Bernhard Witthaut im Gespräch über Profiling

»Die Terroristen schlafen nicht«

Der künftige Präsident des Deutschen Flughafenverbands, Christoph Blume, hat vorgeschlagen, bei Kontrollen an deutschen Flughäfen ein Profiling einzuführen und Fluggäste nach bestimmten Merkmalen in Risikogruppen einzuteilen. In Israel wird diese Methode, bei der unter anderem Alter, Geschlecht und »ethnische Herkunft« eine Rolle spielen, längst angewendet. In der deutschen Öffentlichkeit kommt Blumes Vorschlag allerdings nicht gut an. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warnt vor einer Stigmatisierung von Fluggästen. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar lehnt eine »Selektion« wegen der »historischen Erfahrungen« in Deutschland ab. Auch die Polizei ist nicht begeistert. Bernhard Witthaut, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), spricht über Sinn und Unsinn des Profiling.

Von anna kow
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Sie sagen, Profiling sei an Flughäfen ungeeignet, bei anderen polizeilichen Einsätzen aber durchaus angebracht. In welchen Fällen befürworten Sie das Profiling?
Profiling ist eine Methode, mit der man aus ganz wenigen Daten ein Bild zusammensetzen kann, um dem Täter auf die Spur zu kommen. Diese spärlichen Daten sind die Anhaltspunkte, an denen sich ein Profiler orientiert, der übrigens auch eine ganz besondere Ausbildung hat. Und das wäre ja am Flughafen nicht so. Dort würden Menschen nach Herkunft, Rasse, Geschlecht, Größe oder Umfang qualifiziert und daraus würde ein Raster entwickelt. Das reicht überhaupt nicht aus.
Warum können Polizeibeamte besser als private Sicherheitsdienste Terroristen erkennen?
Wir Polizisten haben ein sechssemestriges Studium absolviert und sind natürlich auch aufgrund unserer beruflichen Erfahrung in vielen Dingen anders geschult beziehungsweise sensibilisiert.
Spielen nicht auch bei polizeilichen Kontrollen die »ethnische Herkunft« und religiöse Merkmale eine Rolle?
Nein. Es gibt natürlich auch für uns gewisse Anhaltspunkte dieser Art. Aber der Vorschlag lautet ja, Menschen nach ganz bestimmen Merkmalen in Kategorien einzuteilen, und das macht ein Polizist nicht.
Wird nicht jetzt schon ausgewählt, wer am Flughafen wie lange und wie intensiv kontrolliert wird?
Normalerweise gehen Sie einfach durch diese Schleuse, vorher werden ihre Gegenstände durchleuchtet. Oder aber das Sicherheitspersonal hat einen Verdacht, und dann wird auch in die Tasche hineingeguckt.
Und worauf gründet sich dieser Verdacht?
Darauf, dass viele Dinge zusammenpassen. Dann heißt es: Okay, den gucke ich mir mal genauer an. Das machen wir zum Beispiel auch bei Fahrzeugkontrollen so, das sind eben Erfahrungen, die nicht nur die Polizei, sondern auch der Zoll macht.
Und bei dieser Arbeit spielt die Beurteilung nach »ethnischer Herkunft« keine Rolle?
Terroristen sind nicht dumm. Sie sind in der Lage, ihr Aussehen zu verändern. Mittlerweile sprengen sich ja auch Frauen in die Luft. Das heißt, die Terroristen erfüllen nicht unbedingt nur ganz bestimmte Kriterien. Natürlich können alle Täter und potentiellen Täter der vergangenen Jahren erfasst werden, aber daraus ein Raster zu entwickeln, halte ich für falsch. Die Terroristen schlafen nicht und werden sich auch dementsprechend verändern. Da laufen wir als Polizei immer hinterher. Wenn die Sicherheitsbehörden gut zusammenarbeiten, dann können wir die Terroristen mit ihren Absichten möglichst rechtzeitig ermitteln.
Der Tel Aviver Flughafen Ben Gurion gilt als sehr sicher, dort wird das Profiling angewandt.
Vielleicht könnte Profiling ein zusätzliches Ins­trument sein. Aber stellen Sie sich vor, was das bedeutet! Sie haben in Ben Gurion zehn Millionen Reisende pro Jahr, allein in Frankfurt sind es 50 Millionen. Wie viel Personal wollen Sie einstellen, wie wollen Sie das organisieren? Und außerdem: Dieses Profiling, wie es in Israel gemacht wird, bedeutet nicht nur, dass Sie angesprochen werden, dass Sie ihren Pass noch einmal vorzeigen müssen – es laufen im Hintergrund eine ganze Menge weiterer Informationen. Wenn Sie eine Reise buchen, geben sie bereits entsprechende Daten an, diese werden zusammengeführt, und erst dann werden Sie noch einmal angesprochen. Dieses Profiling basiert im Prinzip auf einer Datensammlung, wie sie hierzulande meines Erachtens verfassungswidrig wäre.