Über den jähen Sturz eines deutschen Verteidigungsministers 

Stolz und Vorurteil

Die Plagiatsaffäre des Karl-Theodor zu Guttenberg sagt etwas über den Zustand der »Bildungsrepublik Deutschland« und die Politik als Beruf aus. Der Minister zögerte lange vor dem Rücktritt.

Die Dinge ändern sich. Eben noch waren die Deutschen der Meinung, dass ihre erbliche Intelligenz durch die Einwanderung genetisch Minderwertiger gefährdet sei. Seit dem Erscheinen von Thilo Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab« bangte man um die Bildung als die Grundlage des Wohlstands der Nation. Gerade noch galt das dreigliedrige Schulsystem als unentbehrlicher Bestandteil der Zivilisation, seine Kritiker hielt man für nicht leistungsbereit. »Wir wollen lernen!« nannte sich die Bürgerinitiative, die in Hamburg eine Schulreform verhinderte. Jahrelang wurde die Gesellschaft beschallt mit dem Gerede von »Exzellenzclustern«, »akademischen Leuchttürmen« und der »Bildungsrepublik Deutschland«. Dann war plötzlich alles anders.

Als herauskam, dass »Deutschlands beliebtester Politiker«, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), seinen Doktortitel von der Universität Bayreuth aufgrund eines Plagiats verliehen bekam, galten die vielbeschworenen Bildungsstandards zunächst nicht mehr.
Die Universität beließ es vorerst beim zögerlichen Entzug der Doktorwürde, während »die Frage des Täuschungsvorsatzes« einfach dahingestellt blieb. Die Kanzlerin unterstützte ihren Minister, dieser dachte anfangs nicht im Traum an einen Rücktritt. Wegen »ein paar vergessener Fußnoten«, lautete die Argumentation der Verteidiger Guttenbergs, sollten sich die Wissenschaftler in ihren Studierstuben nicht aufregen. Umfragen zufolge hatte die Popularität des Ministers nicht unter der Betrugsaffäre gelitten.
Franz Josef Wagner, der Chefkolumnist der Bild-Zeitung, gab die Richtung vor. Qualitätsmaßstäbe seien zukünftig mit Rücksicht auf Stand und Ansehen der Person anzulegen: »Ich habe keine Ahnung von Doktorarbeiten. Ich flog durchs Abitur und habe nie eine Universität von innen gesehen. Also, ich kann von außen sagen: Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor.« Ein irritierendes Ideal, zumal es sich in einem Milieu artikulierte, das zuvor noch jede Schulreform als Bedrohung für die abendländische Kultur bekämpft hatte. In diesem Fall jedoch war man im Hause Springer gerne bereit, Guttenberg »die paar Gänsefüßchen« nachzusehen.
Als es allerdings noch nicht um den verehrten Verteidigungsminister ging, hatte Wagner noch eine ganz andere Meinung zur Anmaßung akademischer Würden. Bildblog verwies auf einen älteren Kommentar Wagners zum Thema akademischer Titelkauf: »Der Doktortitel war einmal das Edelste der forschenden Studierenden. Wenn der Doktortitel heute verramscht wird, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Nobelpreise andere kriegen. Der Doktortitel war früher ein Juwel, er ist heute Blech. Er ist für Geld zu kaufen.«
Diese Tirade galt aber nur der neureichen Plebs, die sich mit einem akademischen Grad in den oberen Gefilden der Gesellschaft legitimieren wollte. Beim falsch promovierten Freiherrn war das etwas anderes. In der Nachsicht mit Guttenberg zeigte sich der Glaube an die Rechte der geborenen Elite. Damit setzte sich ein restaurativer Trend fort, gesellschaftlichen Status als überhistorisch determiniert anzuerkennen. Schon mit dem Beifall für Sarrazins These, dass die Grundlagen von Leistungsfähigkeit genetisch bedingt seien, wurde das bürgerliche Leistungsparadigma negiert.
Im Zentrum der Kampagne zur Rettung Guttenbergs stand der Schein der »guten Geburt«. Der erfolgreiche Adlige war die perfekte Wiedergutmachung für den von Peter Sloterdijk so beklagten Verlusts der »Geburtsvorrechte« in der Moderne, eine glamouröse Projektionsfläche für alle, die sich wie Sloterdijk am allgegenwärtigen »Mittelmaß« zu stören meinten. Das funktionierte, obwohl im Zuge des Skandals auch die Biographie des jungen Juristen weitgehend auf ein Normalmaß zusammengeschrumpft ist. 2009 wurde er bei seinem Amtsantritt als Wirtschaftsminister, noch ehe er ins Verteidigungsressort wechselte, als international erfahrener Wunderknabe aus einem mittelständischen Unternehmen präsentiert. Weltmännisch und solide sollte das wirken. Mittlerweile entpuppten sich einige seiner beruflichen Stationen als banale Praktika und das »Unternehmen« erwies sich als kleines Büro zur Verwaltung des Familienvermögens. Sollte zuvor der aufstrebenden Studierendengeneration anhand des leuchtenden Vorbilds Guttenberg vermittelt werden, was heute vom Hochschulabsolventen selbstverständlich erwartet wird, so zeigt sich nun, dass dies selbst mit den besten Startvoraussetzungen in der Realität kaum zu leisten ist. Die Illusion vom charakterstarken, blaublütigen und jugendlichen Tausendsassa in der deutschen Politik ist geplatzt. Der Deutschen nächster Messias war auch nur ein Vertreter der Generation Praktikum, wenn auch mit teureren Anzügen als der Rest.

