Über das Manifest »Der kommende Aufstand«

Schönes Sperrholz abzugeben

Und zwar zum Schüren des Feuers der Revolte. Wie verhält es sich nun eigentlich mit dem derzeit kursierenden Manifest »Der kommende Aufstand«? Ist es tatsächlich das »wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit« (FAZ)? Verweist die Schrift auf den Beginn einer revolutionären Literatur der Gegenwart? Hat man es mit gespreizter Revoluzzer-Romantik zu tun? Oder handelt es sich bei den Schöpfern dieser neuen linken Gegenwartsliteratur um Leute, die sich ihre Utopie bei Pol Pot, Ernst Jünger, Kropotkin und den Amish People zusammengeklaut haben? Unsere Revolutionsexperten Klaus Bittermann, Rainer Trampert, Felix Klopotek und Karl Rauschenbach haben sich Klarheit in dieser Angelegenheit verschafft und geben darüber Auskunft, was von dem Manifest des Unsichtbaren Komitees zu halten ist.

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Wenn der Rotwein korkt Linksradikale Schriften, die ganz im emphatischen Sinne Marxens auf den völligen Umsturz der Verhältnisse bedacht sind und in denen Gedanken darüber angestellt werden, wie das bewerkstelligt werden könne, finden Aufmerksamkeit höchstens, wenn überhaupt, beim Staatsschutz und nicht im bürgerlichen Feuilleton, das sich bei solchen Pamphleten nach der österreichischen Maxime richtet: »Ned amoi ignoriern«. Umso erstaunlicher war es, dass die ersten Reaktionen der großbürgerlichen Kulturkritik von FAZ, SZ und Zeit auf das kleine Manifest »Der kommende Aufstand« nicht nur sympathisierend ausfielen, sondern geradezu euphorisch. Nils Minkmar (FAZ) bezeichnete die Schrift als »das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit«, und zwar weil »das Besondere an dem Buch dessen glänzender Stil« sei und »der Text ohne das sonstige phraseologische Sperrholz linker Pamphlete auskommt«, wie Alex Rühle in der SZ ergänzte. Dass der formalen Seite mehr Bedeutung beigemessen wurde als der Intention der Schrift war dabei durchaus überraschend. Wolfgang Pohrt meinte, das sei ein Zeichen dafür, wie sehr sich das Feuilleton langweilen würde, was auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinen mochte, aber die folgende absurde Debatte war durchaus dazu angetan, ihm Recht zu geben. Johannes Thumfart rief in der Taz das bürgerliche Feuilleton zur Ordnung. In Wirklichkeit sei die Schrift »eine rechte, von Heidegger und Carl Schmitt inspirierte, antimoderne Hetzschrift«, die »mit tiefbraunen Zitaten gewürzt« sei. Für diesen Schwachsinn ist die Taz vor über 30 Jahren nicht gegründet worden, aber es war von einer bemerkenswerten Raffinesse, dass die Taz, die in der Außenwahrnehmung immer noch mit einem gewissen Linkssein verbunden wird, nun päpstlicher als die bürgerlichen Feuilletonpäpste sein wollte. Der Nachweis, was das Manifest »Der kommende Aufstand« mit Schmitt und Heidegger zu tun habe, bestand im wesentlichen in der Behauptung, die anonymen Autoren seien, wie Thumfart herausgefunden hatte, »der Demokratie spinnefeind«, und weil Schmitt und Heidegger ebenfalls die Demokratie kritisiert hätten, könne eine gedankliche Verwandtschaft nicht geleugnet werden. Selbst wenn ein Bezug zu Schmitt und Heidegger nachzuweisen gewesen wäre, macht das noch niemanden automatisch zu einem Rechten, und so dürfte die grandiose Entdeckung, die Thum­fart da gelungen ist, darauf zurückzuführen sein, dass er selber ein bisschen zu tief in den Heidegger geschaut hat. Eine ähnliche Analyse des Manifests schrieb Thumfart auch für diese Zeitung (Jungle World 47/10). Die Ermahnung der Taz mochte das bürgerliche Feuilleton, das die Schrift eben noch gelobt hatte, nicht auf sich sitzen lassen. Die SZ ging in sich, konzedierte widerwillig, dass Schmitt und Heidegger »zumindest teilweise« die Schrift prägen würden, um dann triumphierend den wirk­lichen Drahtzieher im Hintergrund zu präsentieren: Ernst Jünger, der »die nun im ›Aufstand‹ beschworene Praxis der Mimikry und des subversiven Widerstands vor Jahrzehnten schon und in mindestens so eleganten Worten vorweggenommen hat«, eine Einsicht, deren Gehalt an Schwachsinn sich mit dem in der Taz messen konnte. Nun wurde auch mehr die praktische Seite des »schlecht gelaunten und renitent daherkommenden« Büchleins unter die Lupe genommen und als »pubertärer Vulgärsozialismus« entlarvt, und wenn Felix Serrao in der SZ nicht umhin konnte, gewissen »Erkenntnissen« zuzustimmen, dann monierte er, dass sie »nicht sexy« seien, womit eine Kategorie in der Beurteilung von Texten eingeführt wurde, von der man immerhin sicher sein konnte, dass sie auf die nun »schlecht gelaunten« Kritiken aus dem bürgerlichen Lager zutraf. Vor allem der Spiegel ging mit dem Büchlein hart ins Gericht, nachdem man es auf drei Seiten nachgedruckt hatte, machte dabei aber einen völlig verwirrten Eindruck. Auch der Spiegel hatte Traditionslinien entdeckt, diesmal Jean-Jacques Rousseau »oder« Jean-Luc Godard. Das »oder« war dabei sehr lustig. Von Godard hätten die Autoren »den radikalen Gestus geerbt, sie polemisieren gegen die Demokratie, gegen das System, gegen Selbstverwirklichung, gegen das Subjekt an sich«. Abgesehen davon, dass Godard Maoist war, ideologisch gesehen also eher ein rotes Tuch gerade für die unsichtbaren Aufständischen, ist der Steckbrief auch nicht besonders spezifisch, bis auf den Vorwurf, die Autoren seien »gegen das Subjekt an sich«. Meint der