Kulturprekäre haben in Rom ein Theater besetzt

»Wie das Wasser, wie die Luft«

Seit mehr als vier Monaten halten prekäre Kulturarbeiterinnen und -arbeiter das ­älteste Theater Roms besetzt. Sie protestieren nicht nur gegen die drohende Pri­vatisierung des Schauspielhauses und die Einsparungen der italienischen Regierung im Kulturetat.

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Die Badesaison geht langsam zu Ende, doch die Medusen aus pinkfarbenem und azurblauem Tüll bewegen sich noch immer im Abendwind vor dem Teatro Valle. Ihre langen Tentakel flattern inzwischen sogar weit über die bunten Girlanden hinaus, die über die Gasse in der römischen Altstadt gespannt sind.
Seit Beginn der Sommerferien sind die Nesseltierchen aus Tüll dort zu sehen. Nach Ablauf der Spielzeit besetzte eine Gruppe »selbstorganisierter Arbeiterinnen und Arbeiter der darstellenden Künste« das Teatro Valle, das älteste Schauspielhaus Roms. Seither laden sie zu Workshops, Diskussionsveranstaltungen und einem täglich wechselnden Abendprogramm ein. Für Anwohner, Unterstützer, Sympathisanten und Touristen ist das besetzte Theater zu einem festen Treffpunkt geworden.
Die Abendvorstellungen beginnen lange nach Einbruch der Dämmerung. Eintrittskarten müssen nicht erworben werden, stattdessen werden die Besucherinnen und Besucher gebeten, den Appell »Gegen die Einsparungen im Kulturetat« zu unterzeichnen und die Besetzung mit einer Spende zu unterstützen. Die Petition steht auch auf der Rückseite der kopierten Programmzettel, die vor dem Eingang verteilt werden. In den ersten Wochen solidarisierten sich viele namhafte Vertreterinnen und Vertreter des italienischen Kulturbetriebs mit den Aktionen der Gruppe. Theaterdiven, TV-Stars und Popmusiker hatten Gastauftritte, auch der Filmemacher Nanni Moretti und der Bestsellerautor Andrea Camillieri schauten vorbei.
Doch die Hundstage verbrachten die Stars lieber am Meer, so dass sich im August eher weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler mit Lesungen, musikalischen Beiträgen oder Comedy-Einlagen auf der Bühne abwechselten. Auch die Besetzerinnen und Besetzer treten immer wieder auf, allerdings präsentieren sie sich nie unter ihrem eigenen Namen, sondern stets als Kollektiv »Teatro Valle Occupato« (TVO).
Inzwischen organisiert sich die Bewegung der Kulturprekären auch über die römische Altstadt hinaus. Während des Internationalen Filmfestivals in Venedig besetzten dort Mitglieder des TVO das dem Verfall anheimgegebene Theater Marinoni. In Rom arbeitet das Kollektiv seit Anfang September mit der Veranstaltungsreihe »Short Theatre« zusammen, die Theater- und Tanzperformances, Musikveranstaltungen sowie kulturelle und politische Debatten organisiert. Die Kooperation ermöglicht dem Kollektiv, seine Themen und Erfahrungen auf verschiedene Bühnen der Stadt zu bringen.

Seit den ersten Tagen der Besetzung hängt im Teatro Valle ein Transparent. Es zitiert einen Vers aus dem Stück »Bizarra« des argentinischen Dramaturgen Rafael Spregelburd: »Wie traurig ist doch die Vorsicht!«
Manuela, die das als Theater-Telenovela konzipierte Drama über Argentiniens Staatsbankrott übersetzt und bei der italienischen Erstaufführung Regie geführt hat, ist eine der Sprecherinnen des TVO: »Das Teatro Valle war bisher der nationalen Theaterbehörde Ente Teatrale Italiano (Eti) unterstellt. Nachdem die Eti von der Regierung im vergangenen Jahr aufgelöst worden war, und nach der weiteren Kürzung des staatlichen Etats zur Förderung der darstellenden Künste, war nicht klar, wie es nach der abgelaufenen Spielzeit weitergehen würde. Wir haben das Valle besetzt, um zu verhindern, dass es nach der Sommerpause geschlossen bleibt, stillschweigend privatisiert und am Ende nicht mehr als Theater genutzt wird.«
Zum Kollektiv gehören nicht nur Künstler, sondern auch Angestellte des technischen Bereichs. Vor allem den Bühnen- und Tontechnikern ist es zu verdanken, dass der allabendliche Theater­betrieb reibungslos verläuft. Außerdem hätte das Haus nicht besetzt werden können, wenn das Vorhaben nicht von Beginn an von einer Vielzahl Kulturschaffender aus den unterschiedlichsten Bereichen unterstützt worden wäre.