Als der Tom Cruise der deutschen Politik verströmte er aus jeder Pore die Gewissheit, zum Siegen geboren zu sein. Angesichts einer Gesamtperformance mit der Aussage »mir steht das zu« stellt sich die Frage, was Guttenberg mit dem Doktorgrad wollte. Normalerweise trachten Hochstapler danach, einen Status zu erreichen, der ihnen sonst verweigert wird. Dies traf auf den millionenschweren Franken nicht zu, denn wer bereits oben ist, muss sich nicht erst unter Vortäuschung falscher Tatsachen Zugang zur »Elite« verschaffen. Sicher wäre der Titel willkommener Zierrat für ihn gewesen. Doch war persönliche Eitelkeit alleine nicht der Grund, warum sich der Parlamentarier um jeden Preis einen akademischen Titel anheften wollte. Das Projekt »Dr. zu Guttenberg« entsprang politischer Rationalität.
Max Weber nennt in »Politik als Beruf« drei Legitimationsformen von Herrschaft: Tradition, Charisma und Legalität. Das Modell Guttenberg war der erfolgreichste Versuch der CDU/CSU, alle drei Rechtfertigungsgründe in einer Person zu vereinen. Für Tradition bürgten der eigene Adelstitel und die Einheirat in das Haus Bismarck; für das Charisma waren neben den Schauspielkünsten des Freiherrn selbst vor allem die Medien zuständig, die ihn aus dem Nichts zur nationalen »Lichtgestalt« (Franz Josef Wagner in der Bild-Zeitung) erhoben. Zur Legalität zählt Weber die Frage der Kompetenz, für sie sollte die Promotion ein Ausweis sein. Mit dem Prestige sämtlicher Titel sollte ein Überpolitiker konstruiert werden. Wohin so ein Erlöser-Zirkus führt, lässt sich ebenfalls bei Max Weber nachlesen: »Die Leitung der Parteien durch plebiszitäre Führer bedingt die ›Entseelung‹ der Gefolgschaft, ihre geistige Proletarisierung, könnte man sagen.« Das ist die vorsichtige Umschreibung des Soziologen Weber für »Totalverblödung« und trifft den Gehalt dessen, was die Guttenberg-Gefolgschaft ausmacht.

Der Plagiatsskandal sagt jedoch nur vordergründig etwas über den bürgerlichen Wertekanon aus, dem der Freiherr unbedingt entsprechen wollte. »Bildung ist Lebenschance und die Grundlage für Arbeit, soziale Sicherheit, Gerechtigkeit und Selbstverantwortung«, wird auf der Homepage des Verteidigungsministers noch immer behauptet. Diese Phrase unterschlägt die andere Seite der bürgerlichen Gesellschaft: Ihre Eigentumsordnung wird nicht von Leistung, sondern zumindest ab einer gewissen Gehaltsstufe von der Aneignung fremder Arbeit geprägt, ihre soziale Gliederung ist lange nicht so durchlässig, wie sie zu sein vorgibt. In der Figur Guttenberg sollten die konservativen Ideale kulminieren, doch plötzlich erweist sie sich als Gefüge von ererbtem Privileg und Diebstahl. Geleistet wird in den unteren Etagen, bezahlt auch.
Umberto Eco bezeichnet in seinem Klassiker der wissenschaftlichen Ratgeberliteratur, »Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt«, die Fußnoten als die gängige akademische Währung, mit der die Arbeit anderer vergolten wird: »Fußnoten dienen dazu, Schulden zu bezahlen. Ein Buch zitieren, aus dem man einen Satz übernommen hat, heißt Schulden zahlen. Einen Autor zitieren, von dem man einen Gedanken oder eine Information verwendet hat, heißt Schulden zahlen.« Wie es sich für einen Freiherrn und Unternehmer gehört, hat Guttenberg diese Schulden nicht bezahlen wollen. Anders als durch diese Form der Aneignung fremder Arbeit entsteht »Elite« auch nicht. Dieses Prinzip stieß erst an seine Grenzen, als Guttenberg zu offensichtlich log. Seinen Rücktritt hatte der Verteidigungsminister erstaunlich lange hinauszögern können. Der Protest des vielköpfigen akademischen Proletariats, das sein Auskommen ohne vergleichbare Privilegien bestreiten und dabei auch noch die Spielregeln einhalten muss, zwang schließlich auch die Universität Bayreuth, von ihrem Günstling Abstand zu nehmen. Als die Widersprüche die Funktionalität des Ganzen bedrohten, musste gehandelt werden.
Das ganze Image Guttenbergs als jugendlicher »Leistungsträger« von beeindruckender »Geradlinigkeit« und »Prinzipientreue« war gegründet auf Geschwätz, der so jäh gestürzte Jungstar entpuppte sich als eine Anmaßung aus dem Geist der Herrschaft. Das Phänomen Guttenberg war nichts als eine gekonnte Inszenierung der Form, noch die Rücktrittserklärung umwehte ein Hauch von Oscarverleihung. Selbst der Verlag Duncker & Humblot war nicht irgendein Ort zur Publikation einer staatsrechtlichen Dissertation, wer hier veröffentlicht, stellt sich in eine Reihe mit Carl Schmitt und Max Weber. Die Peinlichkeit, ein offensichtliches Plagiat in das Verlagsprogramm aufgenommen zu haben, ignoriert das Berliner Traditionshaus bislang. Doch vielleicht gibt die Anzeige, die auf der Verlagshomepage die Kunden begrüßt, Auskunft genug über das tatsächliche Verhältnis von Leistung und Legitimität in den besseren Kreisen: Sie wirbt für eine Neuauflage von Carl Schmitts »Die Tyrannei der Werte«.

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