Der indische Bundesstaat Kerala ist eine kommunistische und christliche Hochburg

Indien light

Kommunismus, Christentum und »sanfter Tourismus«. Der südindische Bundesstaat Kerala entspricht so gut wie keinem der Klischees, die über Indien herrschen: keine IT-Industrie, keine überfüllten Metropolen, keine Slums. Das könnte sich aber bald ändern.
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Alte Postboote sichern den täglichen Pendelverkehr entlang der Backwaters, der Wasserkanäle. Hier in Kerala, an der südwestlichen Spitze des indischen Subkontinents, lässt es sich sehr günstig auf wenigen Quadratmetern leben. Ungefähr jede zweite Unterkunft ist mit einer TV-Satellitenschüssel ausgestattet, doch fließendes Wasser gibt es nicht. Morgentoilette, Geschirr- und Wäschewaschen, das alles wird direkt am Wasser vor der Haustür erledigt. Die nicht gerade sauberen Wasserwege werden zum verlängerten Badezimmer und zur Waschküche zugleich. Zur Sicherung der Nahversorgung schippern mobile Supermärkte die Kanäle entlang. Bei genauerem Hinsehen bemerkt man die unglaubliche Verschmutzung der Ufer – Plastikflaschen, so weit das Auge reicht.  

Die in ihren Sari gehüllten Frauen auf dem Weg zur Arbeit sowie die Schulkinder haben immer eine Plastiktüte dabei. Mit den exakt genähten Stofftaschen, mit denen die vielen Touristen oft ausgestattet sind, können sie wenig anfangen. »Plastik statt Stoff« heißt hier die Devise. Schließlich ist eine Tüte aus Plastik moderner.
Weniger modern ist hingegen das Konterfei von Che Guevara, das ab und zu aus dem Nichts auf Plakatwänden inmitten der Kanäle auftaucht. Entlang der Landstraßen reihen sich in Kerala unübersehbar kommunistische Fahnen aneinander. Oft stehen sie neben hinduistischen oder christlichen Denkmälern. Ausgeblichene rote Fähnchen mit Hammer und Sichel flattern an Bushaltestellen ebenso wie vor öffentlichen Gebäuden. Hammer-und-Sichel-Graffitis zieren viele Hausmauern. In diesem Bundestaat regierte die weltweit erste demokratisch gewählte kommunistische Partei seit 1957 mit wenigen Unterbrechungen. Bei den Regionalwahlen im Frühjahr erlitt die Kommunistische Partei Indiens allerdings eine schwere Niederlage und verlor etwa neun Prozentpunkte. Als Siegerin in Kerala ging die nationale Regierungspartei Indian National Congress aus den Wahlen hervor. Das ist wenig überraschend, selbst in einer kommunistischen Hochburg. Denn bereits vor den Wahlen war die Vorsitzende der Kongresspartei, Sonia Gandhi, sehr beliebt in Kerala. Die aus Italien stammende Parteivorsitzende, deren Ehemann, der ehemalige Premierminister Rajiv Gandhi, vor 20 Jahren ermordet wurde, hat die politische Tradition der Familie Gandhi bislang diskret fortgeführt. Im Sommer verbrachte die erkrankte Frau mehrere Wochen in einer Klinik in den USA, es wird daher erwartet, dass sie die Führung der Kongresspartei demnächst an ihren Sohn Rahul abgibt.
Zwar sind die indischen Kommunisten seit Jahrzehnten zerstritten und zersplittert in Stalinisten, Marxisten, Naxaliten und anderen Gruppen. Insgesamt kommen sie in Kerala jedoch immer noch auf gut 40 Prozent der Wählerstimmen. Ihr Einfluss drückt sich nicht nur symbolisch aus, mit roten Fahnen und Che-Guevara-Plakaten. In Kerala fehlt von den sprichwörtlich gewordenen indischen Call-Centern und der IT-Industrie der indischen Metropolen jede Spur. Genauso wenig bekommt die ländliche Be­völkerung hier etwas von der Expansion indischer Konzerne in Afrika oder Lateinamerika mit.

