Alan Scott haft im Gespräch über seinen Vater

»Mein Vater war ein grausamer Mensch«

Alan Scott Haft ist der Sohn des Profiboxers und Auschwitz-Überlebenden Harry Haft.

Alan Scott Haft ist 60 Jahre alt. Er lebt in New Mexico / USA und arbeitet dort als Rechtsanwalt. Vor wenigen Jahren schrieb er die Lebensgeschichte seines Vaters auf: Hertzko Haft. Ein Auschwitz-Überlebender, der im KZ boxen lernte, dort zum Vergnügen der SS-Wachmannschaften in den Ring stieg und andere Häftlinge totschlagen musste. Nach seiner Befreiung ging Hertzko Haft nach Amerika und wurde dort – manchmal unter dem Vornamen Herschel, manchmal als Harry – Profiboxer. 1949 kämpfte er gegen den späteren Schwergewichts-Weltmeister Rocky Marciano. Diesen Kampf verlor er, und bis heute ist unklar, ob Marciano besser war oder Haft den Kampf unter dem Druck der Mafia verlieren musste. Nach seinem Marciano-Kampf zog sich Hertzko »Harry« Haft aus dem Sport zurück. Er wurde Arbeiter in einer Fabrik, heiratete und wurde Vater. Seine Erfahrungen in Auschwitz haben ihn sein Leben lang traumatisiert, er war psychisch zerstört.
In dem Buch »Eines Tages werde ich alles erzählen«, das Alan Scott Haft über die Lebensgeschichte seines Vaters verfasst hat, schreibt er: »Nach heutigen Maßstäben war ich ein misshandeltes Kind.«
Im Interview berichtet Alan Scott Haft von seiner schwierigen Kindheit, vom Kampf um Verständnis für seinen Vater und von der Resonanz, die er sich wünscht.

Herr Haft, wie schwierig war es für Sie, dieses Buch zu schreiben?
Gar nicht so sehr. Mein Vater war damals schon fast 80 Jahre alt, als ich anfing, und wir hatten mein ganzes Leben über eine sehr schwierige Beziehung. Auch als er schon alt war und ich langsam verstanden habe, wie viel Schlimmes er in seinem Leben mitgemacht hat, war er noch ein grausamer und gewalttätiger Mensch.
Wann haben Sie denn angefangen, Ihren Vater zu verstehen?
So ganz habe ich ihn nie verstanden. Man kann nicht in die Schuhe eines anderen Menschen schlüpfen. Was ich verstanden habe, und das sehr spät – da war ich schon erwachsen, hatte eine eigene Familie und lebte nicht mehr zu Hause –, war, dass er unerträglich schreckliche Dinge erlebt hat. Und die haben ihn geprägt.
Können Sie das genauer beschreiben?
Auch wenn Sie als erwachsener Mensch leben, so lässt Sie Ihre Kindheit doch nie los. Die Bilder begleiten Sie immer. Und mein Vater war noch ein Kind, 14 Jahre alt, als er ins KZ kam. Und hier hat er die schlimmsten Dinge erlebt. Er musste Menschen im Boxring erschlagen! Er hat gesehen, wie sich Menschen aufessen!
Er wollte, dass Sie seine Geschichte aufschreiben?
Ja, das war ihm wichtig. Er verstand das als Verpflichtung, und ich habe es übrigens auch so verstanden.
Eine Verpflichtung für wen?
Für das jüdische Volk, vor allem. Sie sollen wissen, was jemand von ihnen im KZ hat erleiden müssen. Wenn er seine Geschichte nicht erzählt hat und ich seine Geschichte nicht aufgeschrieben hätte, dann wäre sie vergessen worden. Niemand hätte sie gewusst. Wenn Sie so wollen, ist es eine Anne-Frank-Geschichte.
Ihr Vater ist 2007 gestorben, hat er noch die Chance gehabt, das Buch zu lesen?
Er war Analphabet, er hat es nicht lesen können. Er konnte nur Comics verstehen, und im Sportteil der Zeitung hat er die Ergebnisspalten gelesen. Mehr nicht. Aber wir haben es ihm natürlich vorgelesen. Und er war sehr glücklich, dass er das noch erlebt hat.
Ich hörte, dass es Pläne gibt, das Buch zu verfilmen. Stimmt das?
Die Filmrechte sind nur als Option verkauft. Ob es je gedreht wird, kann ich leider nicht sagen. Das Buch wurde hier in den USA ja auch in einem Universitätsverlag verlegt, wo es in einer Reihe mit den Biographien vieler Holocaust-Überlebender erschien. Da wird die besondere Geschichte meines Vaters nicht so deutlich. Und das Buch ist auch nur in Universitätsbibliotheken und einigen High-School-Bibliotheken erhältlich. Auf dem allgemeinen Markt ist es nicht zu haben.
Warum?
Das liegt daran, dass es ein Universitätsverlag ist. Und in dessen Programm passt es irgendwie auch nicht. Die Geschichte kann nicht gut in Klassen oder Seminaren gelesen werden.
Warum nicht? Mich hat die Geschichte sehr beeindruckt.
Es kommen viele Dinge zusammen, wenn man die Geschichte verstehen will. Es ist die Geschichte von unglaublichem Leiden. Und es ist gleichzeitig die Geschichte von jemandem, der aus diesem Grauen kam und gegen die besten Schwergewichtsboxer seiner Zeit, unter anderem Rocky Marciano, gekämpft hat.
Sie sind nicht zufrieden mit der Verbreitung?
In Amerika überhaupt nicht. Aber im Jahr 2007 ist mein Vater endlich in die Jewish Athletes Hall of Fame in New York aufgenommen worden. Eine große Ehre. In Deutschland ist es ja auch in einem Verlag erschienen. Und hier kommt täglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Graphic Novel, die auf dem Buch basiert. Der Zeichner Reinhard Kleist macht einen unglaublichen Job.

Alan Scott Haft: Eines Tages werde ich alles erzählen. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2009, 192 Seiten, 16,90 Euro

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