Über Thilo Sarrazin und die Wiederkehr der »Rassenhygiene«

Der Mensch ist keine Fruchtfliege

Warum Thilo Sarrazin ein wissenschaftlich nicht ernstzunehmender Erbsenzähler ist und der Typus des verkniffenen Nationalsozialdemokraten, der sich in seiner Freizeit mit Rassenkunde beschäftigt und Menschen nur nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt, in der SPD eigentlich ganz gut aufgehoben ist. Über Sarrazins Vorläufer, die Wiederkehr der »Rassenhygiene« und deren unaufgearbeitete Tradition in der Linken.

Die Debatte über Thilo Sarrazin hält an, trotz Dioxin-Eiern, Guttenbergs geistigem Diebstahl, den Revolten im Nahen Osten und Nordafrika sowie der Atomkatas­trophe von Fukushima. Das verquere SPD-Ausschlussverfahren liefert derzeit den Anlass. Hatten seriösere Zeitungen im Spätsommer 2010 noch auf eugenische Komponenten in Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab« hingewiesen, reduziert sich die Diskussion inzwischen auf Islam und Integration. Dabei verstärkt eine oberflächliche Kritik das Stereotyp vom muslimischen Einwanderer, der kaum Deutsch spricht, verschleiert durch die Städte läuft und einer abgegrenzten Subkultur angehört.
Das ist schlimm genug, aber es geht um wesentlich mehr. Zum ersten Mal ist in Deutschland ein rassenhygienisches Pamphlet wieder zum Bestseller geworden. Zuletzt gelang dies Konrad Lorenz mit »Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit« (1974). Der Unterschied zu damals ist, dass wir in einer Zeit der Krisen und Umbrüche leben, die insbesondere in den Mittelschichten eine Entwicklung nach rechts auslöst. Leute wie Sarrazin liefern ideologische Komponenten für eine Bevölkerungspolitik, die sich gegen Alte, Arme, Behinderte, Kranke und Migranten richtet und eine »positive Eugenik«, die Förderung des Nachwuchses von erwünschten Gruppen, beinhaltet. Damit eröffnen sie Spielräume für eine Politik, die über den Sozialabbau hinausgeht, wie ihn die Parteien von der CSU bis zu den Grünen bislang exekutieren.
Die Politikwissenschaftlerin Naika Foroutan hat analysiert, dass Sarrazins Statistiken fehlerhaft sind. Wichtig ist, auf Parallelen zu Debatten in den USA in den achtziger und neunziger Jahren hinzuweisen, wo Richard Herrnstein und Charles Murray für ähnliche Furore sorgten. Dort hatte eine Arbeitsgruppe der American Psychological Association deren Thesen über einen biologischen Zusammenhang zwischen Herkunft und Intelligenz zerpflückt. Kritiker belegten, dass sie sich aus offen rechtsradikalen Quellen bedient hatten, und warfen den beiden Rassismus und eugenische Positionen vor. Eine vergleichsweise umfassende Kritik Sarrazins steht hierzulande aus. Der Nachweis, dass einzelne Fakten in seinem Buch nicht stimmen, ist wichtig. Seine Thesen wären aber auch dann falsch und zu bekämpfen, wenn die Kriminalitätsrate von Jugendlichen arabischer oder türkischer Herkunft höher oder der Geburtenschwund »autochthoner« Deutscher rapider wäre, als er selbst angibt.
Denn Sarrazin stützt sich auf eine Rassenhygiene bzw. Eugenik, die die Bevölkerung in höher- und minderwertige Menschen einteilt, und beruft sich auf Francis Galton, den Begründer dieser Lehre. Durch gezielte staatliche und/oder private Maßnahmen sollen angeblich Höherwertige dazu animiert werden, mehr Kinder in die Welt zu setzen, und angeblich Minderwer­tige daran gehindert werden, überhaupt Nachwuchs zu bekommen. Diese Lehre, die in England, Deutschland und den USA zum Ende des 19. Jahrhunderts von Akademikern entwickelt worden war, fand im gesamten politischen Spektrum Anklang, wenngleich sie mit unterschied­lichen Begründungen und Argumenten vorgebracht wurde.
Die Rassenhygiene überlebte auch die militärische Niederlage des Nationalsozialismus. Die Verantwortlichen für eugenisch begründete Zwangssterilisierung und Massenmord konnten in der BRD und der DDR ihre Karrieren im Regelfall fortsetzen, auch weil darüber in der Gesellschaft – im Unterschied zum Verbrechen der Shoah – kein Unrechtsbewusstsein existierte. Der Bundestag hat das »Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses« von 1933 formell nie aufgehoben und in den fünfziger Jahren stets Entschädigungsansprüche mit dem Verweis auf ähnliche Praktiken in demokratischen Ländern zurückgewiesen. Die Behörden in Schweden und der Schweiz ließen bis in die siebziger Jahre Kranke, Behinderte sowie Menschen, die als »sozial auffällig« angesehen wurden, zwangsweise sterilisieren, in der Volksrepublik China gibt es diese Praxis bis in die Gegenwart.
