Die Berlin Fashion Week

Kreuzberg trägt Prada

Elke Wittich zeigt sich vom Rummel um die Fashion Week gänzlich unbeeindruckt

So richtig sensationell gut kam sie wohl nicht in die Gänge, die Berlin Fashion Week, von der die Organisatoren unermüdlich hoffen, dass sie die Stadt irgendwann zu einem Mode-Mekka machen wird, das Mailand, Florenz undundund Konkurrenz macht. Aber was die notorisch promi-fixierte B.Z. von der Eröffnungsgala meldete, spricht nicht für einen hohen Glam-Faktor: Der regierende Bürgermeister Wowereit sowie die ehemalige Moderatorin Sabine Christiansen seien anwesend gewesen, hieß es. Christiansen! Wowereit! Wow!
In den meisten Berliner Stadtteilen verbrachte man die Fashion Week zudem rein optisch so wie immer um diese Jahreszeit, also grob damit, ohne nennenswerte Rücksichtnahme auf modische Dos and Don’ts mehr oder weniger warm angezogen durch die Gegend zu schluffen.
Im Kreuzberger Umspannwerk sieht dann doch alles ein wenig anders aus als sonst. Ständig steigen schick gekleidete Menschen aus Taxis, die keinen Hehl daraus machen, wie aufregend sie es finden, im »verrufenen Kreuzberg, hihi« den Abend zu verbringen. Immer wieder fallen Worte wie »schrill«, »schmuddelig« und »hip«, während sich die einheimischen Jugendlichen freuen: »Oh, es kostet keinen Eintritt. Lass mal paar Models aufreißen gehen.« Schnell zeigt sich, dass die Modenschauen anzusehen jedoch gar nicht so einfach ist: Während die geladenen Gäste und das Fachpublikum in Dreier-Sitzreihen an beiden Seiten des Laufstegs Beinfreiheit und gute Sicht aufs Geschehen genießen, muss sich das restliche Publikum auf Stehplätzen drängeln und froh sein, wenn es einen Blick auf die Kreationen erhaschen kann.
Der Catwalk sieht ein bisschen aus wie ein zu lang geratener Tisch, über den irgendwer zweifellos aus Angst vor Flecken ein weißes Wachstuch gelegt hat. So glatt, wie es bei »Germany’s Next Topmodel« immer suggeriert wird, ist das Dings jedoch gar nicht. Überdies zeigt der Belag deutliche Abriebspuren von Schuhsohlen, was ja womöglich, wie in der Formel 1, wo die Gummispuren der Reifen für mehr Grip, also verbesserte Bodenhaftung sorgen, der Unfallfreiheit auf dem Laufsteg dienlich ist.
Wer einen Platz in der ersten Reihe hat, wird angelächelt. Grundsätzlich. Man könnte ja schließlich wichtig sein, und deswegen strengen sich die meisten Vorne-Sitzer auch sehr an, so auszusehen, als komme man direktemang aus der Chefredaktion eines unerhört wichtigen Modemagazins. Wer den Hollywood-Film »Der Teufel trägt Prada« nicht gesehen hat oder auch nur einfach keinen hinreichend professionell-abgehobenenen Gesichtsausdruck wie eine Cosmopolitan-Chefin hinbekommt, gibt sich wenigstens Mühe, so auszusehen, als habe man bis vor Kurzem noch nebenher gemodelt, selbstverständlich nur just for fun und nicht etwa, um sich das Geld fürs Studium hinzuzuverdienen.
Allen gemeinsam: Man trägt schwarz. Schließlich macht das schlank oder gegebenenfalls noch schlanker, und außerdem wirkt es irgendwie verrucht und ein bisschen subversiv, also »passend zum Kiez«, wie eine Mittsechzigerin erklärt.
Das als Pausenmusik zwischen den Shows der verschiedenen Designer eingesetzte enervierende Ambient-Drums-and-Beats-Techno-Gedröhne geht mittlerweile in die dritte Runde. Und das Publikum wird langsam unruhig.
Bloß drei teuer bebrillte Männer zeigen sich vom Gewummse unbeeindruckt, sie haben sich am Bühnenrand niedergelassen, um irgendwas zu diskutieren, in dem ganz sicher Worte wie »Cash Flow«, »Stand-up-Meeting« oder auch nur »Work/Life-Balance« vorkommen. Oder vielleicht versuchen sie auch nur so auszusehen, als seien sie unerhört wichtige Manager, wogegen allerdings Stil und Auftreten sehr deutlich sprechen. Ihre Töchter, ungefähr 13 Jahre alt und vom väterlichen Gerede ziemlich angeödet, machen sich in der Zwischenzeit zu einem neuen Raubzug auf, schließlich haben sie erst fünf oder sechs Tragetaschen der das Event sponsernden Bio-Kosmetik-Firma erbeutet, und es ist ja nicht einzusehen, dass das ganze schöne Duschgel und die vielen Cremes am Ende anderen Leuten in die Hände fallen.
