Im Zeichen von King Death
I. Piraten!
Seit Johnny Depp als lallender Pirat Jack Sparrow über die Leinwände wankt, also seit 2003, ist das Abzeichen der Buch- und Filmpiraten praktisch allgegenwärtig geworden. Ob auf Kinderspielzeug, auf Bettwäsche, auf Mützen oder auf allerlei Accessoires: Es gibt praktisch keinen Gegenstand, den man nicht auch mit dem »Jolly Roger« (einem Totenkopf mit gekreuzten Knochen auf schwarzem Grund) erwerben kann.
In unzähligen Abenteuergeschichten und Piratenfilmen turnten unter diesem Zeichen Helden durch Lesestuben und Kinos. Wie Burt Lancaster, Errol Flynn etc. sollen die historischen Piraten durch das 17. und 18. Jahrhundert getobt sein: wagemutig, gewitzt und meist ehrenhaft, wenn auch manchmal auf den eigenen Vorteil bedacht. Letztgenanntes stimmt zweifellos. Unter dem Totenkopf, dem Banner von König Tod, segelten die Piraten entlang der Küsten und Schifffahrtsrouten auf der Suche nach Reichtum. Mit schnellen Schiffen fielen sie über ihre Opfer her und machten keine großen Unterschiede, wenn es ums Töten ging: Das war es, was der Totenkopf auf ihren Fahnen aussagen sollte, und anders als es spätere Erzählungen und Filme behaupten, haben sich die Piraten ihren Ruf hart erarbeitet. Der Jolly Roger war eine Todesdrohung, und er hat tatsächlich viele Opfer der Piraten dazu bewogen, sich ohne Kampf zu ergeben. Genützt hat es ihnen nicht immer. Manche Piraten führten den Schädel auch auf der Bugflagge, dort, wo andere Schiffe ihre Nationalflaggen hissten. Der Schädel war damit praktisch ihr Hoheitszeichen und die schwarze Flagge so etwas wie die Negation aller nationalen und dynastischen Farben: ein Ausdruck dessen, dass die Piraten »der ganzen Welt den Krieg erklärt« hatten.
Als die Zeit von Blackbeard, Calico Jack etc. schon lange verstrichen und auch Errol Flynn schon reichlich altmodisch geworden war, entdeckten allerlei linke Gruppierungen das Symbol für sich. Die Piraten, so heißt es, seien Rebellen gegen frühkapitalistische Ausbeutung, gegen Sklaverei und Kolonialismus gewesen. Ihre Angriffe auf die Gold-, Sklaven- und Gewürzschiffe des 18. Jahrhunderts wurden umgedeutet in Angriffe auf ein Handelssystem, von dem sie doch lediglich die Profite abschöpften. Das Recht des Stärkeren, das auf Piratenschiffen und in sogenannten Freihäfen galt, erschien plötzlich als eine besonders unmittelbare Form direkter Demokratie. Niemandem Rechenschaft schuldig als sich selbst, hätten die Piraten in einer Welt der Solidarität und der Brüderlichkeit gelebt, in der sie Gefahren ebenso teilten wie die Beute. All dies unter dem Banner des Totenkopfs.
Doch das gleiche Symbol war auch das Abzeichen einer Organisation, die für alles andere steht als für Antikapitalismus, Brüderlichkeit und direkte Demokratie. Seit 1925 trugen die Soldaten der SS, Exekutive des Holocaust und Inbegriff nationalsozialistischen Rassenwahns, das Zeichen an ihren Mützen.
Eine lose Gruppe von sozialen Dropouts und die straff organisierte Elitetruppe des »Dritten Reichs« haben nichts gemeinsam. Und auch formal gibt es einige Unterschiede. Die Piraten trugen das Symbol ausschließlich auf ihren Fahnen, die SS-Männer an der Mütze. Die Totenköpfe der Piraten standen manchmal im Profil, manchmal starrten sie frontal von den Fahnen, und sie befanden sich manchmal über den Knochen, manchmal davor. Die Knochen selbst waren mal kurz, mal lang. Das Abzeichen der SS bestand aus einem Schädel mit relativ hoch gewölbter Stirn, der über kurzen Knochen schräg am Betrachter vorbeistarrt. Dennoch findet sich beim Emblem der Piraten und bei dem der SS die gleiche eigentümliche Kombinationvon Objekten und Farben – einen weißen oder weißsilbernen Totenschädel mit gekreuzten Knochen auf schwarzem Grund. Wie kann es sein, dass sich zwei derart unterschiedliche Gruppen des gleichen Zeichens bedienten?