Die Untaten in Schweden basierten auf Überlegungen von Alva und Gunnar Myrdal, zwei prominenten schwedischen Sozialdemokraten, die mithilfe einer »negativen Eugenik« so genannte Fehlerbehaftete ausmerzen und die Zahl der Menschen, die als »leistungsfähig« beschrieben wurden, erhöhen wollten. Andernfalls drohe bei sinkender Einwohnerzahl die besondere Kultur der Schweden zu verschwinden und das Kapital fände immer weniger Verwertungsmöglichkeiten. Sarrazin bezieht sich auf Schriften Gunnar Myrdals aus den dreißiger Jahren: Da er an eine sozialdemokratische Tradition anknüpfen kann, wäre es nicht konsequent, den Mann auszuschließen, solange diese braune Erbschaft nicht von der SPD und anderen Parteien der Sozialistischen Internationale aufgearbeitet wird.
Bis heute meinen manche Leute, sie könnten Menschen in höher- und minderwertige Gruppen und »Rassen« sortieren, indem sie unterstellen, es gäbe biologische Unterschiede zwischen ihnen, die angeblich verschiedene Leistungen, Charaktere und Begabungen nach sich ziehen. Solche Verfahren entbehren jeder Grundlage und werden von Genetikern wie Luca Cavalli-Sforza verworfen. Ebenso falsch sind Versuche, Menschen ihre Individualität abzusprechen und scheinbar unveränderlichen, homogenen und miteinander unvereinbaren Kulturen zuzuordnen, wie man Gegenstände in verschiedene Schubladen steckt. Ob biologisch, kulturalistisch oder in der Tradition von Paul Lagarde geistig begründet oder in der Multi-Kulti-Variante: Es gibt keine »menschlichen Rassen«, sondern nur Rassisten, die an einen solchen Unfug glauben.
Die methodische Grundlage der klassischen Rassenhygiene, die Mendelschen Erbgesetze, haben Genetiker bereits um 1930 als überholt betrachtet. Sie entdeckten, vor allem durch Forschungen an der Fruchtfliege, dass durch Mutationen ständig viele neue Erbinformationen entstehen und den Genpool verändern. Sarrazin, dem groteskerweise manche Rezensenten große Detailkenntnisse bescheinigen, bewegt sich mit seiner Erbsenzählerei tatsächlich noch auf dem Niveau des katholischen Ordensmannes Mendel. Allerdings hat diese wissenschaftliche Entwicklung dazu beigetragen, sowohl die NS-Politik zu verschärfen als auch eine scheinbar nicht-rassistische und demokratische Variante der Eugenik zu befördern, wie Karlheinz Roth und Susanne Heim 1986 schrieben (wobei Roth in diesem Aufsatz dazu tendierte, die Gefährlichkeit der älteren Rassenhygiene im Vergleich zu unterschätzen). Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs seien Genetiker, auch Linke wie Hermann J. Muller, davon ausgegangen, dass die Mehrzahl der überlebenden Mutanten rezessive Gene trügen, die man den Phänotypen nicht ansehe. Aufgrund ihrer Überlegung, dass sich diese rasch ausbreiteten und der Menschheit eine schnell anwachsende »genetische Bürde« bescherten, betrachteten sie noch mehr Menschen als Träger einer allgemeinen Degeneration. Dass zwischen Fruchtfliege und Mensch ein großer Unterschied besteht und die Mutationsrate die Folge von Laborbedingungen war, sei nicht reflektiert worden, so Roth.
Heute scheint die Entwicklung der Biotechnologien geeignete Instrumente zu liefern, um die Idee einer Ausmerzung von »Minderwertigen« und der Zucht eines schönen neuen Menschen zu verwirklichen und diese Horror-Utopie als Ergebnis individueller, freier Entscheidung und Familienplanung zu präsentieren. Staatlicher Zwang wird verzichtbar, wenn Ärzte mithilfe ihrer Diagnosen ihre Klienten zu überzeugen vermögen. Eugenische Ziele sind in der »normalen« pränatalen Diagnostik und Humangenetik aufgehoben und wie schon im Kaiserreich mit sozialen und ökonomischen Interessen verflochten. Die moderne Gen- und Reproduktionstechnik samt ihrer politisch-juristischen Regulierung wie etwa der Patentvergabe zielt darauf, die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit und menschliches Gewebe direkt der Kapitalverwertung zu unterwerfen. Für Wissenschaftler bedeutet das Karrieren, Forschungsgeld und Einkommen.