Im Stoffgeschäft in der Provinzstadt Kottayam herrscht eine strenge Arbeitsteilung. Das schafft Arbeitsplätze. Wenn man auf den drei Etagen Sari, Stoffe oder andere Textilien ausgesucht hat, werden diese von zwei Frauen verbucht. Freundlich lächelnd stellen sie einem den Empfangsschein aus, mit dem man sich an der Kasse im Erdgeschoß anstellt. Hat man bei einem der drei auffällig langsam tätigen Kassierern mit stoischer Miene bezahlt, erhält man einen Beleg. Mit Empfangsschein und Kassenbeleg stellt man sich am gegenüberliegenden Schalter nochmals an. Einer der drei Herren dort händigt einem die sorgfältig in Papier verpackten Textilien schließlich aus.
»Sie sehen, dass es in Kerala keine Industrie gibt. Das haben die Kommunisten bisher verhindert, die haben hier alles unter Kontrolle«, ärgert sich Mathew Moozhiyil. Er ist Christ und führt den »lieben Gott« so oft im Mund, dass man glauben könnte, er sei Priester. Doch der Mann ist Agraringenieur, Vater von drei erwachsenen Kindern und betreibt sogenannten »sanften Tourismus« im Landesinneren.
Nachdem er mit seiner Familie mehr als 20 Jahre in Westdeutschland gelebt und gearbeitet hatte, ließ er sich mit Ehefrau Leela und Sohn Christoph in Sreekandamangalam in einem alten Bauernhof nieder und gründete ein »Basis«-Projektdorf. Die Bezeichnung steht für »Basic Agricultural and Social Improvement Schemes«. Ziel der Inititative ist es, den Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes »die Möglichkeit zu geben, durch Eigeninitiative ihre Talente zu entdecken, Selbstständigkeit zu entwickeln und dadurch ihre Lebenssituation zu verbessern«, wie es in der Eigen­beschreibung im Internet heißt. Neben verschiedenen handwerklichen, land- und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten gehört »sanfter Tourismus« zu den Angeboten des Projektdorfs.
»Mit meinen Erfahrungen aus Europa wollte ich die Einheimischen, auch die Angehörigen der niedrigsten Kaste, unterstützen, ihnen Arbeit verschaffen, die Landwirtschaft fördern und auf diese Weise Entwicklungshilfe leisten«, sagt Mooz­hiyil über das Projekt und erzählt freimütig, dass er an seine Angestellten auch Kredite vergibt. Das alles nicht ohne Eigennutz, versteht sich.
Nach 20 Jahren laufen die Geschäfte gut für ihn. Von Deutschland aus organisiert er mit seinen Mitarbeitern Reisen, die vor zwei Jahren bei der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin sogar mit dem »Go Asia Award 2009« ausgezeichnet wurden. Dem »ökologischen Touristen« werden Ayurveda-Kuren angeboten, aber auch Möglichkeiten, sich an den verschiedenen Aktivitäten in dem Projektdorf zu beteiligen. Ayurveda- und Kokosölmassagen mögen viele Westeuropäer genauso wie den Eindruck, sich vom Massentouristen abzuheben. Für einen knapp zweiwöchigen Aufenthalt in dem Dorf muss man rund 1 000 Euro pro Person zahlen.
Seine Familie habe Schwierigkeiten gehabt, sich im Dorf zu integrieren, gesteht Moozhiyil. Das Hauptproblem sei die Sprache gewesen. Malayalam, die tamilische Landessprache Keralas, mussten sie erst mühsam erlernen. Denn Englisch sprechen nur die gebildeten Keralesen. Hindi wird eher in den nördlicheren Bundesstaaten gesprochen. Moozhiyil glaubt, eine Erklärung zu haben, warum es für ihn und seine Familie so schwierig war, die Landessprache zu lernen: »Die Lehrer sind hier bis zu den Zehennägeln gewerkschaftlich organisiert und kümmern sich dafür weniger um die Schüler.« Die Zahlen widersprechen allerdings seiner These: Mit rund 90 Prozent sowohl bei Männern als auch bei Frauen hat Kerala die höchste Alphabetisierungsrate Indiens, der Gesamtdurchschnitt aller 28 Bundesstaaten liegt bei 65 Prozent. Kerala ist seit jeher Vorreiter im Bildungswesen, wie aus offiziellen Statistiken hervorgeht.
Dass der Kommunismus eine derart große Bedeutung erlangen konnte, wird größtenteils auf die Ezhavas zurückgeführt. Diese traditionell niedrige Hindu-Kaste kämpfte zunächst für den freien Zugang zu den Tempeln, auch für die soge­nannten Unberührbaren. Später wurden die Ezhavas die Anführer der kommunistischen Bewegung.