II. Eine schmucke Truppe für den König
Wer sich den Schädel mit gekreuzten Knochen zuerst an die Mütze steckte, ist unbekannt. Auf dem Balkan, in Ungarn und in Polen sollen militärische Einheiten das Zeichen seit dem 17. Jahrhundert verwendet haben, ohne dass es möglich wäre, diese Einheiten genau zu identifizieren. Tatsächlich belegt ist das Emblem zuerst in Preußen im 18. Jahrhundert, als es an den Flügelmützen einer Einheit der preußischen Husaren erschien. Im Jahr 1741 ließ Friedrich II., »der alte Fritz«, seine leichte Kavallerie neu aufstellen. Jedes der neuen fünf Husarenregimenter erhielt eine eigene Uniform, die des fünften war schwarz. Auf die kegelförmigen Mützen ließ Friedrich handtellergroße weiße Totenköpfe über gekreuzten Knochen sticken.
Darüber, wie dieses Zeichen dorthin kam, gibt es im Wesentlichen vier Geschichten. Einer dieser Geschichten zufolge soll der Saal, in dem Friedrichs Vater, Friedrich Wilhelm I. (der »Soldatenkönig«), nach seinem Tod am 31. Mai 1740 aufgebahrt lag, mit schwarzem Tuch geschmückt gewesen sein, auf das mit Silberfaden Totenköpfe und gekreuzte Knochen gestickt waren. In Gedenken an seinen Vater habe der »alte Fritz« die Mützen seines fünften Husarenregiments aus diesem Begräbnisstoff schneidern lassen. Schenkt man einer anderen Erzählung Glauben, hatten die Gäste bei Friedrich Wilhelms Leichenschmaus von schwarzen Tellern gespeist, die mit Schädeln und Knochen in Silber verziert waren. Der erste Kommandeur des fünften Regiments, Major von Mackenrodt, soll dem Vater seines Königs so treu ergeben gewesen sein, dass er um die Erlaubnis nachsuchte, die Uniformen seiner Untergebenen mit diesem Zeichen verzieren zu lassen. Nach einer dritten Variante sollen preußische Truppen kurz vor der Einkleidung der Husaren ein schlesisches Kloster geplündert haben, dessen Mönche auf die Herstellung von Bahrtüchern spezialisiert waren. Man habe den Stoff also gewissermaßen zufällig zur Hand gehabt und statt Bahrtüchern dann eben Uniformen daraus geschneidert. Und viertens schließlich soll Friedrich einen Berliner Hutmacher damit beauftragt haben, den Husaren Kopfbedeckungen nach dem Vorbild einer erbeuteten österreichischen Militärmütze zu schneidern. Als der Hutmacher die Beutemütze aufwickelte, habe er einen verborgenen, aufgemalten Totenkopf entdeckt. Er habe dies Friedrich mitgeteilt, der entschied, das Emblem zu übernehmen. Im Unterschied zu den heimlichtuerischen Österreichern sollten die preußischen Husaren das Symbol jedoch offen tragen.
Die schwarze Uniform und ihre Verzierung erwiesen sich als außerordentlich öffentlichkeitswirksam. Als 1741 die neu uniformierten preußischen »Totenkopfhusaren« in Breslau einrückten, verfasste ein unbekannter Einwohner der Stadt ein Lobgedicht, das die militärische Effektivität der Husaren beschwor. Das Gedicht fasst die Elemente zusammen, die der Totenkopf fortan im preußischen Militär symbolisierte:
»Er (d.h. der preußische König) zeichnet an Stirnen, wie ehemals, den Mann,
Dem Feinde zum Schrecken, den Todtenkopf an,
Dem Feinde im Sturme die Stirne zu drehn,
Dem Tode das Blaue im Auge zu sehn,
Die Erde mit feindlichem Blute zu färben,
Zum Fall oder Leben, zum Sieg oder Sterben,
Euch selbsten zur Ehre, zur Krone, zum Putz,
Dem Lande zum Besten, dem König zu Nutz;
Ihr traget die Farbe der heiligen Leute,
Drum wird euch vom Tode die reichste Beute:
Es bebet die Hölle, die Teufel erzittern.
