Rote Bogenschützen. Wie sich ein kleiner DDR-Sportverband bis heute

Die roten Bogenschützen

Drei DDR-Sportverbände gibt es noch, die 1990 nicht dem Westen beigetreten sind: ABM – Angler, Bogenschützen, Motorsportler. Wie sich ein kleiner DDR-Sportverband bis heute behauptet – auch wenn er offiziell nirgendwo dabei sein darf. Teil 1 der Serie »Zwanzig Jahre geteiltes Deutschland«.

Kurz nach dem 3. Oktober 1990 hat Stefan Lehmann die deutsche Einheit in Schweden erlebt. »Da fand in Göteborg die Europameisterschaft im Feldbogenschießen statt«, erzählt der 59jährige Berliner. »Plötzlich waren zwei deutsche Nationalmannschaften gemeldet – eine vom DSB und eine vom DBSV.« Das Kürzel DSB steht für den Deutschen Schützenbund, einen der ganz großen Westsportverbände, unter dessen Dach auch die Bogenschützen organisiert sind. Die Abkürzung DBSV aber steht für die Organisation, deren Vizepräsident Stefan Lehmann ist: Deutscher Bogensportverband, 1959 in der DDR gegründet. Solange es zwei deutsche Staaten gab, waren sowohl DBSV als auch DSB Mitglieder des Welt- und Europaverbandes der Bogenschützen, ein Sport, der seit 1972 auch olympisch ist. Doch mit dem Beitritt der DDR zur BRD wurde auf einmal die Regel wichtig, dass pro Staat nur ein Sportverband Mitglied in einer der internationalen Dachorganisationen sein darf. »Dann wurde entschieden, dass nur die Mannschaft antreten darf, die Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee ist«, erinnert sich Lehmann an die Tage in Göteborg. Das NOK der DDR war gerade dem westdeutschen NOK, einer Vorgängerorganisation des heutigen DOSB, beigetreten. Das aber kannte keine Ostbogenschützen, nur Westschützen. »Damit war die Sache klar«, so Lehmann.
»Ich selbst bin ja auch Mitglied im DSB«, sagt Lehmann. Er sitzt in der Geschäftsstelle seines Berliner Sportvereins. Eine graue Baracke im Bezirk Lichtenberg, eingerichtet mit furnierten Billigmöbeln. Stefan Lehmann führt hier, beim SV Bau-Union, die Geschäfte, aber er lebt von Hartz IV. Die Doppelmitgliedschaft, sowohl beim kleinen DBSV als auch beim großen DSB, ist ihm wichtig, damit er als internationaler Kampfrichter tätig sein kann. »Zu Welt- und Europameisterschaften kann ich ja nur vom DSB entsandt werden.« Sein DBSV wird nämlich nicht nur nicht mehr beim Weltverband als Mitglied geführt – »auch wenn wir nie ausgetreten sind oder ausgeschlossen wurden!« Auch dem großen DOSB, dem Dachverband allen organisierten Sports in Deutschland, dürfen die Ostbogenschützen nicht angehören. Das bedeutet: keine Nationalmannschaften, keine Bundestrainer, kein Geld aus den diversen Sportförderprogrammen.
»Zur Wende hatten wir schnell Kontakt«, erinnert sich Lehmann. »Viele westdeutsche Bogenschützen kamen auf uns zu und sagten: Komm, lass uns einen eigenen Bogenschützenverband bilden.« Das Gefühl, mit ihrer Sportart im falschen Verband zu sein, hatten auch manche im Westen. Doch der DSB forderte, dass sich der DBSV auflöst und in seine Strukturen eintritt. Gegen den Beitritt an sich hatte der DBSV nichts, aber nur als eigenständiger Verband innerhalb des DSB. In einem persönlichen Gespräch, berichtet Lehmann, habe ihm ein DSB-Funktionär gesagt, wenn es einen DBSV im DSB gebe, »dann treten die doch alle aus und gründen einen neuen Verband«. Fragt man beim DSB nach, heißt es, man habe nichts gegen einen Beitritt des DBSV, aber der stünde nicht oben auf der Verbands­agenda.
