17.02.2011
Vorabdruck aus: »Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund«

Das Getto

Er war eine der führenden Figuren im polnischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der erste, der die Alliierten über den Holocaust unterrichtete: Jan Karski. Die Memoiren dieses Mannes, der »den Großen dieser Welt enthüllt hat, was die Welt nicht wissen wollte« (Jorge Semprún), liegen nun, 66 Jahre nach Erscheinen der englischen Erstausgabe, erstmals auf Deutsch vor. Hier erzählt Jan Karski von einer Unterredung, die er im Herbst 1942 mit zwei Männern hatte, die die Arbeit des jüdischen Untergrunds in Polen leiteten, und von einem kurzen Aufenthalt im Warschauer Getto, in das er sich heimlich schleusen ließ.

Der Bund-Führer war um die sechzig, und mit seinen hellen Augen, dem rosigen Gesicht und dem dicken Backenbart wirkte er wie ein typischer polnischer Edelmann, distinguiert und vornehm. Vor dem Krieg war er ein sehr bekannter Anwalt gewesen, der einen ausgezeichneten Ruf als Experte für Strafrecht genoss. Nun trat er vor den deutschen Behörden als Inhaber eines großen Geschäftes für chemische Produkte und Baumaterialien auf – wohlhabend, würdevoll und unerschütterlich. Alle grüßten ihn als »Herr Ingenieur«, brachten ihm Respekt entgegen, suchten seine Gesellschaft und luden ihn ein. Welche Willensanstrengung ihn diese Rolle kosten musste, begriff ich später, als er mich ins Getto begleitete. Da fiel die Aura von Wohlergehen und Gewandtheit schlagartig von ihm ab. Der gepflegte polnische Kaufmann verwandelte sich unversehens in einen von Tausenden ärmlichen, hungernden und entkräfteten Juden, die von den erbarmungslosen Nazis gequält und mit menschenverachtender Rachsucht verfolgt wurden.
Der andere war wenig über vierzig. Er hatte deutlich semitische Züge und musste wohl mehr Mühe auf die Tarnung verwenden. Er machte den Eindruck, dass er sehr litt, und hatte Mühe, seine Nerven unter Kontrolle zu halten.
Während ich in der stillen abendlichen Warschauer Vorstadt mit den beiden Männern sprach, wurde mir gleich zu Beginn klar, wie vollkommen hoffnungslos ihre Lage war. Für uns Polen ging es um Krieg und Besatzung. Für sie, für die notleidenden polnischen Juden, war es das Ende der Welt. Weder sie noch ihre Brüder hatten auch nur die geringste Chance. Doch das war nur ein Teil der Tragödie und nur teilweise der Grund für ihre quälende Verzweiflung. Sie hatten keine Angst vor dem Tod an sich und nahmen ihn als beinahe unausweichlich an. Doch zu dieser Erkenntnis kam das bittere Wissen, dass es für sie in diesem Krieg keinerlei Hoffnung auf einen Sieg gab, keinerlei Genugtuung, die gelegentlich die Aussicht auf den bevorstehenden Tod ein wenig mildern kann. Auf diesen Umstand wies mich der Zionistenführer umgehend deutlich hin.
»Ihr Polen könnt euch glücklich schätzen«, begann er. »Auch ihr müsst leiden. Viele von euch werden sterben, aber wenigstens wird eure Nation weiterleben. Nach dem Krieg wird Polen wieder erstehen. Eure Städte werden aufgebaut, und eure Wunden werden allmählich heilen. Aus diesem Meer von Tränen, Schmerzen, Zorn und Demütigung wird euer Land sich langsam erheben. Aber die polnischen Juden wird es nicht mehr geben. Wir werden tot sein. Hitler wird seinen Krieg gegen die Menschheit, das Gute und Gerechte verlieren, aber seinen Krieg gegen die polnischen Juden wird er gewinnen. Er wird das jüdische Volk nicht besiegen, sondern ganz einfach ermorden.«
Es war ein Abend wie ein Albtraum und doch schmerzlich und bedrückend real. Meine Gesprächspartner liefen heftig auf und ab, dabei tanzten ihre Schatten im Schein der einzigen Kerze, die wir anzuzünden wagten, wild umher. Ich saß wie festgenagelt in einem alten, wackeligen Sessel, ein fehlendes Bein hatte man durch zwei übereinandergelegte Ziegelsteine ersetzt. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, vielleicht aus Angst, umzufallen, oder weil das, was ich da hörte, mich erstarren ließ. Auf einmal brach der Zionist in Tränen aus.
»Was nützt es denn, darüber zu reden? Wozu soll ich noch weiterleben? Ich sollte am besten gleich zu den Deutschen gehen und ihnen sagen, wer ich bin. Wenn alle Juden tot sind, brauchen sie auch keine Anführer mehr … Ach, es ist so sinnlos, Ihnen das alles zu erzählen. Kein Außenstehender wird es je begreifen. Sie begreifen es ja auch nicht! Und ich selbst kann nicht fassen, dass mein Volk sterben muss und ich am Leben bin.«
Der ältere Mann versuchte ihn zu beruhigen und legte ihm die Hand auf die Schulter, während der jüngere verzweifelt die Hände rang.
