Im Buch »Der Flüchtling« schildert der Krimiautor Massimo Carlotto seine Erlebnisse mit der italienischen Justiz

Auf der Flucht

Die Mitglieder der linksradikalen Bewegung Lotta Continua vermeiden normalerweise den Kontakt mit der Polizei. Als Massimo Carlotto aber in Padua die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau findet, erstattet er Anzeige – und wird umgehend verhaftet und des Mordes angeklagt. Es folgt ein Prozess, der sich über 20 Jahre erstreckt.
In seinem Buch »Der Flüchtling« schildert er seine Erfahrungen mit der italienischen Justiz.

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Ein 19jähriger Student findet eine junge Frau mit 59 Messerstichen ermordet in ihrer Wohnung. Als er zur Polizei geht, um das Verbrechen anzuzeigen, wird er selbst verhaftet und wegen Mordes angeklagt. Das Buch des italienischen Autors Massimo Carlotto beginnt mit einem Verbrechen, wie es für seine schwarzen Kriminalromane nicht typischer sein könnte. Doch um den Mordfall geht es ihm gar nicht. Der Autor interessiert sich nicht weiter für das Verbrechen, er erzählt stattdessen die Lebensgeschichte des Angeklagten, der sich »immer als sehr, sehr unschuldig« angesehen hat. Der Angeklagte heißt Massimo Carlotto.
Elf Prozesse hat er erdulden müssen, 86 Richter und 50 Gutachter beschäftigten sich mit seinem Fall. Immer wieder kamen die Verantwortlichen zu gegensätzlichen Urteilen. Sechs Jahre hat er im Gefängnis gesessen. Zwei Jahre lang hat er sich der Haft entzogen und im Untergrund gelebt. Erst nachdem der italienische Staatspräsident das von seinen Eltern und einem internationalen Unterstützerkomitee eingereichte Gnadengesuch unterzeichnet hatte, begann sein neues Leben als Schriftsteller.
»Der Flüchtling« ist Massimo Carlottos autobiografischer Bericht, der in Italien bereits 1994 erschienen ist, ein Jahr nach seiner Begnadigung. Nun liegt das Werk des bisher in Deutschland nur durch seine Krimis bekannt gewordenen Autors in deutscher Übersetzung vor. Carlotto schildert darin nicht die unendliche Abfolge von Prozessen, die er durchlaufen musste, sondern sein Leben als »Zufallsflüchtling«. So nennt der Autor all jene, die zufällig mit der Justiz in Konflikt geraten, sich unerwartet mit einer absurden Anklage konfrontiert sehen, infolge des Prozessverlaufs den Glauben an eine »gerechte Gerechtigkeit« verlieren und in der Flucht die einzige Möglichkeit erkennen, sich ein Leben in Freiheit und Würde zu erhalten. Als das Kassationsgericht seinen ersten Revisionsantrag ablehnt, flieht er über Paris, Barcelona und Madrid bis nach Mexiko.
Für den »Flüchtling« ist es nicht leicht, sich ein Leben im Untergrund zu organisieren. Seit seinem ersten Haftaufenthalt ist er traumatisiert. Nach einem im Sommer 1977 mit den Mitgefangenen organisierten Hungerstreik packt ihn »eine wahnsinnige Fresssucht«, die im Laufe der Jahre schlimmer wird und seinen Stoffwechsel ruiniert.
Obwohl ihn die Sehnsucht nach Familie und Freunden ebenso quält wie die ständige Angst, einen Fehler zu machen und geschnappt zu werden, erlebt er seinen Flüchtlingsalltag in Paris als »geruhsamen Rausch«. Selbstironisch erzählt er von seinen Bemühungen, sich als »Verkleidungskünstler« an sein jeweiliges Wohnviertel anzupassen, melancholisch beschreibt er die chilenische Exilgemeinde in Paris. Nach der Lektüre von Victor Serges »Erinnerungen eines Revolutionärs« entscheidet er sich, nach Mexiko zu gehen: »Meine Zuneigung, ja Treue zu Kuba und Nicaragua hatten mich dazu gebracht, beide als potentielle Ziele von vornherein zu streichen. Ich fürchtete, es würde meinem Bild dieser Länder schaden, falls mich dort die ita­lienische Polizei festnehmen sollte.« Doch auch seine romantisierende Vorstellung von den revolutionären Campesinos wird zerstört. Er scheitert mit seinem Versuch, in Mittelamerika ein neues Leben anzufangen. Später wird er sich eingestehen: »Ich war für die Dritte Welt zu schwach.«
Nach zwei Jahren kehrt der »Flüchtling« nach Italien zurück und stellt sich den italienischen Behörden. Er wird zunächst erneut inhaftiert, bekommt aber, da sich sein Gesundheitszustand lebensbedrohlich verschlechtert, Haftverschonung. 18 Jahre nach seiner ersten Verhaftung wird er begnadigt.
Im Vorwort zu seinem Roman gesteht Carlotto, dass er sich erst der Zukunft zuwenden konnte, nachdem er die alten Gerichtsakten im Keller in fünf schweren Holzkisten verstaut hatte. Über den »Fall Carlotto« spricht er seitdem nicht mehr.

Massimo Carlotto: Der Flüchtling. Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 184 Seiten, 18,95 Euro