Das neue Album der Band Harvey Milk

Die neue zarte Heavyness

Harvey Milk spielen in einer Welt, in der es keine Peinlichkeiten mehr gibt und das Fremdschämen in beschwingte Heiterkeit übergegangen ist.

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Zu Beginn eine banale Tonfolge, aus der andere Bands vielleicht ein Wiegenlied machen würden, die bei Harvey Milk aber ganz flach und stumpf bleibt. Sie spielen das sehr zart, was auch ein wenig prätenti­ös wirkt, denn die Melodie selbst gibt das nicht her. Nach anderthalb Minuten kommt es zu einem Ausbruch, infernalischer Heavy Metal, ungefähr drei Sekunden, dann wieder Geplänkel, eine weitere Minute später mündet es in einen schmalzigen Filmsoundtrack – so richtig mit Streichern und jubilierenden Bläsern, dazu singen sie, oder besser: nuscheln. Erst nach fast fünf Minuten spielen sie ihre kleine Melodie als ­ultralauten, brutal verzerrten, sehr schleppenden Rock-Song, der Sänger nuschelt jetzt nicht mehr, sondern brüllt wie ein angeschossener Braunbär. Zumindest stelle ich mir so einen angeschossenen, brüllenden Braunbären vor. Das Stück hat übrigens kein Ende, es wird einfach ausgeblendet.
Einem guten Freund, der ein ausgefuchster Spezialist für alle Spielarten von Doom Metal und Sludge Rock, von Slo-Mo Heavyness und Stoner ist, habe ich mal diesen Song von Harvey Milk beschrieben. Das hört sich nicht danach an, als würdest du es ernst meinen, sagte er abschätzig. Genauso gut hätte ich einem Miles-Davis-Fan voller Begeisterung erzählen können, die Toten Hosen würden demnächst mit einem Louis-Armstrong-Cover-Programm auf Tour gehen. Völlig plemplem, total absurd. Da half auch der Hinweis nicht, dass die amerikanische Fachpresse darin übereinstimmt, Harvey Milk aus Athens/Georgia seien von allen Sludge- und Doom- und allen Drone- und Stoner-Bands die wuchtigste, verschworenste, hermetischste. Eine Meinung, der ich mich umgehend anschloss. Und die mit der Veröffentlichung ihres jüngsten Albums »A Small Turn of Human Kindness« vollends bestätigt worden ist.
Mein Freund hatte aber noch nie etwas von Harvey Milk gehört. Es ist ja nicht so leicht, die Band zu googlen, Sie verstehen, der Name … legendärer Schwulenaktivist, deswegen erschossen, sein politisches Leben durch Sean Penn in einem Oscar-gekrönten Film eindrucksvoll interpretiert. Creston Spiers, Sänger, Gitarrist und Mastermind der Band, die meist im klassischen Trio-Format (Gitarre, Bass, Schlagzeug) auftritt, hatte 1994 den Namen wegen seiner offensicht­lichen lautmalerischen Qualitäten gewählt – ohne weitere Hintergedanken.
Wie gesagt, meine Darstellung des Stücks »Anvil Will Fall«, das auf dem ersten (regulären) ­Album »My Love Is Higher Than Your Assessment Of What My Love Could Be« (1995) enthalten ist, konnte nicht überzeugen, wobei man sagen muss, dass das Stück nur eine von drei Arten typischer Harvy-Milk-Songs repräsentiert. Es ist typisch für diejenigen Stücke, die durch bizarr übertriebene Kontraste strukturiert sind. Dann gibt es noch den vergnügt-derben, wie ein tiefergelegter Manta röhrenden Rock-Klopper. Es gibt ja keine Opel Mantas mehr, dementsprechend anachronistisch muss man sich diese Stücke vorstellen. Die Band steht auf ZZ Top, keine Koketterie dabei, und ironisch sind sie sowieso nicht.
Der Großteil der Songs zielt auf reine Heavyness ab, sie sind wuchtig, schier endlos zerdehnt, schnörkellos, auf Metaphern des Bösen (Satanismus, Spaß an der Darstellung von Gewaltexzessen etc.pp.) verzichten sie. Schnörkellos? Nicht ganz, denn Creston Spiers hat einen Hang zu ausufernden Schweinerocksoli, was in dieser Penetranz keinem anderen Gitarristen in diesem Genre in den Sinne käme.