»Wir haben noch viel zu besprechen«, sagte er, »und nur wenig Zeit. Wir müssen zur Sache kommen.«
Es entstand eine kurze Pause, und der Zionistenführer versuchte, seine Fassung wiederzufinden.
»Entschuldigen Sie«, murmelte er.
Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben.
»Ich verstehe, was Sie empfinden … Ich werde versuchen, Ihnen nach Kräften zu helfen. Ich reise in offizieller Mission im Auftrag des polnischen Untergrunds nach London. Dort habe ich sehr wahrscheinlich Gelegenheit, den Vertretern der alliierten Mächte zu berichten.«
»Wirklich?« rief der Zionistenführer hoffnungsvoll aus. »Denken Sie, dass Sie auch mit Roosevelt und Churchill zusammentreffen werden?«
»Vielleicht. Und wenn nicht, dann bestimmt mit engen Mitarbeitern von ihnen. Ich werde durch die polnische Exilregierung in London akkreditiert sein. Mein Status wird also offiziellen Charakter haben, und Sie sollten mir Ihre offizielle Botschaft an die Außenwelt mitteilen. Sie sind die Führer des jüdischen Untergrunds. Was also soll ich in Ihrem Auftrag übermitteln?«
Sie zögerten einen Moment, als müssten sie alles, was sie zu sagen hatten, nochmals überdenken und nach Formulierungen suchen, die ihr Empfinden, ihre hoffnungslose Lage und ihre Bitten am treffendsten ausdrückten. Als Erster sprach der Bund-Führer und legte dabei seine Hände vor sich auf den Tisch, als ob ihm das helfen würde, sich auf seine Worte zu konzentrieren.
»Wir möchten, dass Sie der polnischen Regierung in London und den Regierungen der Alliierten sowie den führenden Vertretern der Alliierten mitteilen, dass wir den deutschen Verbrechern hilflos gegenüberstehen. Die Vernichtung ist eine Tatsache. Niemand kann uns schützen. Die polnischen Untergrundbehörden können vielleicht ein paar von uns retten, aber keine Massen. Die Deutschen versuchen uns nicht zu versklaven wie andere Völker, sondern wir werden systematisch ermordet. Das ist der Unterschied.«
»Das ist es, was die Menschen nicht verstehen«, fiel der Zionist nervös ein. »Wir schaffen es nicht, das begreiflich zu machen. In London, Washington und New York glaubt man zweifellos, die Juden würden übertreiben, sie seien hysterisch.«
Ich nickte zustimmend, und der Bund-Führer fuhr fort:
»Unser gesamtes Volk wird vernichtet. Möglicherweise werden Einzelne überleben, aber drei Millionen Juden sind dem Untergang geweiht. Und dazu kommen noch viele andere, die aus ganz Europa hergebracht werden. Das kann keine Macht in Polen verhindern, weder der polnische noch der jüdische Untergrund. Diese Verantwortung liegt bei den Alliierten. Effektive Hilfe kann nur von außen kommen. Kein führender Vertreter der Vereinten Nationen soll sagen können, er habe nichts davon gewusst, dass wir in Polen ermordet werden.«
Das war die ernste Botschaft, die ich in die freie Welt zu tragen hatte. Sie vermittelten mir ihre Worte höchst eindringlich, damit nichts davon in Vergessenheit geriet. Und sie selbst taten ein Übriges, erkannten sie doch ihre Lage mit verzweifelter Klarheit. Zu diesem Zeitpunkt waren mehr als 1,8 Millionen Juden ermordet worden. Diese beiden Männer hegten keinerlei Illusionen, was die Reaktion der Vereinten Nationen auf diese Informationen betraf. Es war durchaus denkbar, dass man der Wahrheit keinen Glauben schenken würde. Zu erwarten war außerdem, dass man diese Zahl als übertrieben und unrealistisch abtat. Meine Aufgabe war es, zu argumentieren, zu überzeugen, zu beweisen, alles in meiner Macht Stehende zu tun und die Wahrheit hinauszuschreien, bis sie nicht mehr geleugnet werden konnte.
Sie hatten für mich einen exakten Bericht über die Zahl der jüdischen Toten in Polen vorbereitet. Ich brauchte jedoch noch genauere Angaben.
»Können Sie mir ungefähre Zahlen nennen, wie viele Gettobewohner ermordet wurden?« erkundigte ich mich.
»Die genaue Zahl lässt sich recht verlässlich anhand der deutschen Deportationsbefehle ermitteln«, teilte mir der Zionistenführer mit.
