Ein Porträt eines jungen Gewerkschafters bei BMW

»Man muss es Kapitalismus nennen«

Ein Leben zwischen dem BMW-Werk in Berlin-Moabit, Anti-Nazi-Demonstrationen und Grillabenden bei der Berliner IG-Metall-Jugend. Wie ein junger Gewerkschaftsvertreter der IG Metall die Welt sieht, der für die »Überwindung dieser miesen Verhältnisse« kämpft und gerne nach Kuba reisen möchte. Ein Porträt.

Zum Treffen kommt Philipp mit seinem Einser-BMW. Doch es sind seine Schiebermütze und sein großes Gesicht, die an ihm am meisten auffallen. Noch mehr als sein schwarzer Kapuzenpulli, auf dem »IG Metall Jugend« steht. Da engagiert sich der 23jährige. Aber auch woanders ist Philipp aktiv: Er geht auf Demonstrationen gegen Atomkraft und Sozialabbau, und als in Dresden die NPD aufmarschieren wollte, war es keine Frage, dass Philipp mit der Berliner IG-Metall-Jugend bei der Blockade dabei war. Dass in diesem Februar »Dresden nazifrei« geblieben ist, weitgehend zumindest, ist auch ihm zu verdanken. »Ich bin schon sehr politisch«, sagt Philipp, »das war ich schon immer.«

Er berlinert, und wenn er spricht, klingt auch immer etwas mit, das älter klingt als er selbst, ein wenig politikerhaft. »Mit 14, 15 Jahren bin ich schon in Netzwerken gewesen, in einem Bündnis für Toleranz. Das ist für mich, auch wenn das Wort von Angela Merkel kommt, alternativlos.« Das ist so ein Satz, der nicht zu einem 23jährigen passt.
Philipp fährt BMW, weil er bei BMW arbeitet. »Den gibt es vom Werk für Azubis recht günstig.« Mit Begeisterung in den Augen sagt er: »KFZ-Mechatroniker will ich werden, weil ich Autos liebe, ganz klar.« Als er mit der Schule in Berlin-Hohenschönhausen fertig war, hat er sich nur auf Lehrstellen als KFZ-Mechatroniker beworben. Nichts anderes. »Ich habe Glück gehabt.«
Ökologische Bedenken hat er nicht. »Autos stoßen CO2 aus, das ist richtig und das ist nicht gut«, sagt er mit leicht dozierendem Unterton. »Aber die ökologisch besseren Autos, die Stromautos, die sind auch umweltpolitisch bedenklich.« Der Hinweis auf die Kühe und ihre CO2-Fürze fehlt bei ihm ebenfalls nicht, bevor er zu dem Urteil kommt: »Die Automobilindustrie ist nicht so schädlich, wie sie manchmal dargestellt wird.«

Seinem Engagement tun solche Ansichten keinen Abbruch. Philipp ist Linker durch und durch. »Schon mit zwölf Jahren war ich auf meiner ersten Demo«, erzählt er. »Meine Eltern haben mich auf die Karl-und-Rosa-Demo mitgenommen.« Jedes Jahr in der zweiten Januarwoche gehen Zehntausende zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde. Schon zu DDR-Zeiten gab es das Gedenken, heute wird es politisch von der Linkspartei dominiert. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine, Gesine Lötzsch, Hans Modrow oder Klaus Ernst legen dann ihre Kränze ab. Egon Krenz mit gebührendem Abstand dahinter. Damit hat Philipp nicht viel zu tun.

