Die »Islamkritik« rechter Blogs ähnelt der Breiviks

Kreuzritter des weißen Abendlandes

Das Weltbild des norwegischen Terroristen Anders Breivik ähnelt vor allem dem der rechten Blogs Politically Incorrect, Gates of Vienna und As der Schwerter. Dort war man kurzzeitig selbst schockiert, jetzt hetzen die selbsterklärten Verteidiger des Abendlands munter weiter. Ein Streifzug durch die virtuelle Welt des sogenanneten Counterjihads.

Bislang sahen sich Weblogs wie Politically Incorrect (PI) oder Gates of Vienna als Vertreter einer unbeirrt radikalen »Islamkritik«. Seit jedoch berichtet wurde, dass Anders Breivik sich in seinem mehr als 1 500 Seiten starken »Manifest« ausgiebig auf die Edelfeder des sogenannten Counterjihad im Internet, den norwegischen Blogger Fjordman, beruft, sieht sich die Gemeinde zu einer Reaktion genötigt. Im Raum steht der Vorwurf, einem Inspirator des schlimmsten Massakers der jüngeren skandinavischen Geschichte ein Forum geboten zu haben. Die Szene, die sich selbst als »islamkritisch« bezeichnet, schwankt dabei zwischen scheinbarer Selbstkritik und polemischer Zurückweisung. Für PI war der »Fall Anders B.« zunächst »eine konservative Katastrophe«, während die unter dem Namen »As der Schwerter« aktiven deutschen Übersetzer von Fjordman trotzig erklären, warum sie »nach Oslo nicht einknicken und rumheulen«.

Kurze Zeit nach dem Doppelattentat machte im Internet das Gerücht die Runde, Fjordman sei mit Breivik identisch. Der plötzlich weltberühmt und berüchtigt gewordene anonyme Blogger antwortete via Gates of Vienna selbst mit einem Dementi. Auch die Macher von PI wiesen das Gerücht zurück und gaben an, die reale Person hinter dem Pseudonym zu kennen, der Attentäter sei es definitiv nicht. Fjordman ist seit Jahren ein Stichwortgeber der bloggenden Kulturkämpfer. Überschriften wie »Warum wir uns nicht auf moderate Moslems verlassen können« sind nicht nur eye catcher für seine Essays wider »Eurabien«.
Diese Strömung der Islamfeinde, wie sie Fjordman vertritt, agiert parallel zur NPD. In rhetorischer Abgrenzung zur »plebejischen« Partei der Neonazis, die mit iranischen Islamisten gerne kooperiert, solange diese in Teheran bleiben und dort Konferenzen für Holocaustleugner veranstalten, bezeichnen sich die selbsternannten Advokaten des Abendlandes als »Konservative«. Diese extreme Rechte ist national, aber nicht »sozialistisch« gesinnt.
Die meist in englischer Sprache verfassten Texte von Fjordman werden seit der Einstellung seines eigenen Blogs im Dezember 2005 auf Seiten wie Gates of Vienna oder The Brussels Journal publiziert. Deutsche Übersetzungen finden sich auf PI oder fjordman.wordpress.com, das von »As der Schwerter« verantwortet wird. Fjordmans Klagen über die »mohammedanischen Immigrantenbanden« oder EU-Bürokraten, die dabei sind, »ihre eigenen Länder mit zig Millionen Mohammedanern und anderen feindlichen Ausländern zu fluten«, treffen den Geschmack der zahlreichen Leser.

Das 2004 von dem Sportlehrer Stefan Herre aus Bergisch-Gladbach gegründete Blog PI ist inzwischen eines der bekanntesten politischen Blogs im deutschsprachigen Raum. Nach Angaben der Betreiber klicken bis zu 75 000 Besucher täglich die Seite an. Das mit der Partei »Die Freiheit« und der »Bürgerbewegung Pax Europa« kooperierende Blog PI grenzt sich ab gegen einen als allmächtig imaginierten »linken Mainstream«. »Proamerikanisch – Proisraelisch – Gegen die Islamisierung Europas – Für Grundgesetz und Menschenrechte« ist auf dem Banner der Homepage zu lesen. Nach einer kurzen Schrecksekunde, in der auch zaghafte Töne vernehmbar waren, kehrte PI nach den norwegischen Terroranschlägen rasch zum business as usual zurück.
Unmittelbar nach den Bombenanschlägen im Regierungsviertel fragte PI in eigentümlichem Deutsch: »Warum bombt Islam ausgerechnet in Oslo?« Kenntnisreich wie bei den Terrorexperten des ZDF wurde über die Täterschaft der »lokalen Alkaida in Norwegen« spekuliert. Der weitgehende Verzicht auf eigene Recherche ist dabei bezeichnend für die Agitationstechnik von PI. Präsentiert wird stattdessen eine Auswahl weltweiter Nachrichten, von der »Ausländerkriminalität« bis zur »Zwangsheirat«, die dann – oft ohne jede Grundlage – mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. »Der Islam« ist für PI ein monolithischer Block. Regelmäßig werden in Deutschland lebende und geborene Muslime etwa für in Saudi-Arabien verübte Gewalttaten in Sippenhaftung genommen. Muslime gelten als gefährliches Kollektiv. Gerade moderate Gläubige stehen dabei unter dem Verdacht, besonders verschlagen zu sein. Während namentlich bekannte Islamfeinde wie der Journalist Michael Stützenberger in Interviews gerne den elder statesman spielen und sich von offenem Rassismus distanzieren, tobt in den Kommentarspalten von PI ein hemmungsloser Mob.