Zwar ist euch Schwarzen die Sonne beschwerlich,
Doch seid ihr dabei auch dem Feinde gefährlich!«
Das Zeichen war in erster Linie eine Todesdrohung, erst danach beschwor es die eigene Todesverachtung angesichts eines (interessanterweise blauäugigen) Todes. Wie die Piraten auch verstanden sich die preußischen Husaren als Agenten des Todes, der ihnen reiche Beute versprach. Gnade oder Zögern galten als Schande, wie es Archenholz’ Geschichtskalender knapp 50 Jahre später (1789) ausdrückte:
»Ein schwarzer Husar galt bald, anfänglich schon der Farbe wegen, für einen halben Teufel, und des Todtenkopfes halber, den er vor der Stirn an der Mütze führte, für einen Kerl, der ohne Gnade alles zu Kraut und Rüben hackt. Aber außer diesem wurde auch eine andere Idee zugleich mit erfüllt. Der Kerl mit dem Todtenkopf, für den die Leute liefen, glaubte nemlich bald selber, ein halber Teufel zu seyn; es entstand ein esprit de corps, um dem Todtenkopf keine Schande zu machen, und wenn der Husar mit dem Säbelgefäß vorn vor die Mütze stieß und mit ›Vassa Masenga‹ (ein litthauischer Fluch) dem Pferde die Sporen gab, so war wirklich mit ihm nicht zu spaßen und Gott mochte dem gnädig seyn, der ihm dann vor die Klinge fiel.«
III. Knochensteckkunst
Jahrhundertelang war die westliche Bildsprache ohne ein Symbol für den Tod ausgekommen. Die Schlange musste als Zeichen für alles Böse herhalten: für die Sünde ebenso wie für die Hölle und den Tod. Der Totenkopf (ohne Knochen) dagegen diente als Symbol der Vergänglichkeit. Der Legende nach liegt Adam im Hügel von Golgatha begraben, dem Hügel, auf dem ein paar Jahrtausende später Jesus gekreuzigt wurde. Auf manchen bildlichen Darstellungen der Kreuzigung oder der Kreuzabnahme liegt deshalb ein Totenkopf am Fuß des Kreuzes: der Schädel des ersten Menschen, der, weil er die Frucht vom Baum der Erkenntnis aß, seine Unsterblichkeit verlor. Bei Kreuzigungen waren die Kreuze vermutlich mit Keilen im Boden verankert, und diese Keile finden sich auch in den detailgetreueren Darstellungen von Christi Kreuzigung. Allmählich verselbständigten sich die Keile und erschienen auf Bildern als gekreuzte Holzscheite am Schädel Adams. Geradezu unabsichtlich nahmen sie das spätere Symbol des Schädels mit gekreuzten Knochen vorweg.
Auf ähnliche Weise unbeabsichtigt erscheint der Totenkopf mit gekreuzten Knochen auf bildlichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts. Am letzten aller Tage werden sich nach christlicher Vorstellung die Gräber öffnen und die Toten erheben, um von Gott gerichtet zu werden. Auf Bildern von dieser Szene wimmelt es neben den offenen Gräbern deshalb nur so von Knochen und Schädeln, und manche davon finden sich wie von selbst zu dem Emblem zusammen. Doch ein Symbol für das Jüngste Gericht ist der Totenkopf mit gekreuzten Knochen ebenso wenig gewesen wie für die Sterblichkeit der Menschen, und noch für Jahrhunderte erschien das Symbol eher zufällig in der europäischen Bildsprache.
Zu Zeiten der Pest wurde dann versucht, den Tod selbst bildlich darzustellen und ihn eindeutig von den Symbolen für das Böse oder die Vergänglichkeit abzugrenzen. Die große Epidemie 1347–51 raffte wohl ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin – schätzungsweise 25 Millionen Menschen. Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts brach die Pest fast jedes Jahr irgendwo in Europa aus; noch bis 1720 waren größere Pestepidemien nichts Ungewöhnliches. Städte verloren ein Drittel, die Hälfte oder zwei Drittel ihrer Bevölkerung, manche Siedlungen wurden ganz ausgelöscht. Die Krankheit verlief rasch, die Menschen starben buchstäblich auf dem Weg zur Quarantänestation, und während der Höhepunkte der Epidemien starben so viele, dass man mit dem Beseitigen der Leichen nicht nachkam. In den Häusern und auf den Straßen verwesten die Leichen und in den offenen Gräbern lagen verwesende Körper zu Hunderten. Der Tod kam plötzlich, unerwartet und in bis dahin unbekanntem Ausmaß.