»Wollen Sie damit sagen, dass alle angeblich Deportierten in Wirklichkeit getötet wurden?«
»Alle ohne Ausnahme«, versicherte der Bund-Führer. »Natürlich versuchen die Deutschen vorzutäuschen, dass dem nicht so ist. Selbst heute, da kein Zweifel mehr besteht, treffen noch Briefe von bekanntermaßen toten Personen ein, in denen sie ihren Freunden und Verwandten freudig mitteilen, dass sie gesund sind, arbeiten und Fleisch und Weißbrot zu essen haben. Aber wir kennen die Wahrheit und können dafür sorgen, dass Sie alles mit eigenen Augen zu sehen bekommen.«
»Wann haben diese Deportationen begonnen?«
»Der erste Deportationsbefehl wurde im Juli erlassen. Die deutschen Behörden forderten pro Tag fünftausend Personen an. Sie sollten angeblich zur Arbeit außerhalb Warschaus herangezogen werden. Doch in Wahrheit wurden sie direkt in die Vernichtungslager gebracht. Dann wurden die Zahlen auf sechs-, sieben- und schließlich zehntausend Mann pro Tag erhöht. Als Czernia­ków, ein Ingenieur und Vorsteher der jüdischen Gemeinde, die Anweisung erhielt, täglich zehntausend Menschen für den Arbeitsdienst abzustellen, beging er Selbstmord. Er wusste, was das zu bedeuten hatte.«
»Wie viele Menschen wurden insgesamt ›deportiert‹?«
»Mehr als dreihunderttausend. Reichlich hunderttausend sind noch übrig, und die Deportationen gehen immer weiter.«
Ich wurde bleich. Es war Anfang Oktober 1942. In zweieinhalb Monaten hatten die Nazis allein aus dem Warschauer Getto dreihunderttausend Menschen umgebracht. Es handelte sich um eine nie da gewesene Form des Verbrechens, davon musste ich die Welt in Kenntnis setzen. Doch mein Bericht konnte nicht allein auf ihren unbestätigten mündlichen Schilderungen basieren.
Meine Gesprächspartner schlugen vor, mich ins Warschauer Getto mitzunehmen, damit ich mit eigenen Augen sehen konnte, wie ein ganzes Volk starb. Zudem wollten sie mich in eines der vielen Vernichtungslager schleusen, wo Juden zu Tausenden gefoltert und ermordet wurden. Als Augenzeuge würde ich wesentlich überzeugender auftreten können denn als bloßer Übermittler. Zugleich warnten sie mich jedoch, dass ich mich in Lebensgefahr begab, wenn ich auf ihr Angebot einging. Sie sagten mir auch, dass die grauenhaften Szenen, deren Zeuge ich würde, mich wohl mein Leben lang verfolgen würden.
Ich sagte ihnen, dass ich das Beschriebene selbst sehen wollte. Ich hoffte, möglichst bald hinter die Mauer zu gelangen, um die zivilisierte Welt von den Tatsachen überzeugen zu können. Ich fühlte mich der Aufgabe nur dann gewachsen, wenn ich mir zuerst selbst einen Eindruck von dem verschaffen konnte, wovon ich Bericht erstatten sollte.
Also wurde vereinbart, dass diese Besuche so bald wie möglich stattfinden sollten. Anschließend würde ich nochmals dieses Haus aufsuchen, um weiter zu besprechen, wie ich der Welt ihr Anliegen am wirkungsvollsten präsentieren konnte. Ich verabschiedete mich erst einmal von den beiden noch immer im flackernden Dämmerlicht stehenden, niedergeschlagenen Schattengestalten, die mir mit kraftloser Herzlichkeit eine gute Nacht wünschten, aus der mehr Vertrauen in meine Person als in unser Vorhaben sprach.
Als ich wiederkam, hatten sich die Szenerie und die Beteiligten so wenig verändert wie die Zustände, die sie beschrieben. Für unsere Unterredung hätte es keinen passenderen Ort geben können als jene verfallene Ruine, wo die trostlose Stille nur durch unsere Stimmen und das Heulen des Windes unterbrochen wurde, der stets kurz davor war, die Kerze auszulöschen, die fahle, unregelmäßige Lichtflecken in die Dunkelheit warf.
Zunächst sprachen wir über meinen bevorstehenden Besuch im Getto, wobei wir Einzelheiten zu meiner Kleidung und meinem Verhalten schnell und routiniert abhandelten, um Raum für wichtigere Themen zu schaffen. Schließlich erkundigte ich mich, was ich den britischen und amerikanischen Vertretern sagen sollte, wenn sie mich fragten, wie sie helfen könnten. Die Antwort fiel verbittert und illusionslos aus. Ihren Worten war zu entnehmen, dass sie nur allzu genau wussten, dass man die meisten ihrer Vorschläge nicht umsetzen würde, obwohl sie die einzige Möglichkeit waren, dem Leiden ihres Volkes ein Ende zu setzen.
