Kritik am modernen Fußball in zwei neuen Büchern

Mehr als Kundschaft im Fußball-Supermarkt

Zwei neue Bücher beschäftigen sich kritisch mit dem modernen Fußball. Bleibt nur die komplette Verweigerung? Oder ist das Stadion als »authentischer Sozial- und Erfahrungsraum« noch zu retten?
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Fußball ist nicht einfach ein Sport, sondern Geschäft, Kultur und Politik. Er schafft enge emotionale Bindungen, erfordert Investitionen von Zeit, Geld und Energie und ist auch ein Bereich, in dem von Fans Mitbestimmung eingefordert und ausgeübt wird. Das aber verträgt sich oft schlecht mit dem Kommerz- und Ordnungsdenken, das den modernen Fußball prägt.
Dies ist auf sehr unterschiedliche Weise Grundthema zweier neuer, lesenswerter Bücher: Matthew Bazells Abrechnung mit der englischen Premier League »The People’s Game? Ein Buch gegen den modernen Fußball« und der von Bernd Lederer herausgegebene Sammelband »Teil-Nehmen und Teil-Haben. Fußball aus Sicht kritischer Fans und Gesellschaftswissenschaftler«. Matthew Bazell ist Fan des Arsenal FC und hat die Schnauze voll von teuren Tickets und digitalen Werbebanden und davon, dass Handys und Fahnen im Stadion als ebenso gefährlich gelten wie Stehplätze. Er beklagt den Einfluss des Fernsehens auf Anstoßzeiten und die Macht der allgegenwärtigen Sponsoren: »Zunehmend verwirrt war ich in letzter Zeit, weil mir nicht mehr klar war, ob ich nun ein Fan bin von Arsenal FC oder Emirates Airlines – oder beides.«
Die Umwandlung englischer Stadien in moderne und lückenlos überwachte Sitzplatzarenen war auch eine Reaktion auf die Katastrophe von Hillsborough 1989, bei der 96 Fans ihr Leben verloren, und hat durchaus positive Effekte wie etwa den deutlichen Rückgang von Rassismus. Das jedoch vermag für Bazell die negativen Auswirkungen nicht aufzuwiegen. Auch die Behauptung, einstige Hooligan-Tummelplätze nun in Ausflugsziele für Familien verwandelt zu haben, überzeugt ihn nicht. Er rechnet vor, dass ein Stadionbesuch bei Chelsea FC mit Anfahrt und Verköstigung für eine Familie mit zwei Kindern auch bei günstigsten Tickets (und einem gemeinsamen Stadionheft für alle) fast das Wochengehalt eines Mindestlohnempfängers verschlingt. Fazit: Fußball in der Premier League ist nur etwas für wohlhabende Familien. The people’s game, der Volkssport, ist heute »ein Hobby für jene, die es sich leisten können«.
Bestandteil und Ort einer selbstbestimmten und kreativen Jugendkultur ist Fußball im Stadion unter diesen Bedingungen nicht mehr. Genau das jedoch ist der Ansatzpunkt des Sammelbandes des Erziehungswissenschaftlers Bernd Lederer. Die Beiträge von Fans und Wissenschaftlern aus Österreich und Deutschland beleuchten verschiedene Möglichkeiten, auch den »modernen« Fußball, also einen kommerzialisierten Massenzuschauersport, nicht nur als Konsumgut, sondern als »authentischen Sozial- und Erfahrungsraum« mitzugestalten. Wie das aussehen kann, wird in den Artikeln der Fanaktivistinnen und -aktivisten am deutlichsten: Christian Deker schildert die Entstehung schwul-lesbischer Fanklubs und ihren Einsatz gegen Homophobie, Jennifer Töpperwein beschäftigt sich mit der Situation weiblicher Fußballfans und Initiativen aus der Fanszene gegen Sexismus, Roger Hasenbein beschreibt am Beispiel des FC St. Pauli unterschiedliche Arten der aktiven und kritischen Einmischung im Stadion und im Verein. Ob es um selbstverpflichtende Antidiskriminierungserklärungen geht, Proteste gegen Fanartikel in Rosa statt den Vereinsfarben oder um die Verhinderung einer Umbenennung des Stadions – entscheidend für den Anspruch auf Mitbestimmung ist, dass sich Fans als Teil des Vereins oder ihrer Kurve verstehen. Ein Kontrast hierzu ist der Blick, den Gerhard Vinnai auf das »illusionäre Wir-Gefühl« des Fußballkollektivs wirft. Fußball als Zuschauersport bleibt für ihn Kompensation realer, aber im Stadion kurzzeitig verdrängter sozialer Ungleichheiten und Ohnmachtsgefühle, echte politische Veränderungen seien hier nicht zu erreichen.