Am späten Vormittag hantiert Andrea im Flur des ersten Rangs mit zwei Staubsaugern. Nach jeder Abendvorstellung werden die roten Teppiche in den Gängen gesaugt, die Sesselpolster ausgeklopft, die Toilettenräume gereinigt, die Künstlergarderoben aufgeräumt.
Das Teatro Valle hat die typische Architektur der italienischen Theater des 18. Jahrhunderts. Der Saal ist hufeisenförmig und von Parkettlogen umschlossen, darüber folgen vier Ränge mit weiteren Logen. Obwohl es sehr aufwendig ist, das große Haus sauber zu halten, ist es für die Putzgruppe eine Ehrensache, das Theater wie ein Schmuckstück täglich auf Hochglanz zu polieren. Andrea inspiziert alle Stockwerke, wirft einen Blick in die entlegensten Hinterzimmer. Er kennt die besten Schlafplätze. Dass sich einige Besetzer in den Garderobenräumen eingerichtet haben, kann er nicht verstehen: »Man hat dann zwar gleich ein Bad nebenan, aber die Kammern wären mir zu eng.« Die ersten Nächte hat er vor einem der hinteren Notausgänge geschlafen, dort liegt jetzt noch eine Matratze. Sein Lieblingsplatz ist aber im fünften Rang, in einer großen Loge, direkt unter dem bemalten Theaterhimmel. »Inzwischen schlafe ich aber nur noch selten hier«, gesteht Andrea und fügt entschuldigend hinzu: »Vielleicht bin ich einfach schon zu alt für Hausbesetzungen.«
Vor einigen Monaten hat er mit seiner Band in einem besetzten alten Kino im Stadtteil San Lorenzo gespielt und dort einige der Schauspielerinnen kennengelernt, die die Besetzung des Theaters planten. »Als es soweit war, haben sie mich angerufen, weil sie in den ersten Tagen möglichst viele Leute brauchten. Da habe ich spontan zugesagt.« Inzwischen kommen Schülerinnen, Studenten und Theaterleute aus ganz Italien, die sich solidarisieren. »Einige, die von Anfang an dabei waren, sind zwischendurch für ein paar Tage zur Erholung ans Meer gefahren«, verrät Andrea. »Ja, aber sie halten es ohne das Valle nicht lange aus«, lacht Laura. Sie gehört zur Gruppe, die an den Wochenenden historische Führungen durch das Theater anbietet.
Das Teatro Valle wurde 1727 eingeweiht. Gebaut wurde es auf Wunsch des römischen Grafen Camillo Capranica. Nach der Einigung Italiens 1871 schenkte die Adelsfamilie das Theater dem jungen Nationalstaat, noch heute haben die Nachkommen des Mäzens jederzeit ein Anrecht auf ihre damalige Ehrenloge. Laura erzählt von Liebesaffären, Skandalen und großen Publikumserfolgen. »Hier wurde Luigi Pirandellos Stück ›Sechs Personen suchen einen Autor‹ uraufgeführt. Im Valle war man immer offen für Neues, für Experimentelles, auch deshalb liegt uns so viel daran, gerade dieses Theater zu erhalten.« Plötzlich taucht ein junger Mann auf, der Lauras Ausführungen mit einem nervösen Kopfnicken begleitet. Er kennt alle Anekdoten. Wenn Laura ein Detail vergisst, wird er zum Souffleur, gibt ihr ein Stichwort vor. »Das ist Marcello«, sagt Andrea später, »niemand kannte ihn vorher, plötzlich war er einfach da.« Er ähnelt einem buffone, dem Narren aus der italienischen Commedia dell’Arte.