Die Allgegenwart des Todes erforderte ein eigenständiges Symbol, das ihr angemessener war als der Schädel Adams, und fand es in den Totentänzen. In großen Bilderzyklen stakste hier der Tod als Skelett (d.h. in abstrahierter Menschengestalt) durch die Lande, oft mit einer Sense im Arm, und tanzte seinen Tanz mit den Lebenden. Die Totentänze knüpften an ältere Vorstellungen an, nach denen jeder Gestorbene ein Jahr lang umgehen muss, um diejenigen zu holen, die ihm nachfolgen sollen. Hier war der Tod ein Individuum und persönlich bekannt, und auch der Sensenmann der Totentänze war ein Individuum, wenn auch ein abstrahiertes. Auch hier kam der Tod persönlich, um die Lebenden einzeln zu holen. Die Totentänze waren Tänze der Toten, nicht des Todes. Den Schnitter konnte man, wenn man schlau genug war, noch übers Ohr hauen, mit ihm konnte man um das Leben würfeln oder Schach spielen und sich so etwas Aufschub erschleichen.
Doch schon bald war auch der Sensenmann dem für die Zeitgenossen unerklärlichen und massenhaften Sterben der Pestepidemien nicht mehr angemessen. Der Tod der Pest kündigte sich nicht mehr an wie früher und er kam nicht mehr zu jedem einzelnen; er war schnell und lautlos, er mähte viele auf einmal nieder und gewährte keinen Aufschub. Der Tod schien radikaler als zuvor, und die Art, wie die Menschen mit dem Tod umgingen, änderte sich.
In Gemeinschaften ab einer bestimmten Größe starben immer schon mehr Menschen als auf den Friedhöfen Platz hatten, erst recht während der Pestepidemien. Die Gräber mussten also periodisch abgeräumt werden, um Platz für die Nachgestorbenen zu machen. Die exhumierten Überreste wurden vom Fleisch befreit, wenn noch etwas vorhanden war, und die Knochen in Beinhäuser oder Ossarien gebracht. (Und Tote, auf die niemand Wert legte, wurden gar nicht erst bestattet. Die Leichen von Vagabunden und unbekannten Seuchenopfern und die Überreste derjenigen, die ihr Leben auf den Schlachtfeldern gelassen hatten, wurden entbeint und gleich ins Beinhaus gebracht.) Dort wurden die blanken, fleischlosen Knochen aufgehäuft und gestapelt. Der Friedhof ist der Ort der individuellen Trauer, der Todesfeiern und des persönlichen Todes, das Beinhaus dagegen der Ort des unpersönlichen, grausigen und unausweichlichen Endes allen Daseins. Es ist der Ort, der nach dem Grab kommt, wohin man gelangt, wenn alles Individuelle verfault und nur das blanke Gerüst noch übrig ist, in Einzelteilen und ohne jeden persönlichen Rest – das ultimative Ende. Danach kommt nur noch der Staub.
In manchen Beinhäusern wurden die menschlichen Überreste zu kunstvollen Gebilden zusammengesteckt. Schulterblätter und Beckenknochen bildeten morbide Blüten, Schädel wurden an den Wänden gestapelt zu geradezu barocken Knochenmosaiken. Gerne wurden auch die beiden eindrucksvollsten Knochen des menschlichen Skeletts miteinander kombiniert: Schädel und Oberschenkelknochen. Wegen der Symmetrie ergab sich die Position des Schädels über den gekreuzten Knochen praktisch von selbst. Nichts lässt den Betrachter mehr erschaudern als ein grinsender Totenschädel, umso mehr, wenn er von gekreuzten Knochen begleitet wird: Sie kündigen – wie alle gekreuzten Gegenstände in Handwerkerzeichen, in Bildern, auf Fahnen etc. – eine Handlung oder eine Aktivität an. Der Totenkopf über gekreuzten Knochen ist der Tod selbst, kein Agent des Todes, wie es der Sensenmann der Totentänze war. Er trägt keinerlei individuelle Züge mehr, er ist der völlig abstrakte Akteur des Endes.
Die Kombination von Schädel und Oberschenkelknochen erwies sich als sehr wirkungsvoll, und an vielen Beinhäusern begrüßte sie die Besucher schon über der Tür. Mancherorts zierte das Symbol die Kisten, in denen die exhumierten Überreste vom Friedhof zum Beinhaus gebracht wurden. Allmählich, vermutlich seit dem 16. Jahrhundert, fand sich das Symbol auch auf Grabsteinen, wo es die Lebenden an ihr Ende gemahnte. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war es als Verzierung von Grabsteinen ähnlich beliebt wie heute Kreuze und florale Muster. Im 18. Jahrhundert verzierte es häufig Todesanzeigen, Begräbniseinladungen, Bahrtücher und Trauergeschirr. Aus der Begräbniskultur des Barock fand das Symbol den Weg auf die Fahnen der Piraten ebenso wie auf die Mützen der (nicht nur preußischen) Soldaten. Und während die klassischen Piraten gerade mal 30 Jahre lang, rund um das Jahr 1700, unter ihren Jolly Rogers segelten, blieb das Abzeichen für die nächsten 300 Jahre ein Bestandteil der militärischen Tradition.