Der Zionistenführer sprach als Erster:
»Die Deutschen lassen sich nur von Macht und Gewalt beeindrucken. Man sollte die deutschen Städte gnadenlos bombardieren und bei jeder Bombardierung Flugblätter abwerfen, die die Deutschen über das Schicksal der polnischen Juden informieren und der gesamten deutschen Nation ein ähnliches Schicksal während des Krieges und danach androhen. Die deutsche Bevölkerung niederzumetzeln, halten wir nicht für sinnvoll und streben es auch nicht an, doch eine solche Drohung ist die einzige Möglichkeit, den Gräueltaten der Deutschen Einhalt zu gebieten. Eine solche von Gewalt begleitete Warnung könnte die deutsche Bevölkerung so erschrecken, dass sie genügend Druck auf ihre politische Führung ausübt, damit diese ihr Vorgehen ändert. Anders lässt sich nichts erreichen.«
»Wir wissen«, fügte der Bund-Führer hinzu, »dass dieser Plan wahrscheinlich nicht durchführbar ist und nicht in die Militärstrategie der Alliierten passt, aber das ist nicht zu ändern. Die Juden und alle, die ihnen helfen wollen, sind außerstande, diesen Krieg aus einem rein militärischen Blickwinkel zu betrachten. Legen Sie den Verantwortlichen der Alliierten nahe, offizielle Erklärungen an die deutsche Regierung und das deutsche Volk zu verfassen, in denen als Konsequenzen fortgesetzter Verfolgung massenhafte Vergeltungsaktionen angedroht werden, mit dem Ziel, die gesamte deutsche Nation systematisch auszulöschen.«
»Ich verstehe«, antwortete ich, »und werde mein Bestes tun, den Adressaten Ihre Worte zu übermitteln und nahezubringen.«
»Wir fordern aber noch mehr«, erklärte der Zionistenführer. »Hitler hat verkündet, dass alle Deutschen – wo auch immer sie leben und was auch immer sie denken – eine einzige Rasse darstellen. Er hat sie zu einem einheitlichen Heer vereint und verfolgt damit das Ziel, die Welt zu beherrschen und eine ›neue Zivilisation‹ zu errichten. Er hat gesagt, in dieser Zivilisation werde für die Juden kein Platz sein, sie sollten vernichtet werden. Eine solche Situation hat es in der Geschichte noch nie zuvor gegeben, also muss man darauf auch mit nie da gewesenen Mitteln reagieren. Fordern Sie die alliierten Regierungen auf, in Amerika, England und Afrika – wo auch immer es ihnen möglich ist – sämtliche Deutschen öffentlich hinzurichten, die sie zu fassen bekommen. Das verlangen wir von ihnen.«
»Aber das ist doch vollkommen absurd«, entgegnete ich. »Eine solche Forderung würde doch nur all jene verwirren und schockieren, die Ihnen helfen wollen.«
»Ja natürlich«, erwiderte der Zionist. »Denken Sie, das ist mir nicht bewusst? Wir fordern es deswegen, weil es die einzig angemessene Antwort auf das ist, was uns widerfährt. Wir glauben nicht daran, dass es tatsächlich umgesetzt wird, aber dennoch fordern wir es. Wir stellen diese Forderung, damit die Menschen erfahren, wie wir das, was uns angetan wird, empfinden und wie hilflos wir sind, wie verzweifelt unsere Lage ist. Ein Sieg der Alliierten in einem Jahr oder in zwei Jahren oder drei Jahren nützt uns nichts … weil wir dann nicht mehr existieren werden.«
Sie schwiegen einen Augenblick, als wollten sie erreichen, dass das Wissen um ihre Lage vollständig in mein Bewusstsein drang. Ich schwieg, aus Angst, angesichts des Ungeheuerlichen, das sie mir anvertrauten, etwas Falsches zu sagen. Ich war erschöpft und innerlich aufgewühlt. Die beiden Gestalten, wie sie hektisch in dem düsteren Raum auf und ab liefen, mit Schritten, die in der hohlen Stille widerhallten, kamen mir allmählich vor wie Gespenster, aus deren Blicken eine gewaltige Bürde von Verzweiflung, Schmerz und Hoffnungslosigkeit sprach, die sie niemals vollständig würden ausdrücken können. Sie sprachen mit gedämpfter Stimme, zischten, flüsterten, und doch dröhnte das Gesagte in meinen Ohren. Es kam mir vor, als vernähme ich das Toben eines Erdbebens, bei dem donnernd die Erde aufriss und einen Teil der Menschheit verschlang. Ich konnte förmlich die Schreie der Verzweifelten hören, die in den Abgrund stürzten.
»Es ist unfassbar«, schimpften sie und erhoben ihre Fäuste, als wollten sie all jenen drohen, die sich auf der anderen Seite der Absperrung befanden. »Die Demokratien können sich doch nicht damit abfinden, dass die Juden Europas angeblich nicht zu retten sind. Wenn es Rettung für Amerikaner und Briten gibt, warum lassen sich dann nicht massenweise jüdische Frauen und Kinder evakuieren? Oder alte und kranke Juden? Warum den Deutschen nicht einen Austausch anbieten? Oder Geld? Warum können von den Alliierten nicht einige Tausend jüdische Menschenleben erkauft werden?«
»Aber wie sollte das geschehen?« fragte ich, ganz verwirrt von diesen verwegenen, verzweifelten Vorschlägen. »Das widerspricht doch jeglicher Kriegsstrategie. Wie können wir unseren Feinden Geld geben? Wie können wir ihnen ihre Soldaten zurückgeben? Hitler würde sie sofort an die Front zurückschicken!«
»Genau das ist es. Genau darum geht es uns. Alle sagen uns: ›Das widerspricht der Strategie dieses Krieges.‹ Aber Strategien lassen sich ändern, anpassen. Passen wir sie doch so an, dass ein Teil des unglückseligen jüdischen Volkes gerettet werden kann. Weshalb lässt die Welt uns denn alle sterben? Haben wir nicht unseren Beitrag zur Kultur und Zivilisation geleistet? Haben wir nicht gearbeitet, gekämpft und geblutet? Warum kämpfen sie für all die anderen? Weshalb wurde nie erklärt, dass man Strategie und Taktik ändern wird, um auf die Methoden zu reagieren, die die Deutschen gegen die Juden anwenden?«
Unvermittelt stand ich auf.
