Jubiläumsfeierlichkeiten in Polen

»V« wie Walesa

Diesmal wird es zu den Jubiläumsfeierlichkeiten wohl keine Buhrufe geben. Lech Walesa gilt in Polen wieder als »größte Autorität« der Solidarnosc-Bewegung.

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»Es begann in Danzig« lautet das Motto zum 30. Jahrestag der Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung Solidarnosc. So wie auch schon vor fünf Jahren, als Gäste aus aller Welt nach Danzig kamen, um den polnischen Arbeitern und allen voran ihrem damaligen Anführer Lech Walesa für ihren unerschrockenen Freiheitskampf im August 1980 zu danken. Diesmal wurden jedoch keine Gäste aus dem Ausland eingeladen. Denn geplant war eine Feier ohne Lech Walesa. Die Vivat-Rufe sollten einem anderen gelten: Lech Kaczynski, Polens Präsidenten und erklärtem Walesa-Gegner. Doch Anfang April sind Lech Kaczynski und weitere 95 Menschen bei einem Flugzeugunglück in Smolensk ums Leben gekommen.
Notgedrungen musste nun Janusz Sniadek, der derzeitige Vorsitzende der Gewerkschaft Solidarnosc, den Gang nach Canossa antreten und Walesa doch noch darum bitten, an den Jubiläumsfeiern teilzunehmen. Das Ergebnis einer großen Umfrage zur heutigen Bedeutung der Solidarnosc dürfte ihm klar gemacht haben, dass die Anti-Walesa-Politik ein Fehler war. Denn der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CBOS zufolge ist »Walesa für die Polen die größte Autorität« unter den Solidarnosc-Aktivisten der ersten Stunde. Die Meldung, die schnell die Runde machte, dürfte wie Balsam auf Walesas Seele gewirkt haben, beendet sie doch eine Denunziationskampagne, die vor fünf Jahren mit Buhrufen und Pfiffen begann und in pseudowissenschaftlichen Biografien über den angeblichen Verräter und Stasi-Mitarbeiter Walesa ihren Höhepunkt fand.
»Natürlich nehme ich an den offiziellen Feiern teil«, ließ der 67jährige und inzwischen schlohweiß gewordene Friedensnobelpreisträger und Ex-Präsident seine Landsleute wissen. Der einst aufbrausende und aggressive Politiker ist mittlerweile versöhnlich geworden. Vor einem Jahr war er es, der bei der 20-Jahres-Feier zur Erinnerung an den Mauerfall die riesigen Dominosteine entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in Berlin zum Kippen brachte. »Es begann in Danzig« war auf dem Dominostein zu lesen, der als erster kippte. Polens Öffentlichkeit war damals stolz auf die Solidarnosc, auf Walesa, – auf sich selbst. Ein Gründungsmythos eines freien Europas schien zu entstehen. Ein Mythos, in dem die polnischen Gewerkschaftsaktivisten eine entscheidende Rolle bei der Wiedervereinigung Ost- und Westeuropas spielten.
In Danzig selbst aber redete 2009 auf der alljährlichen Solidarnosc-Feier nur der damalige Präsident Lech Kaczynski. Hunderte von Anhängern der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit und heutigen Solidarnosc-Mitgliedern applaudierten, als er die angeblich abtrünnigen Solidarnosc-Kämpfer von einst als »Liberale« diffamierte, die eine »Republik für die Reichen« in Polen schaffen wollten. Als Danzigs Oberbürgermeister Pawel Adamowicz an die Verdienste von Walesa, Bogdan Borusewicz, Bronislaw Geremek und Tadeusz Mazowiecki erinnern wollte, wurde er ausgepfiffen. Walesa ging nicht zur Feier. Frühmorgens hatte er, begleitet von ein paar Jugend­lichen, einen Blumenkranz am Werkstor niedergelegt. Nach einer Schweigeminute ging er wieder.