Spiegel, sie seien für die Abschaffung der Menschheit? Eine gewagte These, deren Begründung die Illustrierte allerdings leider für sich behielt. Dafür vermengte der Spiegel die Schrift »Der kommende Aufstand« treffsicher mit Leuten und Büchern, die mit ihr bestimmt nichts am Hut haben, z.B. mit dem Bestseller- und Spiegel-Autor Richard David Precht, einem Anklage-Schriftsteller, der viele kosmetische Details am Kapitalismus bemängelt, aber bestimmt nie auf die Idee käme, ihn abschaffen zu wollen. Oder mit der Ratgeberliteratur »Der Sinn des Gebens« von Stefan Klein. »Das Denken ist das gleiche. Der Ekel ist der gleiche. Die Wut ist die gleiche«, setzt der Spiegel apodiktisch den »deutschen Wutbürger« von »Stuttgart 21« mit den Aufständischen aus den Banlieues gleich, dabei könne »die Moderne« doch gar nichts dafür, »wenn der Rotwein korkt«, womit der Spiegel schließlich den wirklichen Grund für die Folgen der Bankenkrise und des griechischen Staatsbankrotts entdeckt hat. Steckt hinter einigen Kommentaren sicher auch die Eitelkeit von Journalisten, die sich mit maximaler Peinlichkeit ins Gespräch bringen wollen und denen keine These zu absurd ist, um sich davon nicht einen kleinen Aufmerksamkeitsvorteil zu versprechen, so lässt sich hinter den aufgeregten Flatterbewegungen im Feuilleton auch eine tiefe Verunsicherung erkennen, weil man einige Phänomene nicht begreift oder einem diese schlicht entgleiten. Gerne, ja geradezu enthusiastisch teilt man die Analyse der »diffusen Schizophrenie«, der »schleichenden Depression« und der »Atomisierung in feine paranoide Teilchen«, die die Gesellschaft für ihre Mitglieder zu bieten hat, aber dass diese Diagnose auch Konsequenzen hat wie die Aufstände in den Banlieues und die Revolten in Griechenland, die von den unsichtbaren Autoren gesehen werden, das mag man dann doch weniger. Und deshalb stempelt man das sich als »Komitee« bezeichnende Autorenkollektiv als rechtskonservativ ab, weil man bei ihm »die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft« (SZ) feststellen zu können glaubt. Aber gerade für »die Verachtung der Mehrheitsgesellschaft« gibt es jede Menge guter Gründe, wenn man nicht ganz unempfindlich ist für das, was sich als ganz normaler Wahnsinn auf den Straßen und in der Politik abspielt. In »Der kommende Aufstand« heißt es: »Das Getue all dieser jungen Leute, die sich darin üben, für ihr Einstellungsgespräch zu lächeln, die sich ihre Zähne weiß machen lassen – für einen besseren Aufstieg –, die in Nachtclubs gehen, um Teamgeist zu simulieren, die Englisch lernen, um ihre Karriere zu beschleunigen … . Das Gewimmel all dieser kleinen Leute, die ungeduldig darauf warten, ausgewählt zu werden, und dafür trainieren, natürlich zu sein …« Wer auf solche Dinge nicht abgestumpft reagiert und es versteht, den Ekel davor analytisch zu fassen und nicht als Ressentiment, der schreibt aus einem fundamentalen Antrieb heraus, aus wirklichem Interesse, etwas verändern zu wollen. Man nimmt den Autoren ab, dass sie die Schrift nicht aus Spaß oder Eitelkeit geschrieben haben. »Noch zu warten, ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation«, schreiben sie und lassen in der gesamten Analyse keinen Zweifel daran, wie dringlich die Angelegenheit und wie weit fortgeschritten das Projekt des Kapitalismus ist, bei seiner Selbstabschaffung alles mit sich zu reißen. Dabei sind sie keine Alarmisten, sie knüpfen einfach nur an die radikale Unversöhnlichkeit Guy Debords und der Situationisten an, für die es keine Verständigung mit dieser Welt gab. Sie schreiben die Geheimgeschichte des 20. Jahrhunderts fort, auf deren Spur sich Greil Marcus in »Lipstick Traces« begeben hatte und die zurückreicht bis zu Antonin Artaud, den Surrealisten, Le Grand Jeu, den verschütteten Gesten des Aufbegehrens, denen Raoul Vaneigem in seinem »Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen« so viel Aufmerksamkeit widmete. Es gibt noch viel mehr Einflüsse, wie Foucault, Lyotard, Deleuze und Guattari. Heidegger, Schmitt und Jünger gehören nicht dazu, und vor allem versuchen sich die Autorinnen und Autoren des Unsichtbaren Komitees an einer Weiterentwicklung der theoretischen Fundstücke und nicht an einem Nachbeten, das bei vielen erkennbar war, die sich auf die Situationisten bezogen, wie lustigerweise auch dem deutschen Verleger des »Kommenden Aufstands«, der sich zu einem jener ordinären Linksradikalen zurückentwickelt hat, für die die unsichtbaren Autoren nur Hohn und Spott übrig haben. Als Kopf des Autorenkollektivs gilt Julien Coupat, der die philosophische Zeitschrift Tiqqun herausgegeben hat, in der auch die programmatische Schrift »Kybernetik und Revolte« erschienen ist. Dort grenzt man sich gegen den »Negrismus« als Avantgarde der ökologischen Bewegung ab und plädiert für eine »ekstatische Politik«, die »aus der Abweichung, aus der kleinen Variation, aus Drehungen« besteht und »die – ausgehend vom Inneren des Systems – es lokal zu seinem Bruchpunkt hinstoßen« soll. Und bereits hier konnte man nachlesen, wie man die empfindlichen Stellen des Systems zu treffen versucht, nämlich nicht durch einen offenen Schlagabtausch, sondern durch eine »diffuse Guerilla«, die mit kurzen Angriffen und Rückzugsbewegungen operiert und dabei weder nachsetzt noch erobert, wie T. E. Lawrence die Taktik der arabischen Armee gegen die Türken beschrieben hat. Es geht dabei nicht um