Die deutsche Debatte zum Kinostart von »Tal der Wölfe – Palästina« 

Propaganda für Erwachsene

Nach einigem Hin und Her wird »Tal der Wölfe – Palästina« nun in deutschen Kinos gezeigt. Die Kritik daran ist jedoch nicht verstummt.

Er läuft, er läuft doch nicht, er läuft, aber nur für Erwachsene. Groß war in der vergangenen Woche die Verwirrung über den bundesweiten Start von »Tal der Wölfe – Palästina«. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hatte zunächst verfügt, dass der türkische Kinofilm nicht wie vorgesehen am 27. Januar in den deutschen Kinos anlaufen darf, die Kölner Verleihfirma Pera Film sagte den Filmstart daraufhin ab. Dann aber entschied sich die FSK doch noch zur Freigabe ab einem Alter von 18 Jahren.

Jugendlichen hingegen könne er nicht zugemutet werden »weil er – einem Kriegsfilm ähnlich – von ständiger Gewalt durchzogen ist«. Unzählige Menschen würden wahllos oder ganz bewusst getötet. Zudem enthalte der Film »propagandistische Tendenzen«. Er erfordere daher vom Zuschauer ein »detailliertes Vorwissen und die Fähigkeit, die politischen Zusammenhänge einzuschätzen, in die die gezeigte Gewalt eingebettet ist«. Bei Pera Film war man »ganz glücklich« über den FSK-Beschluss, durch den »Tal der Wölfe – Palästina« in vielen deutschen Städten doch noch zum geplanten Termin zu sehen war.
Zuvor hatte es heftige Diskussionen über den Film selbst und über die Frage gegeben, ob er in den Kinos gezeigt werden darf. Zu den Fürsprechern zählte Ekrem Senol, der Chefredakteur des bekannten Online-Magazins Migazin, das sich vor allem den Themen Integration und Migration in Deutschland widmet. Senol fand, es gehe nicht an, dass der Abdruck der Mohammed-Karikaturen erlaubt worden sei, »Tal der Wölfe – Palästina« jedoch möglicherweise nicht in die Kinos kommen dürfe. Schließlich trample man so auf dem Selbstbewusstsein von muslimischen Migranten herum und messe bei der Kunst- und Meinungsfreiheit mit zweierlei Maß. Das viel gelesene Internetportal »Turkishpress« fragte mit unverhohlem Antisemitismus: »Wie kommt es, dass der Film in allen anderen EU-Ländern anläuft? Versteckt sich in Deutschland ein Jude im Schafspelz?«
Ganz anderer Ansicht war der Koordinierungsrat deutscher Nichtregierungsorganisationen gegen Antisemitismus. Dieser befand in einer Presseerklärung: »Die türkische Filmreihe ›Tal der Wölfe‹ verbreitet antiamerikanische, antiisraelische und antisemitische Bilder mit volksverhetzendem Charakter, die sich nicht nur gegen Israel, sondern – unter Verwendung von Konstruktionen, die an mittelalterliche Ritualmordvorwürfe erinnern – auch gegen Juden im Allgemeinen wenden, also mittelbar auch gegen die in Deutschland lebenden Juden.« Die NGO forderten die Kinobetreiber auf, den Film nicht zu zeigen. Zu prüfen sei außerdem, »ob die Verbreiter des Films wegen Volksverhetzung verfolgt werden sollten«. Darüber hinaus solle die Bundesregierung »bei der türkischen Regierung wegen der Produktion und der Verbreitung dieses Filmes und vergleichbarer anderer antisemitischer Propagandafilme vorstellig werden«, denn »ohne die Duldung und Unterstützung durch die türkische Regierung könnten derartige Filme in der Türkei weder hergestellt noch verbreitet werden«.
Auch Serkan Tören, der integrationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, verurteilte den Streifen: »Der Film bedient antisemitisches Gedankengut«, schrieb er auf seiner Website, »ich fordere hiermit die Kinobetreiber wie Cinestar, Cinemaxx und Cineplex auf, diesen rassistischen und antiwestlichen Hassfilm sofort abzusetzen«. Der Film wirke auf jugendliche Migranten »extrem sozial desorientierend«.
Anderen deutschen Politikern war die Tatsache unangenehm, dass der Film am Holocaust-Gedenktag seine Premiere haben sollte. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese etwa fand es »geschichtslos und unverantwortlich«, den Film ausgerechnet am 27. Januar starten zu lassen. Philipp Mißfelder, der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, schloss sich an: Dies sei »an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten« und »besonders rücksichtslos gegenüber den Gefühlen der Opfer«.
Gideon Böss hielt dieser Argumentation auf seinem Blog bei der Tageszeitung Die Welt entgegen: »Falsch, das ist nicht rücksichtslos gegenüber den Opfern. Denen gegenüber war es rücksichtslos, sie zu deportieren und ihre Freunde und Verwandten zu ermorden.« Der Starttermin für den Film sei »höchstens gegenüber Deutschen rücksichtslos, die sich in ihrem Erinnern gestört fühlen«. In der Tat legt man hierzulande auf die Trauer über die im Nationalsozialismus ermordeten Juden häufig sehr viel mehr Wert als auf das Wohlergehen der lebenden. Nicht selten fungiert die demonstrative deutsche »Vergangenheitsbewältigung« sogar als moralische Selbstermächtigung zu einer besonders harschen Form der »Israelkritik«.

Ein Tiefpunkt war diesbezüglich der Bundestagsbeschluss Anfang Juli letzten Jahres, mit dem Israel ohne eine einzige Gegenstimme für sein Vorgehen gegen die von Islamisten dominierte »Gaza-Hilfsflotte« verurteilt wurde. Vor diesem Hintergrund haben die Stellungnahmen der Parlamentarier Griese und Mißfelder etwas zutiefst Bigottes. Überdies verkennen sie die poli­tische Bedeutung des Films. Denn am Jahrestag des israelischen Einsatzes gegen die »Mavi Marmara« will die islamistische türkische Organisation IHH neuerlich einen »Hilfskonvoi« Richtung Gaza schicken; diesmal sollen sich sogar gleich 50 Schiffe beteiligen. »Tal der Wölfe – Palästina« kann insoweit als propagandistische Vorbereitung dieser Aktion gelten.
Zudem dürfte der Film die türkisch-israelischen Beziehungen weiter verschlechtern. Bereits vor einem Jahr hatte die israelische Regierung den türkischen Botschafter einbestellt und sich bei ihm offiziell über eine antisemitische TV-Serie beschwert, die im türkischen Fernsehen lief. Ihr ­Titel: »Tal der Wölfe«.

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