Andreas Böhm im Gespräch über die Gewalt der Jugendbanden in Guatemala

»Man hat jeden Tag Angst«

Der Journalist Andreas Böhm hat ein Buch über die Gewalt der Jugendbanden in Guatemala geschrieben. »Teuflische Schatten« beruht auf den Erzählungen einer jungen Frau, die durch ihren Freund in das brutale Milieu der Maras geriet. Ein Gespräch mit dem Autor über den Zusammenhang von Rassismus, Gewalt und Männlichkeitskult.

In ihrem Buch »Teuflische Schatten« setzen Sie sich mit den Maras in Guatemala auseinander. Welche Beziehung haben Sie zu dem Land und dem Problem der Jugendbanden?
Meine Beziehungen zu dem Land und generell zu Mittelamerika reichen ungefähr 20 Jahre zurück, als ich dort in verschiedenen Bereichen des Tourismus zu arbeiten begann. Jugendbanden wie die Mara Salvatrucha beschäftigen natürlich gezwungenermaßen jeden, der einmal über einen längeren Zeitraum in Städten wie Guatemala-Stadt oder Tegucigalpa gelebt hat. Man kann es gar nicht vermeiden, selbst wenn man es möchte. Die Zeitungen sind jeden Tag voll mit Berichten über Greueltaten, zu denen neben den üblich gewordenen Überfällen auf Busse und Schutzgelderpressungen auch immer wieder Ritualmorde gehören. Dazu kamen auch einige persönliche Erfahrungen, wie etwa ein Raubüberfall, bei dem mir der tätowierte Räuber seine Pistole an den Kopf hielt und mich um meine Wertsachen erleichterte.
Sie erzählen in ihrem Buch die Lebensgeschichte von Sandra López, die sich mit einem Mitglied der Maras einlässt, und viel zu spät, den Absprung aus der Szene schafft. Erst als ihre Mutter ermordet wird, trennt sie sich von ihrem Freund und sagt gegen die Mörder aus.
Der Kontakt zu Sandra kam im Jahr 2007 über die Stiftung »Sobrevivientes« zustande, die sich für Frauen und Mädchen einsetzt, die Opfer von Gewalt oder Gewaltverbrechen geworden sind. Die Recherchen, vor allem die direkten Gespräche, gestalteten sich zu Beginn äußerst schwierig, da Sandra unter Polizeischutz stand, der Prozess gegen den Mörder ihrer Mutter kurz bevorstand und sie auch sonst viele Probleme hatte. Nach etwas mehr als zwei Jahren war das Manuskript endlich fertig. Ich selbst wurde in dieser Zeit zwar nie bedroht, ich war aber bei der Verkündung des Urteils gegen den Mörder im Gerichtssaal und wurde dort Zeuge, wie der Mann nach seiner Verurteilung zu 30 Jahren Haft mehrere Personen im Saal mit dem Tode bedrohte.
Man erfährt im Buch wenig über die Strukturen, die Tätigkeitsfelder und die Ausbreitung der Maras. Sie erzählen aus der Sicht der Frauen von den Auswirkungen der Gewalt, schildern die zerstörerische Wirkung in der Gesellschaft, den alltäglichen Terror, die häusliche Gewalt. War es für Sie schwierig, dem Leser eine Ahnung von der Gewalt zu geben, die auf Mitteleuropäer zutiefst verstörend wirken muss?
Das Buch beschränkt sich bewusst darauf, die subjektiven Erinnerungen Sandras wiederzugeben. Abgesehen vom Nachwort verzichte ich größtenteils darauf, meine eigenen Einschätzungen und mein Wissen zu spezifischen Themen einfließen zu lassen. Der Leser soll diese authentische Geschichte durch die Augen und Gefühle Sandras miterleben, und ich hoffe, dies ist mir gelungen. Doch selbst für jemanden, der der Mara Salvatrucha so nahe gekommen ist wie Sandra, ist die Struktur solcher Banden kaum überschaubar. Maras darf man nicht mit der italienischen oder amerikanischen Mafia mit einem obersten Boss an der Spitze und einer klaren vertikalen Befehlsstruktur vergleichen. Die verschiedenen Cliquen der Maras sind dezentral organisiert. Sie kooperieren zwar untereinander, agieren aber sonst mehr oder weniger unabhängig. Zusammengeschweißt werden sie durch ihre diabolische Ideologie und einen eigenen Verhaltenskodex. Religionspsychologisch könnte man schon fast von einer eigenen Religion oder Anti-Religion sprechen. Die kriminellen Tätigkeitsfelder der verschiedenen Cliquen können sehr unterschiedlich sein. Manche mögen sich eher auf die Erpressung von Busunternehmen konzentrieren, andere auf Auftragsmorde, und wieder andere spezialisieren sich auf den Drogenhandel.
