Die ideologischen Implikationen im Werk von Heinrich von Kleist

Über die allmähliche Verfertigung der Kritik beim Schreiben über Heinrich von Kleist

An dem von Nicolas Pethes herausgegebenen Sammelband »Ausnahmezustand der Literatur« wird deutlich, dass die Germanistik nicht länger den ideologischen Implikationen im Werk von Heinrich von Kleist ausweichen kann.

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Und schon wieder: »Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist«! Diesmal unter dem Motto »Ausnahmezustand der Literatur«, gegliedert
in die Kapitel »Krieg«, »Recht« und »Leben«. Der Untertitel wirkt dabei nicht unbedingt einfallsreich, aber im langsam zu Ende gehenden Kleist-Jahr mit seinen zahlreichen Publikationen zu dem Schriftsteller, der sich im November vor 200 Jahren am Wannsee in Berlin das Leben nahm, dürfte es tatsächlich schwer sein, überhaupt irgendein Label zu finden, das überrascht.
»Ausnahmezustand«? Muss man da nicht gleich wieder befürchten, dass in mindestens jedem zweiten Beitrag der nationalsozialistische Rechtstheoretiker Carl Schmitt mit seiner Definition des »Ausnahmezustandes«, den der »Souverän« bestimme, erwähnt wird? Aus unerfindlichen Gründen mögen die Germanisten Schmitt und schätzen ihn als Denker sogar so sehr, dass sie ihn bisweilen in einem Atemzug mit Walter Benjamin nennen – was so schamlos ist, als würde man Jean Améry als Bruder im Geiste von Ernst Jünger oder Martin Heidegger bezeichnen.
Ganz so schlimm kommt es zwar nicht, aber tatsächlich ist die Häufigkeit, mit der Carl Schmitt in der ersten Sektion des Bandes, die sich dem Thema »Krieg« widmet, erwähnt wird, auffällig hoch – und bei der gewählten Fragestellung ist das wohl auch geradezu zwangsläufig. Erfahrungsgemäß folgen darauf stets Ausführungen zu Giorgio Agambens raunender Studie »Homo Sacer« von 2002, und hier liegt wohl auch das Problem: Ist es doch vor allem der italienische Modephilosoph Agamben, der sich genauso gerne an Carl Schmitt abarbeitet, wie er sich zugleich auf Heidegger, Hannah Arendt und Walter Benjamin beruft, um den »Ausnahmezustand« sowohl mit Auschwitz als auch Guantánamo in Verbindung zu bringen, die beide gewissermaßen Folgen eines einzigen totalitären biopolitischen Strebens seien, das bereits in der Antike begonnen habe. Wie das alles im Einzelnen »gemeint« sein soll, ist nicht nur aufgrund des Übersetzungsproblems, sondern wohl auch in Folge von Agambens vager Begrifflichkeit umstritten. Leider haben besonders Germanisten seit Jahren ein Faible für diesen unguten sprachlichen Heidegger-Jargon und greifen dessen fragwürdige philosophische Grenzüberschreitungen begierig auf, um damit ihre Texte theoretisch aufzuwerten. Dadurch wird nicht zuletzt Michel Foucaults Denken, das nicht zu verachten ist, in literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zusehends diskreditiert. Überall, wo von Foucaults Begriff der »Biopolitik« die Rede ist, muss nämlich mittlerweile auch Agamben genannt werden, wenn man sich in der Zunft Geltung verschaffen will.
Germanisten, die Carl Schmitt zitieren, rufen in einer der nächsten Fußnoten garantiert Giorgio Agamben auf, um anschließend auf Michel Foucaults Begriff der »Biopolitik« zu sprechen zu kommen. Es kann natürlich auch einmal einer der drei Namen weggelassen werden. Um aus dem hier vorgestellten Band nur ein Beispiel zu nennen: In seinem Beitrag über die »Rettung bei Kleist« (unter der Rubrik »Leben«) referiert der Essener Privatdozent Johannes F. Lehmann den Begriff des »Ausnahmezustands« aus Agambens »Homo Sacer« zusammen mit dem der »Biopolitik« bei Foucault.
Muss man als Literaturwissenschaftler wirklich immer und zu jeder Gelegenheit »Homo Sacer« erwähnen, um zu einer solchen Ringvorlesung eingeladen zu werden, wie sie dem vorliegenden Sammelband zugrunde liegt? Im Vorwort des Herausgebers Nicolas Pethes ist die Vorgabe jedenfalls schon gleich zu Beginn eindeutig: Fußnote zwei: Giorgio Agamben, »Homo sacer«, Fußnote drei: Carl Schmitt, »Politische Theologie«, Fußnote vier: Michel Foucault, »Der Wille zum Wissen«.