Anhänger einer rassistischen Eugenik fanden sich nach der Niederlage des Nationalsozialismus am Rande des Diskurses wieder, in Deutschland etwa in der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung, die der Nationalsozialist Jürgen Rieger leitete, oder mussten ihre Überzeugung mit moderner klingendem Vokabular verschleiern. In der modernen liberalen Demokratie sei die »Ausmerzung gemeinschaftsgefährdender Parasiten« oder »Sozial-Parasiten« leider nicht gängig, monierte der angesehene Nobelpreisträger Konrad Lorenz seinerzeit in dem eingangs zitierten Werk. Der ehemalige Parteigenosse, Mitarbeiter und Redner des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, klagte darüber, dass man »nicht einmal die Worte ›minderwertig‹ und ›vollwertig‹ gebrauchen« dürfe, »ohne sofort verdächtigt zu werden, man plädiere für die Gaskammer«. Nordamerikanische und europäische Rassenhygieniker organisierten 1959 mit der International Association for the Advancement of Ethnology and Eugenics ein globales Netzwerk. Diese braune Internationale gab seit 1960 die Zeitschrift Mankind Quarterly heraus; zu deren Gründern zählten der vormalige NS-Wissenschaftler Otmar von Verschuer und Corrado Gini, der eine Karriere unter Mussolini vorzuweisen hatte.
Auf Arbeiten aus diesem Dunstkreis stützten sich in den USA Herrnstein und Murray in ihrem Buch »Bell Curve« (1994). Sie behaupteten, Armut und Erwerbslosigkeit resultierten aus einer angeborenen niedrigen Intelligenz und Schwarze seien im Durchschnitt dümmer als Weiße. Sar­razin wiederum zitiert Herrnstein und Murray in seinem Buch, dazu Richard Lynn, der zu den Herausgebern von Mankind Quarterly gehört, und behauptete, die Helligkeit der Hautfarbe mancher Afroamerikaner korreliere positiv mit ihrem Intelligenzquotienten, wegen eines höheren Anteils von »kaukasischem Erbmaterial«, gemeint sind weiße Vorfahren.
Leider hat Sarrazins Verlag, die Deutsche Verlags-Anstalt, den Begriff der »Rasse«, den Sarrazin nach Angaben des Verlegers Thomas Rathnow im Manuskript verwendet hat, durch die harmlos klingende »Ethnie« ersetzt, was genügt, um schwerfällige Journalisten und Linke zu beruhigen. Dagegen hat Klaus von Dohnanyi, ehemaliger SPD-Bürgermeister von Hamburg und Bundesminister für Wissenschaft und Bildung, begriffen, worum es geht. Er, der Sarrazin verteidigte, als es um das angestrebte Parteiausschlussverfahren ging, verlangte, das Wort »Rasse« wieder unbefangen zu verwenden.
Rassenhygiene war um 1900 so populär wie derzeit die Kritik an der Atomkraft. Fast im gesamten politischen Spektrum gab es Anhänger, am wenigsten noch im organisierten Christentum. Die Übergänge zwischen Sozialreformern und Sozialisten, Lebensreformern, Vegetariern und Nudisten, Völkischen und Esoterikern waren fließend. Die erste Generation britischer Sozialdarwinisten hatte den Konkurrenzkapitalismus und seine Opfer als Folgen eines natürlichen Kampfes ums Dasein interpretiert und ein staatliches Eingreifen als »widernatürlich« abgelehnt. Das änderte sich in dem Maße, wie die Macht des britischen Empire schwand, die Konkurrenz zwischen mehreren kapitalistischen Zentren stärker wurde und dabei deutlich wurde, dass eine ausreichende massenhafte Reproduktion von Arbeitskräften und Kanonenfutter eines Wohlfahrtsstaates bedurfte.
In der öffentlichen Wahrnehmung markierte der Burenkrieg, der von 1899 bis 1902 dauerte, die Wende. Zu viele Angehörige der britischen Arbeiterklasse und der Mittelschicht waren nicht mehr »wehrfähig«. In Deutschland kamen die kaiserlichen Musterungen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Befürworter eines neuen rassenhygienisch-eugenischen Konsenses stammten aus der akademischen Mittelschicht. Ihre Protagonisten entwickelten die Eugenik zu einer rassistisch fundierten, technokratischen Ideologie gesellschaftlicher Steuerung und Verbesserung, verbunden mit etwas Kulturpessimismus und einer Kritik am Establishment, die im Namen der Leistungsfähigkeit geübt wurde: Die weißen »Culturvölker« degenerierten, weil Reiche in Luxus und Müßiggang lebten und Spekulanten ohne Arbeit Reichtümer zusammenrafften, während arbeitsame Proleten unter miserablen Arbeits- und Wohnverhältnissen litten und der medizinische Fortschritt verhinderte, dass das Lumpenproletariat ausgejätet werde.