Im Vorwort von Andreas Boueke scheint ein gewisses Verständnis für die Maras durch. Davon ist in der Geschichte von Sandra dann wenig übrig. Die schlagenden Männer wirken als Schwächlinge; die Frauen sind die starken Charaktere.
Die Gründe, warum sich jemand den Maras anschließt, etwa die soziale Ausgrenzung oder Chancenlosigkeit vieler Jugendlicher, werden in diesem Buch durchaus thematisiert. Die Bandenmitglieder, von denen Sandra erzählt, werden auch nicht durchweg als schlecht oder böse beschrieben. Einigen Mitgliedern bringt sie viel Sympathie und Verständnis entgegen. Andererseits trifft es sicherlich zu, dass Frauen in dieser Erzählung etwas besser wegkommen als Männer. Die Geschichte ist nun mal aus der Perspektive der Frauen geschrieben. Ich muss auch zugeben, dass ich in Guatemala Frauen sehr oft als die Mutigeren erlebt habe, sei es als Mütter, Menschenrechtlerinnen, Politikerinnen oder als Richterinnen.
Guatemala gilt als eines der gewalttätigsten Länder der Welt. Man bekommt den Eindruck, dass physische Gewalt dort ein flächendeckendes Strukturprinzip ist. Wie muss man sich das vorstellen?
Die Gewalt hat ganz verschiedene Ursachen, sowohl geschichtliche, kulturelle wie auch gesellschaftliche und strukturelle. Da haben wir etwa das korrupte, chronisch unterfinanzierte Justizsystem, das 98 Prozent aller Morde nicht bestraft. Dieser Umstand schürt die Gewalt geradezu. Oder der schlecht organisierte, ineffiziente Polizeiapparat, der mit nur 21 000 Polizisten in einem Land mit über 14 Millionen Einwohnern völlig unterbesetzt ist. Teile der Eliten Guatemalas hatten bisher kein Interesse daran, etwas an diesen Zuständen zu ändern. Etwa die korrupten Politiker oder gewisse machthungrige und manipulationsfreudige Unternehmer. Selbst bei einer nächtlichen Begegnung mit einer Polizeistreife kann man nie wissen, ob man nun von diesen Polizisten ausgeraubt wird oder von den Räubern, die an der übernächsten Straßenkreuzung auf einen warten könnten. Man hat eigentlich jeden Tag Angst. Das allgegenwärtige Klima der Gewalt ist den Guatemalteken fast schon zur zweiten Natur geworden. Nach acht Uhr abends wagt sich kaum noch jemand zu Fuß vor sein Haus. Einkäufe oder Freizeitaktivitäten finden für viele nur noch in schwer bewachten Einkaufszentren statt. Einzig in Touristenhochburgen wie Antigua Guatemala, Panajachel oder in gewissen ländlichen Gegenden kann man noch relativ ruhig und sicher durch die Straßen gehen.
Welche Rolle spielen der Rassismus und der 1996 offiziell beendete Bürgerkrieg für die Zustände in Guatemala?
Der Bürgerkrieg wirkte als ein Katalysator der Gewalt. Das gilt sowohl für Guatemala als auch für El Salvador, wo das Phänomen der Maras fast noch verbreiteter ist. Die Geschichte dieser beiden Länder ist von Diskriminierung, Ausbeutung und Gewalt geprägt und hat ihre tiefen Spuren in der Gegenwart hinterlassen. Die Kultur der Maras wurde auch von Einflüssen der nordamerikanischen Gesellschaft mit ihren Konflikten geprägt, etwa von der Kultur der Afroamerikaner aus den Ghettos nordamerikanischer Städte. So ist ein Mischprodukt unterschiedlichster Provenienzen entstanden.
Guatemala liegt an der Drogenhandelsstrecke vom Süden in den Norden und die Mordrate des Landes ist eine der höchsten der Welt. Die Drogenkartelle kontrollieren weite Teile des Staates. Der vor wenigen Tagen abgewählte Präsident Álvaro Colom warnte zuletzt mehrfach, der Staat sei dabei, sich in einen »Narkostaat« zu verwandeln, dessen Wirtschaft von den Kartellen kontrolliert wird.
