Punk Ass Queer

Berlin Beatet Bestes. Folge 77. Limp Wrist: »What’s Up With The Kids« (2001).

Anzeige

Wenn ich sagen müsste, welches für mich die beste Hardcore-Punk-Platte des vergangenen Jahrzehnts war, würde ich die erste EP von Limp Wrist, »What’s Up With The Kids«, nennen. Dabei habe ich in den letztenzehn Jahren hunderte von DIY-Singles gekauft. Limp Wrist ist eine schwule Straight-Edge-Band aus Chicago. Schwulsein mit Straight Edge zu verknüpfen, erscheint zunächst wie eine Novelty-Idee, wie eine Persiflage, denn der Männlichkeitskult der Straight-Edge-Szene hatte schon immer homoerotische Züge.
Die klischeehafte, oft humoristische Überhöhung macht als Kennzeichen von Novelty Pop die stilbildenden Mittel besonders sichtbar. 1955 war das zum Beispiel Little Richard und sein Vorbild, der ebenfalls der schwulen Sideshow-Szene entsprungene Esquerita. Beide waren Kunstfiguren, exzentrisch, geschminkt und mit hochtoupiertem Haar. Diese beiden schwulen Künstler stehen am Anfang der Rockgeschichte. Der anzügliche Originaltext von »Tutti Frutti« ging dann auch so: »Tutti Frutti, good booty / If it don’t fit, don’t force it / You can grease it, make it easy«, und wurde dann radiotauglich umgeschrieben in: »Tutti Frutti, all rooty!« (all right). Ohne »Tutti Frutti« kein Rock’n’Roll. Ohne »A-Wop-Bop-A-Loo-Bop-A-Lop-Bam-Boom« würden wir immer noch Foxtrott tanzen.
Limp Wrist sind zwar kein Novelty-Act, aber sie haben mit ihrer ersten EP im Alleingang dennoch viel Neues geschaffen. Mit Straight Edge meinen sie es allerdings sehr ernst, und auch musikalisch ist diese Platte extrem schnell und aggressiv. Es ist die härteste schwule Punkplatte, die je aufgenommen wurde, die Blaupause für Queercore. Textlich attackieren Limp Wrist in »What’s Up With The Kids« die Bigotterie der Punks: »What’s up with some of the kids / Call yourself hardcore punk / You’re full of shit /  You’re not so radical, you closeted wimp / You got the bible up your ass and Christ is your pimp«, und schwulen Konformismus in »Rainbows«: »Shaved bodies, tight tummies all around / I’m such a lost queer walking the streets of boys town« und in »Punk Ass Queer«: »Military gays, what a bore / Don’t guinea pig me for your fucked up wars«.
Die frühere Band des Sängers Martin Sorrondeguy, Los Crudos, war in den neunziger Jahren die erste US-Latino-DIY-Hardcore-Punk-Band, die auch spanische Texte hatte. Auch sie war extrem schnell und aggressiv. Als Limp Wrist im Juli vergangenen Jahres endlich nach Europa kamen, hatten sie ihren Zenit zwar schon überschritten, aber dafür füllte ihr Ruf mühelos die Konzertorte. Die schiere Energie ihrer Auftritte mischte sich mit der Begeisterung darüber, die Gruppe endlich live zu sehen. In Berlin konnten viele jedes Lied mitsingen. Die Köpi war heiß, alle waren verschwitzt und halb nackt und forderten Zugaben. Allerdings forderte dafür auch Martin etwas: »Only if you show me some German dicks! Come on, don’t be so German!« Da haben alle, wirklich alle Punks gekniffen. Und ich auch.