Der kleine Rebell

Die Kinder haben es ja immer am schwersten. James Murdoch zum Beispiel, noch keine 40 Jahre alt, muss als Sohn des australisch-amerikanischen Medienunternehmers Rupert Murdoch den Scheißjob des Chief Executive Officer für Europa und Asien im väterlichen Betrieb wahrnehmen. In dieser Funktion hatte er jüngst sogar eine wichtige Entscheidung zu treffen: Die Sonntagszeitung News of the World wird trotz einer Auflage von mehr als zwei Millionen nach 168 Jahren eingestellt. Der mutige Schritt des Sohnemanns, der lange, wie Wikipedia so passend formuliert, »ein Stück weit als ein Rebell« galt, hat eine brisante Vorgeschichte. News of the World hatte jahrelang Mobiltelefongespräche abgehört und die illegal gewonnenen ­Informationen veröffentlicht. Auch nicht prominente Personen, etwa Witwen von in Afghanistan gefallenen Soldaten, wurden ­abgehört. Zuletzt löschte die Redaktion gar die Mailbox des Telefons eines ermordeten Mädchens, um Platz für Nachrichten neuer Anrufer zu schaffen, die gedruckt werden können. Verantwortlich für den Abhörskandal sind Andy Coulson, ein früherer Chefredakteur von News of the World, und seine Vorgängerin Rebekah Brooks. Coulson wurde nach seinem Ausscheiden aus der Zeitungsredaktion »Kommunikationschef« des konservativen Ministerpräsidenten David Cameron; jüngst wurde er festgenommen. Brooks hingegen ist Chefin der Holding News International, der für Europa zuständigen Tochterfirma von Papa Murdochs Mutterkonzern News Corp.
James Murdoch, das Bisschen Rebell, sah durch den Skandal den guten Ruf des Konzerns »besudelt«. Mit der Einstellung der Zeitung hofft er, die noch vom Segen der Regierung abhängige und für den Konzern wesentlich bedeutendere Aufstockung der Anteile am Pay-TV-Sender BSkyB von 40 auf 100 Prozent durchsetzen zu können. Außerdem soll die Entscheidung zu James’ Image als »Manager mit Moral« beitragen. Rebekah Brooks, eine enge Vertraute seines Vaters, darf derweil ihren Job behalten, geopfert werden nur die Redakteure. Für den Murdoch-Konzern, das hat Söhnchen James gut organisiert, ist dagegen überhaupt keine Einbuße zu erwarten, nicht einmal auf dem Sonntagszeitungsmarkt. Die Boulevardzeitung The Sun, ebenso aus dem Hause Murdoch und meist noch etwas schmieriger als News of the World, soll nun auch sonntags erscheinen.

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