Kerala ist für indische Verhältnisse ein kleines Land, etwa halb so groß wie Österreich, und es geht ihm relativ gut. Mehr als 33 Millionen Einwohner leben hier auf einer Fläche von 38 800 Quadratkilometern. Hinzu kommen etwa drei Millionen Wanderarbeiter aus dem angrenzenden Staat Tamil Nadu sowie aus Assam oder Westbengalen im Norden. In den meisten Fällen arbeiten sie unter sehr schlechten Bedingungen, weshalb auch das Thema der Arbeitnehmerrechte in den Medien des Bundesstaates sehr präsent ist. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Regionalausgabe der englischsprachigen Tageszeitung The Hindu nicht über den Streik einer Berufsgruppe berichtet, sei­en es die Bediensteten der Mahatma-Gandhi-University in Kottayam, die Busfahrer in Kochi, der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates, oder die Fahrer der motorisierten Tuk-Tuks in der Provinzstadt Alappuzha. Denn auch hier steigen die Nahrungsmittelpreise schneller als die Löhne. Manchmal beschränken sich die Gewerkschaften darauf, nur zum »langsamen Arbeiten« aufzurufen.
Der Landstrich hat eine liberale Tradition. Selbst den erzkatholischen Portugiesen – die hier Kolonialherren waren, bevor die Niederländer und dann die Briten kamen – gelang es nicht, die Keralesen zur katholischen Kirche zu bekehren, obwohl »das Christentum mit einem Boot angekommen war und sich in Kerala ausbreitete wie Tee aus einem Teesack«. So formuliert es die weltbekannte keralesische Schriftstellerin und Globalisierungskritikerin Arundhati Roy in ihrem Roman »Der Gott der kleinen Dinge«, der 1997 mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde.
Mittlerweile werben Tourismus-Unternehmen aus Kerala mit dem Slogan »God’s own country« für den Bundestaat als attraktives Ziel für ausländische Besucher. Nach wie vor stellt Kerala eine christliche Hochburg in Indien dar: Rund sechs Millionen Einwohner, 20 Prozent der Bevölkerung, bekennen sich zum Christentum. Mit 53 Prozent – und damit deutlich weniger als im indischen Durchschnitt, der bei 80 Prozent liegt – steht der Hinduismus an erster Stelle, gefolgt vom Islam mit 26 Prozent.
In Keralas Provinz Kottayam ist die syrisch-orthodoxe Kirche besonders stark, es gibt hier so­gar ein syrisch-orthodoxes Pilgerzentrum. Hier in Zentralkerala sind sogar 40 Prozent der Einwohner Christen. Die Catholic Syrian Bank (CSB) unterhält dort Filialen, ihr orangefarbenes Logo ist unübersehbar im gesamten Bundesstaat verstreut. Die CSB hat sich zwecks Gewinnoptimierung 2009 mit der Federal Bank zusammengeschlossen.

Wer keine Arbeit im Dienstleistungsbereich oder in der Landwirtschaft hat, wandert aus. Viele tun das, mit seit den achtziger Jahren deutlich steigender Tendenz. Bislang sind insgesamt mehr als zwei Millionen Keralesen ausgewandert. Zu 95 Prozent lassen sie sich in den arabischen Ländern des Mittleren Osten nieder. Sie schicken mehrere Millionen Euro jährlich nach Hause, globalisierte Banken wie die omnipräsente Western Union Bank machen das möglich.
Die Folgen sind unübersehbar. In den vergangenen Jahren haben sich viele der emigrierten Keralesen neue Villen bauen lassen. Teils sind sie modern und bunt bemalt, teils eher protzig mit korinthischen Säulen und überdimensionalen Satellitenschüsseln geschmückt. Die Regierung fördert die Armen weiterhin mit Essensmarken und Nahrungspaketen. Trotz der hohen Be­völ­kerungsdichte sieht man hier vielleicht auch deshalb keine Slums. Kerala konnte man bisher gewissermaßen als »Indien light« bezeichnen. Nach dem Wahlsieg der Kongresspartei, die in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens marktwirtschaftliche Reformen durchführen will, befürchten viele, dass das soziale System in Kerala ungerechter werden könnte.