Zur Popularisierung trug Friedrich Nietzsche entscheidend bei, der den Standpunkt des Herrenmenschen predigte. In seiner »Streitschrift« »Zur Genealogie der Moral« schrieb Nietzsche über »Alter und Ermüdung der Rasse« der Europäer, die er auf eine »Kreuzung von zu fremdar­tigen Rassen« zurückführte, worunter er ausdrücklich auch soziale Klassen verstand. »Stände drücken immer auch Abkunfts- und Rassendifferenzen aus.« In den nachgelassenen Fragmenten ließ er sich über den Verfall, die Dekadenz, aus, als deren Symptome er die »Entgeistigung und Verpöbelung des Geschmacks«, Alkohol, Ausschweifungen, Luxus, die Unfähigkeit zur Arbeit, den Anarchismus, liberale Institutionen und die »Weibs-Emancipation« ausmachte. Seine Diagnose lautete, dass »die Civilisation den physiologischen Niedergang einer Rasse nach sich zieht«. Die Bauern würden von den großen Städten »aufgefressen«, die Sinne überreizt, den Schwachen, Unproduktiven, Faulen und Degenierten, die bloß »noch entartetere Nachkommen haben werden«, würde geholfen. Schließlich gelangt der Philosoph zu handfesten eugenischen Forderungen: Die Zeugung von Kindern durch chronisch Kranke müsse verhindert werden. Wer sich nicht im Zaum halten könne, müsse Vermögens- und Gefängnisstrafen gewärtigen.
Germanenkult kann man Nietzsche nicht direkt vorhalten: Für die »Alkohol-Vergiftung Europas« machte er deutsche, britische und skandinavische Suffköpfe, das »Rassen-Übergewicht der Germanen«, verantwortlich. Solche Passagen kann anführen, wer meint, Nietzsche sei kein Vordenker des Faschismus. Der Topos vom Alkohol als Vergifter der Massen und Rassen war in den eugenischen und Lebensreformbewegungen Deutschlands, Großbritanniens und den USA zentral. Dass sich sowohl durchgeknallte Lebensreformer als auch bürgerliche Wissenschaftler, Frauenbewegte und rechte Sozialdemokraten um das Vaterland und die »Rasse« sorgten, kam in gemeinsamen Projekten zum Ausdruck.
In einem zweibändigen Werk über Kindererziehung, das Adele Schreiber, später SPD-Reichstagsabgeordnete, 1907 veröffentlichte, schrieben der prominente völkische Lebensreformer und Künstler Fidus und Wilhelm Schallmayer, ein weiterer Begründer der Rassenhygiene, die einleitenden Kapitel. Schallmayer entfaltete die komplette Argumentation, von der Annahme einer Degeneration und nationalen Bedrohung durch eine sinkende Zahl von Kindern bei den europäischen Mittelschichten bis hin zu einer »Pflicht gegen die Rasse«, nämlich viele »erbgesunde« Kinder in die Welt zu setzen, der sich die Sexualität unterzuordnen habe. Die Gartenstadtbewegung begründete in Deutschland Theodor Fritsch, der Großmeister des Antisemitismus, von dem Adolf Hitler später sagte, er habe viel von ihm gelernt. Ländliche Siedlungen wie die Obstbaugenossenschaft Eden und Gartenstädte sollten durch die Herstellung einer Schrebergartenidylle und das Ackern auf eigener Scholle den »Rassenverfall« aufhalten. Vorsitzender der Deutschen Gartenbaugesellschaft war Bernhard Kampfmeyer, sein Bruder Hans fungierte als Geschäftsführer. Beide waren Sozialdemokraten des revisionistischen Flügels. Dem erweiterten Vorstand gehörten der sozialdemokratische Rassenhygieniker Alfred Grotjahn sowie die bürgerlichen Kollegen Alfred ­Ploetz, Max von Gruber und August Forel an.
Diese zweite Generation der Sozialdarwinisten attackierte Aristokraten und Bourgeois als Gefahr für einen »gesunden Volkskörper«, sofern deren Reichtum und Position nicht auf Leistung und Effizienz, sondern auf ererbten Privilegien beruhte. Britische Fabier (sozialreformerische Intellektuelle) waren sich mit deutschen Rassenhygienikern darin einig, dass der Staat gezielt eingreifen sollte. Ploetz und Lenz wollten das Erbrecht so ändern, dass Seitenverwandte oder der Staat einen Teil erbten, wenn ein Paar weniger als drei Nachkommen zeugte.
Führende Figuren der Fabian Society wie Beatrice und Sidney Webb kritisierten die private Armenfürsorge als unzureichend und falsch, weil sie nach dem Gießkannen-Prinzip verführe, also auch den Schwachen zugutekäme, etwa »verantwortungslosen« Frauen, die unproduktive Kinder in die Welt setzten. In den Schriften der Webbs finden sich Begriffe wie »degenerierte Horden«, »Arbeitsscheue«, »Taugenichtse«, »Müßiggänger« und »Parasiten«. Deren Last könne ein künftiger sozialistischer Staat nicht tragen. Der Schriftsteller Herbert George Wells meinte, eine künftige Sozialaristokratie werde »nicht zimperlich« sein und die Schwachen töten. Sein Kollege George Bernhard Shaw, von Nietzsche fasziniert, übersetzte dessen »Übermenschen« mit »Superman« und fand, dass »die Mehrzahl der heutigen Menschen Europas keinen Grund zu leben« habe.