IV. So heimisch und wohl
Insbesondere im 18. Jahrhundert war das Symbol bei Soldaten auch außerhalb von Preußen sehr populär. Britische Husaren trugen es ab 1758 auf rotem Stoff, schwedische Husaren an braunen Fellmützen, wohl auch russische Kosaken, finnische Kavallerie und eine Einheit (vorwiegend aus Preußen bestehender) New Yorker Infanterie noch im amerikanischen Bürgerkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts. In Deutschland nahm die Anzahl der militärischen Einheiten, die den Totenschädel trugen, Anfang des 19. Jahrhunderts noch zu. Kurz nachdem Napoleon 1806 das (Erste) Deutsche Reich zerschlagen hatte, kämpften mehrere aus »Trauer um Deutschland« schwarzgewandete Einheiten unter dem Zeichen des Todes gegen Napoleon »für Deutschlands Freiheit«. So gestattete der preußische König Friedrich Wilhelm III. dem Major Ferdinand von Schill im Januar 1807, aus eigenen Mitteln ein »Freikorps« (Freiwilligeneinheit) für den Kampf gegen Napoleon aufzustellen. Schill gelang es nicht, sein Korps einheitlich zu uniformieren. Die meisten Mitglieder trugen, was sie bekommen konnten, und waren äußerlich von Bauern oft kaum zu unterscheiden. Grundfarbe der Uniform sollte schwarz sein, und viele der Korpsmitglieder hefteten sich Totenköpfe an die Uniform:
»Seine Offiziere gehen in abenteuerlichsten Trachten umher. Man sieht da Baschkiren und Samojeden. Der eine hat Samojedo mit türkischen Frauenzimmerhosen an, ein indisches buntes Tuch lose um den Hals und eine Tartarenmütze mit Totenkopf auf dem Haupte. Ein anderer, einer der nüchternsten, trug ein Mantel mit einem Kragen bis unter die Ellenbogen, der mit blechernen Totenköpfen ringsum verbrämt war.«
(Schreiben des Kommandanten von Kolberg, Major von Gneisenau, an Oberst von Kleist)
Der preußische König äußerte sein Wohlgefallen an dem Freikorps, das »aus eigener Bewegung und ächtem Patriotismus (…) dem Feinde nach Möglichkeit Abbruch zu thun« trachtete. Schills Kleinkrieg gegen die napoleonischen Truppen war jedoch wenig erfolgreich, und seine Versuche, eine allgemeine Erhebung gegen Napoleon auszulösen, scheiterten. Er fiel 1809 in Stralsund, sein Freikorps wurde aufgelöst.
1808 hatte Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel, dessen Herzogtum von Napoleon kassiert worden war, begonnen, ebenfalls ein antinapoleonisches Freikorps aufzustellen. Er verpfändete zu diesem Zweck zwei seiner Güter und verfügte deshalb über die Mittel, sein Korps einheitlich zu uniformieren. Die Uniformfarbe war Schwarz – in Trauer um des Herzogs Vater, der 1806 in der Schlacht von Jena und Auerstädt gefallen war, oder aber in Trauer um den Verlust des Herzogtums. Auf den Tschakos prangte in der Tradition der preußischen Husaren ein handtellergroßer Totenkopf über gekreuzten Knochen.
Die Schwarzen Braunschweiger (die Eigenbezeichnung lautete: »Schar der Rache«) kämpften nur vier Monate lang, bevor sie im August 1809 vor den französischen Truppen nach England fliehen mussten. Im Auftrag der englischen Krone kämpften sie dann in Portugal und Spanien und nahmen in der Schlacht von Waterloo 1815 schließlich ihre Rache an den napoleonischen Truppen.
Im Februar 1813 trat Leutnant Ludwig Freiherr von Lützow an den preußischen König mit der Bitte heran, für den Krieg gegen Napoleon ebenfalls ein Freikorps aufstellen zu dürfen. Der König genehmigte das. Nicht aus Trauer um dies oder das, sondern weil das Freikorps »außer der Linie« kämpfen sollte, d.h. nicht im Rahmen der regulären Truppen, sollte die Uniform schwarz sein. Lützow hatte schon unter Schill gekämpft, und so kam wohl auch der Totenkopf auf die Mützen mancher Mitglieder des Lützowschen Freikorps. Er war aber nicht regulärer Bestandteil der Uniform.