die Machtfrage, wie diejenigen befürchten, die sich lediglich eine Revolution aus dem vergangenen Jahrhundert mit Erschießungskommandos in der Etappe vorstellen können, es geht um eine erst zu erfindende neue Gesellschaft, neue Bedürfnisse, eine neue Sprache, neue Lebensformen und Verhaltensweisen, mit denen unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen nur rudimentär experimentiert werden kann. Dies geht von einer »Generation« aus, die »sich nie auf die Rente, auf das Arbeitsrecht und noch weniger auf das Recht auf Arbeit verlassen hat«. Ihre Vorstellungen mögen idealistisch sein und an der intellektuellen Bewegungsunfähigkeit der zur Mobilität verdammten Menschen scheitern, die einfach in dem Zustand verharren, der sie umgibt, aber man kann Leuten schlecht vorwerfen, dass sie diesen Zustand reflektieren und mehr wollen als das, was ihnen zugestanden wird. Die unsichtbaren Autoren gehen davon aus, dass »das allgemeine Unglück nicht mehr aushaltbar ist, sobald es als das erscheint, was es ist: ohne Grund und Vernunft«, d.h. es sind die Verhältnisse selbst, die den Aufstand in sich bergen, von dem die Verfasser sagen: »Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.« Klaus Bittermann Heimweh nach der Sippe Einige Anmerkungen vorweg: 1. Ich grenze mich ab von Kritiken (wie der in der Taz), die die Weimarer Republik hervorholen, um »rechte und linke Extremisten« in einen Sack zu stecken, offenbar mit dem Ziel, kapitalistische Herrschaftsformen und den Marktdarwinismus vor Anfeindungen zu schützen. 2. Exilanten haben neben dem alltäglichen Rassismus neue Wellen der Feindseligkeit zu verkraften, für die Namen wie Sarkozy und Sarrazin stehen. Man wundere sich nicht, wenn unter den Reaktionen auf diese Feindseligkeit auch Verschwörungs- und Beschwörungsprosa ist. 3. Zeitungen, die von einem »wichtigen linken Manifest« sprechen, können sich auf »linke« Strömungen berufen, die den Westen und Israel mit Imperialismus sowie Ahmadinejad und die Hamas mit Widerstand gleichsetzen, aber nicht auf ein Links-Sein, das Befreiung von jedem Joch meint und nicht Unterschlupf in einem Verein, der das nächste Joch bereithält. 4. Manifeste sind nie gute Schriften, sondern markige Pamphlete, in denen Analyse durch Rekrutierungsoptimismus ersetzt wird. Davon unbenommen ist »Der kommende Aufstand« eine deprimierende Schrift, in der – geleitet vom Heimweh nach der Sippe und der Naturhaltung des Menschen – der Wunsch nach der Vernichtung der westlichen Zivilisation und die Fesselung sozial befreiender Visionen in einen wirren Einklang gebracht werden. Wie bei »Heidi« soll die Großstadt böse und die Landluft gute Menschen hervorbringen. Daher findet das Unsichtbare Komitee seine »Kommune« in einem »Bergdorf«, wo »das spöttische Lächeln eines in seinen Burnus gehüllten alten Widerstandskämpfers« und »Frauen, die traditionelle Gemüse- und Viehwirtschaft betreiben«, dafür bürgen, dass die Sippe noch intakt ist. Der Mann ist Krieger und noch nicht »stetiger pornografischer Innovation« ausgesetzt, die Frau arbeitet und redet nicht in der »Sprache der Frauenzeitschriften«; in diesem Milieu, wo der Metropolenzug »vom Flirt zur Scheidung, vom Konkubinat zum Patchwork« geradewegs auf den Steinigungsplatz zurasen würde, soll es nach dem Wunsch des Komitees endlich möglich sein, »sich selbst zu verkaufen und nicht seine Arbeitskraft«, in der »Vertrautheit des Dorfes« lassen wir uns »für alles, was wir sind, bezahlen«. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und kann das bestätigen. Fünf Mark gab es für Kinder, die dem Onkel im Kornfeld einen runterholten, hinter jeder Gardine lauerte ein Nachbar, und der Bauer erschoss meinen Hund. Deshalb wird kein Vorstadtjugendlicher den intellektuellen Romantikern aufs Land folgen. Schade, man möchte mal brennende Trecker sehen. Dass Freilandhaltung dem Menschen gut bekommt, will das Komitee beim Tsunami beobachtet haben. Während die geschminkte Touristin in den Wellen umkam, »hasteten die Jäger und Sammler der Inseln den Vögeln hinterher und flohen von den Küsten«. Der Naturmensch riecht die Katastrophe, warnt die Touristin aber nicht. Noch schöner soll New Orleans gewesen sein, wo »Katrina« die Zivilisation vorübergehend beseitigte und so Raum schuf für »vergessene Formen« der »Selbstorganisation«, wie das »Feldlazarett«. Die Vergewaltigungen im Stadion sind Kollateralschäden auf dem Weg zurück in eine von Aufklärung und Industrie unbefleckte Epoche. Schnell soll das gehen. Die Kids dürften sich »mit Streiks oder Sabotageaktionen der Arbeiter« nicht aufhalten, sollten hastig »Kabel-« und »Kanalisationsnetze« angreifen, Eisenbahnstrecken und Computernetze »unbrauchbar machen« und eine »auf Leben und Tod verbundene Bande« bilden – »maskiert«, mit »Komplizenschaft«. Statt die Eisenbahn zu okkupieren und winterfest zu machen, um dann alle Menschen kostenlos reisen zu lassen, soll sie mit der Zivilisation verschwinden. Genauso die Demokratie, die »bei der Hervorbringung faschistischer Regime den Vorsitz geführt« habe (nicht Kapitalismus oder völkische Horden). Die neue Kommune ist da, wo Opa noch das Sagen hat, der »Chibani« (alter arabischer Immigrant), der »weiser ist« als sonstwer, ihr Fundament sind die Verwandten. »Was es an Bedingungslosem in den Verwandtschaftsverhältnissen gibt, beabsichtigen wir zum Gerüst einer politischen Solidarität zu machen, die für staatliche Einmischung ebenso undurchdringlich ist wie ein Zigeunerlager.