Über den rasenden Reporter Albert Londres

Nichts als ein rasender Reporter

Der große französische Journalist Albert Londres beschreibt Schönheit und Tragik der Tour de France.

Von Radsport hat Albert Londres nichts verstanden. Er war Reporter, schrieb für den Petit Parisien und hatte sich als Auslandsberichterstatter einen Namen gemacht. Asien, Afrika, Balkan und 1920 die junge Sowjetunion waren seine Ziele. Im Jahr 1923 hatte er aufgedeckt, wie die französischen Kolonialbehörden Häftlinge in Strafkolonien menschenunwürdig in Käfigen hielten.
1924 nahm sich Londres die Tour de France vor. Dass sich einer wie er für diesen Sport interessierte, zeigt, wie wichtig das 1903 gegründete Rennen mittlerweile geworden war. Für einen Reporter, der schon über den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution berichtet hatte, stellte das Radrennen durchaus eine Steigerung dar. Unter dem Titel »Die Tour der Strafgefangenen« hat der Bielefelder Radsportverlag Covadonga nun Londres’ grandiose Reportagen erstmals auf Deutsch vorgelegt.
Das schmale Bändchen leistet Erstaunliches. Übersetzer Stefan Rodecurt hat ein informa­tives Vorwort geschrieben, das Londres deutschen Lesern nahebringt. Gleichzeitig erfährt man viel über den Radsport und seine gesellschaftliche Bedeutung in den zwanziger Jahren.
Londres’ Rang lässt sich auf die Formel bringen: Er war für Frankreich das, was Egon Erwin Kisch für Deutschland war; nicht ein, sondern der Reporter. »Albert Londres ist eine Nummer für sich«, schrieb Kurt Tucholsky 1925, als dessen Nordafrika-Recherchen gerade erschienen waren. »Londres ist ein Reporter und nichts als das: keine langatmigen Untersuchungen, keine exakten Dokumente, sondern: Wo ist etwas los? Ich will dabei sein! Ihr werdet lesen!«
Der Radsport, den Londres im Jahr 1924 für sich – und auch nur für einen Sommer – entdeckte, war das größte Sportspektakel der damaligen Zeit. Nicht Fußball, nicht Motorsport, vielleicht gerade noch Boxen erreichte in vergleichbarem Maße die Massen. Die Faszination des Radsports war in seinem demokratischen und proletarischen Charakter begründet: Es war (und ist bis heute) der Spitzensport, den man kostenlos anschauen kann, auf öffentlichen Straßen betrieben. Und es war (und ist dies auch bis heute) der Sport, der am stärksten von einem proletarischen Ethos geprägt ist, was sich am noch heute eingesetzten Mittel des Fahrerstreiks zeigt.
All das veranschaulicht Albert Londres mit einer einzigartigen Dichte am Beispiel der Brüder Pélissier. Henri Pélissier war damals in Frankreich ein Volksheld, denn ihm war es 1923 gelungen, die Tour zu gewinnen. Nach langer Zeit endlich wieder ein Franzose, der im Gelben Trikot in Paris ankam. Das sollte Henri 1924 wiederholen, hoffte man. Doch das Projekt endete mit der stolzen Aufgabe der Pélissier-Brüder und ihres Freundes, des französischen Fahrers Maurice Ville.
Die Etappen gingen damals nicht selten über 400 Kilometer, heute umfassen sie in der Regel etwa 200 Kilometer. Das Stundenmittel damals war 25 km/h, heute beträgt es fast 40 km/h. Diese Belastungen produzieren Geschichten der besonderen Art, und Londres erzählt sie in diesem Band. Es geht um die Leiden der Fahrer in den Pyrenäen, die sich die Berge hochquälen. Es geht um deren Verzweiflung, wenn das Material, etwa die Schläuche, die Gabeln oder die Räder, nicht hält und von den Fahrern selbst repariert werden muss – auch das gehörte damals zu den Regeln. Es geht um die Kommerzialisierung, die sogenannte Tour-Kolonne, die mit Werbefahrzeugen vor den Radsportlern herfährt. Und es geht um Unfälle, die bei den Belastungen nicht ausbleiben können. »Preisgeld hat man diesen Kerlen versprochen«, schreibt Londres in einer Reportage. »Von Tragbahren war nicht die Rede.«
Henri Pélissier, der verhinderte Held der Tour von 1924, starb übrigens schon 1936: Im Streit erschoss ihn seine Ehefrau mit einer Pistole.
Albert Londres starb 1932. Da brannte der Dampfer, der ihn von Recherchen in China zurück nach Frankreich bringen sollte, aus; Londres kam in den Flammen um, auch seine Rechercheergebnisse verbrannten. Ein Jahr später, 1933, rief Londres’ Tochter den mittlerweile bedeutendsten Journalistenpreis Frankreichs ins Leben, den Prix Albert Londres, verliehen alljährlich am 16. Mai, Londres’ Todestag.

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