Der von dem Bochumer Literaturprofessor Pethes im Wallstein-Verlag herausgegebene Band versammelt zahlreiche Autorinnen und Autoren, die vielleicht nicht unbedingt als Koryphäen der Kleist-Forschung bekannt sind, sich aber anderweitig als interessante Persönlichkeiten des Faches bereits einen Namen gemacht haben. Gerade solche Publikationen sind oft die innovativsten, weil sie unerwartete Perspektiven und Forschungsansätze bieten können, wo die sogenannten Experten längst nur noch Bekanntes herunterbeten, was sogar noch langweiliger ist als die Ausführungen zu Agamben, die die Jüngeren anzubieten haben.
Auch wenn Yvonne Wübben in der ersten Fußnote ihres Aufsatzes auf »Giorgio Agamben: Homo Sacer« verweist, gehört ihr Essay zu den lesenswerten Beiträgen des Bandes. Seit einiger Zeit ist sie Juniorprofessorin in Bochum, mit einem zweiten Doktortitel in Medizin. Wübben siedelt Kleists Drama »Penthesilea« (1808), in dem die Heldin am Ende ihren Geliebten Achill »aus Liebe« zusammen mit ihren Hunden zerreißt, weil sich »Küsse« auf »Bisse« reime, im Spannungsfeld zwischen »Forensik und Philologie« an. Dabei nimmt sie Richard von Krafft-Ebings verkürzte Analyse des Stücks in dessen »Psychopathia sexualis« (1891) auseinander. In ihrem Beitrag wird wunderbar deutlich, inwiefern Kleist um 1900 durch die neuen Kate­gorien psychiatrischer Ansätze und Betrachtungsweisen neu rezipiert wurde und im Ansehen seiner Leser von einem verkrachten Autor, der die Regeln der Weimarer Klassik entweihte, zu einem modernen Schriftsteller avancierte.
So rückt Wübben die Korrespondenzen zwischen der Neuentdeckung Kleists um 1900 und der psychiatrischen Begriffsbildung rund um den Terminus des »weiblichen Sadismus« und der Sexualpathologie allgemein anhand ihrer »Penthe­silea«-Interpretation erhellend ins Blickfeld: Der Aufsatz beeindruckt also vor allem dadurch, dass er einen rezeptionshistorischen Rückblick zu einer interdisziplinären Analyse der forensischen Wissensbildung um 1900 erweitert.
Friedrich Balke, Professor für Geschichte und Theorie künstlicher Welten an der Bauhaus-Universität Weimar, ist ein ähnlicher Fall. Er liest Kleists »Herrmannsschlacht« mit Sigmund Freuds Studie »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« (1905). Man ist zunächst irritiert: Ist denn Kleists Partisanen- und Terror-Stück von 1808, das einen Genozid an den Römern (vulgo: Franzosen) fordert, irgendwie »witzig«?
Zunächst einmal ist Balkes Abhandlung eine sehr genaue Darstellung der Partisanenthematik bei Kleist und kommt deshalb natürlich nicht ohne Carl Schmitts diesbezügliche theoretische Schriften aus. Das ist hier quasi unumgänglich, wobei es wirklich verblüfft, wie es Balke darüber hinaus gelingt, Kleists schillerndes Fanatiker-Drama mit den Strategien des Witzes, wie sie Freud analysiert, interpretieren. Das theatrum belli als Schauplatz des Unbewussten offenbart hier eine drastische Technik des Witzes als »Greulsystem von Worten« (Kleist) und legt viele seltsame Brüche in Kleists Text offen, der aufgrund seiner haarsträubenden ideologischen Programmatik lange Zeit kaum näher untersucht wurde.
Balkes Aufsatz zeigt damit aber auch vor allem, dass Literaturwissenschaftler immer noch gut daran tun, Freud und die Psychoanalyse nicht einfach abzuschreiben: Literatur mit Freud zu lesen, ist gewissermaßen so sehr old school, dass es schon wieder cool ist. Anders als mit theoretisierenden NS-Mordgesellen wie Carl Schmitt kann man mit Freud wieder denken lernen und auch Kleist zugleich offener und kritischer interpretieren.
Einen solchen Ansatz verfolgt der Siegener Literaturprofessor Niels Werber, dessen lesenswertes Buch über die »Geopolitik der Literatur« bereits 2007 aufhorchen ließ. Werber fasst im vorliegenden Beitrag noch einmal seine literaturhistorischen Ausführungen zu Kleists »Herrmannsschlacht« zusammen. In seinen Beitrag eingeflossen ist außerdem seine wichtige Erinnerung an die Rezeption von Kleist im Nationalsozialismus, wobei diese Ausführungen noch einmal ergänzt wurden. Der Aufsatz zeigt, weshalb gerade Carl Schmitt die »Herrmannsschlacht« als »größte Partisanendichtung aller Zeiten« rühmte und warum er sich auch nach dem Krieg noch so sehr dafür interessierte. Kleists terroristische »Geopolitik«-Propaganda speziell in diesem Stück war seiner Zeit um 1800 weit voraus, und zwar im übelsten Sinne: »Kleists Geopolitik schlägt um in eine rassistische Biopolitik. Sein Herrmann führt einen totalen Krieg gegen einen absoluten Feind. Der Schritt bis zur ›Vernichtung allen lebensunwerten Lebens‹ sei nicht weit, hat Schmitt in seiner ›Theorie des Partisanen‹ (1963; J.S.) gewarnt. Das ›Dritte Reich‹ hat diesen Schritt getan, und die völkische Germanistik hat Kleist als Kronzeugen für diesen Weg in Beschlag genommen.« Diesen Traditionslinien müsse man sich gerade auch dann stellen, »wenn man Kleists Literatur schätzt«, beschließt Werber seinen Beitrag.