Die etwas schwergängigen erziehungswissenschaftlichen Beiträge des Bandes betonen die Bedeutung der Teilhabe von Kindern und Jugend­lichen an gesellschaftlichen Ereignissen. Teilhabe wird dabei verstanden im Sinne von Partizipation und Mitbestimmung, nicht als bloßer Konsum von Angeboten. Auch wenn der Transfer auf den Fußball nicht immer deutlich vollzogen wird, lässt er sich dazu denken. Fußballstadien (und auch Public-Viewing-Meilen) werden zunehmend zu Experimentierfeldern für Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen. Umgekehrt können die Proteste von Fans gegen willkürliche Stadionverbote oder die intransparente Datenerfassung der Datei »Gewalttäter Sport« als Erprobung politisch-emanzipa­torischer Interventionsmöglichkeiten verstanden werden, die sich nicht nur auf den Fußball beschränken.
Zurück zu Arsenal-Fan Bazell. Dessen Blick auf den englischen Fußball im 21. Jahrhundert scheint mitunter ein wenig verengt, etwa wenn er das Verstummen oder Verschwinden junger Männer »mit Energie und Feuer« beklagt, die er als alleinige Verkörperung wahren Fantums betrachtet. Hier wäre ein kleiner Studienbesuch in Begleitung weiblicher Fans vielleicht hilfreich. Was aber ist die Lösung seines Dilemmas, den Fußball zu lieben und sein modernes Gesicht zu verachten? Nun ja, ein Buch darüber zu schrei­ben natürlich und sich ansonsten mehr und mehr zu verweigern – keine Dauerkarte mehr, weniger Spielbesuche und kein Fan-Merchandise. Bazell konstatiert trotz nur wenig rückläufiger Zuschauerzahlen in England eine Unzufriedenheit der Kundschaft mit dem Produkt Fußball, aus der nun Konsequenzen zu ziehen seien: »Wegzubleiben ist für uns Fans die einzige Möglichkeit, wahrgenommen zu werden.« Aufzustehen und Mitbestimmung einzufordern, scheint nach 20 Jahren Drill auf sitzende Kundenhaltung schwierig geworden zu sein. Ein anderer Ausweg ist der völlige Ausstieg aus dem Profigeschäft, die Gründung eigener Vereine und der Neustart im Amateurbereich. Vorbilder sind der AFC Wimbledon und der FC United of Manchester.
Dazu ist es in Deutschland noch nicht gekommen, obwohl sich vieles von dem, was Bazell schildert, auch im Liga-Alltag deutscher Stadien wiederfindet. Bisher jedoch sorgen die vielfältige Selbstorganisation der Fanszene und die Mitbestimmungsmöglichkeiten via Vereinsrecht dafür, dass der Fußball noch Raum für eine engagierte und politisch motivierte Mitgestaltung durch seine »Kundschaft« bietet. In England indes mehren sich die Anzeichen für den von Bazell prognostizierten finanziellen Erschöpfung der Liga: Vorzeigeclubs der Premier League sind mittlerweile hoch verschuldet, Portsmouth FC stieg nach Insolvenz und Punktabzug aus der ersten Liga ab. Auch das ist ein Ausweg aus dem modernen Fußball.

Matthew Bazell: The People’s Game? Ein Buch gegen den modernen Fußball, Trolsen-Verlag, Quickborn, Hamburg 2010, 240 Seiten, 12,90 Euro

Bernd Lederer (Hrsg.): Teil-Nehmen und Teil-Haben. Fußball aus Sicht kritischer Fans und Gesellschaftswissenschaftler. Werkstatt-Verlag, Göttingen 2010, 224 Seiten, 16,90 Euro