panhuis in einem eigenen Artikel aufzeigt, mit Aids um. Statt Schwulen Tipps zur Aids-Prävention zu geben, richtete sich Bravo fast ausschließlich an ein heterosexuelles Publikum und beschwichtigte: »Junge Leute sind weniger gefährdet und können sich vor Aids schützen, wenn sie einem gesunden Partner treu bleiben.« Das Ergebnis war eine »neue Treue-Moral« in Bravo, unterstützt von CSU-Politiker Peter Gauweiler, den Bravo 1987 als »Experten« mit ins Heft holte.
Die Veröffentlichung von Erwin In het Panhuis ist eine wahre Fundgrube, nicht nur wegen der fundierten Textanalyse, sondern auch wegen der ganzen Faksimiles aus alten Bravo-Ausgaben, die auf manchmal bizarre Weise Zeitgeschichte widerspiegeln. Das Buch macht deutlich, dass Bravo stets linientreu daran gearbeitet hat, die hetereosexuelle Ehe als möglichst erstrebenswertes Ziel darzustellen, unter Adenauer genauso wie unter Brandt, unter Kohl wie unter Schröder. Wandelbarkeit schaut anders aus.

Erwin In het Panhuis: Aufklärung und Aufregung. 50 Jahre Schwule und Lesben in der »Bravo«. Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2010, 195 Seiten, 28 Euro