Hoffnung auf Widerstand. Ein Buch über Wanderarbeiter in China

Sprachlos, aber kämpferisch

Immer mehr chinesische Wanderarbeiter treten in den Streik. Ihre Hoffnungen und Widerstandsstrategien sind auch ein Thema für linke Wissenschaftler.

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Die Streikwelle in der chinesischen Autoindustrie im Sommer vergangenen Jahres hat gezeigt, dass sich hier neue Klassensubjekte artikulieren. Wanderarbeiter organisieren mit Handys selbstbewusst Arbeitsniederlegungen, zusammen mit Praktikanten, aber ohne Gewerkschaften. Entsteht in China jene einheitliche und kämpferische Industriearbeiterklasse, die von den Anhängern der »post-industriellen Wissensgesellschaft« schon so oft totgesagt wurde?
In dem soeben erschienenen Sammelband »Aufbruch der zweiten Generation: Wanderarbeiter, Gender und Klassenzusammensetzung in China« von Pun Ngai, Ching Kwan Lee u. a., erschienen bei Assoziation A, geben linke Wissenschaftler aus Hongkong und den USA eine Übersicht über die Arbeitsbedingungen, Widerstandsstrategien und Hoffnungen der zweiten Genera­tion der Wanderarbeiter, die nicht mehr wie ihre Eltern in die Dörfer zurückkehren wollen und versuchen, in der Stadt dauerhaft zu überleben.
Die deutschen Herausgeber berufen sich auf den Begriff der »Klassenzusammensetzung«, der mit dem Operaismus, einer unahängigen marxistischen Strömung im Italien der sechziger und siebziger Jahre, verbunden ist. Statt abstrakt über die Rolle des Proletariats zu philosophieren, sollten in »militanten Untersuchungen« an Ort und Stelle die konkreten Arbeitsbedingungen analysiert werden. Die Klasse setze sich in Kampfzyklen immer wieder neu zusammen. In Italien waren es in den sechziger Jahren die ungelernten Massenarbeiter aus dem bäuerlichen Süden, die in den Fabriken des Nordens zeitweise die Produktion lahmlegten. Auch in China gehen die Streiks von Massenarbeitern bäuerlicher Herkunft aus.
Auf den ersten Blick haben die von den Wanderarbeitern gewählten Berufe nicht viel miteinander zu tun: Bandarbeiter, Barhostess, Lastenträger, Bauarbeiter oder Tagesmutter. Im Gegensatz zum traditionellen Operaismus, der sich stark auf männliche Industriearbeiter konzentriert hat, behandelt das Buch auch Frauen. Die meisten Beiträge wurden von Wissenschaftlerinnen geschrieben.
Eine wichtige Waffe, um unerträglichen Arbeitsbedingungen zu entkommen, ist die Mobilität. Lebensläufe, die von der Fabrik in die Bar und dann wieder zurück führen, sind keinesfalls ungewöhnlich. Ehemalige Fabrikarbeiter entscheiden sich beispielsweise, ihre Dienste als unabhängige Lastenträger auf der Straße anzubieten. Diese Tätigkeit ist schlecht bezahlt und mit großer Unsicherheit verbunden, bietet aber auch eine gewisse Freiheit im Vergleich zum despotischen Regime des Fließbands.
Jobsicherheit und Sozialleistungen werden bei den Streiks in China selten gefordert. Die Wanderarbeiter wollen stattdessen kräftige Lohnerhöhungen, um die höheren Lebenshaltungskosten in der Stadt decken zu können. Im Gegensatz zu den alten Kernbelegschaften der Staatsindus­trie haben sie und ihre bäuerlichen Eltern die »eiserne Reisschüssel«, den Anspruch auf eine minimale soziale Absicherung, nie kennengelernt. Gemeinsam ist den Wanderarbeitern weniger die konkrete Tätigkeit als die Erfahrung, in den Städten und bei der Arbeit als »Bürger zweiter Klasse« diskriminiert zu werden. Sie gelten der Regierung als Gefahr für die soziale Stabilität und sollen daher besonderen Kontrollen und Erziehungsmaßnahmen unterworfen werden (Jungle World, 33/10).