« Vielleicht sollte das Jugendamt doch einen Blick auf diese oder jene Familie werfen. Auf »Familienfesten« fühle man die Trauer, diesen Moment »der Sorglosigkeit angesichts einer Welt«, die »zusammenbricht«. Die Welt, in der man spielen durfte, weil die Eltern für einen sorgten und der Nachbar betonte, wie groß man schon sei, hat es – wenn kein Kinderschänder dabei war – in früher Kindheit gegeben. Sie bricht mit dem Tag der Einschulung zusammen und kommt nicht wieder. Das Komitee mag nicht: willensstarke Frauen, aufgelöste Familienbindung, Pop, westliche Kultur. »Der Westen« sei ein GI, der auf Falluja zurase und »Hard Rock hört«. Man kann die Metapher wählen, aber warum kommen bei einem Aufstand gegen das globale Nichts 90 Prozent der Welt nicht vor? In China gibt es mobile Gaskammern, in Indien Mädchen-Tötung, in Russland Journalisten-Schießen, in Afrika Kindersoldaten, im Iran die Steinigung von Frauen. Doch das Komitee ist bestürzt über »die junge Frau« in der Großstadt, »die ihr Glück in Klamotten, Typen und Feuchtigkeitscremes sucht«, ihre »unangenehmen Attribute« seien »Wille, Selbstkontrolle, Gefühllosigkeit«. Eigener Wille statt Muttergefühl – das hat die Zivilisation aus der Frau gemacht! Vor allem die »abendländische Intelligenz«, die »alle Gewissheiten zerstört« und »natürliche Welten verwüstet« habe. Statt Natur gibt es Sex! Ekelhaft! »Dem Spanier ist die politische Freiheit scheißegal, seitdem man ihm die sexuelle Freiheit versprochen hat.« Mit Kolumbus hat er noch … Warum der Spanier? Vielleicht, weil Hunderte von Spaniern nicht grundlos auf dem Weg zur Arbeit in den Tod gesprengt worden sein sollen. Wer hat den Westen so zugerichtet? Man hätte es ahnen können. Die Satzfolge lautet: »Die bewaffneten Kräfte passen sich der Metropole nicht nur an, sie gestalten sie. So machen sich die israelischen Soldaten seit der Schlacht von Nablus zu Innenarchitekten.« Aus dem Nichts taucht der Jude als Welt-Innenarchitekt auf. Der Jude »rückt senkrecht und waagerecht innerhalb der urbanen Konstruktion vor« und tut »den Feind überraschen … wie ein Wurm, der sich vorwärts bewegt, in dem er auffrisst, was er auf seinem Weg findet«. Das habe ein israelischer Offizier gesagt. Der Islam dagegen wird »stark« durch seine »Hilfen« in den von »Israels Armee zerstörten« Gebieten. Die EU spendet zehn Mal mehr, aber das Komitee fühlt das anders, und allein das zählt, denn »Wahrheit ist keine Ansicht über die Welt«, wahr sei das »Ereignis«, das wir fühlen, das uns erschüttert. »Wahrheit setzt mich zusammen und nimmt mich wieder auseinander« und setzt mich im Himmel wieder zusammen. Die Kapitulation vor dem Seinsrauschen, die Martin Heidegger mit Blindheit schlug, als Marschkolonnen den Anstand zertraten, hat auch das Komitee beduselt. Alle »Okzidentalen« sind angesichts der »Brände« und der (dann wohl orientalischen) »Angreifer« nur »Leichen am Hals« der Bodenhaltung, die Zivilisation erleuchte »den Planeten mit Bordell-Licht« und verströme »Pestgestank«. Oder war es Schwefelgeruch? Wahrlich, ich sage euch, die »Entscheidung ist nahe«, bald wird es »Zerstörung ohne Geschwafel« auf Sodom und Gomorrha regnen, und dann kommt der Tatmensch. Er wird »Versammlungen verbieten«, dieses »Palaver«, und, wenn Entscheidungen bevorstehen, den Colt ziehen wie Tom Mix in einem B-Western. Vergleiche mit linker Theorie sind absurd und vom Komitee nicht gewünscht. Lohnarbeit habe die Parteien des Kapitals und der Arbeit hervorgebracht, »wir aber haben die Feindseligkeit gegen diese Zivilisation«. Die »verwesende Linke« mache sich am Fortbestand der Zivilisation »mitschuldig«, weshalb man aus der Kluft zu ihr »einen Schützengraben machen« müsse. Kein Gedanke, dass die Überschussgesellschaft, anders verfügt und organisiert, Menschen aller Kontinente ernähren könnte. Während die soziale Revolution auf gute Lebensbedingungen der ausgebeuteten Klassen und der seit den Kolonialzeiten Ausgeplünderten dieser Welt setzt, erinnert der »Aufstand« des Komitees an Pol Pot oder die Amish People auf islamisch. Der Begriff »Kommunismus« wird neu definiert als »Aufruf und Name für all die Welten, die gegen die imperiale Befriedung Widerstand leisten« – also auch die Taliban und die Hamas. Deshalb kennt der »Aufstand« auch keine »Zugehörigkeit zu einer Klasse, Rasse oder einem Wohnviertel«. Die behauptete Existenz von Rassen ist eine der vielen Entgleisungen. »Faschismus oder Anarchismus« (in einem Atemzug) trennten falsch zwischen »dem, was wir sind, was wir machen, und dem, was wir werden«. Diese Geschwätzigkeit durchzieht das ganze Buch. Was wir sind und werden, das ist auch fürs Komitee nicht dasselbe. Es fragt: »Wie ernährt man sich, wenn alles lahm gelegt ist?« und empfiehlt die »Kriegs-Landwirtschaft«. Es will »nie wieder arbeiten«, aber »die Nahrungsmittelkulturen der ländlichen Zonen wieder herstellen«, und das, obwohl »die Zukunft keine Zukunft hat« und »die Gegenwart ausweglos ist«. Unendliches Palaver! Wer erfahren will, warum »die Katastrophe nicht das ist, was kommt, sondern das, was da ist« (und ein paar Schriften von Marx und der Frankfurter Schule kennt), wird sich nach zwei Buchseiten fragen, warum er lesen soll, was dümmer macht. Womöglich zur Zerstreuung, denn das Buch hat auch drollige Passagen, etwa die weinerliche Klage des Komitees, der »französische Schlager« habe ihm »die eigene Musik geraubt«. Ich will mit einem deutschen Schlager aushelfen. Auf der Zither gespielte Sonnenstrahlen fallen auf die Lichtung. Vögel zwitschern heiter, ein ekstatisches »Kuckuck! Kuckuck!