»Trauermarsch« in Bad Nenndorf

Nazi, du Opfer!

Im niedersächsischen Bad Nenndorf laden Nazis wieder zu einer geschichtsrevisionistischen Großveranstaltung. Mit dem mittlerweile fünften »Trauermarsch« wollen sie der NS-Funktionäre gedenken, die nach dem Krieg in dem Kurort interniert wurden.

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Wenn Jürgen Übel an den Auflagenbescheid für die Demonstration gegen den Naziaufmarsch in Bad Nenndorf am kommenden Samstag denkt, überkommt ihn die Wut. Der Sprecher des Bündnisses »Bad Nenndorf ist bunt« zeigt wenig Verständnis für die Forderungen der Behörden: Diese verlangen Sonderausstattungen für die Lautsprecheranlagen und erheben Auflagen zur Bekleidung der Demonstranten. Auch die geplante Zuverlässigkeitsprüfung der Ordner für die vom DGB angemeldete Demonstration erregt Übels Unmut.
Das Schriftstück sei durchzogen von einem »Generalverdacht nicht nur gegen den DGB und das Bad Nenndorfer Bündnis, sondern gegen den Bürgerprotest insgesamt«, sagt der Sprecher. Der Bescheid unterstelle dem Bündnis, dass die Proteste auf eine »nicht mehr kontrollierbare Eskalation hinauslaufen«. Dabei gehe die Gefahr nach wie vor von den anreisenden Nazis aus. Warum also werde deren Aufzug nicht untersagt, wenn es derart strenge Auflagen brauche, nur weil sich die Neonazis vom Protest provoziert fühlen könnten?
Diese Frage stellen sich das Bündnis und Antifa-Gruppen bereits seit dem ersten Aufmarsch im Juli 2006. Damals nahmen etwa 100 Nazis aus der Region an einem sogenannten Trauermarsch durch den Kurort teil, wo knapp 10 000 Menschen leben. Im August vergangenen Jahres reisten etwa 750 Rechtsextreme in den Ort westlich von Hannover. Ziel des mittlerweile größten Naziaufmarschs in Norddeutschland ist das Wincklerbad im Zentrum der Kleinstadt. Das 1930 errichtete Gebäude diente dem britischen Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg fast zwei Jahre lang als Verhör- und Internierungsgebäude, 87 Wohnhäuser in der Umgebung wurden für das Personal beschlagnahmt. In dem hermetisch von der Außenwelt abgeriegelten Haus im ehemaligen Kurbad wurden NS-Funktionäre und hochrangige Mitglieder der Waffen-SS verhört. Zu den prominenten Insassen gehörten Oswald Pohl, der Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts und General der Waffen-SS, und Kurt Parbel, Abteilungsleiter im Propagandaministerium von Joseph Goebbels.
Das Wachpersonal behandelte die insgesamt etwa 400 Gefangenen im Zuge der Verhöre teils sehr hart. Um an Aussagen zu gelangen, griff es zu Nahrungsentzug, Auspeitschungen, Scheinexekutionen und Isolationshaft. Aus dieser Zeit sind drei Todesfälle von Häftlingen in dem »verbotenes Dorf« genannten Kurort bekannt. Als die Misshandlungen und Foltervorwürfe 1947 in Großbritannien öffentlich wurden, schloss die Regierung das Internierungslager. Es folgten Gerichtsprozesse gegen teils ranghohe Verantwortliche.

Die regionale Naziszene im westlich von Hannover gelegenen Landkreis Schaumburg instrumentalisiert diese Vorgänge, in Bad Nenndorf betreibt sie seit 2006 geschichtsrevisionistische Propaganda, in der das Wincklerbad schlicht als »Folterlager« bezeichnet wird. In diesem Jahr treten die Rechtsextremen mit der Parole an: »Der Krieg hatte ein Ende, das alliierte Morden nicht.« Die Aufmärsche in dem Kurort begannen zu einer günstigen Zeit: Nach dem Verbot des Rudolf-Hess-Aufmarschs im bayerischen Wunsiedel und angesichts der abnehmenden Bedeutung des »Heldengedenkens« am Soldatenfriedhof in Halbe süd­lich von Berlin bedurfte es neben dem »Gedenkmarsch« in Dresden eines weiteren Großereignisses, mit dem deutsche Nazis öffentlich ihre Einheit zur Schau stellen konnten.
Und nicht nur das: Selbst der niedersächsische Verfassungsschutz attestiert dem Aufmarsch eine »extreme Anschlussfähigkeit an die Mitte der Gesellschaft«. Nicht zuletzt, weil die Teilnehmer den allzu offensichtlichen Bezug zum Nationalsozialismus vermieden, sei die Thematik »äußerst werbewirksam« und werte das öffentliche Bild der Nazis deutlich auf. Die regionalen Veranstalter scheinen sich dessen bewusst zu sein: Sie setzten die Vorfälle in Bad Nenndorf mit dem Folterskandal in Abu Ghraib gleich und fordern eine Gedenktafel für die »deutschen Opfer« am Wincklerbad. In dieser Hinsicht sind sich die Nazis tatsächlich mit der Mitte der Gesellschaft einig. 2006 sprach sich beispielsweise Bernd Reese (SPD), der Bürgermeister des Gemeindeverbands, zu dem Bad Nenndorf gehört, ebenfalls für eine solche Gedenktafel aus. Bedenken hatte Reese lediglich, weil die Nazis »mit ihrer Forderung die Anerkennung für die Opfer erschwerten«, wie die örtliche Presse ihn zitierte. Dennoch äußerte der Bürgermeister die Hoffnung, dass die Gedenktafel dabei helfe, die unerwünschten Demonstranten aus Bad Nenndorf fernzuhalten.

Doch ganz im Gegenteil hat das selbsternannte Gedenkbündnis der Nazis den Aufmarsch zu einem der großen Ereignisse der Szene aufgebaut. Unterstützung erhalten die Organisatoren von als militant geltenden Gruppierungen wie der Kameradschaft 73, der »Bürgerinitiative für Zivilcourage Hildesheim« und einem länderübergreifenden Zusammenschluss von Nazis aus den Regionen Schaumburg und Ostwestfalen-Lippe. Der niedersächsische Verfassungsschutz urteilt, der Aufmarsch zähle mittlerweile zu den bundesweit bedeutsamsten rechtsextremen Demonstrationen. Auch Jürgen Übel befürchtet eine »Zementierung der Verhältnisse bis 2030«, wenn es nicht gelingen sollte, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Für die Proteste gegen den nun fünften Naziaufmarsch hofft das Bündnis auf eine weitaus größere Beteiligung als im Vorjahr: Sebastian Wertmüller vom DGB erwartet etwa 5 000 Teilnehmer.
Das Vorhaben von »Bad Nenndorf ist bunt« wird jedoch vom Bündnis »NS-Verherrlichung stoppen!« kritisch beurteilt. Dieses bemängelt die »Lippenbekenntnisse örtlicher Politiker« und die Wirkung von »Festen für Demokratie und Toleranz«. Unter dem Motto »Dresden nach Bad Nenndorf holen« ruft der Zusammenschluss zu Blockaden am Bahnhof auf, wo die Nazis ihre Demonstration beginnen wollen. Bislang unterstützen mehr als 70 Gruppen, Parteien und Initiativen den Aufruf, der die Frage stellt: »Wenn tausende Gegendemonstranten und Gegendemonstrantinnen Dresden lahm legen konnten, welche Wirkung hätten sie dann erst auf die Lage in Bad Nenndorf?«