Die Wahlmöglichkeiten bei der mobilen Jobsuche sind natürlich nicht unbegrenzt. Gesellschaftliche Normen hinsichtlich des Geschlechts prägen sowohl die Einstellungspolitik als auch die Kontrollmechanismen in den Fabriken. In exportorientierten und arbeitsintensiven Industrien wie Elektronik und Textilverarbeitung sind die Belegschaften wie auch in Mexiko, Indonesien oder Thailand überwiegend weiblich. Junge Frauen gelten in diesen Branchen als geschickter und leichter zu kontrollieren als Männer.
In der Autoindustrie sind hingegen überwiegend Männer beschäftigt. Die Löhne der Automobilarbeiter sind vergleichsweise hoch, deshalb sind die Arbeitsplätze dort sehr begehrt. Einerseits können die Fließbänder leicht lahmgelegt werden, wegen der »lean production« können schon kleinere Streikaktionen eine große Wirkung entfalten. Anderseits sind die Arbeiter angesichts der fortschreitenden Dequalifizierung leicht ersetzbar. Hinzu kommt, dass auch in China das Management versucht, Leiharbeiter, Prak­tikanten, Beschäftigte ohne jeglichen Arbeitsvertrag und die Stammbelegschaft gegeneinander auszuspielen. Kleinere Zulieferbetriebe in der Elektroindustrie zahlen den Arbeitern Prämien, wenn sie Verwandte aus ihren Dörfern anwerben. Diese Strategie dient auch der Kontrolle, da die Arbeiter dafür bürgen müssen, dass ihre Verwandten keinen Ärger machen.
Die Autoren des Sammelbands »Aufbruch der zweiten Generation« haben sich die Mühe gemacht, selbst in Feldforschung mit den Arbeitern zu sprechen. Die Professorin Pun Ngai stellte sich ein Jahr ans Fließband, Zhang Tiantian aus New York arbeitete sogar monatelang als Hostess in Karaoke-Bars, um Zugang zu Sexarbeiterinnen zu bekommen. Die meisten Beiträge beschreiben die Wut der Arbeiter über ihre Ausbeutung. Allerdings wird auch eingeräumt, dass die neuen Subjekte noch keine eigene Sprache und Agenda gefunden haben, um sich politisch gegen Staat und Kapital zu organisieren.
Das Vokabular des Klassenkampfs ist in China stark mit der Mao-Ära und daher auch mit der Herrschaft der Kommunistischen Partei verbunden. Während in der Mao-Ära Ruralität zumindest im staatlichen Diskurs noch positiv bewertet wurde, wird die bäuerliche Herkunft und die fehlende »Qualität« (suzhi) der Wanderarbeiter nun von Managern und Hausherren als Argument für die Notwendigkeit von Überwachung und Disziplinierung benutzt.
Die KPCh hat just in dem Moment, in dem Millionen von Bauern zu Fabrikarbeitern werden, ein Schichten-Modell aus den westlichen Sozialwissenschaften übernommen, um die Gesellschaft zu beschreiben. Der Versuch des Staats, die begrifflichen Bezugspunkte für Widerstand zu zerstören, ist teilweise erfolgreich. In Interviews sprechen einige Wanderarbeiter selbst von ihrer »niedrigen Qualität«, um ihre Diskriminierung in der Stadt zu erklären. Die Autoren hoffen daher, dass die Alltagserfahrungen in Fabriken und Wohnheimen helfen, neue Klassendiskurse von unten entstehen zu lassen, in denen sich die Arbeiter selbst ermächtigen.

Trotz aller Streiks und Unruhen ist in China bisher weder eine landesweite Arbeiterbewegung entstanden, noch gibt es bei Streikenden ein Bewusstsein, als einheitliche Klasse zu handeln. Ching Kwan Lee betreibt seit 15 Jahren Feldforschung zu Arbeiterunruhen in China. Sie argumentiert, dass bisher immer noch der Staat den Rahmen des Erlaubten für die Kämpfe vorgebe und diese Grenzen nur selten überschritten würden. Nicht wenige Linke in China setzen die Hoffnung auf eine stärkere Verrechtlichung der Aus­einandersetzungen. Lee meint allerdings, dass trotz der Verbesserung des Arbeitsrechts die Entmachtung der Arbeiter in den Fabriken fortgesetzt werde.
Optimistisch stimmt jedoch, dass die Zahl der Kämpfe in den vergangenen Jahren weiter zugenommen hat. Dass es bisher keine Institutionen gibt, die versuchen, Streiks zu vereinnahmen und in eine bestimmte politische Richtung zu lenken, könnte sich auch als Vorteil erweisen. Die chinesische Arbeiterklasse muss sich selbst neu erfinden. Das Buch »Aufbruch der zweiten Generation« schildert, unter welchen Bedingungen dies geschieht und welche Ansätze es dafür gibt. Es macht die Subalternen zum Ausgangspunkt der Forschung, ohne dabei die neuen Klassensubjekte naiv zu idealisieren. Subjektbildung und Arbeiterkämpfe in China sind nicht nur für das Land selbst von Bedeutung. China spielt eine zentrale Rolle in der kapitalistischen Weltwirtschaft, und die »Werkbank der Welt« kann allein schon wegen der Masse der dort beschäftigten Wanderarbeiter nicht einfach durch Auslagerung der Produktion ersetzt werden.