«, dann sanfter Singsang: »Im grünen Wald … ein Försterhaus … Ein junges Mädel in den schönsten Jahren, die Försterliesel wurde sie genannt. Es war an einem schönen Sonntagmorgen, die Liesel schaut nach ihren Liebsten aus. Der Förster sah des Liebsten sein Gebaren, hat ihn erkannt: er war der wildernde Dieb! … der Wilddieb gab sein Wort (und) sprach: ›ich kann das Wildern lassen‹, und aus dem Walde wurd’ ein Märchenland und neues Leben blüht am Waldesrand« (»Die Heimatsänger«, 1953). Rainer Trampert Rauschhafte Rebellionspoesie »Dieses war in der Tat die krasse und erregende Prophetie des Buches, dass populäre oder vielmehr massengerechte Mythen fortan die Vehikel der politischen Bewegung sein würden: Fabeln, Wahnbilder, Hirngespinste, die mit Wahrheit, Vernunft, Wissenschaft überhaupt nichts zu tun haben brauchten, um dennoch schöpferisch zu sein, Leben und Geschichte zu bestimmen und sich damit als dynamische Realitäten zu erweisen.« Thomas Mann »Der kommende Aufstand« lädt zum munteren Dechiffrieren ein: Wen zitiert das Unsichtbare Komitee stillschweigend, wen kritisiert es, wessen Denkfiguren übernimmt es in affirmativer Absicht? Wer will, mag schon in den zahlreichen Anspielungen und der eklektizistischen Form den zutiefst bourgeoisen Charakter des Manifests sehen. Aufgabe dieses Textes ist nun nicht, den Aufstand strategisch zu planen und detaillierte taktische Vorschläge zu machen (wo sie im Text auftauchen, sind sie von banaler und naiver Natur und fallen deutlich hinter der Tradition proletarischer Militärwissenschaft – von Blanqui über Engels bis Mao und Marighella – zurück), sondern die neue Welle an weltweiten Aufständen und Rebellionen in einen sinnstiftenden Zusammenhang zu bringen. (Gut möglich, liest man zwischen den Zeilen, dass auch den Meisterdenken der Bourgeoisie, den ultrakritischen Selbstanklägern und visionären Nihilisten die Wirklichkeit längst entglitten ist.) Diese Sinnstiftung richtet sich naturgemäß an Außenstehende – und da das Manifest auf eine ökonomische, politische oder militärische Deutung des Weltsystems verzichtet und eine Poesie der weltweiten Rebellion entfaltet, fühlen sich unter den Außenstehenden vor allem die empfindsamen, melancholischen, eitlen, auch besserwisserischen Charaktere angesprochen und herausgefordert. Was das deutschsprachige Feuilleton angeht, muss man konstatieren: Herausforderung angenommen, Spiel verloren. Zwar wurden als Stichwortgeber Schmitt, Heidegger und Jünger genannt, oder, in den wohlwollenden Besprechungen, Benjamin, Agamben und Debord – aber der Name, auf den alles ankommt, der die einen, die Rechten, wie die anderen, die Linken, entscheidend inspiriert hat, ist nicht gefallen: Georges Sorel. Streift man den stilistischen Zierrat ab, kann man tatsächlich die Substanz des Manifests auf diesen kuriosen Einsiedler und Frührentner aus Boulogne-sur-Seine (1847-1922) zurückführen. Die Verachtung der Demokratie als subtilste Form, politische Herrschaft über die Subalternen zu reproduzieren; die Entlarvung von Rationalität und Aufklärung als Herrschaftswissen; die Anklage einer sich auflösenden, atomisierenden Gesellschaft, die Gemeinschaft nur noch als die von Zombies gelten lassen will; der Hass auf die politischen Führer des Proletariats und die theoretisierenden Projektemacher; der Enthusiasmus für die reine Bewegung der Subalternen, das Losschlagen, Um-sich-Schlagen, das Ausschließen aller klassenfremden Elemente; schließlich die Ersetzung des kommunistischen Programms durch eine Ethik der Solidarität: all das ist Sorel – all das findet sich im Manifest »Der kommende Aufstand«. Und die Synthese, der Gipfelpunkt ist eben die Sinnstiftung: Die für jeden historischen Materialisten verstörende Manie des Komitees, als »Belege« scheinbar disparateste Ereignisse anzuführen – die Aufstände in Griechenland und die Aufstände in den französischen Banlieues; die Streiks in China und die palästinensische Intifada; den Partisanenkampf und den Generalstreik –, ist nicht beliebig, sondern ordnet diese in das Panorama einer dem Untergang geweihten Gesellschaft ein. Sorel hat das den Mythos genannt – bei ihm ist es der Mythos des Generalstreiks und nicht, wie beim Komitee, der der Kommune, eine Abweichung, über die noch zu sprechen sein wird – und ihn über das Programm der proletarischen Partei gestellt. Dass die Autoren des Unsichtbaren Komitees Sorel gelesen haben, ist sehr wahrscheinlich; dass sie eine nahezu hundertprozentige Reprise seines Werkes für die Gegenwart vorlegen wollten, sehr unwahrscheinlich. Trotzdem ist »Der kommende Aufstand« genau das. Übersinnlich geht’s hier nicht zu: Sorel hatte mit seinem Werk »Über die Gewalt« (1908) einen Nerv getroffen, was von den militanten Theoretikern der Arbeiterbewegung nie ganz überwunden wurde und was heute – wo es weltweit mehr Unruhen, Aufstände und Protest gibt, als das 1968 der Fall war, es gleichzeitig aber an der alle einenden großen Erzählung mangelt – wieder schmerzhaft pocht. Man kann sagen: Nicht das Unsichtbare Komitee hat Sorel entdeckt, Sorel hat es gefunden. Indem »Der kommende Aufstand« in die weitgespannte Kontinuität der Darstellung