Über die mutmaßlichen skandinavischen Jihadisten

Das Chamäleon mag kein Bier mehr

Wenige Wochen nach einem Selbstmordanschlag in Stockholm wurden in Dänemark fünf mutmaßliche Attentäter verhaftet. Die Jihadisten hatten möglicherweise einen gemeinsamen Hintermann.

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Fast wäre Dänemark zum Schauplatz blutiger Anschläge geworden. Die Redaktion der Zeitung Jyllands-Posten (JP), die die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, gilt schon seit Jahren als besonders bedroht. Erst im September vorigen Jahres hatte der gebürtige Tschetschene Lors Dukajev in einem Kopenhagener Hotel versehentlich eine Briefbombe gezündet, die nach Angaben von Ermittlern eigentlich die Redaktion der JP treffen sollte. Ende Dezember wurden fünf Männer verhaftet, die offenbar, wie dänische Ermittler sagten, »ein Blutbad« in dem Pressehaus geplant hatten, in dem die Redaktionen der JP und der Politiken untergebracht sind.
Der Spiegel berichtete, dass wohl kein Zusammenhang zwischen dem Anschlagsversuch in Kopenhagen und dem Tod des Selbstmordattentäters Taimour Abdulwahab in Stockholm bestehe, bei dessen Anschlag am 11. Dezember niemand anders verletzt oder getötet wurde. Doch es könnte Verbindungen zwischen den Jihadisten in Skandinavien geben. Anders Danielsson, Chef der schwedischen Sicherheitspolizei Säpo, hat auf einer Pressekonferenz erklärt, dass seine Behörde und der dänische Geheimdienst gemeinsam den Anschlag in Kopenhagen verhindert hätten. Er nannte als mutmaßlichen Drahtzieher einen Mann, der nach indischen Verhörprotokollen, die der JP vorliegen, an der Planung der im Mumbai verübten Attentate beteiligt war und über gute Kontakte nach Schweden verfügte.
David Headley, der ursprünglich Dawood Sayed Gilani hieß, wurde 1950 in Chicago als Sohn eines pakistanischen Diplomaten und der Amerikanerin Serrill Headley geboren. Zehn Jahre später zog die Familie nach Pakistan, kurz darauf ließen sich die Eltern scheiden. Die Kinder blieben beim Vater, Dawood besuchte die Elite-Kadettenanstalt Hasan Abdal. 1977 holte die Mutter ihn zurück in die USA, er eröffnete in Philadelphia die Kneipe »Khyber Pass«, die viele internationale Biersorten im Angebot hatte. Ein ehemaliger Angestellter der Mutter sagte gegenüber der New York Times, dass Gilani »nicht immun gegen Verlockungen des amerikanischen jugendlichen Lebensstils« gewesen sei. Er trank gern Alkohol, hatte Sex mit jungen Frauen und kiffte wohl auch. In den folgenden Jahren wurde er mehrmals verhaftet, 1987 wegen eines Drogendelikts.

Elf Jahre später wurde Gilani angeklagt, weil er zusammen mit einem Komplizen versucht hatte, Heroin von Pakistan in die USA zu bringen. Er kam mit einer knapp zweijährigen Haftstrafe davon, weil er mit der Drogenbekämpfungsbehörde DEA kooperierte. Mutmaßlich reiste er anschließend im Auftrag der DEA nach Pakistan. Im Jahr 2006 änderte er seinen Namen offiziell in David Coleman Headley, um leichter nach Pakistan und vor allem nach Indien reisen zu können. Er war mit seiner Familie nach Chicago gezogen, weil ihm die religiösen Schulen der größten muslimischen Community in den USA als die geeignetsten für seine Kinder erschienen.
Sein Onkel William berichtete in einem Fernsehinterview, dass Headley in dieser Zeit als Kämpfer für die pakistanische Terrororganisation Lashkar-e-Taiba angeworben wurde. Sein Neffe sei »ein Chamäleon, er konnte in Indien wie ein Inder wirken, in Pakistan wie ein Pakistani und in den USA wie ein Amerikaner. Er glitt problemlos von der einen Welt in die andere hinüber.«
Zu seinen ehemaligen Klassenkameraden aus der Militärschule Hasan Abdal hatte Headley immer Kontakt gehalten. Im Oktober 2008 schrieb er in einem Chat, dass er bereit sei, die Verantwortlichen für die Mohammed-Karikaturen umzubringen. Das Jahr 2009 werde er damit verbringen, einen entsprechenden Anschlag zu planen. Er hielt Wort und reiste bereits im Januar nach Dänemark, wo er unter dem Vorwand, eine Annonce aufgeben zu wollen, die Redaktion der JP aufsuchte.
Im Mai 2009 war Headley wieder zurück in Pakistan, wo er sich unter anderem mit Ilyas Kashmiri traf. Der Pakistani Kashmiri hatte Verbindungen sowohl zu al-Qaida als auch zu Lashkar-e-Taiba. Beide Männer sollen über einen »generellen Angriff« auf Kopenhagen diskutiert haben. Von Juli bis August hielt sich Headley erneut in der dänischen Hauptstadt auf, er filmte potentielle Anschlagsziele, reiste aber auch in andere europäische Städte. In Stockholm traf er sich mit einem in den Akten Farid genannten marrokanischstämmigen Schweden, der seine Teilnahme an Terrorakten jedoch absagen musste, weil er sich von der Säpo »zu stark überwacht« fühlte. Im britischen Derby versuchte Headley, zwei Jihadisten für einen Anschlag in Dänemark zu rekrutieren. Woher er die beiden Pakistanis kannte, ist unklar. Einer von ihnen weigerte sich jedoch, für den von ihm als korrupt bezeichneten Kashmiri zu arbeiten.

Am 3. Oktober wurde David Headley auf dem O’Hare-Flughafen in Chicago verhaftet. Zwei Wochen später wurde Tahawwur Rana inhaftiert, der pakistanisch-kanadische Inhaber einer Immigrationsagentur, der wie Headley die Kadetten­anstalt Hasan Abdal besucht hatte. Ihm wird vorgeworfen, an der Planung von Anschlägen in Dänemark und Mumbai beteiligt gewesen zu sein. Die Vermutung liegt nahe, dass Headley bereits zu diesem Zeitpunkt umfassend ausgesagt hatte.
Am 18. März 2010 bekannte sich Headley in Absprache mit den US-Behörden schuldig, um der Todesstrafe oder einer Auslieferung nach Indien, Pakistan oder Dänemark zu entgehen. Ab Juni 2010 erhielten indische Ermittler die Möglichkeit, Headley zu verhören. Seinen Aussagen zufolge wurden die Anschläge in Mumbai nicht allein von Lashkar-e-Taiba verübt, maßgeblich beteiligt an Planung und Durchführung sei der pakistanische Geheimdienst ISI gewesen.
Ob Headleys Aussagen dazu führten, dass die potentiellen Attentäter von Kopenhagen verhaftet werden konnten, geht aus den Protokollen nicht hervor. Der Anschlag in Stockholm und die in Kopenhagen geplanten Attentate scheinen jedoch nicht das Werk von isolierten Einzeltätern gewesen zu sein.