Plötzlich kommt ein wenig Bewegung in die vor sich hin wartende Menge. Ein Mann mit weißen Leggins und bedauerlicherweise nur hüftlangem schwarzen Fetzen-T-Shirt drängelt sich durch die Stuhlreihen. Weil er dabei so dreinschaut, als sei er es gewöhnt, pausenlos und überall wiedererkannt zu werden, rätseln die weiter entfernt Stehenden, wer denn das wohl sein könne, »die Leute da gucken ihn alle auch so komisch an«. Das jedoch liegt daran, dass die Leggins nicht nur ein wenig durchsichtig sind, sondern auch außergewöhnlich dünn wirken. Nur leidlich umhüllte Genitalien anderer Leute wenige Zentimeter entfernt an sich vorbeischweben sehen zu müssen, ist die eine Sache, nicht sicher zu sein, ob die Verpackung nicht vielleicht jeden Moment aufreißt, die andere. Irgendwann allerdings sind Leggins und Inhalt dann wohlbehalten auf dem für sie vorgesehenen Stuhl gelandet.
Die Berliner Designerin Kaska Hass, die auch als Schöpferin von Hochzeitsmode für »Sie & Ihn, Sie & Sie, Ihn & Ihn« bekannt wurde und sich ausdrücklich an »Verehrer des individuellen Cross- und Equalgenders« richtet, hat für die Berlin Fashion Week eine Eco-Couture-Kollektion entworfen, die unter dem Motto »Wind« steht. Die eingespielten Meeresgeräusche werden allerdings jäh von lautem Gepfeife unterbrochen. Das Oberkreuzberger Nasenflöten-Orchester spielt auf Einladung von Kaska Hass ein wenig Schostakowitsch, während sich die Anwesenden nicht ganz so sicher sind, was sie von den rockigen Gestalten halten sollen. Nach wenigen Takten trauen sich die ersten, zu lachen und Spaß zu haben, bis dann endlich die Show beginnt. Statt ultra-hohe Highheels tragen die Models Stiefel mit handbemalten neongrünen Absätzen. Die hauptsächlich in Weiß, Grün und Braun gehaltenen Kleider wallen, bauschen, gleiten an ihnen und haben fast alle eines gemeinsam: Sie stehen Frauen jeglicher Gewichtsklasse gut – bis auf die ganz kurzen Modelle selbstverständlich. Kaska Hass wird diesen Eindruck später bestätigen und sagen, dass sie keinesfalls nur Mode für XXXS-Figuren entwerfen will. Auch die Vorstellung entspricht folgerichtig nicht dem, was man von Modenschauen aus dem Fernsehen kennt: Mitten im Walk streuen die Models kleine Freudensprünge, Hüpfer oder Tanzschritte ein, was ziemlich gut zu den fließenden Stoffen passt.
Auch Backstage sei alles sehr entspannt gewesen, werden die Nasenflöten später erzählen: »Die Models waren echt gut drauf und haben sich an uns überhaupt nicht gestört.« Eine junge Frau, die von sich sagt, dass sie schon öfter bei Modenschauen gearbeitet und dabei beispielsweise den Mannequins beim Umkleiden behilflich gewesen sei, bestätigt diesen Eindruck. Sie habe noch nie eine so relaxte Atmosphäre erlebt. »Das liegt natürlich auch daran, wie die Designerin die Show konzipiert hat. Normalerweise ist alles immer superhektisch, die Models ziehen sich schon aus, während sie vom Laufsteg kommen, und werden dabei dann auch schon wieder in andere Kleider gestopft. Und anschließend gehen sie raus, als habe es null Stress gegeben. Hier hätte man sogar glauben können, dass sie frisch aus einem Yogakurs kommen.«
Am Ende wird wieder genasenflötet, und Kaska Hass erhält für ihre Kreationen viel Beifall. Dies sei die letzte Show für heute gewesen, nun beginne gleich im Erdgeschoss die Abschlussparty, wird über Lautsprecher verkündet, die meisten Zuschauer und Mitwirkenden machen sich nun schnell auf den Weg nach draußen. Aus ganz unterschiedlichen Motiven. »Los, dann bekommen wir noch Promo-Tüten ab«, feuern sich selbst schick gestylte Frauen gegenseitig an, »mach voran, zu der Party kommen sicher auch die Models«, drängeln Jugendliche einander zum raschen Aufbruch. Die Nasenflöten beschließen jedoch: »Jetzt gehen wir erst mal in eine ordentliche Kneipe, Bier trinken.«
Und selbst für die Klatschpresse sollte es noch ein Happy End geben. Bei den Aftershowparties der Fashion Week wurden nämlich richtig echte Promis gesichtet. Anwesend waren: Boris Becker. Seine Frau. Franziska van Almsick. Und Sylvie van der Vaart. Wow.

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