Auch John Maynard Keynes, Mitglied der Eugenics Education Society, sorgte sich um die Briten, fürchtete aber zunächst, in der Tradition von Malthus, eine Überbevölkerung Großbritanniens, die den erreichten Lebensstandard gefährden und die kapitalistische Ordnung unterminieren könne, während er Hungertote in den Kolonien billigend in Kauf nahm. Angesichts einer sinkenden Geburtenrate der weißen Briten änderte der liberale Ökonom um 1930 seine Sicht der Dinge. Nun fürchtete er, die Angelsachsen könnten in einem internationalen Kampf ums Dasein den fruchtbareren »farbigen Rassen« unterliegen. Seine ökonomische Theorie, mit der er angesichts der »Großen Depression« von 1929ff. beabsichtigte, die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus in den Griff zu bekommen und diesen zu retten, ist vermutlich ohne diese weiteren Motive nicht vollständig zu erfassen.
In der sozialdemokratischen Tradition waren die Fabier, die an der Gründung der Labour Party beteiligt waren, die ersten, die zum Wohl der Nation eine rassenhygienisch fundierte Sozialpolitik propagierten, wie Sören Niemann-Find­eisen (2004) in seiner Studie feststellt. Aber beileibe nicht die einzigen. Ploetz, der den Begriff »Rassenhygiene« erfand, flüchtete vor Bismarcks Sozialistengesetz in die Schweiz. Ludwig Woltmann, der verbissen nachzuweisen suchte, dass Menschen mit »Germanenblut« die italienische Renaissance geschaffen hätten, war zeitweise SPD-Mitglied und mit dem Oberrevisionisten Eduard Bernstein befreundet, der wiederum Kolonialpolitik bis hin zum Völkermord als das Recht einer höheren Zivilisation verteidigte.
In den Sozialistischen Monatsheften der SPD-Revisionisten wurde regelmäßig für Eugenik und Kolonialexpansion geworben. Der Chefideologe der SPD, Karl Kautsky, prognostizierte die Rassenhygiene im Sozialismus als »soziale Pflicht« des Proletariers, eine »Sozialeugenik« durch Kontrolle und Druck. So werde im Sozialismus ein »neues Geschlecht (…) erstehen, stark und schön und lebensfreudig, wie die Helden der griechischen Heroenzeit, wie die germanischen Recken der Völkerwanderung«, schrieb Kautsky (1910).
Nach dem Ersten Weltkrieg richtete die preußische Regierung aus SPD und Zentrum einen »Beirat für Rassenhygiene« ein. Die SPD-Landesregierungen in Thüringen und Sachsen brachten Initiativen zur Sterilisierung von Menschen ein. Den Gesetzentwurf des preußischen Landesgesundheitsrates zur Sterilisierung von Behinderten von 1932 konnten die Nazis mit wenigen Änderungen übernehmen. Kennzeichnend für sozialistische Eugeniker war, dass sie das Proletariat gegen bürgerliche Kollegen verteidigten, dafür aber auf jenen herumtrampelten, die nicht dem Ideal des fleißigen Arbeitsmanns entsprachen. Die österreichische Sozialdemokratin Oda Olberg (1926) rühmte die Masse des Proletariats als zäh und leistungsfähig, während sie meinte, dass das Lumpenproletariat »sich aus dem Abfall aller sozialen Schichten bildet«. Während Grotjahn, wie Ploetz vor 1933, Mord ablehnte, plädierte Olberg dafür, das Tötungsverbot in einer sozialistischen Gesellschaft aufzuheben, um den Kranken »Leid zu ersparen«, womit sie die NS-Propaganda vorwegnahm.
Ähnlich wie Olberg behauptete Alva Myrdal (1940), unterhalb der gesellschaftlichen Klassen existiere eine separate Schicht von »Fehlerbehafteten«, die sich aus allen sozialen Klassen zusammensetzt. »Die Fortpflanzung dieser Gruppe muss als unerwünscht erachtet werden, weil der Nachwuchs schwerwiegende erbbiologische Risiken für Gesundheit und Intelligenz aufweist«, behauptete sie und forderte eine systematische Erfassung und Sterilisierung dieser Menschen, notfalls unter Zwang.
Grotjahn behauptete 1926, ein Drittel der Deutschen habe bereits minderwertige Anlagen, wegen der sinkenden Geburtenziffer bestünde die Gefahr der »Überflügelung durch unkultiviertere Nachbarvölker«. Er wollte »Minderwertige« sterilisieren und einsperren, statt ihnen eine »kostspielige, vorbeugende Heilbehandlung« zu geben, und prognostizierte der Nation, die als erste Krankenhäuser und Anstalten »in den Dienst der Ausjätung der körperlich und geistig Minderwertigen« stelle, einen Vorsprung vor der Konkurrenz.
Rosa Luxemburg äußerte sich in ihren vielen Schriften gegen die Revisionisten nicht zu deren Affinität zur Rassenhygiene. Als die SPD 1913 über einen »Gebärstreik«, den Gebrauch von Verhütungsmitteln, stritt, lehnten Luxemburg und Clara Zetkin diese ab, weil es sonst an »Soldaten für die Revolution« mangeln könnte.