»Welches Vorgehen soll ich den führenden jüdischen Vertretern in England und Amerika empfehlen? Sie haben Einfluss auf den Verlauf dieses Krieges. Sie können sich für Sie einsetzen.«
Der Bund-Führer kam schweigend auf mich zu. Er packte mich derart heftig am Arm, dass es schmerzte. Erschrocken schaute ich ihm in die Augen und war sehr bewegt von dem tiefen, unerträglichen Schmerz, den ich darin wahrnahm.
»Sagen Sie der jüdischen Führung, dass dies hier keine Sache für Politik oder Taktik ist. Sagen Sie ihnen, dass die Erde erzittern und die Welt aufgerüttelt werden muss. Vielleicht wacht sie dann ja auf und beginnt zu erkennen und zu verstehen. Sagen Sie ihnen, dass sie die Kraft und den Mut finden müssen, Opfer zu erbringen, die kein Staatsmann je erbringen musste; Opfer, die so schmerzhaft sind wie das Schicksal meines sterbenden Volkes – und ebenso einzigartig. Das ist es, was sie nicht verstehen. Die Ziele und Methoden der Deutschen sind beispiellos in der Geschichte. Die Demokratien müssen darauf in einer Weise reagieren, die ebenso beispiellos ist – und mit außergewöhnlichen Methoden antworten. Kommen diese nicht zum Einsatz, wird ihr Sieg nur unvollständig sein, nur ein militärischer Sieg. Ihre Methoden werden nichts von dem retten können, worauf das Vernichtungsprogramm des Feindes abzielt. Ihre Methoden werden uns nicht retten.«
Er machte eine Pause und ließ erst da meinen Arm wieder los. Eine Weile lief er nervös auf und ab und blieb dann direkt vor mir stehen. Er sprach sehr langsam und betont, als würde ihn jedes einzelne Wort enorm anstrengen.
»Sie wollen von mir wissen, welches Vorgehen ich der jüdischen Führungsspitze empfehle. Sagen Sie ihnen, sie sollen alle wichtigen englischen und amerikanischen Behörden und Ämter aufsuchen. Sie sollen von dort erst wieder weggehen, wenn man ihnen garantiert hat, dass etwas zur Rettung der Juden unternommen wird. Sie sollen weder Essen noch Trinken annehmen, sondern vor den Augen der Welt einen langsamen Tod sterben. Sterben sollen sie. Das wird vielleicht das Gewissen der Welt wachrütteln.«
Ich sank zurück in meinen Sessel. Ich fror am ganzen Körper, und alles schmerzte. Ich zitterte, und das Blut pochte in meinen Schläfen. Ich stand auf und wollte gehen.
»Noch einen Augenblick bitte«, sagte der Zionistenführer, »wir hatten eigentlich nicht vor, Ihnen das zu sagen, aber ich möchte trotzdem, dass Sie es wissen. Wir fordern solche Opfer von unserer Führung im Ausland nicht aus Grausamkeit. Wir werden sie hier selbst erbringen. Das Getto wird in Flammen aufgehen. Wir werden nicht langsam und qualvoll sterben, sondern kämpfen. Wir werden Deutschland den Krieg erklären – es wird die aussichtsloseste Kriegserklärung sein, die es je gegeben hat.«
Der Bund-Führer sprang auf, als wäre er selbst von den Worten seines Begleiters überrascht. Offensichtlich hatte der Zionist etwas gesagt, was er nicht hätte sagen sollen.
»Wir sind tatsächlich dabei, die Verteidigung des Gettos zu organisieren«, bestätigte er dann ganz langsam, »nicht weil wir denken, dass es sich verteidigen lässt, sondern um der Welt zu zeigen, wie hoffnungslos unser Kampf ist – als Demonstration und Vorwurf. Wir verhandeln jetzt sogar mit dem Kommandeur eurer Heimat­armee, um die Waffen zu bekommen, die wir brauchen. Wenn wir sie bekommen, wird demnächst der für die Deportationen verantwortliche Trupp eine blutige Überraschung erleben.«
»Es wird sich also zeigen«, erklärte der Zionist abschließend, »ob wir Juden uns das Recht erstreiten können, im Kampf zu sterben und nicht – wie von Hitler vorgesehen – im Leiden.«

Zwei Tage später besuchte ich zusammen mit dem Bund-Führer und einem weiteren Mitglied des jüdischen Untergrunds das Warschauer Getto. Die Deutschen hatten selbstverständlich den ärmlichsten Bezirk Warschaus als Standort für das Getto auserkoren. Die Häuser waren allesamt alt und heruntergekommen und hatten nur zwei oder drei Stockwerke. Die Straßen waren schmal und so gut wie unbefestigt, Gehwege gab es kaum. In dieser Ansammlung armseliger Gebäude klafften durch die Bombardements der Deutschen seit September 1939 immer wieder große Lücken. An Wiederaufbau war nicht zu denken – die Trümmer blieben so liegen, wie sie gefallen waren. Eine etwa zweieinhalb Meter hohe Mauer war um das verwahrloste Gebiet herum errichtet worden, aus dem man sämtliche »Arier« evakuiert hatte, um mehr als vierhunderttausend Juden dort einzupferchen.
