Burschenschaften und »linke Gewalt«

Burschenschaftler sind sensibel

Studentische Verbindungen beklagen die zunehmende »linke Gewalt« gegen ihre Mitglieder. Das soll eine selbstverfasste Studie belegen, die jedoch kaum den ­akademischen Anforderungen entspricht.
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»Linke Verbindungsfeinde« bereiten den Burschenschaften Sorgen. So seien Burschenschaftler zunehmend »linker Gewalt« ausgesetzt, Polizei und Justiz sähen tatenlos zu und Politiker hätten Angst, sich zu solidarisieren. Das konnte man Ende Januar in der Süddeutschen Zeitung lesen. Man bräuchte sich nicht wundern, schrieb der besorgte Redakteur Marc Felix Serrao in seinem »Plädoyer für Toleranz«, wenn die Rhetorik der linken Kampagnen gegen die Burschenschaften irgendwann ähnliche Folgen hätte wie die rechte hate speech in den USA. Dort war zwei Wochen zuvor die demokratische Abgeordnete Gabrielle Giffords angeschossen worden. Anlass für den Artikel war die Veröffentlichung der vom Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) in Auftrag gegebenen Studie »Gewalt gegen Korporationen«, die nun auch in gedruckter Version erhältlich ist.

»Der Tod von Korporierten wird billigend in Kauf genommen«, heißt es darin gleich auf der ersten Seite. Der Autor Frank Grobe, Historiker und selbst »alter Herr« der Burschenschaft Teutonia Aachen, gibt für das vergangene Jahr 102 Vorfälle in Deutschland und Österreich an, von Sachbeschädigungen über kritische Zeitungsartikel bis hin zu »Parolen«, die »gegen Burschenschaftler skandiert« worden seien. Der Verfasser fügt hinzu: »Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.«
Ebenso wenig erhebt die Studie offenbar Anspruch auf Genauigkeit und die Einhaltung wissenschaftlicher Mindeststandards. In Diskussionen im Internet wird bereits gewitzelt, sie erfülle »nicht einmal Proseminar-Niveau«. Nach Sichtung der Erhebung bemängelt auch der Göttinger Soziologe Martin Heinzelmann die mangelnde Seriosität: »Es fehlt eine Erläuterung der Erhebungsmethoden und die Angaben über verwendete Quellen sind äußerst lückenhaft. Das Gesamt­ergebnis ist gewollt und keineswegs glaubwürdig belegt.«
Wer die Studie selbst in Augenschein nimmt, bemerkt schnell: Ob es um den Diebstahl einer Burschenschaftsmütze geht, faule Eier gegen die Fassade eines Verbindungshauses geworfen werden oder während einer Korporationsfeier ein Laptop gestohlen und die Toilette mutwillig verstopft wird – fast immer heißt es: »Politisch motiviert: Ja. Täter: Antifa«. Bei der »statistischen Erhebung« wird so aus der Vermutung schnell vermeintliche Gewissheit. Da alle studentischen Verbindungen, wie in der Studie betont wird, »von politisch linksstehenden Gruppierungen aufgrund des Lebensbundprinzips, des Elitarismus, des Erziehungsgedankens und der Tradition abgelehnt« werden, führt bei der Suche nach den möglichen Tätern ein akademischer Zirkelschluss zu der Vermutung, »Linksextremisten« beziehungsweise »selbsternannte ›Antifaschisten‹« seien für einen Großteil der Vorfälle verantwortlich. Beweise gibt es selten. Als Beleg muss da schon einmal ein im Anschluss gefundenes »Bekennerschreiben« herhalten, auf dem angeblich zu lesen war: »Scheißparty, Kackverbindung, Scheißburschis. Euch haben wir’s jetzt mal richtig gezeigt!«

Auch die Medien hat sich Grobe vorgenommen. Manchmal berichteten sie nicht ausreichend über die Ereignisse, in anderen Fällen sei die Berichterstattung über Studentenverbindungen falsch. Kein Wunder, dass auch die sonst unverdächtige Frankfurter Rundschau kritisiert wird: Sie habe den Convent unter »Faschismus-, Nationalismus-, Sexismusverdacht usw.« gestellt. Tatsächlich hatte die Zeitung über rechtsextreme Tendenzen bei mehreren Burschenschaften berichtet, unter anderem bei der Germania in Kassel, die 2004 den mittlerweile verstorbenen Nazi-Anwalt Jürgen Rieger eingeladen hatte. Der Erhebung zufolge erfüllt dies die Straftatbestände »Verleumdung« und »üble Nachrede«. Ermittlungen oder eine Anzeige gegen die Zeitung gab es jedoch nicht.
Die Studie wurde in überregionalen Medien kaum beachtet. Die Frankfurter Rundschau würdigte die Arbeit mit einem kleinen Artikel und fasste die Ergebnisse in der Überschrift treffend ironisch zusammen: »Alle sind böse«. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete kurz und betont neutral über die Veröffentlichung. Einzig die Süddeutsche Zeitung widmete der Opferstudie eine ganze Seite, auf der sich der Redakteur Serrao wie anfangs beschrieben den Tenor der Studie zueigen machte. »Woher dieser Hass?« fragte er. Die Jusos haben die Studie ebenfalls beurteilt und könnten Serrao mit ihrer Stellungnahme unter Umständen eine Antwort geben: »Die gelebte Machokultur, die Ausgrenzung von Ausländerinnen und Ausländern, Rituale und Nationalismus hinterlassen nachprüfbar mehr Leid und Schrecken als die aufgeführten ›Straftaten‹ und haben in ihren gesteigerten Erscheinungsformen bereits viele Menschenleben gefordert.«

Als blindwütige Gewalttäter erscheinen in der Studie aber die Linken. »Die Gegner des Korporationswesens achten nicht auf Unterschiede bei den Korporationsarten«, heißt es dort, was jedoch den Ergebnissen der Untersuchung widerspricht. Denn der Großteil der aufgelisteten »Gewalttaten« richtete sich gegen den extrem rechten Rand des Verbindungsspektrums, nämlich die Deutsche Burschenschaft (DB). Dieser Dachverband verfügt über beste Kontakte zu Rechtsterroristen aus Südtirol, Nazis und Holocaustleugnern und vertritt eine völkische Ideologie, wie sie bei Rechtsextremen üblich ist. Der Vorsitzende des CDA, der Berliner Rechtsanwalt Joachim Schön, betonte bei der Vorstellung der Studie, es gäbe »keine Veranlassung, die DB auszuschließen«. An der gemeinsam herausgegebenen Opferstudie zeigt sich exemplarisch, dass sich die studentischen Verbindungen trotz aller Unterschiede und Konflikte als Einheit sehen. Der Vorwurf, Kritiker differenzierten nicht, erledigt sich damit von selbst. Einer fragwürdigen Statistik hätte es da gar nicht mehr bedurft.