Schottern gegen den Kapitalismus

Mitschottern!

Die Proteste im Wendland sind sinnvoll! Es geht nicht nur um den Castor, sondern auch darum, mehr Menschen in die Lage zu versetzen, bewusst und massenhaft die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft zu brechen.

Castor schottern? Oder doch lieber gleich den Kapitalismus ganz abschaffen? Eigentlich klar: letzteres! Denn was sollte eine weitere Aktion gegen den Castor, so entschlossen und massenhaft sie auch werden mag, gegen die kapitalistische Formierung ausrichten? Wie geht man als Linker damit um, dass viele, die dort auf die Straße gehen, vor allem ihr Haus und ihren Hof schützen und nicht die kapitalistische Energiepolitik als Ganzes abschaffen wollen? Und überhaupt, was bringt die Leute eigentlich dazu, kraftvoll und massenhaft gegen Atomkraft (oder gegen »Stuttgart 21«) auf die Straße zu gehen, während die Proteste gegen die anhaltende Demontage sozialer Errungenschaften schwach bleiben?

Die Vertreter der reinen revolutionären Lehre leiden mit ihrer Kritik an der »wirklichen Bewegung« (Marx) an einem unübersehbaren Problem. Sie ignorieren die Tatsache, dass eine antikapitalistische politische Praxis an dem ansetzt, was Gramsci den »gesellschaftlichen Alltagsverstand« nannte, ein komplexes Gebilde aus historischen und gegenwärtigen Alltagserfahrungen, reaktionären und progressiven Ideologien, unzusammenhängenden Fragmenten von verändernder und bewahrender Praxis. Oder anders formuliert: Antikapitalistische Politik ist kein Wunschkonzert, und unsere Praxis kann sich nicht darauf beschränken, eine noch ausgefeiltere kritische Kritik der Gesamtscheiße zu formulieren.
Was uns wieder zum Castor zurückführt, und zum Plan, diesen zu »schottern«. Der Plan ist schnell erklärt: Am kommenden Wochenende werden im Wendland Tausende mit Händen und Füßen Schotter aus dem Gleisbett der Castor-Transportstrecke entfernen, um diese für den schweren Castor unbefahrbar zu machen. »Schottern« ist zwar so alt wie der Castortransport selbst, aber dieses Jahr ist trotzdem vieles anders, denn die Kampagne »Castor schottern« organisiert die Aktion als kleinen, aber massenhaften Schritt vom Protest zum Widerstand: Rund 260 Gruppen und 1 300 Einzelpersonen haben öffentlich angekündigt, dass sie »schottern« werden. Potentielle »SchottererInnen« bereiten sich in Trainings vor und halten sich via Web 2.0 täglich auf dem Laufenden. Das zuweilen etwas wahnwitzige Unterfangen geht bisher auf. Repressalien der Staatsmacht treiben nur die Zahl der Unterstützerinnen und Unterstützer in die Höhe, überall ist von Leuten zu hören, die nun dieses Jahr endlich auch mal ins Wendland fahren wollen – um zu »schottern«.
Nein, auch die diesjährigen Proteste gegen den Castor werden den Kapitalismus nicht abschaffen; sie werden es mit Sicherheit auch nicht völlig vermeiden können, von politischen Parteien in irgendeiner Form instrumentalisiert zu werden. Aber wer ein derartiges Reinheitsgebot für politische Praxis formuliert, kann gleich einpacken.

In der Welt der tatsächlich existierenden sozialen Kämpfe ist die Kampagne »Castor schottern« gut aufgestellt. Einerseits haben die Erfahrungen von Heiligendamm und Dresden gezeigt, dass sich linke Politikinhalte (Ablehnung der G8, Nazis stoppen) und -taktiken (Blockaden, Ungehorsam) durchaus über eine immer schon antikapitalistische Szene hinaus effektiv vermitteln lassen. Und dass mehr Leute willens sind, die Regeln des kapitalistischen Normalwahnsinns zu brechen, als eine oft elitär daherkommende Linke manchmal zu denken wagt.
Vor diesem Hintergrund organisiert die Kampagne »Castor schottern« genau die richtige Aktion zur richtigen Zeit: Erstens werden hier ganz bewusst die Grenzen des politischen Ungehorsams ausgedehnt – diesmal gehen wir über die offene Ankündigung einer Blockade hinaus und versetzen gerade durch diese Offenheit immer mehr Menschen dazu in die Lage, bewusst und massenhaft die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft zu brechen, die jeden Tag mehr Ausbeutung, mehr Unterdrückung, mehr Zerstörung produziert. Was beim Castor gelernt wird, wird selten vergessen und zeigt sich später oft an unerwarteten Orten. Und irgendwo muss das Brechen mit den Regeln ja anfangen – gibt es dafür einen besseren Ansatzpunkt als die von so vielen als legitim angesehene Anti-Atom-Bewegung?
Zweitens stehen wir derzeit an einem energiepolitischen Scheidepunkt: Wir können entweder jetzt aus der Atom- und Kohleenergie aus- und bis 2050 auf 100 Prozent erneuerbare Energien umsteigen, oder wir können den energiepolitischen Wahnsinnskurs der vergangenen Jahrzehnte fortsetzen. Der Atomausstieg ist machbar, und er bleibt Handarbeit.

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