Ich trug einen alten, abgewetzten Anzug und eine tief ins Gesicht gezogene Mütze und versuchte sehr schmal und mager zu wirken. An meiner Seite gingen zwei typische Gettobewohner, die elend, ausgemergelt und halb verhungert aussahen und in Lumpen gekleidet waren. Wir hatten das Getto durch einen geheimen Zugang betreten, der jedoch jedem auffallen musste, der sich im Viertel genauer umsah.
Außen grenzte an die Mauer ein großer offener Platz, der ebenfalls fast das gesamte Getto umgab. Ein Haus auf diesem Platz war so gebaut, dass die vordere Eingangstür im arischen Bezirk lag und ein Kellerausgang direkt ins Getto führte. Dieses Haus ermöglichte vielen Juden den Kontakt zur Außenwelt. Mit Bestechung, Vorsicht und genauer Kenntnis der unübersichtlichen Kellergänge kam man vergleichsweise leicht auf die andere Seite, sofern man das Risiko in Kauf nahm, gefasst zu werden. Dieses Haus war damals so etwas wie ein moderner Styx, also jener Fluss, der in der griechischen Mythologie die Welt der Lebenden vom Totenreich trennt. Nun, da das Warschauer Getto nicht mehr existiert, weil es bei der von meinen Freunden angekündigten heldenhaften »Verteidigung« zerstört wurde, kann ich das Haus mit seinen Kellern bedenkenlos erwähnen. Das freundliche Gebäude kann den unglückseligen polnischen Juden nicht mehr helfen, und ich schade niemandem, wenn ich davon berichte.
Ist es noch nötig, das Warschauer Getto zu beschreiben? Es ist bereits so viel darüber geschrieben worden; es gibt so viele Berichte von zuverlässigen Zeugen. War es ein Friedhof? Nein, denn diese Leichen bewegten sich noch – oftmals sogar regelrecht fieberhaft. Es waren lebendige Menschen, wenn man sie denn so bezeichnen konnte. An diesen schlotternden Gestalten war außer Haut, Augen und Stimme kaum noch etwas Menschliches verblieben. Überall herrschte Hunger und Elend, es stank grässlich nach verwesenden Leichen, man hörte das jämmerliche Wimmern sterbender Kinder und die verzweifelten Schreie und das Keuchen eines Volkes im aussichtslosen Überlebenskampf.
Wenn man diese Mauer passierte, betrat man eine andere Welt, die sich von allem unterschied, was man sich je hätte vorstellen können. Es hatte den Anschein, als würde die gesamte Gettobevölkerung auf der Straße leben. Überall herrschte dichtes Gedränge. Als wir uns unseren Weg durch Dreck und Trümmer bahnten, huschten Schattengestalten, die einmal Männer und Frauen gewesen waren, auf der Suche nach irgendwem oder irgendetwas an uns vorbei, während ihr Blick vor Hunger oder Gier wirr flammte.
Jeder und alles wirkte unnatürlich geschäftig und in ständiger Bewegung, eingehüllt in eine Aura aus Krankheit und Tod, unter der der Verfall unaufhörlich voranschritt. Wir gingen an einem alten Mann vorüber, der an einer Mauer lehnte und mit glasigen Augen düster ins Leere starrte. Obwohl er sich nicht von der Stelle rührte, zuckte seine Haut stellenweise immer wieder heftig und versetzte seinen Körper in eine seltsame Art von Bewegung.
Als wir weiterliefen, kam mir alles immer surrealer vor. Die Namen der Straßen, Geschäfte und Gebäude waren in alter hebräischer Schrift geschrieben. Meine Begleiter erklärten mir, dass einer Verordnung zufolge im Getto nichts deutsch oder polnisch beschriftet werden durfte. Das führte dazu, dass viele Bewohner die Namen nicht mehr lesen konnten. Gelegentlich sahen wir einen wohlgenährten deutschen Polizisten, der angesichts der ausgemergelten Menschen um ihn herum geradezu abnorm aufgedunsen wirkte. Immer wenn sich ein Polizist näherte, beschleunigten wir unseren Schritt oder wechselten die Straßenseite, als hätten wir eine ansteckende Krankheit.
Dann kamen wir an einem erbärmlich aussehenden parkähnlichen Gelände vorbei, einem vergleichsweise aufgeräumten Platz mit ein paar nahezu kahlen Bäumen und einem Fleckchen Gras, das irgendwie überlebt hatte. Dort war es heillos überfüllt. Mütter drängten sich auf Bänken zusammen und stillten ihre ausgezehrten Säuglinge. Kinder, an denen man jeden Knochen durch die gespannte Haut sah, spielten in Pulks und Scharen.