Ähnlich argumentiert Harald Neumeyers mehr als 40 Seiten umfassender Aufsatz »›Neger-Empörung‹. Zur Legitimität von Gewalt in Heinrich von Kleists ›Die Verlobung in St. Domingo‹«, der die komplette, jahrzehntelange Debatte um einen der meistinterpretierten Texte der Literaturgeschichte wieder aufrollt und immerhin bis Fußnote 111 wartet, bis auch in ihm erstmals der seltsame Begriff des »tötbaren Lebens« aus Giorgio Agambens »Homo Sacer« zitiert wird.
Neumeyers Beitrag wiederholt jene bohrenden Fragen, welche die Kleist-Deuter seit Mitte der siebziger Jahre immer wieder umgetrieben haben: »Kann es sein, dass einer der renommiertesten deutschsprachigen Autoren, kanonisch für den Schul- wie Universitätsunterricht, ein Rassist ist? Kann es sein, dass dieser Autor eine kolonialistische Perspektive affirmiert, insofern er das Sklavenhaltersystem nirgends fundamental hinterfragt und somit Unterjochung wie Ausbeutung der Schwarzen billigt?«
Vor dem Hintergrund des Forschungsstands zu Kleists Novelle, die von einer heiklen Liebesgeschichte im kriegerischen Kolonial-Setting handelt und die mit verspritztem Hirn an den Wänden endet, darf man spätestens seit Herbert Uerlings bahnbrechendem Aufsatz zur »interkulturellen Begegnung« in Kleists blutrünstigem Haiti-Text »Die Verlobung in St. Domingo« resümieren, dass dem in der Tat so sein »könne«.
Selbstverständlich war Kleist Rassist, wie die meisten Menschen zu seiner Zeit: Neumeyer sichtet dazu ausführlich zeitgenössische Darstellungen des »Rassenkrieges« in der französischen Kolonie in der Karibik, in der Kleists Text angesiedelt ist. Er kommt zu dem Ergebnis, dass sie alle, wie kritisch sie auch ausfielen, die Trennung und die verschiedene »Wertigkeit« der schwarzen und weißen »Rasse« niemals wirklich in Frage stellten – wobei die Standpunkte, die damals diskursbestimmend waren, auch in Kleists Novelle alle wieder auftauchten. Letztlich gehe seine Erzählung aber doch wieder über diese historiographischen Schriften seiner Zeit hinaus und sei »beispiellos«, weil sie die Rollen von »Gut« und »Böse« in diesem verhängnisvollen ideologischen Rahmen verkehre und »einen Weißen schwarz sowie einen Schwarzen weiß« werden lasse, wie Neumeyer zusammenfasst.
Wirklich neu ist diese Schlussfolgerung nun auch wieder nicht. So fragt man sich am Ende schon, ob Neumeyer für dieses Ergebnis wirklich derart ausführlich, um nicht zu sagen redundant in die historische St. Domingo-Literatur um 1800 hat eintauchen müssen. Offenbar ist es dem Autor nicht recht möglich gewesen, seine unübersehbare Freude an der historischen Archivrecherche so zu zügeln, dass hinterher ein konziserer Text daraus resultierte.
Ohne dass an dieser Stelle weitere Beiträge aus Pethes’ Band referiert werden könnten, bleibt festzuhalten, dass bereits der Querschnitt, der sich aus dem Zusammenspiel der hier erwähnten Aufsätze ergibt, immerhin keinen Rückschritt darstellt: Auch Neumeyers emsige Quellenkunde etwa trägt ja zur kritischen Erforschung des literarhistorischen Umfelds der Kleistschen Werke mit bei, selbst wenn man die Ökonomie und den Stil der Darbietung im Einzelnen missbilligen mag.
Kurz gesagt: Auch wenn einige Beiträger des Buches auf die Themenstellung eines »Ausnahmezustands der Literatur« bei Kleist mit erwartbaren germanistischen Reflexen reagieren, kann sich der Sammelband als Beitrag zum Kleist-Jahr und auch noch darüber hinaus sicher sehen lassen: Die Zeiten hagiographischer Vertuschungen der vielen Probleme, die sich sich bei der Lektüre dieses Autors ergeben, sind zumindest definitiv vorüber.

Nicolas Pethes (Hrsg.): Ausnahmezustand der Literatur. Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist. Wallstein Verlag, Göttingen 2011, 350 Seiten, 24, 90 Euro