Über die europäischen Protestcamper und die Restauration der Demokratie

Alles viel zu bunt hier

So radikal die Form, so borniert der Inhalt: Die europäischen Protestcamper fordern die Restauration der Demokratie und handeln damit gegen ihre eigenen Interessen.

Vor 43 Jahren, im heißen Frühling 1968, veröffentlichte Pier Paolo Pasolini das Poem »Die KPI an die Jugend«, und der Ärger, den er sich damit einhandelte, war einmal mehr von der heftigeren Art. Doch dieses Mal reizte er nicht den Staat, die katholische Kirche oder die Filmindustrie bis aufs Blut, sondern die Linke, insbesondere: die undogmatische, sogenannte neue Linke. In seinem Poem nahm Pasolini Bezug auf ein Ereignis, das wenige Wochen zuvor im römischen Valle Giulia stattgefunden hatte – jene berühmte Straßenschlacht zwischen Studierenden und Polizisten, die weithin als Beginn des italienischen Protestjahres 1968 gilt. Pasolini ergriff Partei – nicht für die Studenten, sondern für die Polizei, »weil die Polizisten Söhne von armen Leuten sind«. Dagegen schrieb er über die Studenten: »Ihr habt Gesichter von Vatersöhnchen. / Die rechte Art schlägt immer durch. / Ihr habt denselben bösen Blick. / Ihr seid furchtsam, unsicher, verzweifelt / (ausgezeichnet!), aber ihr wisst auch, wie / man arrogant, erpresserisch und sicher ist: / kleinbürgerliche Vorrechte, Freunde.«

Wer es damals noch gut mit Pasolini meinte, unterstellte ihm eine Mischung aus Sozialromantik – viele Polizisten kamen tatsächlich aus dem subproletarischen Milieu – und Ökonomismus (»Primat der Klassenlage«). Aus heutiger Sicht erscheint das Poem auf den ersten Blick geradezu prophetisch: Während die Polizei wie eh und je prügelt, hat sich die überwältigende Mehrheit der damaligen Studentenbewegung als Avantgarde der Bourgeoisie entpuppt, denn »die rechte Art schlägt immer durch«.
Aber man sollte widerstehen, Pasolinis Text als Vorhersage zu lesen, und sich stattdessen genauer ansehen, woran sich seine fast schon instinktive Abwehr der studentischen Umtriebe entzündete: Ihm stank das Bunte, Fröhliche, Quirlige, irgendwie auch Unernste der Bewegung. In »Die KPI an die Jugend« findet sich keine Zeile, die dazu aufruft, Polizisten zu agitieren, Pasolini hat sich da wohl keine Illusionen gemacht. Aber dennoch sah er in der Monotonie ihrer Herkunft, in der Gleichartigkeit ihrer Lebensläufe, ihrer durch und durch grauen und eingepferchten Existenz die größere und relevantere soziale Kraft. Kurzum: Pasolini kann helfen, dem Blick auf die spanischen, griechischen und französischen Protestcamps und ihr Verhältnis zu Staat und Demokratie etwas Klarheit zu verschaffen.
Denn diese Protestcamps sind in erster Linie: bunt, fröhlich und quirlig. Die jungen Leute sind zu allem entschlossen, aber mit keinem besonderen Willen bei der Sache. Oder anders gesagt: Ihre Protestformen sind radikal, sie bringen den Polizeiapparat gehörig ins Schwitzen und setzen, nun ja, eine neue Straßenverkehrsordnung durch. Aber der Inhalt verreckt dahinter. Sehr schön brachte das ein Bericht aus Paris in der Süddeutschen Zeitung Ende Mai zum Ausdruck. »Die Jugend stürmt die Bastille«, war er betitelt, und man las direkt zu Beginn: »222 Jahre nach der französischen Revolution fordern die Jugendlichen nun nichts Geringeres als die Weltrevolution.« Nur wenig später stieß man aber auf diese Zeilen: »Die Pariser Jugend demonstriert am Place de la Bastille. Sie wollen nicht das politische System umstürzen wie ihre Vorgänger in Nordafrika, sie wollen nur mit ihren Sorgen ernst genommen werden.« Eine Weltrevolution des Ernstnehmens also.