Die »Augustereignisse« von 1980 sind längst in die europäischen Geschichtsbücher eingegangen. Am 14. August 1980 traten die Arbeiter der damaligen Lenin-Werft in Danzig in den Ausstand. Am 31. August 1980 gab die Partei allen Forderungen der Streikenden nach, auch der nach freien Gewerkschaften. Walesa unterschrieb das »Danziger Abkommen«. Das Bild ging um die Welt – auch wegen des Kugelschreibers, mit dem Walesa das historische Dokument unterzeichnete. Knallrot ist er, 40 Zentimeter lang, und aus einem Plastikfenster leuchtet das Bild des freundlich lächelnden Papstes Joannes Paul II. Wenige Tage später wurde in Danzig mit der Solidarnosc die erste »Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft« im damaligen Ostblock gegründet. In den 13 Monaten bis zur Ausrufung des Kriegsrechts traten der Solidarnosc knapp zehn Millionen Menschen bei, darunter viele Mitglieder der regierenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Am 13. Dezember 1981 ließ General Jaruzelski Panzer auffahren, die Telefonleitungen kappen und Tausende von Intellektuellen und Arbeiteraktivisten verhaften. Die Solidarnosc ging in den Untergrund.

Heute finden zwar 84 Prozent der Polen, dass die Solidarnosc ein Ruhmesblatt in der Geschichte Polens geschrieben habe, doch nur neun Prozent bewerten die heutigen Aktivitäten der Gewerkschaft positiv. Dies geht aus der Umfrage »Solidarnosc – Erfahrung und Erinnerung« hervor, die das Europäische Zentrum Solidarnosc mit Sitz in der Danziger Werft beim Meinungsforschungs­institut CBOS in Auftrag gegeben hat.
Die Solidarnosc habe als Gewerkschafts- und Freiheitsbewegung entscheidenden Einfluss auf die Geschichte Polens gehabt, meinen 70 Prozent der Befragten, sie habe auf die Entwicklung des gesamten Ostblocks gewirkt (43 Prozent), das Leben vieler Menschen verändert (39 Prozent) und Einfluss auf das Weltgeschehen gehabt (27 Prozent). Als wichtigstes Ziel, das die Streikenden damals anstrebten, bezeichnen heute 81 Prozent der Polen die Freiheit und Unabhängigkeit Polens.
Vor fünf Jahren noch gab die Mehrheit der Befragten in einer vergleichbaren Umfrage an, dass das wichtigste Ziel der Solidarnosc die »Freiheit des Wortes« gewesen sei. Doch die Zensur rückt in der Erinnerung Polens immer mehr in den Hintergrund. Mehr und mehr ärgern sich die Polen über das niedrige Niveau der politischen Debatte in ihrem Land. Angeblich erlaube die »Freiheit des Wortes« alles zu sagen, auch zu lügen, zu beleidigen und zu verleumden. So verliert die »Freiheit des Wortes« an Wert. Die damalige Solidarnosc habe sich auf universelle Werte gestützt und die Interessen der ganzen Gesellschaft vertreten, meinen heute 64 Prozent der Befragten. Dass die Gewerkschaft heute mit nur noch knapp zehn Prozent Zustimmung relativ schlecht abschneidet, liege an der unnötigen Politisierung, meinen 50 Prozent, außerdem an dem sogenannten »Krieg an der Spitze« und an der Geringschätzung der öffentlichen Meinung. Zudem, so denken fast 60 Prozent der Befragten, hätten viele der ehemaligen Gewerkschafter später die Werte der Solidarnosc verraten.
Polens junge Generation interessiert sich nicht für die Geschichte der Solidarnosc. Fast 75 Prozent der nach 1964 Geborenen finden Solidarnosc langweilig. Vielleicht ändert sich dies, wenn Ende 2014 das neue und mit 72 Millionen Euro Gesamtkosten großzügig ausgestattete Europäische Solidarnosc-Zentrum in Danzig eröffnet wird. Es soll Museum und lebendiger Treffpunkt werden, die Solidarnosc-Geschichte erzählen und dem Gründungsmythos eines freien und unabhängigen Polen allgemeine Geltung verschaffen. Die berühmte Geste der Solidarnosc-Freiheitskämpfer, die ausgestreckte Hand mit dem von Zeige- und Mittelfinger gebildeten Victory-Zeichen, könnte dessen Symbol werden.