Die anarchosyndikalistische spanische Gewerkschaft CNT sprach sich in ihrem Programm von 1936 für den Schutz von Kindern aus, die »durch die Anwendung biologisch-eugenischer Prinzipien vor menschlichen Verirrungen bewahrt bleiben. Ebenso wird eine Sexualerziehung in der Schule auf eine Auswahl der Spezies Mensch hinwirken, die in Übereinstimmung mit den Zielen der Eugenik erfolgt, so dass sich die menschlichen Paare bewusst fortpflanzen und daran denken, gesunde und schöne Kinder zu zeugen«.
Zu den großen Ausnahmen in der Linken zählt Peter Kropotkin, der gegen Sozialdarwinismus und Eugenik zu Feld zog. Der Anarchist gab Darwin bei aller Bewunderung eine Mitschuld. In dessen Schriften tauche »das alte Malthusianische Gift wieder auf – nämlich in Darwins Bemerkung über den angeblichen Nachteil der Erhaltung der ›geistig und körperlich Schwachen‹ in unserer zivilisierten Gesellschaft«. Der niederländische Rätekommunist Anton Pannekoek kritisierte die Begeisterung für Darwins Evolu­tionslehre, die in der Arbeiterbewegung benutzt wurde, um den Irrglauben zu stützen, der Sozialismus werde sich quasi automatisch als historische Notwendigkeit einstellen. Der Darwinismus sei eine Waffe der Bourgeoisie gegen den Sozialismus, warnte Pannekoek all jene, die versuchten, Darwins Ideen auf links zu trimmen. Solche Interpretationen hätten »dieselbe faule Wurzel« wie jene der »Bourgeois-Darwinisten«, die längst überwundene Grundidee, es gäbe so etwas wie eine »bestimmte natürliche oder naturgemäße Gesellschaftsordnung«.
Hatte Darwin noch angenommen, dass sich »zivilisierte Rassen« stärker fortpflanzten als die »Wilden«, stellten die Rassenhygieniker bald fest, dass in allen kapitalistischen Industriestaaten Europas und Nordamerikas eine sinkende Geburtenrate auftrat.
Als zweite Komponente bekam die quantitative Eugenik bzw. Bevölkerungspolitik darum mehr Gewicht. Ploetz propagierte eine pangermanische Union des Empire, Deutschlands und der USA gegen »minderwertige Rassen« und eine »gelbe Gefahr«. Manche Lebensreformer wollten sogar die monogame Ehe aufheben. In Willibald Hentschels ländlichen Mittgart-Siedlungen sollten 100 blonde Jünglinge mit 1 000 blonden Frauen möglichst viele reinrassige Arier zeugen. Richard Ungewitter, Mitbegründer der FKK-Bewegung, kritisierte, dass Männer, die studieren und erst im Beruf erfolgreich sein müssen, zu spät heirateten. Ihren Kindern fehle die »vereinte Vollkraft« der Eltern, die »im jugendlichen Feuer gezeugt worden wären«, stattdessen würden »lebensuntüchtigere Nachkommen in die Welt gesetzt«.
Das Verhältnis der Rassenhygieniker zur Frauenbewegung war darum ambivalent. Sofern diese für einen besseren Schutz von Mutter und Kind stritt, verbunden mit eugenischen Krite­rien, unterstützten sie die Aktivitäten der Frauen. Der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), der Verband der dominanten bürgerlichen Frauenbewegung, votierte 1909 für die Legalisierung der eugenischen indizierten Abtreibung, generell wurde jedoch am Paragraph 218 festgehalten, was die in der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene organisierten Wissenschaftler erfreute. Die Forderung nach höherer Bildung und weiblicher Erwerbsarbeit lehnten sie dagegen ab, weil sie meinten, beides würde einen Geburtenrückgang fördern. Der Sozialdemokrat Grotjahn wollte nur für einige wenige Frauen eine Ausnahme machen. Mindestens drei Kinder habe jede gesunde Frau in die Welt zu setzen. Andernfalls drohe Deutschland als »höherem Kulturvolk« wie den antiken Griechen und Römern der Untergang.
Schon der Titel von Sarrazins Buch, »Deutschland schafft sich ab«, verweist auf das gleiche Szenario vom Aussterben der Deutschen. In der Einleitung wird prophezeit, dass es in 300 Jahren nur noch drei Millionen Deutsche gäbe. Sarrazin operiert aber nicht mit einer politischen Kategorie, die Deutschsein als Frage der Staatsbürgerschaft definiert wie in westlichen Demokratien üblich, sondern blutsgebunden-rassisch. Seiner Diagnose zufolge schrumpft »die Gesellschaft« – Sarrazin meint den Anteil »reinrassiger« Deutscher –, sie würde älter und weniger leistungsfähig, weil »überdurchschnittlich viele Kinder in sogenannten bildungsfernen Schichten mit häufig unterdurchschnittlicher Intelligenz« geboren würden.