Ein Kernmerkmal des politisch inkorrekten Milieus ist dabei der Opfergestus. Die Klientel von PI inszeniert sich als politisch verfolgte Minderheit in einer multikulturellen Diktatur der Gutmenschen. Das Plädoyer für die Intoleranz gegenüber dem Islam korrespondiert auf PI mit einer auffälligen Nachsicht gegenüber dem autochthonen Pöbel im Kommentarbereich. »Wir sollten«, heißt es dort über die im rheinland-pfälzischen Boppard geborene Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan von der Humboldt-Universität Berlin, »ihr Gelegenheit geben, ihr ›Heymat‹-Projekt in ihrer wahren Heimat, der Islamischen Republik Iran, fortzusetzen.« Die Forderungen sind schlicht: »One-Way-Ticket, keine Rückkehr!« PI liefert die Reizthemen für antimuslimische Neurotiker, denen die Anonymität des Internets Schutz bietet. Nach der Ermordung der Ägypterin Marwa al-Sherbini hieß es nach Angaben der Süddeutschen Zeitung in PI-Kommentaren etwa: »Mir tut es überhaupt nicht leid um diese verschleierte Kopftuchschlampe. Und noch dazu ein Moslem im Bauch weniger.« Wie Hohn klingt da die Netiquette von PI: »Kommentatoren, die gegen unsere Policy verstoßen, werden gesperrt oder unter Moderation gestellt.«
Nach zahlreichen kritischen Medienberichten kündigte Stammautor »Frank Furter« in einer Antwort auf den Berliner Tagesspiegel an, man wolle künftig die »Islamkritik auf ein neues, wissenschaftlicheres und sachlicheres Niveau« heben. Kurz darauf präsentierte PI eine merkwürdige Version der deutschen Geschichte. »Schließlich«, so heißt es mit Blick auf die Situation in Libyen, »versuchen wir auch erst seit 100 Jahren Demokratie und trauen der Sache immer noch nicht so recht.« Seit 100 Jahren?
Auf die Frage, warum PI nicht im Jahresbericht des Verfassungsschutzes aufgeführt werde, teilte die Behörde der Taz mit, das Blog sei proamerikanisch und proisraelisch. Dabei dient »Israel« hier vor allem als ein ideologisch aufgeladener Fetisch und Bollwerk gegen die »grüne Pest« des Islam. Schon ein einziger Strandbesuch im multikulturellen Haifa käme für weite Teile der Klientel von PI wohl eher einem Besuch in der Vorhölle gleich.

Die rechte Konkurrenz wirft PI vor, lediglich eine Verschärfung der deutschen Integrationspolitik zu fordern. Die Kontakte von Projekten wie As der Schwerter reichen bis zu US-amerikanischen Holocaust-Leugnern. Dies offenbart den braunen Hintergrund der modernen Kreuzritter. Im Mai 2011 überließ Manfred Kleine-Hartlage, der bis dahin das Blog Counterjihad betrieben und die Fjordman-Essays verbreitet hatte, die deutsche Übersetzung der Fjordman-Texte fortan dem Blog As der Schwerter. Das Wirken von dessen Autoren Deep Roots und Kairos sieht er allerdings kritisch. Deren Zuwendung zu »Rassenfragen« sei nicht nach seinem Geschmack.
Auch die »Häufigkeit und die Schärfe, mit der der Counterjihad das Judentum kritisiert«, sei unangemessen, schreibt Kleine-Hartlage. Diese Einsicht hinderte den einstigen Sozialdemokraten, dessen Buch »Das Djihadsystem« im rechtslastigen Resch-Verlag erschien und bei PI als Standardwerk empfohlen wird, jedoch nicht daran, bei dem rechtsextremen Reason Broadcast Network gleich zwei Interviews mit der US-amerikanischen Revisionistin Carolyn Yeager zu führen. Das zuletzt veröffentlichte Buch der texanischen Neonazi-Aktivistin heißt »Auschwitz: The Underground Guided Tour. What The Tour Guides Don’t Tell You at Auschwitz-Birkenau«. Dort weist sie ausdrücklich auf die Gesundheitsvorsorge für die Häftlinge hin. »Konservative« wie Kleine-Hartlage pflegen unter Berufung auf die »Freedom of Speech« bemerkenswerte Allianzen.
Die vermeintliche Distanz Kleine-Hartlages zum As der Schwerter hinderte ihn nicht daran, den Blogger Kairos als Interviewpartner für Yeagers Sendung »Revisionist Report« zu empfehlen. Auf dem amerikanischen Kanal redete Kairos zu wagnerischen Klängen Klartext: As der Schwerter repräsentiere einen Konservativismus, der auch Rassenfragen nicht ignoriere. Neben den Essays von Fjordman ist das Blog eine Arena für eine obskure Ideologie, in der Versatzstücke der Matrix-Filme, Kreuzritterkult, Tarot-Symbolik und »weißer Nationalismus« Leitmotive sind. Von »islamkritischen« Prominenten wie Ralph Giordano, Henryk M. Broder oder Necla Kelek grenzt sich der rassenbewusste »Konservative« ab: »Alle drei«, so der schlagende Einwand, »sind keine ethnischen Deutschen.«
Unter dem Titel »Weiße Selbstbehauptung« kündigte Kairos Ende Juli einen teilweisen Rückzug aus dem Projekt an. Er wolle sich »auf das vorbereiten, was kommen wird, was kommen muss«. Das Raunen im Vorspann des langen esoterischen Besinnungsaufsatzes verkündet auch das Ziel, für das sich diese deutschen Übersetzer des Fjordmans wappnen: »Bereit für den Kampf, bereit für den Sieg.«

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