von Arbeiterradikalität eingereiht wird, wird das, was sich in dieser Rebellionspoesie eigentlich artikuliert, deutlicher. Vergessen wir für einen Moment die Schlagwörter, unter denen Sorel einsortiert wird – hier der Theoretiker des revolutionären Syndikalismus, da der Lehrer Mussolinis, der Stichwortgeber Carl Schmitts –, und schauen uns sein großes Thema an: das Auseinanderfallen von Theorie und Praxis, Programm und Aktion, Ziel und Bewegung. Sorel, dem glühenden Verteidiger Dreyfus’, fällt auf, wie Demokraten und Sozialisten in dieser Affäre ihr politisches Süppchen kochen und sich vor allem auf die Machtübernahme vorbereiten – sein Traum einer moralischen Erneuerung der Gesellschaft wird verraten. Sorel blickt nach Deutschland und sieht, wie die Marxisten in der Sozialdemokratie sich immer mehr von der realen Klassenbewegung entfernen – und letztlich nur ihre Macht in der Partei absichern. Er blickt nach Italien, wo der Marxismus eine Fortschrittsideologie ist und zum Repertoire der jungen Bourgeoisie gehört. Mittels einer nochmaligen theoretischen Anstrengung ist für Sorel die Einheit von Theorie und Praxis nicht herzustellen, sie würde nur die ideologischen Muster reproduzieren, derer sich die Bourgeoisie so geschickt bedient. Aber diese Einheit, das ist seine Entdeckung, ist gar nicht zerbrochen, sondern nur verschüttet. Im Generalstreik, im Ausstand der Arbeiter, im Rausch der eigenen Stärke und im Gefühl der Solidarität ist sie da – als Mythos. Es geht nicht um die konkreten Forderungen, die in einem Streik erhoben werden, sondern darum, seine eigenen Truppen zu zählen, die eigene Kraft zu messen. Sorel geht sogar so weit, die Inbesitznahme der Macht abzulehnen – sie würde die Bewegung zersetzen, eine neue Bürokratie schaffen, verdinglichende Organisationsformen wuchern lassen. Sorel ist genuin anti-politisch. Es versteht sich von selbst, dass Sorel in der Arbeiterbewegung kaum rezipiert wird, dafür umso lebhafter von bürgerlichen Intellektuellen aller Couleur, Thomas Mann war einer von ihnen. (Es fällt nicht schwer, anstelle seines Namens, hier das »Unsichtbare Komitee« einzusetzen.) Es ist naheliegend, dass in jenen Jahren, in denen die Bourgeoisie weltweit in der Defensive ist –1917 ff. –, einige ihrer besten Ideologen das Theorie-Arsenal des revoltierenden Proletariats ausspähen, um daraus Stoff für eigene Strategien zu gewinnen. Ebenfalls naheliegend ist, dass sie bei einem so radikalen wie isolationistischen Denker fündig werden – bei Sorel. Streiche den Begriff »Proletariat« und ersetze ihn durch »Nation«, so hat man Carl Schmitt. Streiche den Begriff »Generalstreik« und ersetze ihn durch »Krieg«, so kommt Ernst Jünger heraus. Zur gleichen Zeit gibt es auch eine vorsichtige linke Aneignung Sorels, von Walter Benjamin, aber auch von Karl Korsch, der sich fragt, ob der Mythos des Generalstreiks das Medium sein könnte, in dem sich der elitäre Voluntarismus Lenins und der zähe Objektivismus marxistischer Orthodoxie aufheben. Sorel ist ohne Zweifel von rechts gekapert worden – bis heute. Die Frage ist aber nicht: War er ein Faschist? Selbst wenn man sein kurzes Engagement in ultranationalistischen Kreisen in Rechnung stellt: Sie ist überspannt. Stattdessen lautet sie: War er an seiner Kaperung wirklich ganz unschuldig? Die Akteure der antikommunistischen Gegenrevolution haben zielsicher erkannt, dass es in Sorels Mythos sehr wohl Platz für den Führer geben kann: Gerade das Fehlen des kommunistischen Programms leistet dem Durchmarsch des Charismatikers Vorschub. Um diese Leerstelle der genuin proletarischen Theorie Sorels drückt sich das Unsichtbare Komitee – in zweierlei Hinsicht. Die Existenz reaktionärer Massenbewegungen kommt ihm kaum in den Sinn: Die Distanzierung vom Islamismus fällt leicht; aber etwa mit der Tatsache, dass es in Italien faschistische Hausbesetzer gibt und dort Linke in den großen Fußballstadien nichts mehr zu suchen haben (das war mal anders), dürfte es nur schlecht umgehen können. Entscheidender aber ist dies: Das Komitee spricht nicht mehr vom Generalstreik, von dem Sorel dank der syndikalistischen Praxis einen wirklichkeitsgesättigten Begriff hatte, sondern von der Kommune (Sorel hegte für die Pariser Kommune keine großen Sympathien) – und holt sich durch deren Hintertür wieder alle Probleme einer territorialen, sich politisch verfassenden Organisation herein. Das Thema Sorels bleibt deshalb unabgegolten: der Dichotomie von Theorie und Praxis zu entkommen, durch die Analyse der »wirklichen Bewegung« (Marx). Es ist das Thema der besten Revolutionäre des vergangenen Jahrhunderts. Selbst der Kommunist, der wie kein anderer die Notwendigkeit und Priorität des klar formulierten kommunistischen Programms unterstrich – Amadeo Bordiga –, ist im entscheidenden Moment bei Sorel: »Der alte bürgerliche Schwindel besteht eben darin, mit der Befreiung des Geistes beginnen zu wollen, was zu nichts führt und die Nutznießer der sozialen Privilegien nichts kostet; was zuerst befreit werden muss, sind die Leiber«, schreibt er 1946. Und weiter: »Uns verdrießt es überhaupt nicht, wenn die Schläge auch von denen versetzt werden, die sich des Kampfausgangs noch nicht bewusst sind, Hauptsache, die Revolution zertrümmert den Berg von Niedertracht und Schäbigkeit, den das bürgerliche Regime errichtet hat, und zerbricht den Höllenkreis seiner Institutionen, die das Leben der Arbeitermassen erdrücken und aussaugen.