»Mit der Linkspartei habe ich Probleme«, sagt er ruhig, beinah abwägend. »Den Namen haben die nicht verdient. Diese Partei ist für mich nicht links genug.« Nachdem er diesen Satz gesprochen hat, lehnt er sich bedeutungsschwer zurück, trinkt erst einen Schluck Kaffee und zündet sich dann eine Zigarette an, eine französische.
Auch wenn er erst seit drei Jahren dabei ist, ist Philipp wirklich ein überzeugter Gewerkschafter. Auf die Frage, ob er einmal hauptamtlich im Bereich der IG Metall arbeiten will, lacht er zunächst. Dann sagt er: »Doch, darüber habe ich tatsächlich schon ernsthaft nachgedacht.« Noch einmal ein Zug an der Zigarette und dann wieder eine sehr erwachsene Antwort: »Noch fühle ich mich aber dafür nicht reif genug, da fehlt mir die Erfahrung.«
So ganz passt dieser Philipp mit großem, rundem Gesicht, mit Schiebermütze und Kapuzenpulli und mit wachen, aufmerksamen Augen nicht in die Welt der Gewerkschaftsfunktionäre mit FR- und ND-Abo und Aktenkoffern, die mit Zahlenkombination verschlossen sind.
»Im Freundeskreis erklären mich manche für bekloppt«, erzählt er. »Ich hatte neulich eine Diskussion, dass ich zu wenig Zeit für meine alten Kumpels habe. Die haben ja Recht, aber ich muss auch Prioritäten setzen.« Immerhin, Zeit für die Diskussion mit seinen Freunden hatte er. Das ist nicht selbstverständlich. Zwischen BMW-Niederlassung, IG-Metall-Geschäftsstelle, Demos und Seminaren ist nicht viel Zeit. »Es ist so, dass die Freizeit praktisch nicht mehr existiert«, sagt er. Er ist im Ortsjugendausschuss der Berliner IG-Metall-Jugend, und auch im Bezirksjugendausschuss, der für Berlin, Brandenburg und Sachsen zuständig ist, macht er mit. »Und dann war ich noch letzte Woche auf der Bundesdelegiertenkonferenz.« Interessenvertretung braucht Zeit.
»Früher in Hellersdorf bin ich öfter in Clubs und auf kleinere Konzerte gegangen«, erzählt er. Heute findet man ihn nicht mehr in solchen Läden. »Doch, ich höre ganz viel Musik«, sagt er. »Gerade bin ich wieder auf dem Reggae-Trip, auch viel Metal. Früher habe ich mehr HipHop gehört.«
Wo sich einerseits in seinem Leben langsam herausschält, was ihm wirklich wichtig ist: die Gewerkschaft, die Politik, das Engagement, da fängt er gleichzeitig an, musikalisch alles durch­einander zu hören. »Aber in ein Konzert, wo ich 80 Euro zahlen muss, da gehe ich nicht hin.«
Philipps Privatleben findet so gut wie nicht statt. »Die Gewerkschaft sorgt ja auch für Freizeitangebote«, stellt er fest und nennt ein Beispiel: »Ein Grillabend oder so. Da wird zwar auch manchmal über Politik geredet, aber nicht nur.« Das klingt vermutlich spießiger als es ist. Schließlich ist die IG-Metall-Jugend mit 206 093 Mitgliedern der größte politische Jugendverband in Deutschland. Das wird man nicht, wenn man nur grillt. Und schließlich geht Philipp ja gerne auf Demonstrationen und beteiligt sich an Blockaden. Zuletzt war er gegen Atomkraft und Hartz IV auf der Straße.

Was Philipp lebt und die IG-Metall-Jugend organisiert, ist das, was linke Gewerkschafter immer noch gerne – und gerne mit leicht schwülstigem Unterton – als »Zusammengehen alter und neuer sozialer Bewegungen« bezeichnen, als wichtigen Teil einer neuen »Mosaiklinken«: Zum einen Arbeiterbewegung, deren Schwerpunkte die Kämpfe um höhere Löhne und kürzere Arbeitstage sind. Und zum anderen die neuen sozialen Bewegungen, die für Umwelt, gegen Rassismus, für Frauenrechte, Frieden und die Rechte von Minderheiten streiten.
Was ist Philipp besonders wichtig? »Kann ich nicht sagen.« Dann, nach einem Moment nachdenken und einem Schluck mittlerweile kalt gewordenen Kaffees, kommt eine andere Antwort: »Alles.« Und zwar mit Begründung: »Ich will keine Schwerpunkte setzen. Ob Umweltzerstörung oder schlechte Bezahlung – das hat ja alles eine gemeinsame Ursache. Man muss es Kapitalismus nennen.«
Philipps Ziele sind schwerer zu formulieren: »Ich möchte irgendwann erleben, dass es nicht mehr so beschissen zugeht wie gerade. Dass man nicht mehr so knüppeln muss für viel zu wenig Geld.« Das ist wieder der Moment für eine Zigarette und für einen Schluck kalten Kaffee: »Die Überwindung dieser miesen Verhältnisse.« Ob er das nicht Kommunismus oder Sozialismus nennen möchte? »Nein, ich will das nicht kategorisieren.«
Nach der 12. Klasse hat Philipp das Gymnasium verlassen. Mit der Fachoberschulreife fand er eine Lehrstelle und wird jetzt ausgebildet. Materiell läuft es gut bei ihm, zumindest weiß er, dass es Gleichaltrige gibt, denen es wesentlich schlechter geht. Laut Tarif verdient er im dritten Lehrjahr 555 Euro. Lehrlingsgehälter sind ein Skandal, aber bei BMW gibt es eine übertarifliche Zulage. Seit vier Jahren wohnt Philipp alleine, zuerst in einer kleinen Einzimmerwohnung, jetzt in Hellersdorf in einer Wohnung mit zwei Zimmern. »Das ist teuer«, räumt er ein, »aber es gibt vom Senat ein Programm für Azubis, dass die billigere Wohnungen kriegen. Da bin ich drin.«
Die Wohnung ist nah an seinem Arbeitsort. Philipp und seine Azubi-Kollegen, 24 sind es pro Lehrjahr, arbeiten nämlich nicht im BMW-Werk in Spandau, an der westlichen Stadtgrenze, sondern zentral. Meist in Moabit, manchmal auch im östlichen Marzahn. »Das ist zehn Minuten von mir weg.«
Auch Sorgen, ob er nach der Lehre übernommen wird, muss sich Philipp nicht machen. Zwar wurden in den vergangenen Jahren öfter auch Azubis in die Arbeitslosigkeit geschickt. »Aber dadurch, dass wir Jugendvertreter sind, haben wir einen gesetzlichen Anspruch darauf, übernommen zu werden.«