Die »deutschen Farben«, Schwarz-Rot-Gold, sollen übrigens von den Lützowschen schwarzen Uniformen mit ihren roten Aufschlägen und Messingknöpfen herstammen. Das Gold der deutschen Trikolore symbolisiert also schlicht das Messing geputzter Uniformknöpfe, das Schwarz ist Ausdruck der Rache oder Trauer, und das Rot wurde im Versuch, ihm eine tiefere Bedeutung zu geben, mit Franzosenblut identifiziert. So tönte Theodor Körner, Mitglied in Lützows Freikorps, in seinem »Lied der schwarzen Jäger« von 1813:
»Ins Feld! Ins Feld! Die Rachegeister mahnen.
Auf, deutsches Volk, zum Krieg!
Ins Feld, ins Feld! Hoch flattern unsre Fahnen
Sie führen uns zum Sieg.
(…)
Gebt kein Pardon! Könnt ihr das Schwert nicht heben,
So würgt sie ohne Scheu
Und hoch verkauft den letzten Tropfen Leben!
Der Tod macht alle frei.
Noch trauern wir im schwarzen Rächerkleide
Um den gestorbnen Mut.
Doch fragt man euch, was dieses Rot bedeute:
Das deutet Frankenblut.
(…)«
Der Totenkopf, der an manchen der Mützen und Tschakos der Lützower prangte, wurde bei der Erklärung der »deutschen Farben« weggelassen.
Nach dem endgültigen Sieg über Napoleon 1815 trugen die preußischen Husaren den Totenkopf ebenso wie die Nachfolger des Lützowschen Freikorps (Infanterieregiment Nr. 25) und ein Infanterie- (Nr. 92) und ein Kavallerieregiment (Nr. 17), die aus den Schwarzen Braunschweigern hervor gegangen waren. Mit dem Erstarken der deutschen Nationalbewegung, die sich in die Tradition der antinapoleonischen Kriege stellte, verstärkte sich auch die politische Dimension des Emblems. Gleichzeitig wurde es als militärisches Abzeichen immer gewöhnlicher. 1914 trugen es insgesamt 20 deutsche Husarenregimenter zusätzlich zu den Regimentern Nr. 17, 25 und 92, und die preußischen Leibhusaren führten das Zeichen bald nicht mehr nur an den Mützen, sondern auch an Ärmelaufschlägen und an Lanzenflaggen.
Die schmucke schwarze Uniform mit dem Totenkopf hat viel zur Beliebtheit der Husaren beigetragen. Jeder preußische Junkersohn und jeder Anhänger von Preußens Gloria wollte zu ihnen gehören. Der wohl berühmteste Totenkopfhusar, General August von Mackensen (1849–1945), der im Ersten Weltkrieg zum populärsten deutschen Kriegshelden nach Hindenburg aufstieg, schrieb in seinen Memoiren: »Dem schwarzen Husaren-Rock galt mein Wünschen und Hoffen als Knabe.« In einem Brief, den er als 20jähriger, kurz nach Dienstantritt, nach Hause sandte, hieß es:
»Ich fühle mich in der schwarzen Jacke und unter dem Totenkopfe, die doch beide bis jetzt meine einzigen Freunde hier sind, so heimisch und wohl, dass es mir gar nicht so vorkommt, als wäre mit mir eine Veränderung vorgegangen. Mir macht alles Spaß, und ich tue alles gern und mit Liebe, mag es sein, was es will und welcher Dienst es auch ist.«
Ein heimeliges und wohliges Gefühl, den Genuss des militärischen Gehorsams, erzeugte der Schädel nun bei seinen Trägern; von der Drohung, die von ihm ausging, war kaum mehr die Rede. Spätestens seit der Gründung des (Zweiten) Deutschen Reiches, im Krieg gegen Frankreich 1870/71 (an dem auch die preußischen Totenkopfhusaren mitwirkten), galt bei den Husaren »das eigenartige Abzeichen an der Stirn« als das »Zeichen der Treue bis in den Tod« bzw. »Zeichen der treuesten Aufopferung«; die Gnadenlosigkeit, die noch 100 Jahre zuvor beschworen worden war, erklärte z.B. Mackensen kurzerhand zur »Legende«. Damit konstruierte er eine Tradition des »anständigen« und »sauberen« Militärs, das seine Aufgabe soldatisch und »mit Manneszucht« pflichtgetreu erledigte. Man war ein »Ehrenmann«, hart, aber gerecht, und eben nicht grausam oder gnadenlos. Der Totenkopf wurde ausschließlich als Zeichen der Todesverachtung und des Gehorsams (»Treue«) bis in den Tod verstanden.