»Sie spielen, ehe sie sterben«, hörte ich meinen Begleiter zur Linken mit erstickter Stimme sagen.
Ohne nachzudenken – die Worte kamen über meine Lippen, noch bevor sich der eigentliche Gedanke geformt hatte – erwiderte ich:
»Aber diese Kinder spielen nicht! Sie tun nur so.«
Als Nächstes vernahmen wir das Geräusch vieler Füße im Gleichschritt. Ein Trupp von etwa hundert jungen Männern kam auf uns zu. Von Polizisten flankiert, marschierten sie in Formation in der Straßenmitte. Ihre Kleidung war abgerissen und schmutzig wie bei allen anderen, aber sie wirkten kräftiger und besser genährt. Der Grund dafür war unübersehbar. Als sie uns passierten, sah ich, dass jeder von ihnen ein zerlumptes Bündel trug, aus dem das Ende eines Brotlaibes und ein wenig Grünzeug herausschauten.
Sie waren zweifellos in besserer körperlicher Verfassung als alle anderen, aber dennoch wirkten sie unheimlich, beinahe roboterhaft. Sie liefen seltsam steifbeinig, und ihre Gesichter waren wie in einem unveränderlichen Ausdruck immerwährender Erschöpfung versteinert. Ihre leeren und verschleierten Blicke gingen starr geradeaus, als könnte sie nichts und niemand ablenken.
»Diese Leute können sich glücklich schätzen«, ließ mich der Bund-Führer wissen. »Sie sind für die Deutschen noch von Nutzen – für Straßen- und Gleisarbeiten. Solange sie sich regen und ihre Hände benutzen können, sind sie geschützt. Im Getto werden sie von allen beneidet. Wir verschaffen so vielen Leuten wie möglich falsche Papiere, nach denen sie einer ähnlichen Beschäftigung nachgehen. Andernfalls würde man sie ermorden. Auf diese Weise haben wir schon Tausende Menschenleben gerettet. Aber lang kann das nicht mehr dauern.«
Immer wieder kamen wir an Leichen vorüber, die nackt auf der Straße lagen.
»Was hat das zu bedeuten?« fragte ich meinen Begleiter. »Warum liegen sie nackt hier?«
»Wenn ein Jude stirbt«, antwortete er, »wird er von seinen Verwandten ausgezogen und der Leichnam auf die Straße geworfen. Sonst müssen sie die Deutschen dafür bezahlen, um den Leichnam bestatten zu lassen. Es wurde eine Begräbnissteuer eingeführt, die praktisch niemand hier aufbringen kann. Außerdem können sie so die Kleidung retten. Hier zählt jeder Lumpen.«
Ich erschauderte. Worte, die ich oft gehört und doch bis zu diesem Moment nie wirklich verstanden hatte, kamen mir in den Sinn: Ecce homo – Siehe, der Mensch.
Ich erblickte einen gebrechlichen alten Mann, der kraftlos an den Häuserwänden entlangwankte, um nicht hinzufallen.
»Ich sehe hier kaum alte Menschen«, sagte ich. »Bleiben sie denn den ganzen Tag in ihren Häusern?«
Die Stimme, die mir antwortete, klang, als käme sie aus einem Grab:
»Nein. Haben Sie das System der Deutschen denn immer noch nicht durchschaut? Diejenigen, deren Muskelkraft noch ausreicht, zieht man zur Zwangsarbeit heran. Die anderen werden nach bestimmten Quoten getötet. Zuerst kommen die Alten und Kranken, dann die Arbeitslosen, dann diejenigen, die keiner für die Deutschen kriegswichtigen Arbeit nachgehen, und schließlich jene, die im Straßen- und Gleisbau oder in Fabriken beschäftigt sind. Ganz am Ende werden sie uns alle umbringen.«
Plötzlich packten mich meine Begleiter am Arm. Ich wusste nicht, was vor sich ging, und fürchtete, dass man mich entdeckt hatte. Rasch schoben sie mich in den nächstgelegenen Hauseingang.
»Schnell, schnell, das müssen Sie mit ansehen. Davon können Sie der Welt berichten. Beeilen Sie sich!«
Wir liefen die Treppe hinauf bis ins Dachgeschoss. Irgendwo ertönte ein Schuss. Meine Begleiter klopften an eine Tür. Diese öffnete sich einen Spalt, und dahinter kam ein mageres weißes Gesicht zum Vorschein.
»Zeigen eure Fenster zur Straße?« fragte der Bund-Führer.
»Nein, zum Hof. Was wollen Sie denn?«
Grimmig schlug er die Tür wieder zu, rannte zur anderen Seite und hämmerte dort erneut gegen die Tür. Als sie geöffnet wurde, schob er einen kleinen Jungen zur Seite, der angstvoll schreiend im Zimmer verschwand. Sie drängten mich ans Fenster, ließen die Rollläden herunter und bedeuteten mir, durch den seitlichen Spalt zu schauen.