Das sind Erfolge früherer Lehrlingskämpfe, und sie sind deswegen relativ stabil, weil es für sie Gesetze gibt. Die tariflichen Erfolge sind gefährdeter. Neulich gab es bei BMW wieder eine Erhöhung des Lehrlingsgehalts um 25 Euro. Für Philipp ein schöner Beweis, wie wichtig die Gewerkschaft ist. Auch bei einem großen Unternehmen wie BMW. Vor einigen Jahren hat die Berliner BMW-Niederlassung den Tarifvertrag gewechselt: Statt zur Industriekammer gehört sie jetzt zur Handwerkskammer, wo weniger gezahlt wird. Ein Weltkonzern wie BMW präsentiert sich offenbar gerne mal als Handwerks­betrieb, wenn es dem Drücken der Lohnkosten dient.
Wenn man Philipp fragt, sind es Kämpfe gegen solche Schweinereien, für die er sein privates Leben opfert. Eine Freundin hat er nicht, und wenn, »dann müsste sie aus dem gleichen Umfeld kommen, also aus der Gewerkschaft, damit sie das auch gut findet und versteht, was ich mache«. Wenn die gefunden ist, wünscht er sich eine Familie mit Kindern. Eine Organisation des eigenen Lebens, die als normal gilt.
Er kocht zwar manchmal, »aber eigentlich kann ich es nicht«. Und Auto fährt er gerne, aber wenn es zur Demo, etwa nach Dresden, geht, sitzt er im Bus, den die IG-Metall-Jugend gechartert hat. »Die Gewerkschaft gibt mir ja auch die Möglichkeit zu reisen«, sagt er, »aber das nutze ich so gut wie nicht.«
Kuba ist sein liebstes Land, auch wenn er noch nicht da war. Philipp ist mit seinen 23 Jahren eben ein richtiger Linker. »Ich kann zwar kein Spanisch, aber nach dem, was ich gehört habe, ist Kuba ein Land, wo die Menschen offen sind, wo sie solidarisch miteinander umgehen.« Nichts gegen andere Menschen in anderen Ländern, »aber mit Kuba verbinde ich das«.
Kuba ist weit weg und gut. Die hiesige Arbeiterbewegung ist da schon viel näher und also nicht gut. »Das dauert, bis der Apparat in die Gänge kommt«, kritisiert er die IG Metall. »Mich stört auch, dass die Jugend keine Rolle spielt.«
Und wenn Philipp sich anschaut, was ältere Kollegen in der deutschen Gewerkschaftsbewegung so gemacht haben, hat er nur Verachtung übrig. Die VW-Betriebsräte, die mit dem Konzernvorstand und auf dessen Kosten in den Puff gingen, nennt er »Verräter«. Ein anderer Begriff fällt ihm nicht ein. »Das Wort umschreibt alles. Die haben die Interessen der Leute, die sie vertreten sollen, verraten. Dafür habe ich kein Verständnis.«
Seine Schiebermütze hat Philipp während des ganzen Gesprächs nicht abgenommen. Nun geht er in Richtung seines BMW, setzt sich in den Wagen und fährt zum nächsten Termin.

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