Im Ersten Weltkrieg erlebte der Husarengeneral August von Mackensen seine größten Stunden und erwarb sich den Spitznamen »Marschall Vorwärts«. Neben den Husaren und den Infanterieregimentern, die den Totenkopf traditionellerweise führten, schmückten sich nun viele Soldaten damit. Einige Piloten der Luftstreitkräfte sollen ihn als ihr persönliches Zeichen verwendet haben. Daneben benutzten ihn Panzereinheiten (in taktischer Hinsicht die Nachfolger der Kavallerie), Pioniere, Flammenwerfertrupps und Sturmabteilungen, oft mit gekreuzten Werkzeugen ihrer Zunft (Stabhandgranaten u.ä.) anstelle der Knochen. Die Aufgabe der Sturmabteilungen war es, feindliche Stellungen »im Sturm« zu nehmen, nachdem diese von der eigenen Artillerie »sturmreif« geschossen worden waren. Sie erwarben sich damit den Ruf, besonders mutig oder todesverachtend und eine militärische Elite zu sein. Nicht zufällig wurden sie Namensgeber für die 1921/22 gegründete nationalsozialistische SA (der der »Orden unter dem Totenkopf«, die SS, bis 1934 unterstellt war).
Wie der Erste Weltkrieg die Kriegsführung und das Töten radikalisierte, so radikalisierte sich auch das alte Husarenabzeichen. Nach der Tendenz, das Zeichen des Todes ausschließlich auf seinen Träger zu beziehen, erlangte es nun seine alte, aggressive Bedeutung zurück. Im Ersten Weltkrieg wurden die Gnadenlosigkeit und das Niedermachen des Feindes wieder zu Tugenden – wegen der Technisierung des Krieges mit unvergleichlich grausameren Folgen, als dies im 18. Jahrhundert vorstellbar gewesen wäre.
Als der Krieg 1918 vorbei war, führten viele (in Anlehnung an die »Befreiungskriege« wieder »Freikorps« genannte) Einheiten den Krieg zuhause als Kampf gegen die Demokratisierung des deutschen Kaiserreichs weiter. Das Abzeichen des Todes brachten sie aus den Schützengräben mit. Sie malten den Totenkopf auf ihre Wagen und auf ihre Helme und führten im Auftrag der Regierung den Bürgerkrieg gegen die Nachkriegsordnung, ob in Berlin oder in Bayern, im Ruhrgebiet, in Sachsen oder an den östlichen Grenzen der neuen Republik. In Berlin gründeten Offiziere des 25. Infanterieregiments ein Freikorps, das nach seinem Anführer, Major von Lützow, wieder Lützowsches Freikorps hieß. An den Mützen trugen seine Mitglieder den kleinen blechernen Totenkopf des Infanterieregiments 25. Im März 1919 half das Freikorps am Berliner Schloss und am Marstall, den Aufstand des Spartakusbundes niederzuschlagen. In der unvermeidlichen Schlachtenpoesie eines seiner Mitglieder tauchte die Todesdrohung des Abzeichens wieder auf:
»Wir tragen stolz das Jägerhorn
Auf unserm grünen Kragen!
Es schmückt uns stolz der Totenkopf,
Weil wir den Feind zerschlagen.«
(Leutnant Freiherr von Lützow, 1919)
In die Tradition der militärischen Elite und der demokratiefeindlichen Militärs stellte sich auch die SS, die den Schädel seit ihrer Gründung 1925 trug (ihre Vorläufer hatten sich des Symbols bereits seit 1922 bedient). Es ist unbekannt, ob die SS an das Abzeichen auf ähnliche Weise kam wie die SA an ihre braunen Hemden: Die Leitung der noch kleinen SA soll 1924 einen Posten alter Kolonialuniformen günstig erworben haben. Vielleicht konnte die SS Restbestände der Abzeichen des Infanterieregiments 25 billig erwerben und fand so ein Symbol, das ihr durchaus angemessen war. Später orderte sie das Accessoire dann bei der Münchener Firma Deschler.