« Felix Klopotek Der erste Posaunenklang Offensichtlich hat auf den Straßen ein neuer Zyklus der Auseinandersetzungen begonnen. Während bis vor kurzem die Eskalation meistens von kleineren politischen Gruppierungen ausging, die etwa von Regierungsgipfel zu Regierungsgipfel zogen, um dort stellvertretend einige Kämpfe zu führen, erfasst das Virus nun Teile der Bevölkerung, es gibt wieder lokale Aufstände in Europa. Seit in den Vorstädten Frankreichs Schulen, Fabriken und immer wieder Autos brannten, warnen die Politiker gerne vor sozialen Unruhen, und tatsächlich folgten in Frankreich heftige Studentenproteste, die sich gegen »Umstrukturierungen« richteten und in denen die Protestierenden plötzlich das Maß verloren. In den von den Banlieues abgeguckten Scharmützeln mit der Polizei wurden ebenso viele Protestierende festgenommen wie dort ein Jahr vorher. Dabei ging es nur um ein neues Gesetz, wie es die Verwalter der alten Welt alle Tage verabschieden. Vereinzelt kam es in dieser Zeit auch schon zu konfuser Gewalt von Arbeitern: Korsische Hafenarbeiter versenkten kurzerhand ein kleines Schiff, »Bossnapping« wurde zum stehenden Begriff und einige aufgebrachte Proleten drohten mit der Vergiftung eines Flusses. Im Dezember 2008 brannte dann drei Wochen lang Griechenland. Ausgehend von dem auch von Anarchisten bewohnten Athener Stadtteil Exarchia schlossen sich Menschen vom Rand der Gesellschaft – Schüler, Migranten, Studenten – kurzfristig zusammen, das Polytechnikum wurde zum Versammlungsort, Molotow-Cocktails wurden in Serie produziert. Selbst hartgesottene Anarchisten erblassten teilweise angesichts der massenhaften Gewalt, die in zahlreichen Städten Griechenlands zum Ausbruch kam. All das fand noch vor den jüngeren Weltwirtschaftsturbulenzen statt, und Griechenland kam seither nicht mehr zur Ruhe. Als im Mai des vergangenen Jahres wütende Arbeiter versuchten, das Parlament zu stürmen, war man an solche Bilder schon gewöhnt. In Frankreich führten die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und einige »Umstrukturierungen« der Ölindustrie zu chaotischen Zuständen, bis das Militär die Arbeiter der Raffinerien zur Raison brachte. Griechenland und Frankreich, die Vorreiter des kommenden Aufstandes. Nachdem von einigen Quatschköpfen in den Medien die Armut als Ursache der schüchtern-heftigen Revolten ausgemacht worden war, gerieten die Fluglotsen Spaniens in Aufregung – und diese Leute zählen zu den Spitzenverdienern. Sie verließen ihre Arbeitsplätze, legten den Flugverkehr lahm und mussten mit Waffengewalt wieder an ihren Arbeitsplatz gezwungen werden, indem sie kurzerhand unter Militärrecht gestellt wurden. Derweil fegte die griechische Aufstandspolizei einige streikende Arbeiter mit Tränengas von der Akropolis. In Großbritannien hatten ein paar Anarchisten die Zentrale der konservativen Partei für die anwesende Menge geöffnet, die dann fasziniert und sichtlich gutgelaunt den neuen Raum ausprobierte, während vor der Parteizentrale die im Winter nötige Wärme erzeugt wurde, indem die Protestierenden ihre reformistischen Plakate als Brennstoff verwendeten. Journalisten und Politiker versuchten noch, diesen Protest als die Sache einer Minderheit erscheinen zu lassen, aber ein paar Wochen später weiteten sich – aus Anlass der Abschaffung der Massenuniversität alten Stils – die Proteste aus, und London erlebte einige Ausschweifungen. Dabei wurden auch Mitglieder der Königsfamilie angegriffen und ein großer Weihnachtsbaum auf dem Trafalgar Square wurde angezündet. Gleichzeitig eskalierte in Griechenland Arbeiterdemonstrationen, ein Minister wurde heftig verprügelt und eine ganze Kommune, inklusive Bürgermeister, trat in den Bürgerkrieg – wegen einer Mülldeponie. In Italien schlagen nun die Demonstrationen gegen Berlusconi in heftige Krawalle um, und die dortige Presse erinnert sich an die Unruhen der Siebziger. Überall Revolution, nirgends Revolutionäre. Der jeweilige Anlass ist beinahe egal, das Niveau der Aktionen ist höher, die Reflexion der Akteure geringer. Sie greifen die alte Welt an, noch bevor sie wissen, worum es ihnen geht, und wenn man den Protestierenden ein Mikrophon unter die Nase hält, so wissen sie sich in der Regel nicht anders zu helfen, als Forderungen hineinzustammeln, die auch auf einem Parteitag der Sozialdemokraten erhoben werden könnten. In diesen Kontext der konfusen Gewalt, die sich durch die Gesellschaft zieht, fällt das Manifest »Der kommende Aufstand«, welches das Glück hatte, noch vor dem griechischen Winter 2008 erschienen zu sein, was der Schrift, die als prophetisch wahrgenommen wird, einen gewissen Glanz verleiht. Naturgemäß können Journalisten mit dem Buch nichts anfangen, auch wenn sie einigermaßen faszinierte Kommentare verfassen mussten, wohl merkend, dass sie selbst niemals Pamphlete verfassen könnten, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und sogar gelesen und diskutiert werden. Auch die organisierten Linken, die das Buch weitgehend ignorierten, wissen nichts mit ihm anzufangen. Dazu muss man etwas wissen, das den meisten Kommentatoren entgangen ist: nämlich dass dieses Buch starke Anleihen am kommunistischen Anarchismus eines Kropotkin und dessen Kommune-Utopie nimmt. In Deutschland gibt es kaum eine anarchistische Tradition. Ein Gesellschaftszustand, in dem sich die Gattung friedlich reproduziert, ohne dafür Profit, Geld, Politik und Polizei zu brauchen, ja sogar ohne die ominösen radikaldemokratischen Räte und das imperative Mandat, ist hierzulande nicht leicht vorstellbar. Daher findet man darüber auch nur selten etwas in den Schriften der verschiedenen Grüppchen, auf ihren Veranstaltungen und in ihren Kampagnen. Das Unsichtbare Komitee kommentierte den kleinen deutschen Medienhype und die abwesende linke Debatte mit den Worten: »Verwaltet weiter, verschweigt!