Auch das zweite Axiom der Rassenhygiene, die Wahnvorstellung einer biologischen Degeneration des »höherwertigen Kulturvolkes«, findet sich schon in der Einleitung. Sarrazin behauptet, »dass wir als Volk an durchschnittlicher Intelligenz verlieren, wenn die intelligenteren Frauen weniger oder gar keine Kinder zu Welt bringen«. Sein Ausgangspunkt ist wie bei Galton eine so genannte differentielle Geburten­rate, die Annahme, dass erbbiologisch »wertvollere« Menschen der Ober- und Mittelschicht sich zu wenig fortpflanzen, im Gegensatz zu einer als »minderwertig« abgestempelten Unterschicht. Verantwortlich macht er dafür Sozialisation, Bildung sowie ein »Sozialsystem mit Anreizen, auch ein nicht selbstbestimmtes Leben zu führen«. Erst an vierter Stelle erwähnt Sarrazin jenen Punkt, der die öffentliche Debatte dominiert, die Einwanderer und ihre »Qualität«, die er im folgenden als ebenso minderwertig abqualifiziert wie die »autochthone« Unterschicht.
Ähnlich hatte der Bremer Professor Gunnar Heinsohn 2007 behauptet, es würden überwiegend »Schulversager« nach Deutschland einwandern, darum schneide die Bundesrepublik bei den sogenannten Pisa-Tests so schlecht ab. Die Länder, aus denen die Migranten kämen, hätten »hausgemachte Bevölkerungsanteile mit unterdurchschnittlichem Intelligenzquotienten«. Das deutsche Sozialsystem böte »finanzielle Gebäranreize« für Migranten und heimische Versager, so dass das Land »unter einem massiven Zuwachs an Unqualifizierten« leide. Heinsohn, der nicht bloß in der extrem rechten Zeitung Junge Freiheit, sondern auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publiziert, propagierte, Sozialhilfeempfängern nach fünf Jahren die Bezüge zu streichen.
Von Hunde- und Pferdezüchtern könne man lernen, »dass es große Unterschiede im Temperament und im Begabungsprofil der Tiere gibt und dass diese Unterschiede erblich sind«, meint Sarrazin und glaubt offenbar, dass solche Erkenntnisse auf Menschen übertragbar seien. Er zitiert Darwin über die Vermehrung der Schwachen, dessen Cousin Galton, Mendel und Gunnar Myrdal. Selbst ein gewisser William Rathbone Greg kommt zu Ehren, der längst vergessen wäre, hätte Darwin ihn nicht in seinem zweiten Hauptwerk, das von der Abstammung des Menschen (1871) handelt, mit den Worten zitiert, »der sorglose, schmutzige, nicht höher hinaus wollende Irländer vermehrt sich wie ein Kaninchen«, während der ehrgeizige, fleißige, disziplinierte Schotte, »streng in seiner Moralität«, die besten Jahre seines Lebens im Zölibat verbringe und darum nur wenige Nachkommen hinterlasse.
Sich auf solche Experten berufend, kommt Sarrazin zu dem Ergebnis: »Der Umstand, dass bei unterschiedlicher Fruchtbarkeit von Bevöl­kerungsgruppen unterschiedlicher Intelligenz eugenische oder dysgenische Effekte auftreten können, wird daher nicht mehr grundsätzlich bestritten.« Schichtabhängiges, unterschiedliches generatives Verhalten bedeute, »dass sich das vererbte intellektuelle Potential der Bevölkerung kontinuierlich ausdünnt«. Zur Abhilfe sollten sich vorzugsweise intelligente Frauen mit intelligenten Männern paaren.
Wie seine Vorläufer glaubt Sarrazin, dass bei den Katholiken der Zölibat eine Vermehrung der Intelligenten verhindert habe. Zu dem Aspekt, der öffentlich unter dem Stichwort »Juden-Gen« verhandelt wurde, gibt Sarrazin an, bereits die frühe Intelligenzforschung habe bei europäischen Juden einen um 15 Prozent höheren Intelligenzquotienten festgestellt als bei anderen Europäern. Er erinnert daran, dass »die Begründer der beiden einflussreichsten modernen Heilslehren«, Marx und Freud, »jüdischer Herkunft« waren. Götz Aly hat in einer Kritik Sarrazins übersehen, dass die Rede vom »Juden-Gen« allenfalls vordergründig philosemitisch ist. Schon Ploetz (1895) und Fritz Lenz (1931) galten die Juden West- und Mitteleuropas – im Unterschied zu den verhassten »Ostjuden« – neben den germanischen »Ariern« als führende »Culturrasse«. Ploetz behauptete, diese West-Juden wären zu 95 Prozent »arischer« und bloß zu fünf Prozent »semitischer« Herkunft.
Vorurteile gegen Migranten stehen in Sarrazins Buch im rassenhygienisch-bevölkerungspolitischen Kontext einer angeblich drohenden islamischen »Überfremdung«: »Demografisch stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten eine Bedrohung für das kulturelle und zivilisatorische Gleichgewicht im alternden Europa dar.« »Das abendländische Europa würde alternd und schrumpfend, wie es ist, in seiner kulturellen Substanz auch gar nicht überleben.« Sarrazin beruft sich auf Irenäus Eibl-Eibesfeldt, einen Schüler von Konrad Lorenz und eine gern zitierte Autorität in bürgerlichen wie faschistischen Kreisen, der das, was Nazis gerne als »Ausländerstopp« propagieren, mit angeblich »unaufhebbaren menschlichen Instinkten« wie dem Territorialtrieb, der Gruppenzugehörigkeit sowie einer angeblich begrenzten »Tragekapazität« eines Landes begründet. Ähnlich argumentieren »Tiefenökologen« wie Arne Naess und Tierrechtler vom Stamme Earth First. Sarrazin will die »Eigenart der Völker« bewahren, ein Anliegen, das Faschisten und pseudolinke Globalisierungskritiker mit ihm teilen.
