Eine Reportage von der Tour de France aus dem Jahr 1924

Die Brüder Pélissier geben auf

Eine Reportage über die Tour de France aus dem Jahr 1924. von

Heute Morgen sind wir dem Peloton vorausgefahren …
Wir machten in Granville halt. Da tauchten plötzlich, um sechs Uhr frühmorgens, die Fahrer auf, wie an der Perlenschnur aufgereiht. Sofort rief die Menge mit Kennerblick:
»Henri!? Francis!?«
Henri und Francis waren nicht im Hauptfeld. (…) Die Nachricht ereilt uns, dass die Pélissiers aufgegeben haben. Wir kehren zum Renault zurück und brettern, ohne Rücksicht auf die Pneus, in Richtung Cherbourg. Die beiden Brüder sind einen Satz Reifen allemal wert …
Coutances. Eine Kinderschar diskutiert über die Nachricht.
»Habt ihr die Pélissiers gesehen?« fragen wir in die Runde.
»Denen habe ich persönlich die Hand geschüttelt«, gibt rotzfrech ein Grünschnabel zurück.
»Weißt du, wo sie sind?«
»Im Café am Bahnhof. Alle sind dort.«
Alle waren dort! Am Eingang muss man die Ellenbogen ausfahren. Drinnen herrscht andächtige Stille. Kein einziges Wort. Stattdessen blickt die Menge gebannt nach vorn, dorthin, wo der Schankraum ist.
Drei Männer in Trikots sitzen in vorderster Reihe, nippen an heißer Trinkschokolade. Es sind Henri, Francis, und der Dritte im Bunde ist kein anderer als der Zweite, nämlich Ville, Etappenzweiter in Le Havre und Cherbourg.
»War es eine Entscheidung aus dem Bauch heraus?«
»Das nicht«, sagt Henri, »wir sind nur keine Hunde.«
»Eine Sache, bei der es um nichts weiter ging als um Trikots! Heute früh kommt in Cherbourg ein Kommissär auf mich zu und lupft mein Trikot – wortlos. Er vergewisserte sich, ob ich darunter kein zweites trug. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihre Weste hochziehe, um zu sehen, ob Sie ein weißes Oberhemd anhätten? Ich mag ein solches Verhalten nicht, das ist alles.«
»Was macht das schon, ob Sie zwei Trikots tragen?«
»Ich könnte fünfzehn anhaben, aber ich darf nicht mit zweien starten und mit einem Trikot ins Ziel kommen.«
»Warum nicht?«
»Das steht im Reglement. Wir müssen nicht nur kämpfen wie die wilden Tiere, sondern auch vor Kälte zittern oder in der Hitze ersticken. Das gehört, so scheint es, ebenfalls zum Sport. Ich wandte mich deshalb an Henri Desgrange (der Tour-Direktor, d.Red.):
›Ich darf mein Trikot also nicht auf die Straße werfen, oder?‹ ›Nein, Sie dürfen Firmenmaterial nicht einfach wegwerfen.‹ ›Es gehört aber nicht der Firma, es ist mein eigenes.‹ ›Ich diskutiere nicht auf der Straße.‹ ›Na gut, dann werde ich mich wieder hinlegen.‹ ›Wir regeln das in Brest.‹ ›In Brest wird alles geregelt sein, weil ich zuvor aussteigen werde.‹ Und ich bin ausgestiegen!«
»Und was ist mit Ihrem Bruder?«
»Mein Bruder ist mein Bruder, nicht wahr, Francis?«
Beide umarmen sich brüderlich über der Trinkschokolade: zwei rituelle Küsse ins Leere.
»Francis war schon ins Rennen gegangen, ich habe das Peloton eingeholt und sagte: Komm, Francis! Wir packen unsere Sachen.«
»Das kam mir zupass«, verkündet Francis, »denn heute früh hatte ich Magenbeschwerden und fühlte mich antriebslos.«
»Und was ist mit Ihnen, Ville?«
»Mich haben sie«, antwortet Ville, dem das Lächeln eines Babys übers Gesicht huscht, »auf der Landstraße in resignierter Verzweiflung aufgefunden. Ich habe die zerschlissenen Kniegelenke eines Toten.«
Die Brüder Pélissier aber haben nicht nur schnelle Beine, sondern auch einen hellen Kopf.
»Sie haben keine Vorstellung davon, was die Tour de France ist«, sagt Henri, »sie ist ein Leidensweg. Dabei besteht der Kreuzweg nur aus vierzehn Stationen, der unsrige aber hat fünfzehn. Wir leiden vom ersten bis zum letzten Tag. Wollen Sie mal sehen, womit wir fahren? Hier …«
Aus seinem Beutel holt er eine Ampulle hervor:
»Das ist Kokain für die Augen, und dies hier ist Chloroform für das Zahnfleisch.«
»Und schauen Sie nur, das ist ein Wärmesalbe für die Knie«, klärt Ville auf, der seinen »Verpflegungsbeutel« ebenfalls leert.
»Dürfen es auch ein paar Pillen sein? Wollen Sie welche sehen? Hier, bitte.«
Jeder von den dreien kramt drei Schachteln aus dem Beutel.
Francis bringt es auf den Punkt: »Wir fahren mit Dynamit.«
Henri fährt fort:
»Sie haben uns im Waschraum nach Etappenankunft noch nicht gesehen. Das sollten Sie sich aber nicht entgehen lassen. Manch einer fällt beim Duschen in Ohnmacht; sobald der Schlamm abgespült ist, sind wir kreidebleich wie ein Leichentuch, Durchfall peinigt uns. Doch anstatt zu schlafen, winden wir uns allabendlich auf unserem Zimmer im Veitstanz. Betrachten Sie unsere Schnürsenkel, sie sind aus Leder. Und dennoch reißen sie ab und an, obschon es gegerbtes Leder sein soll … Bedenken Sie, was aus unserer Haut wird! Wenn wir vom Rad steigen, verrutschen unsere Socken, von der Hose ganz zu schweigen, alles schlottert um den Leib.«
»Wir sind«, legt Francis nach, »nur Haut und Knochen.« (…)
Derweil nähert sich ein Knirps.
»Na, mein Junge, was bedrückt dich?«, fragt Henri.
»Monsieur Pélissier, da Sie nicht mehr wollen – wer wird denn jetzt gewinnen?«

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Gekürzter Auszug aus: Albert Londres: Die Strafgefangenen der Landstraße. Reportagen von der Tour de France. Aus dem Französischen von Stefan Rodecurt. Mit einem Vorwort des Übersetzers. Covadonga-Verlag, ­Bielefeld 2011. 124 Seiten, 12,80 Euro

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