Harvey Milk stehen exemplarisch dafür, dass es kein Neunziger-Revival gibt, das ja, analog zu dem vor zehn Jahren beginnenden Achtziger-New-Wave-Post-Punk-Revival, bald mal einsetzen müsste. Fast nichts, was vor fünfzehn, zwanzig Jahren die Zukunft von Rock und Pop verkörperte, ist nämlich je verschwunden. Dagegen war Post-Punk, wie ihn Simon Reynolds in seinem Standardwerk »Rip it up and start again« beschreibt, bereits 1984 aufgerieben: Es gab keine Szenen mehr, keine Bands, bloß vereinzelte charismatische Szene-Gestalten (Mark E. Smith natürlich, vielleicht noch Mark Stewart), keine Chronisten. Die prägenden Underground- und Avant-Pop-Szenen der neunziger Jahre – Minimal Techno, Post-Rock, Freestyle Electronica, Drum’n’Bass und der Heavy Rock in der Nachfolge von Grunge, wie er von den Melvins, Earth, Sleep oder eben Harvey Milk definiert worden ist – sind heute nur noch mit der eigenen Ver­feinerung beschäftigt. Eine Band wie Tortoise ist heute immer noch auf der Höhe ihrer musika­lischen Imaginationskraft, aber nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Harvey Milk sind in dieser Hinsicht vielleicht das extremste Beispiel: eine Band ohne Style und ohne Corporate Identity, losgekoppelt von Hipster-Netzwerken. Kommerzielle Ambitionen haben sie nie entwickelt, sie gehen sehr selten auf Tour und haben zwischen 1998 und 2005 überhaupt nicht gespielt. Berührungsängste gegenüber Schwulst und verstaubten Rocker-Gesten haben sie nicht, im Gegenteil: Gerade in solchen Gesten äußert sich ihre Maßlosigkeit.
Spiers und seine Mitstreiter Stephen Tanner (Bass) und Kyle Spence (Schlagzeug) sind ein durch und durch privatistisches Kollektiv. Wenn die Melvins auf ihrem neuen Album »The Bride Screamed Murder« das alte Stück »My Generation« von The Who covern, ist das ein Statement, ein zynischer Kommentar zu Rock und »Jugendkultur«. Wenn Harvey Milk dieses Stück spielen würden, wäre es ein klangliches Ereignis, in jeder Hinsicht unberechenbar, aber auch nichts weiter. Gleichzeitig ist es dieser Privatismus, der der Band zu ihrem Kultstatus verhilft. Es gibt keine Szene, die Harvey Milk für sich vereinnahmen könnte, sie sind, auf ihre Weise, für alle da, die perfekte Projektionsfläche für überzuckerte Soundfetischisten und Leute, die einfach gelangweilt sind vom ewigen Indie-Rock-Genöle. Es wird nie für den großen Durchbruch oder ein glanzvolles Comeback reichen. Aber es reicht, dass Harvey Milk nie aufhören oder sich ändern müssen.
»A Small Turn of Human Kindness« ist ihr spätes, durchgearbeitetes Meisterwerk geworden. Auch wenn die CD aus sieben Stücken besteht, handelt es sich eigentlich um eine durchgehende, knapp 40minütige Doom-Oper, mit dramatischen Spannungsverläufen, übertrieben pathetischem Rumgebrülle, schmierigen Synthi-Einsätzen – und das alles äußerst verlangsamt. Selbst die banalste Melodie wird in pe­netrant wiederholte Einzeltöne zerlegt, als handelte es sich um hochkomplexe Klangforschung wie bei Morton Feldman. Ihre Musik ist trotz des unablässigen Brüllgesangs nicht mal besonders aggressiv. Sie verkörpert pure, unverstellte Heavyness. Ist die erst mal erreicht, zerfällt sie schon wieder, dann hupen die Synthi-Hörner, wie es abgeschmackter nicht mehr geht. Harvey Milk spielen in einer Welt, in der es keine Peinlichkeiten mehr gibt und das Fremdschämen in beschwingte Heiterkeit übergegangen ist. Eine schöne Welt.

Harvey Milk: A Small Turn of Human Kindness.
(Hydra Head/Indigo)