Die Phrasen, die Einwanderer vor allem als fremde, intolerante, fundamentalistische Fanatiker erscheinen lassen, Phrasen, wie sie Oriana Fallaci, Alice Schwarzer, Ralph Giordano, Pax Europa, Politically Incorrect und linke Ignoranten so ähnlich auch von sich geben, sind Nuancen eines als Islamkritik verbrämten Rassismus, während eine emanzipatorische Linke sich der Religionskritik und dem Kampf gegen den Islamismus und die reaktionäre Orthodoxie widmen müsste. Als Folie dient Sarrazin ein angeblich geläutertes, aufgeklärtes Abendland, dessen fundamentalistische Phase vor 300 Jahren beendet gewesen sein soll. Man muss ziemlich, sagen wir: bildungsfern sein, um solchen Stuss zu schreiben. Die klassische Epoche der Aufklärung in Europa hat um 1710 noch nicht einmal begonnen und etliche koloniale Verbrechen aufgeklärter Abendländer sowie der historisch einzigartige Massenmord der Shoah lagen da noch in ferner Zukunft.
Um Aufklärung geht es aber nicht, sondern darum, rassistische Vorurteile durch das Ausmalen von Horrorszenarien zu schüren. Die »autochthonen Deutschen«, heißt es, würden »innerhalb kurzer Zeit zu einer Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land mit einer gemischten, vorwiegend türkischen, arabischen und afrikanischen Bevölkerung«. Als Ausweg schlägt Sarrazin Maßnahmen vor, die als positive Eugenik anzusehen sind, als quantitative und qualitative Rassenhygiene, wie sie bereits Galton propagiert hatte: Es gelte, die Geburtenrate zu steigern, vor allem »die Anteile der Mittel- und Oberschicht an den Geburten deutlich zu erhöhen«.
Die Vorbilder, auf die Sarrazin sich bezieht, passen zu seinem Konzept, das eine höhere Fruchtbarkeit der Ober- und Mittelschicht propagiert (Galton), aber – im Gegensatz zur deutschen Rassenhygiene von Ploetz bis Grotjahn – höhere Bildung und Berufstätigkeit von Frauen akzeptiert (Myrdal). Sarrazin fordert, dass der Staat eine ganztägige Betreuung für Kinder organisiert, aber auch, die akademische Ausbildung zu verkürzen, damit (intelligentere) Frauen früher Kinder kriegen. Für jedes Kind, das von der Mutter vor deren 30. Lebensjahr geboren wird, solle der Staat eine Gebärprämie von 50 000 Euro bezahlen.
Entscheidend am Werk Sarrazins ist zum einen die rassenhygienische Grundierung, zum anderen, dass damit größere Gruppen der Bevölkerung ins Visier genommen werden, wobei die Konsequenzen, wenn die zugrundeliegende Logik zu Ende geführt wird, mörderisch sein können. Der Bioethik-Diskurs, den der australische Tierrechtler Peter Singer begonnen hatte, als er forderte, behinderte Neugeborene zu ermorden, weil man für das gleiche Geld zwei »gesunde« Kinder aufziehen könne, zielt bereits auf Behinderte, Kranke und Alte. Investition in menschliches Kapital bringe keinen Gewinn, wenn es sich um Alte handelt, stellte Alva Myrdal bereits 1940 fest.
Nun richtet sich der Diskurs gegen eine »autoch­thone« und migrantische Unterschicht, deren Arbeitskraft nicht jenen Profit verspricht, den – angesichts der Entwicklung von Produktion, Kommunikation und Transport – billigere Arbeitskraft in anderen Teilen der Welt bietet. Wie in den Anfängen des europäischen Rassismus und Kapitalismus entsteht das Bild von »gefährlichen Klassen«. Ihnen werden allerlei angeblich biologisch determinierte negative Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben. »Biologisch« bedeutet unveränderlich, um solcher »minderwertigen« Menschen willen in Bildung oder Gesundheit zu investieren, wäre sinnlos. Aus der Perspektive des Kapitals ist es falsch, »unnütze« Menschen auf Kosten der Akkumulation von Mehrwert zu alimentieren. Darum die Attacken von Politikern und Professoren gegen eine »spätrömische Dekadenz« der Plebejer in den Metropolen. In diesen Kontext ist Sarrazin einzuordnen. Wer dagegen an einer humanen Perspektive und einem Recht auf eine gehobene Existenz für alle festhält, muss eine andere Logik entwickeln.