Insulaner der Vernunft

Die Tel Aviver Band Electra spielt lauten Rock’n’Roll gegen und für den Mainstream.

Anzeige

Kurz nach 23 Uhr brummt die kleine Taxidermy-Bar bereits, obwohl nach lokaler Party-People-Zeit der Abend in Tel Aviv noch nicht einmal begonnen hat. Die DJs legen Songs von Blur, Joy Division, Supergrass und The Clash auf, und am Tresen trinken die hippen Gäste Longdrinks und Goldstar-Bier. Auf einer Couch in der Ecke sitzt Nitzan Horesh, 33jähriger Sänger der Band Electra, die in den vergangenen Monaten einen Popularitätsschub in Israel erlebte. Horesh trägt hautenge Jeans, ein ärmelloses Shirt und interessante weiße Lederslipper, die man nur als angehender Popstar besitzen darf.
Er verzichtet auf jedes Vorgeplänkel und legt gleich los: »Weißt du, in Israel in einer Band wie Electra zu spielen, ist für sich genommen schon ein politisches Statement. Wir machen lauten Rock’n’Roll und treten damit gegen die öde, einlullende Musik an, die hier zurzeit dominiert. Diese Musik hilft den Menschen vielleicht, kurz ihren tagtäglichen Stress und die Angst in diesem Land zu vergessen und mal abzuschalten, aber uns geht es darum aufzuwühlen, zu beunruhigen. Wir spielen aber nicht avantgardistischen Lärm gegen den Mainstream, sondern wollen den Mainstream erobern, ihn verändern, damit wir viele Menschen bewegen können und nicht nur ein paar gute Freunde in unserem Übungsraum.«
Das ist ihnen im vergangenen Jahr auch ganz gut gelungen. Ihre Singles »Coming To Get You« und »Dawn of Summer« liefen im Radio rauf und runter, das erste Electra-Album »Heartbreaks for Fools« erschien im Juli vorigen Jahres und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. »Sie klingen wie niemand sonst in der hiesigen Musiklandschaft«, schrieb beispielsweise die Jerusalem Post und titelte enthusiastisch: »Das nächste große Ding«. Für Yediot Ahronot war »Heartbreaks for Fools« nicht weniger als das Album des Jahres: »Hätten sie die Platte in den USA oder Großbritannien veröffentlicht, würden sie jetzt in Stadien spielen.« Das ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, aber das Debüt der Band ist über weite Strecken tatsächlich erstklassig, offenbart großes Potential. Da trifft Neunziger-Britpop auf US-Rock’n’Roll der fünfziger Jahre, gemeinsam holen sie die ­Beatles und die Rolling Stones ab, und dann tanzen sie alle zusammen unter der Sonne Tel Avivs zu Ska, Reggae und Motown. Trotz dieser wilden Mischung klingen Electra nicht unentschlossen oder beliebig, sondern verknüpfen die unterschiedlichen Stile schlüssig miteinander.
Eine halbe Stunde nach dem verabredeten Termin kommen auch die beiden anderen Elec­tra-Mitglieder, Bassist Doron Farhi und Schlagzeuger Boaz Wolf. »Ich hoffe, wir haben Nitzans politische Vorträge bereits verpasst«, sagt Farhi und lacht. Er hat bereits 2004 mit Horesh bei Electra gespielt, zu der Zeit noch mit einem anderen Schlagzeuger. Es lief gut für die Musiker, Veröffentlichung einer EP, Plattenvertrag mit EMI, Tournee durch Großbritannien und Deutschland. 2006 gelang ihnen mit der Single »Better Sound« ein Achtungserfolg in Israel, aber dann stieg Horesh plötzlich aus und zog nach London. »Irgendwie war ich genervt von allem und hatte den Eindruck, dass Israel für uns noch nicht bereit war.« Etwas später traf Farhi per Zufall auf Wolf und war von dessen Schlagzeugkünsten begeistert. »Ich rief Nitzan in England an und sagte ihm, dass er sofort zurückkommen muss, damit wir Electra wiederbeleben können«, erzählt er.
So ging es wieder los, und dieses Mal fühlen sie sich nicht allein auf weiter Flur. »In Tel Aviv gibt es eine pulsierende, wachsende Szene von Indie-Musikern, und wir sind ein Teil davon«, sagt Wolf. »Die Gemeinschaft und der Austausch untereinander werden mit jedem Tag besser. An der Stadt schätze ich vor allem das offene gesellschaftliche Klima, das uns jede künstle­rische Freiheit ermöglicht.«
Nitzan Horesh nennt Tel Aviv die »Insel der Vernunft« und kritisiert dagegen verschiedene politische Entwicklungen in seinem Land scharf. »Ich liebe Israel, und ich will nur das Beste für mein Land«, sagt er. »Deshalb beobachte ich mit großer Sorge einen Rechtsruck in Teilen der Gesellschaft. Wie kann zum Beispiel ernsthaft ein Rassist wie Avigdor Lieberman ein Mitglied der Regierung sein? Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass solche Leute keine Rolle mehr spielen. Es kann nicht sein, dass Gene­ration für Generation im Kriegszustand aufwächst, aber mit der aktuellen Regierung kommen wir dem Frieden kein Stück näher. Es reicht einfach nicht, eine Mauer aufzubauen und den Palästinensern ›fuck you‹ zu sagen – das kommt irgendwann alles auf uns zurück.«
Ihm ist selbstverständlich klar, dass die Situation ein bisschen komplexer ist, der Mann lebt schließlich in Israel: »Natürlich übertreibe ich es manchmal mit meinen Aussagen. Die Erfahrung zeigt mir, dass Provokationen gut sind, um Reaktionen zu erhalten, Debatten anzustoßen.« In den Songtexten spiegeln sich seine Ansichten nicht oder nur verschlüsselt wider, meist geht es recht vage um Liebe, Außenseitertum, Einsamkeit, verpasste Chancen. Horesh nutzt jedoch die Bühne sowie Interviews, um seine Positionen zu vertreten. Das macht ihn und die Band zusätzlich interessant: Alle großen israelischen Zeitungen, Fernsehstationen und Online-Magazine haben Interviews mit Horesh geführt – und dabei wurde nicht nur über Musik gesprochen. Seine Mitstreiter Wolf und Farhi bezeichnen sich als eher unpolitisch, aber auch ihre Herzen schlagen links, und so geben Electra regelmäßig Benefiz-Gigs: gegen die Abschiebung von afrikanischen Flüchtlingskindern, für die Rechte von Arbeitern, für die Unterstützung von Obdachlosen und was ihnen sonst noch wichtig ist. Ohnehin setzen Electra auf die Wirkung ihrer Live-Auftritte. »Wir haben 2010 im Schnitt pro Woche drei Gigs gehabt«, sagt Farhi. »Das schlaucht, aber es hat sich gelohnt: Auf ganz klassischem Wege haben wir uns eine Fangemeinde erspielt.«
Es geht knackig weiter: Im März treten Electra beim wichtigen SXSW-Festival in Austin auf, danach wollen sie in Kanada und einigen Städten in den USA spielen und Mitte des Jahres auf eine Europa-Tournee gehen. Das nächste Album erscheint Ende des Jahres – wenn alles nach Plan läuft, gleichzeitig in Israel, Europa und den USA. »Das wird ein hartes Jahr«, sagt Horesh. »Aber mir gefällt das. Als wir angefangen haben, standen fünf Leute vor der Bühne und haben uns angeguckt, als wären wir gerade einem Ufo entstiegen – diese Zeiten wünsche ich mir definitiv nicht zurück!«