Im Foyer sitzt der Fotograf Francesco Carbone auf einem weinroten Ledersofa vor einem seiner Portraits von Pina Bausch. Er hat dem Kollektiv mehrere seiner berühmten Aufnahmen von der Choreographin zur Verfügung gestellt. Sie schmücken die Wände des Eingangsbereichs. Die Bar ist außer zu besonderen Anlässen für das Publikum geschlossen. In der Halle, die eine Erweiterung des ursprünglich sehr engen Foyers darstellt, haben sich die Besetzerinnen und Besetzer eine Art Wohnküche eingerichtet. Auf den Tischen stehen Unmengen von Plastikbechern und Wasserflaschen. An den Wänden hängen Arbeitspläne, Terminkalender, Suchanzeigen. Lokale Zeitungsar­tikel über die Besetzung und Bilder von den Riots in London kleben an einer Säule. Es ist ruhig im Saal, einige liegen schläfrig auf den Sofas, jemand jongliert mit einem Laptop auf dem Bauch.
Andrea hat in den vergangenen Tagen im Valle seine neue CD aufgenommen. Er kann kaum glauben, wie viel seit den ersten Tagen der Besetzung passiert ist. »Wir hatten eher an eine sym­bolische Aktion gedacht. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es keinen Räumungsversuch gibt.«
Seit die Eti aufgelöst wurde, ist das Theater nicht mehr dem Staatsministerium für Kultur, sondern der römischen Stadtverwaltung unterstellt. Diese ist aber mit der neuen Situation überfordert. Der Plan des Kulturdezernenten Dino Gasperini, die Leitung des Theaters zunächst dem Stadttheater zu übertragen, um dann in einer öffentlichen Ausschreibung einen neuen, privaten Betreiber zu finden, scheint mit der Besetzung hinfällig geworden zu sein. Es gab zwar eine öffentliche Diskussionsveranstaltung mit Gabriele Lavia, dem aktuellen Leiter des Teatro di Roma, doch die angebotene Übergangslösung war für die Besetzerinnen und Besetzer von Anfang an inakzeptabel.
»Niemand von uns fordert, die Eti wieder aufleben zu lassen«, sagt Ilena, »die Theaterbehörde war ein bürokratisches Monstrum, in dem Korruption und Vetternwirtschaft regierten. Andererseits erfüllte die Eti – zumindest ihren Statuten nach – Funktionen, die wir weiterhin garantiert sehen wollen. Es gehörte zum Beispiel zu ihren Aufgaben, die junge Dramaturgie zu fördern.«
Dem Kollektiv geht es nicht darum, das Teatro Valle in Besitz oder selbst die Leitung zu übernehmen. »Aber es war eine wichtige Entscheidung, nicht mit der Stadt zu verhandeln«, bekräftigt Manuela, »unsere Aktion zeigt, dass man öffentliche Strukturen transparent und im Austausch mit der Bürgerschaft verwalten kann und muss. Wir werden im Herbst einen Vorschlag unterbreiten, der zum Modell für die Verwaltung aller öffentlichen Theater in Italien werden könnte.«