Der Widerspruch dieser neuen zivilgesellschaftlich-demokratischen Jugendbewegung ist, dass sie Anerkennung für einen Lebensstil fordert, der gänzlich Produkt des modernen, liberalen, konsumorientierten Kapitalismus ist. Sie will Anerkennung für etwas, das schon längst anerkannt ist. Sie muss ihre Buntheit nicht gegen das herrschende Regime durchsetzen, weil das Regime nicht zuletzt durch die Zersetzung rigider, widerständiger proletarischer Milieus und lange Phasen der Repression gegen revolutionäre Bewegungen den Aufstieg einer politisch wahllosen, in hohem Maße individualisierten Kleinbürgerklasse selbst begünstigt hat. Diese unzähligen Individualismen schließen sich zwar auf den spanischen, griechischen und französischen Plätzen zu gemeinsamen Aktionen zusammen, die aber hauptsächlich darin bestehen, sich selbst zu feiern – in der Bestätigung der eigenen Individualität und der Enttäuschung darüber, dass der Staat diese nicht mit angemessenen Jobs und einem offeneren politischen Repräsentationssystem honoriert.
Es ist nicht so, dass die jungen Leute über diesen Widerspruch nicht Bescheid wüssten. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie ein elitäres Ausbildungssystem durchlaufen haben und dass ihnen die Normen des lebenslangen Lernens eingetrichtert wurden – und dass am Ende doch nur prekäre Jobs warten (wenn überhaupt) und immer wieder dieselben Imperative: noch mehr lernen, sich noch mehr Qualifikationen aneignen und sich noch auswegloser ins Einzelkämpferschicksal fügen. Die Anpassung an diese Normen und Imperative erfolgt aber nicht in Form eines Massenkonformismus, nicht durch Graumäusigkeit, sondern in immer neuen Ausdifferenzierungen unüberschaubarer Lifestyles. Der Kapitalismus macht seine Jugend eben nicht immer dümmer, sondern klüger, zugleich auch eitler und narzisstischer. Was die Teilnehmer der Protestcamps gegen den Staat verteidigen wollen, ist nicht ihre bedrängte Persönlichkeit, sondern ihre Kreditwürdigkeit. Sie fordern folglich nicht die Überwindung des Systems der politischen Repräsentation, sondern einen angemessenen Platz in ihm. Denn würden sie sich radikal außerhalb des demokratischen Betriebs stellen, verlören sie ihren Status als mindestens potentiell respektable bürgerliche Individuen und damit auch ihr Recht auf einen Lifestyle.
Dabei sind die Protestcamps der Form nach durchaus radikale Erscheinungen, die Beteiligten eignen sich genau jenen öffentlichen Raum an, den die meisten von uns in den vergangenen Jahren nur als zunehmend privatisierte Event- und Gastronomiemeile wahrgenommen haben. De facto ist das bereits eine Kritik des Konsumismus. Der Staat begegnet dem mit einer Mischung aus Verwirrung und Wohlwollen (vertritt er doch das gesellschaftlich Allgemeine gegen bourgeoise Einzelinteressen), was die Protestierenden irrtümlicherweise schon als Erfolg feiern. Ihr »Erfolg« besteht darin, dass der Staat ab einem gewissen und nur den Staatsorganen bekannten Punkt unerbittlich zurückschlägt, wie die Platzräumungen in Barcelona drastisch gezeigt haben. Die »Empörten« werden also ernst genommen, sie werden beobachtet, sie überschreiten Grenzen und schaffen sich Feinde. Sie werden sich darauf einstellen. Politisch mögen die Proteste borniert sein, sie stehen damit aber im Widerspruch zu ihrem eigenen Auftreten. Darin könnte ein Potential liegen, das die Protestierenden ihre Demokratieforderung vergessen und den Staat als Ganzes ins Visier nehmen lässt. Das setzt jedoch die Aufgabe des Bunten, Fröhlichen und Quirligen voraus.

Wahrscheinlicher ist ein anderer Verlauf. Um auf Pasolini zurückzukommen: Er entdeckte in den Studenten die Avantgarde der Bourgeoisie und schlug sie folglich dem noch anwachsenden, pros­perierenden Kapitalismus der Nachkriegsjahrzehnte zu. Der Frust der heutigen Jugend legt aber nahe, dass es sich bei ihren historischen Vorgängern vor 40 Jahren – pointiert gesagt – um die letzte westeuropäische Avantgarde des Kapitals handelte: Die gut ausgebildeten Jung­intellektuellen gehören zwar offiziell noch zur industriellen Reservearmee, vielen von ihnen droht aber das Schicksal der fürs Kapital Überflüssigen. Wenn diese Leute die Forderung nach einer Restauration der Demokratie stellen – nichts anderes wird im spanischen Manifest »Wahre Demokratie jetzt!« mit seinen euphorisierten Sozialstaatsreminiszenzen verlangt –, bekräftigen sie mit ihrem Glauben an die ewige Reformierbarkeit nur ihre Abhängigkeit von diesem System und sabotieren ihre eigenen Klasseninteressen. Während es vor 40 Jahren noch das Moment der Selbstermächtigung gab – die Studenten suchten im Valle Giulia ganz bewusst die Konfrontation mit der Staatsmacht –, so drückt die symbolische Inbesitznahme geschichtlich aufgeladener Plätze und Straßen eine Anerkennung nationalstaatlicher Symbole aus – somit auch die Unterordnung unter diese.

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