Álvaro Colom, der sich selbst gern als Sozialdemokrat bezeichnet, gehörte wohl zu den unfähigsten und zynischsten Präsidenten, die Guatemala je hat erdulden müssen. In den dreieinhalb Jahren seiner Amtszeit hat er nicht viel mehr als Ausreden und Ausflüchte zu bieten gehabt. Er hat nichts unternommen, um seine hochfliegenden Wahlversprechen einzulösen oder die vielen Probleme des Landes auch nur anzugehen. Im Gegenteil, die Gewaltrate ist so hoch wie nie zuvor. Die Armut nimmt weiter zu, die Sozialprogramme sind paternalistisch und gängeln die Betroffenen. Und wenn sich denn Guatemala in einen »Narkostaat« verwandeln sollte, was ich nicht glaube, dann hat Colom nicht wenig dazu beigetragen.
Doch es geht gar nicht nur um das Versagen Einzelner, sondern um das Scheitern eines gesamten politischen Systems, in dem eine überwiegend schlecht informierte Bevölkerung, die zu 70 Prozent in ärgster Armut dahinvegetiert, alle vier Jahre von einer korrupten Politikerklasse in scheinbar demokratischen Wahlen mit Lügen und leeren Versprechungen getäuscht wird. Wirkliche Lösungsansätze für die verschiedenen Probleme des Landes können nur über eine grundlegende Erneuerung der Politikerklasse gefunden werden. Die Initiative dazu wird aber vom guatemaltekischen Volk selbst ausgehen müssen. Demokratische Reifungsprozesse sind schwierig und brauchen viel Zeit. Das ist auch in diesem Fall nicht anders.
Der Ausblick am Ende Ihres Buches ist wenig optimistisch. Der Tod scheint die einzige Konstante zu sein. Auch Sandra muss jeden Moment damit rechnen, der Rache der Maras zum Opfer zu fallen. Polizei und Justiz wirken überfordert und desinteressiert. Haben Sie noch Kontakt zu ihr?
Ich besuche sie, wann immer ich in Guatemala bin. Zuletzt haben wir uns im August getroffen, aber wir halten auch telefonisch den Kontakt aufrecht. Sandras größtes Problem momentan, neben der Gefahr, die ihr nach wie vor durch die Mara Salvatrucha droht, ist die Armut. Doch sie schlägt sich mit bescheidenen Arbeiten durch und gibt die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf, für sich und ihre Kinder.
Am vergangenen Wochenende wurde der ehemalige General Otto Pérez Molina zum neuen Präsidenten gewählt. Er verspricht eine Null-Toleranz-Politik. Molina werden Kriegsverbrechen während des Bürgerkriegs vorgeworfen. Aber die Linke scheint derzeit machtlos zu sein.
Das Parteienbiotop Guatemalas lässt sich, jedenfalls wenn man sich die Wahlversprechen anschaut, nur beschränkt in ein in Deutschland gültiges Rechts-Links-Schema einordnen. Man muss sich eher fragen, welche Gruppierung weniger korrupt ist oder weniger von kriminellen Organisationen beeinflusst wird, oder welcher Politiker weniger lügt und betrügt. Sowohl Otto Pérez Molina als auch sein unterlegener Rivale Manuel Baldizón sind sozialkonservativ und in Wirtschaftsfragen eher dem neoliberalen Lager zuzurechnen. Aber sie haben es geschafft, sich mit üppigen Versprechungen und millionenschweren Wahlkampagnen die Gunst der ärmeren Bevölkerungsschichten zu sichern. Ein bedeutendes Potential für eine moderne und programmatisch überzeugende Linke ist natürlich durchaus vorhanden, vor allem auch bei den verschienenen indigenen Völkern, die in allen politischen Institutionen des Landes völlig unterrepräsentiert sind. Den vorhandenen Linksparteien, sofern sie diese Bezeichnung überhaupt verdienen, fehlte es beim ersten Wahlgang mit Rigoberta Menchú aber schlicht an einer glaubwürdigen und überzeugenden Kandidatin. Das sieht man auch daran, dass die Friedensnobelpreisträgerin, die nur wenig mehr als klägliche drei Prozent der Stimmen ergattern konnte, sich kurz danach nicht zu schade war, öffentlich den Rechtspopulisten Baldizón zu unterstützen. Nach Aussagen von Sprechern ihrer Partei Winaq, stünde sie dem Außenministerposten nicht ablehnend gegenüber, falls er ihr angeboten würde. Trübe Aussichten also für ein links-progressives Erwachen im Land der Mayas.

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