»Jetzt bekommen Sie gleich etwas zu sehen. Die ›Jagd‹. Wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen, würden Sie es niemals glauben.«
Ich schaute durch den Spalt. Mitten auf der Straße standen zwei Burschen in Uniformen der Hitlerjugend. Sie trugen keine Mützen, ihre blonden Haare glänzten in der Sonne. Mit ihren runden, rosigen Gesichtern und ihren blauen Augen wirkten sie durch und durch gesund und vital. Sie alberten herum, lachten und schubsten sich gegenseitig ausgelassen. Plötzlich zog der jüngere von ihnen eine Pistole aus der Hosentasche, und mir wurde klar, was ich gleich miterleben würde. Er ließ seinen Blick schweifen, als ob er etwas suchte. Ein Ziel. Als wäre es ein lustiger Karnevalsscherz, hielt er gespannt Ausschau, worauf er zielen konnte.
Ich folgte seinem Blick. Dabei fiel mir auf, dass die Straße um ihn herum wie leergefegt war. Nirgends in Sichtweite dieser blauen Augen war auch nur ein einziges menschliches Wesen zu erkennen. Auf einmal verharrte der Blick des Jungen mit der Pistole auf einem Punkt, der außerhalb meines Blickwinkels lag. Er hob den Arm und visierte sein Ziel sorgfältig an. Dann gab er einen Schuss ab, woraufhin Glas zersplitterte und der Todesschrei eines Mannes zu hören war.
Der Junge, der geschossen hatte, jubelte vor Freude. Der andere klopfte ihm auf die Schulter und sagte etwas offenbar Anerkennendes zu ihm. Sie grinsten einander an und blieben noch eine Weile in dreister Freude stehen, als wären sie sich ihres unsichtbaren Publikums nur allzu bewusst. Dann hakten sie sich unter und gingen in aller Seelenruhe zum Ausgang des Gettos, während sie ausgelassen miteinander plauderten, als kämen sie gerade von einem Sportwettkampf.
Wie versteinert stand ich am Fenster und konnte meinen Blick nicht abwenden. Im Zimmer hinter mir herrschte absolute Stille. Niemand regte sich. Ich blieb stehen, wo ich war, und wagte nicht, meine Haltung zu verändern, eine Hand zu bewegen oder meine verkrampften Beine zu lockern. Ich war von einer solchen Panik ergriffen, dass ich nicht den Willen aufbringen konnte, auch nur einen Schritt zu tun oder ein einziges Wort hervorzubringen. Mir schien, dass die kleinste Bewegung, das leiseste Zittern eines Muskels in meinem Körper nochmals eine solche Szene wie die soeben erlebte heraufbeschwören würde.
Ich weiß nicht, wie lange ich so verharrte, mein Zeitgefühl war mir abhandengekommen. Schließlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich unterdrückte meinen Schreck und drehte mich um. Vor mir stand eine Frau, die Mieterin der Wohnung, deren hageres Gesicht im Halbdunkel kreidebleich wirkte. Sie gestikulierte aufgeregt und sagte zu mir:
»Sind Sie auf Besuch hier? Das hilft doch alles nichts. Gehen Sie wieder, laufen Sie hier weg. Quälen Sie sich nicht länger.«
Meine beiden Begleiter saßen reglos auf einer schäbigen Couch, den Kopf zwischen den Händen vergraben. Ich ging auf sie zu.
»Lassen Sie uns gehen«, stammelte ich. »Bringen Sie mich hier heraus … Ich bin sehr, sehr müde. Ich muss sofort weg von hier. Ich werde ein andermal wiederkommen … «
Sie erhoben sich rasch und nahmen mich in ihre Mitte. Wortlos polterten wir die morsche Treppe hinunter. Auf der Straße verfiel ich fast in Laufschritt, während die beiden versuchten, so gut es ging mit mir Schritt zu halten. Halb rennend erreichte ich die Tür des geheimen Hauses, durchquerte die Kellergänge und gelangte zur Tür, die auf die andere Seite führte.
Es ist schwer zu erklären, weshalb ich es so eilig hatte. Eigentlich gab es keinen Grund dafür, und unsere Eile machte uns allenfalls unnötig verdächtig. Aber wahrscheinlich rannte ich deshalb, weil ich wieder klare Luft atmen und meinen Durst mit Wasser stillen wollte. Alles im Getto kam mir wie vom Tod verseucht vor – der Gestank der verwesenden Leichen, der Dreck, der Verfall. Ich hatte es sorgsam vermieden, Wände oder Menschen dort zu berühren. Selbst wenn ich kurz vor dem Verdursten gewesen wäre, hätte ich in dieser Totenstadt keinen einzigen Schluck Wasser getrunken. Wahrscheinlich hielt ich auch so oft es ging den Atem an, um so wenig verseuchte Luft wie möglich einzuatmen. Im Keller des Hauses in der Muranowska-Straße wechselten der Bund-Vertreter und ich die Kleidung und kehrten dann auf die »arische« Seite zurück. Unser Führer war im Getto geblieben.

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund. Aus dem englischen Originaltext unter Zuhilfenahme der französischen Neuausgabe übersetzt von Franka Reinhart und Ursel Schäfer. Verlag Antje Kunstmann, München 2011. 620 Seiten, 28 Euro. Das Buch erscheint Ende Februar.