Das Transparent an der Außenfassade propagiert diesen Vorschlag bereits: »Wie die Luft, wie das Wasser: Das Valle ist ein Gemeingut!« Dass die Besetzung des Theaters im Juni nur einen Tag nach dem erfolgreichen Volksentscheid gegen die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung ihren Anfang nahm, war Zufall. Doch das erfolgreiche Referendum hat eine enorme Aufbruchstimmung erzeugt. Ugo Mattei, ein Turiner Dozent für Zivilrecht, der zu den Initiatoren der Volksabstimmung gehörte, wurde deshalb als erster zu einer der öffentlichen Vollversammlungen des Theaters eingeladen.
Für Mattei steht fest, dass in Zeiten harter sozialer Auseinandersetzungen um jedes Gemeingut gerungen werden muss, weder seine Anerkennung noch seine Verteidigung sei delegierbar. In diesem Sinne hält er die Aktion des TVO für vorbildlich: »Die Besetzerinnen und Besetzer haben von Anfang an ein unglaubliches Talent gezeigt, das Theater als Gemeingut zu interpretieren. Sie haben der Bürgerschaft die Möglichkeit zur Teilhabe geboten, haben einen Raum geschaffen, der stets für alle offen ist, zur politischen und kulturellen Diskussion einlädt.« Deshalb betrachtet Mattei das Teatro Valle als »außergewöhnliches Laboratorium zur Konstituierung eines neuen Modells von Legalität«, in dem weder die Logik des privaten Profits noch jene der öffentlichen Macht gelte. In Zusammenarbeit mit dem Kollektiv will er bis zum Herbst einen Vorschlag für ein »neues Recht« zur Verwaltung von Gemeingütern ausarbeiten. »Die Idee des Gemeinguts verbreitet sich heute in Italien immer mehr, sie wird hegemonial werden«, sagt Mattei.
Als Schlagwort hat sich das »Gemeingut« unter den außerparlamentarischen Bewegungen der italienischen Linken bereits etabliert. Dass es längst nicht mehr nur um die Zukunft des Theaters und die rechtliche soziale Absicherung der darstellenden Künstler geht, zeigt sich bei den Vollversammlungen, auf denen der Zusammenschluss mit anderen »Kulturarbeitern« geprobt wird.
Für Christian, Mitbegründer der politisch-literarischen Gruppe »Generation 30/40« gilt es, die Kultur insgesamt als Gemeingut zu verteidigen. »Es geht auch um die Bibliotheken, die Schulen, die Universitäten und das Verlagswesen, es geht darum, gegen die Demontage des kulturellen Lebens in Italien Widerstand zu leisten.«
Das TVO sieht sich in der Tradition des griechischen Theaters. Für die alten Griechen war das Theater mehr als eine Vergnügungsstätte, es war der Ort, an dem die polis zusammenkam, an dem die Bürger gemeinsam über kulturelle und politische Belange diskutierten.
Auch in den beiden Bars vor dem Theater wird bis spät in die Nacht diskutiert, wie es angesichts der sich verschärfenden wirtschaftlichen und politischen Krise Italiens weitergehen soll. Ende August bekam das TVO für sein Engagement den sizilianischen Theaterpreis Salvo Randone verliehen, der Jury galt die Besetzung als »bestes Ereignis der Theatersaison 2011«. Für Fulvio ist das Valle allerdings nur ein symbolischer Ort: »Wir werden uns nicht im Theater verschanzen, unser Kampf ist draußen. Das Modell Valle hat gezeigt, dass es starke Aktionen braucht, dass sich der Kampf radikalisieren muss.«
Nicht alle aus dem Kollektiv schlagen so kämpferische Töne an. Die Gruppe ist sehr heterogen, einige betätigen sich zum ersten Mal politisch, bei anderen erkennt man am Jargon, in welchen politischen Zusammenhängen sie bisher agierten. Doch alle sind sich einig, dass es nicht mehr genügt, die kulturelle Misere zu beklagen, einfach nur Wut und Empörung zu demonstrieren. »Das sind Modelle, die uns nicht mehr gefallen«, sagt Christian. Und Claudia ist sich sicher: »Das Problem der Prekarisierung wird Kreative, Kopf- und Fabrikarbeiter zusammenführen. Die Aufgabe unserer Generation ist es, Konflikte zu organisieren.«
Das Teatro Valle Occupato wird bis auf weiteres der Ort sein, von dem aus der Aufbruch koordiniert werden kann. Für den 30. September ist dort die erste nationale Vollversammlung der prekären Kulturschaffenden geplant.