« Die Verfasser der Schrift hatten sowieso vorgeschlagen, alle (linken) Milieus zu fliehen: »Es gibt keinen Grund, sich in diesem oder jenem Bürgerkollektiv zu engagieren, in dieser oder jener Sackgasse der radikalen Linken, in der letzten vereinten Hochstapelei. Alle Organisationen, die vorgeben, die gegenwärtige Ordnung anzufechten, haben selbst die Form, die Sitten und die Sprache von Miniaturstaaten. Alle Anwandlungen, ›Politik anders zu machen‹, haben bis zum heutigen Tag nur zur unbestimmten Ausdehnung des staatlichen biomechanischen Apparats beigetragen.« Es gehe vielmehr darum, die revolutionäre Bewegung vollständig neu zu erfinden. Wahrscheinlich macht das die Schwierigkeit des Textes aus. Er lässt einem keine Wahl. Die alte Ordnung zu verteidigen, das bekommen nur einige Zyniker hin, die vorgeben, gerade in unserer Welt die beste aller möglichen zu erkennen. Demgegenüber erzeugt die Schrift »Der kommende Aufstand« den Eindruck, dass die Welt einer radikalen Revision bedarf und dass diese nicht vom Himmel fällt, dass also jede Leserin und jeder Leser gefragt ist, was sie oder er zu tun gedenke. Um der Klemme zu entgehen, gebrauchen die offiziellen Linken irgendwelche Ausflüchte. Immer wieder ist davon die Rede, dass »das Buch ja gut geschrieben« sei, aber es »fehle doch die Analyse«. Die Arbeiter werden vermisst oder die Zivilgesellschaft. Man misstraut der schönen Sprache und liebt die verdinglichte Denkform Theorie. Auch heißt es, in dem Manifest werde ein autoritäres, identitäres Wir-Gefühl propagiert und so ein seltsamer Optimismus verbreitet. Das alles hat nichts mit dem Inhalt des Buches zu tun. Dort nämlich ist, was den Optimismus angeht, zu lesen: »Wir gehen aus von einem Punkt der extremen Isolation, der extremen Ohnmacht. Alles ist aufzubauen im aufständischen Prozess. Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.« Und was die neue kollektive Nestwärme angeht, empfiehlt dieses Buch erst mal die beschleunigte Spaltung aller nur temporären Vereinigungen: »Die Kommune zieht es vor, sich aufzuspalten und sich auf diese Weise auszudehnen, wodurch sie gleichzeitig einem unglücklichen Ende zuvorkommt.« Bleibt die eingangs exemplarisch angeführte wirkliche Bewegung, die um Deutschland bislang weitgehend einen Bogen schlägt. Hier kommt viel darauf an, dass die Praxis eine Idee von dem bekommt, was möglich würde, wenn man ernst machte. Zunächst sieht man nur die destruktive Seite: Die Polizei wird bekämpft, dieses oder jenes Geschäft geht in Flammen auf, die Schüler zerstören ihre Schule und dergleichen mehr, was bei lokalen Aufständen passiert. Dann muss sich aber natürlich herausstellen, was die Sache eigentlich soll, die verschiedenen Aufstände müssen nach ihrem Inhalt suchen oder wieder enden. Erst ein sich bildendes, akzeptiertes gesellschaftliches Ziel kann die in ihrer Negativität vorbildliche Praxis verallgemeinern. Die Schrift »Der kommende Aufstand« ist ein Beitrag zu diesem Prozess, sie markiert den Beginn einer revolutionären Literatur unserer Zeit. Sie ist natürlich nicht »das wichtigste linke Theoriebuch unserer Zeit«, wie die FAZ meinte, sondern der erste Posaunenklang im Präludium einer großen Sinfonie, der es sicher noch an Musikern fehlt, die aber schon jetzt weder eine Partitur noch einen Dirigenten will. Es geht zum Glück weiter. Mit »Wir sind ein Bild der Zukunft« ist beispielsweise eine umfangreiche Sammlung von Texten aus der anarchistischen Bewegung Griechenlands erschienen. Auch dieses Buch hat es geschafft, in mehrere Sprachen übersetzt zu werden, und tatsächlich sucht hier die Partei der Aufständischen nach »Konsistenz«, gerade so, wie es das Unsichtbare Komitee in seinem Vorwort zur englischen Ausgabe beschreibt. Anders als noch in den Banlieues, wo man ausschließlich destruktiv blieb, anders auch als bei den Protesten in Frankreich oder den Studentenprotesten in London, bei denen noch die politischen Forderungen überwogen, und anders schließlich als bei den zahlreicher werdenden Arbeiterstreiks ging man in Griechenland zu einer explizit staatsverneinenden Revolte über und stellte keine Forderungen. Man stand zu seiner Praxis und schob keine politische Rationalisierung vor. Dadurch trat auch der Mangel an alternativen Phantasien deutlicher hervor, es wurde darüber diskutiert, was man eigentlich an Stelle der alten Welt wolle, und immerhin eines ist dabei schon jetzt klar: »Der Weg zu einer Ausweitung des Aufstandes führt über die Produktion – über die Okkupation der Produktionsmittel dieser Welt, die uns zernichtet« (Flugschrift von 2008 der Gruppe Ego Te Provoco aus der besetzten Athener Wirtschaftsfakultät). Karl Rauschenbach Das Manifest »Der kommende Aufstand« ist im Internet zu finden unter: Als Buch ist es in der Edition Nautilus erschienen. Dazu sei an dieser Stelle auf die in dieser Zeitung bereits erschienenen Rezensionen verwiesen (»Jungle World« 47/10 und 49/10).