Berlin-Tokio

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Schon auf der Treppe, die zum U-Bahnhof Hermannplatz führt, erblickt man Massen von Menschen, die sich um die beiden Fahrkarten­automaten drängeln. Eine junge Frau blickt irritiert auf das Display, dreht sich um und fragt die Wartenden: »Mache ich hier was falsch, oder kostet das jetzt mehr?« »Teurer«, nuschelt der Mann hinter ihr. »Unverschämt ist das«, klagt eine ältere Dame. Unter den anerkennenden Blicken der hinter ihm Stehenden malträtiert ein Punker den anderen Automaten mit der Faust. Nachdem er ein paar Mal »Arschlöcher« in Richtung der Überwachungskameras gebrüllt hat, fragt er resigniert, ob ihm jemand das fehlende Fahrgeld geben könne. Ein älterer Herr, der sonst vermutlich jede »Haste mal ’nen Euro«-Bitte stoisch überhört, kramt bereitwillig in der Geldbörse. Wutbürger müssen schließlich zusammenhalten. »20 Cent mehr für 312 S-Bahn-Züge weniger« titelte die BZ. An den seit dem Sommer 2009 bestehenden Notfahrplan der S-Bahn haben sich die Berliner gewöhnt. Die Stadt ist arm, marode Waggons und kaputte Bremsen passen einfach perfekt zum abgerockten Image der Stadt. Aber das neue Jahr begann für die Kunden des Berliner Nahverkehrs nicht nur mit einer Preiserhöhung, sondern auch mit der Einführung eines »Not-Notfahrplans«. Das ist die überraschend treffende Bezeichnung, die Sprecher der S-Bahn GmbH verwenden, wenn sie über den Ausfall der Hälfte der Züge, die zu normalen Notzeiten noch fuhren, reden müssen. Dass die Preise erhöht wurden, kann man wohl nur damit erklären, dass die Berliner S-Bahn der Deutschen Bahn gehört. Seitdem vier Berliner Stadtteile vom S-Bahnnetz abgeschnitten sind und sich die Wartezeit an den Bahnhöfen, die noch angefahren werden, auf eine halbe Stunde erhöht hat, sind die U-Bahnen rappelvoll. »Das ist ja fast wie damals in unserem Urlaub in Tokio«, sagt eine Frau zu ihrem Freund. Danach kotzt ihr im Gedränge ein schreiender Säugling auf die Jacke und aus dem lässig urbanen Tokio-Fan wird plötzlich auch eine Wutbürgerin.