Für Lehmann ist alles klar: »Der DSB sagt sich: Wir sitzen das aus. Das ist schließlich der viertgrößte Sportverband in Deutschland.« Anderthalb Millionen Mitglieder hat der DSB, doch wie viele davon Bogenschützen sind, ist schwer zu ermitteln. Etwa 30 000, sagt man beim DSB. »Das ist nicht real«, hält Lehmann dagegen, »ich schätze mal, die Hälfte stimmt.« Sein eigener DBSV ist zwar kleiner, aber von 2 000 Mitgliedern vor 20 Jahren zu circa 6 000 gegenwärtig hat er sich gut entwickelt. Auch einige Landesverbände im Westen gibt es mittlerweile, die Verbandsgeschäftsstelle sitzt sogar in Hamburg. Und wer sich für Bogenschießen interessiert, der ruft immer beim DBSV an, sagt Lehmann. Dass der DBSV keine Nationalmannschaft stellt, schmerzt ihn. Schließlich sei die deutsche Bogenschützenkompetenz doch hier zu Hause. »Der Bundestrainer ist ja auch ein Kind des DBSV«, sagt Stefan Lehmann. Und dass der Mann, Martin Frederick, kein Mitglied in seinem Verband ist, stört ihn nicht. Etliche Nationalmannschaftsmitglieder sind aber im DBSV.
Unumstritten sind die vielen Doppelmitgliedschaften in keinem der beiden Verbände. Aber an der Zusammenarbeit kommt keiner vorbei: Im Jahr 2007 fand in Leipzig die Bogenschützen-WM statt. Offiziell organisiert vom DSB, der sich um die Ausrichtung beworben hatte, um die damals noch laufende Leipziger Olympiabewerbung zu unterstützen. Die WM war ein Erfolg, und das Präsidium des Schützenbundes schrieb an den DBSV-Präsidenten Wolfgang Kalkum ein Dankesschreiben: Dass die WM die »beste Veranstaltung dieser Art aller Zeiten« gewesen sei, sei auch das Verdienst des Präsidenten der Konkurrenz, heißt es da. Für Kalkum, Lehmann und die anderen DBSV-Funktionäre ein Beweis, wie wichtig sie sind. Und dass eigentlich sie die einzigen sind, die sich mit Bogenschießen auskennen.
Die Forderung des DBSV-Präsidiums lautet: »Bogensportler stellen die Richtlinien auf, nach welchen der Sport betrieben wird, welche Bogenarten und -klassen eingesetzt werden und welche Turniere angeboten werden.« Beim DSB jedoch könne das nicht funktionieren, da gehe es nur um Schützeninteressen, und Fragen des Regelwerks oder des Wettkampfprogramms würden dort gar nicht diskutiert. Es gibt gerade mal einen Referenten für den Bogensport. »Der wird nicht wirklich gewählt«, kritisiert Lehmann, auch wenn er ihm gute Arbeit attestiert.
Tatsächlich bietet der DBSV ein wesentlich vielfältigeres Angebot als der DSB: Dort gibt es nur das Olympische Programm, der DBSV aber hat zum Beispiel auch den »Bogenlauf« erfunden, eine Art Biathlon im Sommer. »Überhaupt, wir bieten viel mehr Varianten an«, sagt Lehmann: »30, 50, 70 Meter, das macht der DSB nicht, da gibt es nur 2-mal-70-Meter-Wettkämpfe. Wir aber bieten auch zum Beispiel 3D an, wo man nicht auf Tierbilder, sondern auf Tierkörper schießt.« Das sei nur möglich, weil man sich hier nur um Bogenschießen kümmert.
»Es gibt im gesamten Weltverband keinen einzigen Verband, der kein reiner Bogenschützenverband ist, nur den DSB«, sagt Lehmann und regt sich gleich wieder auf. »International tritt der DSB als ›German Shooting and Archery Federation‹ auf«, ereifert sich Lehmann. »Diese Übersetzung ist gegen deren eigene Satzung!«
Gerade nach Amokläufen, wie zuletzt in Lörrach, Winnenden und Erfurt, ist der DSB mit seiner Vergabe von scharfen Waffen in die Kritik geraten. Aus solchen Debatten wollen die Bogenschützen herausgehalten werden. Sie legen Wert darauf, keine Waffen, sondern Sportgeräte aus Holz, Carbon oder Fiberglas zu benutzen. Eine Lösung des Konflikts zwischen dem Goliath DSB und dem David DBSV ist nicht in Sicht. Immerhin, als der DBSV im vergangenen Jahr sein 50. Jubiläum feierte, trudelte ein Grußwort der Bundeskanzlerin ein. Angela Merkel bedankte sich für das »ansprechende Sportangebot« und betonte, wie wichtig es sei, dass der DBSV »gesellschaftliche Verantwortung« wahrnimmt. Beim mächtigen DOSB heißt es nur, man sei »an einer Konzentration der Kräfte interessiert«. Und Stefan Lehmann erinnert sich daran, dass ihm ein DSB-Funktionär einmal sagte: »Solange noch ein Bogenschütze Mitglied des DSB ist, solange sind wir der Verband.«

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