Für die SS galt der Schädel mit gekreuzten Knochen an schwarzer Uniform (bis 1934 waren allerdings nur die Mützen und die Krawatten schwarz) als das Symbol »pflicht- und opferfreudiger Männer«, die wieder einmal ums Vaterland trauern mussten: »Sie zogen zum Zeichen der Trauer über das Unglück der Nation einen schwarzen Rock an und hefteten sich den Totenkopf an Mütze und Helm. Er sollte symbolisch den Willen seines Trägers bekunden, lieber ›den Tod, als in der Knechtschaft leben‹«, wie es die spießbürgerlich-militaristische, ebenso kitschige wie antisemitische Wochenschrift der SS, Das Schwarze Korps, 1935 mit einiger Mühe an der Grammatik ausdrückte.
Der Kern des Symbols blieb die Treue und Todesbereitschaft (also der absolute Gehorsam) seiner Träger. Seit die SS in innerparteilichen Streitereien Hitler unterstützt hatte, war »Meine Ehre heißt Treue« ihr Wahlspruch. Auch der Schädel wurde in diesen Treuekult integriert – als Ausdruck der Treue zur Ideologie des Nationalsozialismus, zum »Führer und seiner Idee«: Es sei »der Zweck des Totenkopfs, auf die Feinde furchterregend einzuwirken und dem eigenen Träger stets ein mahnendes Zeichen der Treue und des todbereiten Opfers zu sein«; er sei das
»Symbol der Treue und der Tapferkeit und des unbändigen Sieges- und Opferwillens … ›Siegen oder Sterben‹, das ist der Sinn des Totenkopfes als Symbol soldatischer Männer! Und so tragen wir auch heute dieses Symbol des Todes und der ewigen Treue und hüten und vollenden damit eine stolze und ruhmreiche Tradition.«
(Das Schwarze Korps, 1937)
Die »stolze und ruhmreiche Tradition« spannte sich von den antifranzösischen Freikorps des frühen 19. Jahrhunderts über die Husaren des Kaiserreichs und die Elitetruppen des Ersten Weltkriegs zu den reaktionären Bürgerkriegstruppen der Nachkriegszeit. Die SS verstand sich als Elite gleich in mehrfacher Hinsicht: politisch als Avantgarde der nationalsozialistischen »Bewegung«, militärisch als Elitetruppe der Partei und nicht zuletzt biologisch als Verfechter einer »reinen Rasse«. Der Totenkopf wurde so auch zum Zeichen des spezifisch nationalsozialistischen Rassismus. Die SS knüpfte direkt an den Ersten Weltkrieg und den Bürgerkrieg 1918/19 an, indem sie sich stärker als das wilhelminische Militär auf die Drohung bezog, die in dem Symbol lag. »Der Tod sei unser Kampfgenoss’!« hieß es in einem »Lied der SS«. In seinem Zeichen bewachten die SS-Männer die Konzentrationslager, durchkämmten die »Volksgemeinschaft« nach unerwünschten Elementen und führten schließlich den Holocaust durch.
Daneben war der Totenkopf als Abzeichen einer militärischen Elite des Tötens in der deutschen Wehrmacht des Zweiten Weltkriegs beinahe allgegenwärtig. Kavallerieregimenter trugen ihn ebenso wie die Panzertruppen von Heer und Luftwaffe sowie ein Infanterieregiment (Nr. 17) und der Küstenschutz, die Heimwehr, die Polizei und die Feuerwehr in Danzig. Die neu gegründete Bundeswehr übernahm 1955 den Totenkopf als Abzeichen der Panzeraufklärer, die sich in die Tradition der Braunschweiger Husaren stellen wollten und alle Totenkopfträger späterer Zeit ausschließen zu können glaubten. 1980 schließlich fiel das Abzeichen vorgesetzten Dienststellen als »nicht mehr zeitgemäß« auf und wurde durch einen Luchskopf ersetzt.
Der Totenkopf mit gekreuzten Knochen war im 20. Jahrhundert beileibe nicht nur im deutschen Militär gebräuchlich. So schmückten sich zeitweise Militär- oder Polizeieinheiten in Großbritannien, den USA, in Russland, Polen, Finnland, Portugal, Frankreich usw. damit. Doch nirgendwo wurde das Abzeichen von so vielen Einheiten und über einen so langen Zeitraum verwendet wie im preußisch-deutschen Militär. Und in keinem anderen Land und von keiner Gruppierung wurde das Niedermetzeln des Feindes je derart zu einer Tugend erhoben wie von der SS und der deutschen Wehrmacht.